Die Autos von Åland

Die Autos von Åland

— 18.01.2010

Die Insel der alten Japaner

Auf Åland haben die Menschen einen finnischen Pass, die schwedische Sprache – und verblüffend häufig alte asiatische Autos. Nirgendwo sonst in Europa sind so viele japanische Old- und Youngtimer unterwegs wie in dieser Urlaubsregion.

Wenn jemand diese Szene arrangiert hätte, dann hätte er ganze Arbeit geleistet. Hinter der Tür eines rotbraunen Holzschuppens sind die Konturen eines kantigen Autos zu erkennen. Der Wagen ist zwar von einer blauen Plane verhüllt, an der rechten Seite des Hecks ist sie aber ein Stück hochgeschoben – und gibt den Blick auf ein gut erhaltenes Stück Automobilgeschichte frei. Das eine Rücklicht ist zu erkennen, so rechteckig wie ein Backstein. Der Schriftzug "Deluxe" ist zu sehen, so verschnörkelt wie in einem Schönschreibheft aus alten Tagen. Und der rote Lack ist zu bewundern, so neuwertig, als wäre er gerade aufgebracht worden. Dabei stammt der Wagen unter der blauen Schutzhülle aus dem Jahr 1970 – es ist ein Mazda 1500 Deluxe. Aber so perfekt die Szene auch wirken mag: An ihr hat kein Designer gearbeitet und kein Dekorateur Hand angelegt.

Das besterhaltene Stück der Insel ist ein Mazda 1500 Deluxe

Sven Westergård brauchte gerade mal eine Woche, um seinen gut erhaltenen Mazda 1500 auf Vordermann zu bringen.

"Wahrscheinlich haben meine Kinder die Plane hochgeschoben, als sie hier im Schuppen gespielt haben", sagt Sven Westergård. Dem 44-jährigen Autohändler gehört das riesengroße Waldgrundstück mit Seezugang, auf dem wir uns befinden, ihm gehört der rotbraune Holzschuppen darauf und der Mazda 1500 darin. Das Schmuckstück aus Fernost wäre bei uns sicherlich eine Besonderheit, in Westergårds Heimat aber befindet es sich in guter Gesellschaft. Denn das zwischen Schweden und Finnland gelegene Åland ist die Insel der alten Japaner. Genau genommen besteht Åland sogar aus 6500 Inseln und Inselchen, von denen nur ein Bruchteil bewohnt ist. Eine Urlaubsgegend, die Natur und Ruhe bietet, aber nun wirklich keine Sensationen. Bis auf die vielen japanischen Old- und Youngtimer. An der Tankstelle, vor dem Supermarkt, auf den asphaltierten und unasphaltierten Straßen – andauernd trifft man hier auf altes asiatisches Blech.

Da kommen sie gerade zurück vom Spaziergang: Betreuerin Marie Grunér (47) mit ihrem Mitsubishi Galant GL.

Die Kraftfahrzeugbehörde "Motorfordons Byrån" zählt auf Åland 1563 Japaner, die 20 Jahre oder älter sind. Bei 20.755 insgesamt zugelassenen Fahrzeugen macht das einen Anteil von 7,5 Prozent am Bestand. Nummer eins bei den alten Japanern ist übrigens Toyota. Das besterhaltene Stück der Insel aber ist sicherlich Westergårds Mazda 1500 Deluxe. Kein Rost, keine Macke im Lack, und der Motor springt trotz langer Standzeit auf der Stelle an. Nur die etwas angeschimmelten Sitze trüben den Gesamteindruck. "Mein Vater war 1970 einer der ersten Mazda-Händler in Europa", erzählt Westergård, "und dieser Wagen war der sechste, den er verkauft hat. Ein paar Jahre später hat er ihn wieder in Zahlung genommen. Seitdem ist er in der Familie geblieben." Die Rückspiegel auf Höhe der Kotflügel, die vielen Chrom-Elemente, die blökende Hupe, das wirkt etwas amerikanisch. Das Design an sich ist aber vor allem italienisch: Bertone-Schüler Giugiaro hat das Auto 1965 gezeichnet. Unter der Haube findet sich zudem eine nordische Eigenheit: Neben der 78 PS starken Maschine ist eine Steckdose untergebracht – für die in Skandinavien so beliebte Motor-Vorwärmung.

Aufgeschlossene Finnen

Wir bringen Sven Westergård zurück zu seinem Autohaus, verabschieden uns – und kommen keine 20 Meter weit. Auf dem Nachbargrundstück entdecken wir einen verlebten Datsun Cherry 100A – das glatte Gegenstück zu dem gepflegten Mazda von eben. Auf der Beifahrerseite blättert der gelbe Lack ab, vorn rechts ist das Blech eingedrückt. "Die Beule stammt von einem Wildunfall. Meine Tochter Pia ist mit einem Reh zusammengestoßen", erzählt Besitzerin Maj Lindberg (60). Die Chefin einer Zimmerei hat den 45 PS schwachen, aber auch nur 655 Kilo schweren Wagen 1992 für umgerechnet 850 Euro gekauft und schwärmt noch heute: "Er ist klein, sparsam und robust." Diese pragmatische Einstellung ist typisch für Åland. Die meisten der alten Japaner hier sind keine supergepflegten Ausstellungsstücke, sondern ganz normale Alltagsautos – und sehen entsprechend aus. Auch die drei Mitsubishi Galant des 49-jährigen Zimmermanns Kjell Grunér (einen davon fährt jetzt seine von ihm getrennt lebende Frau Marie, 47) scheinen äußerlich ihre besten Tage hinter sich zu haben – und erfüllen dennoch treu ihren Dienst. 
Amtlich.: Die Hitliste der Japaner*
Toyota 512
Datsun, Nissan 423
Mazda 266
Honda 170
Mitsubishi 138
Subaru 24
Suzuki 16
Daihatsu 14
* Japanische Marken auf Åland mit Erstzulassung 1988 oder früher.



Bauer Allan Gustafsson setzt seinen Japaner vor allem als Arbeitstier ein und schätzt ihn wegen seiner Robustheit.

Bauer Allan Gustafsson (50) setzt seinen grünen Datsun 1600 Kombi von 1971 sogar in der Landwirtschaft ein, transportiert unter anderem Kuhfutter, Getreide und Milch. "Manche Bauern hier fahren moderne Pick-ups. Aber das sind Statussymbole, da bekomme ich doch gar nicht genug Ladung unter – mein Datsun hat auf jeden Fall mehr Platz als ein Pick-up." Das alles erklärt freilich noch nicht, warum es auf der Insel überhaupt so viele alte Japaner gibt. Mazda-Mann Westergård glaubt: "Wir waren damals möglicherweise ein bisschen aufgeschlossener als andere. Wir hatten zuvor schon die gute Qualität der japanischen Stereoanlagen erlebt und vielleicht deshalb auch mehr Vertrauen in die asiatischen Autos." Hinzu kommt: Auf Åland wird ausschließlich Granulat gestreut, die Reifen tragen Spikes. Das macht den Einsatz von Salz überflüssig – und senkt die Rostgefahr für die Karosserien.

Der 1985er Suzuki Alto als Übungsobjekt in der Fahrschule

Trotz Gehstocks: Kay Roaman (73) ist robust – und sein Toyota Corona ist es auch.

In Ålands einziger Stadt Mariehamn treffen wir Kay Roman (73) und seinen Toyota Corona 1800 von 1975. Das Barockmodell (kam in Deutschland ein Jahr später als Corona 2000) wirkt mit seinem großen Grill, den Doppelscheinwerfern und dem braunen Armaturenbrett wie der ideal typische Japaner aus den 70er-Jahren – und richtig stattlich. "Von dem Modell sind nur 400 Exemplare nach Finnland gekommen", erzählt Roman, "ich habe es 1992 für 18.000 finnische Mark gekauft." Nach damaligem Wert 4000 Euro. Zwei Dinge fallen an dem lange als Mietwagen eingesetzten Corona sofort auf: die dem skandinavischem Sicherheitsdenken entsprechenden Dreipunkt-Gurte hinten und reichlich Platz unter der Haube – im Motorraum scheint sich der 113 PS starke 1,8-Liter-Motor geradezu zu verlieren. "Der Wagen ist jetzt 250.000 Kilometer gelaufen und hat noch nie Probleme gemacht", erzählt Roman, "ich bin zwar schon oft gefragt worden, ob ich das Auto verkaufen möchte. Aber das mache ich niemals."

Bjarne Holström hat ihren Suzuki Alto der örtlichen Fahrschule geborgt, die ihn nun als Übungsobjekt nutzt.

So sind die Menschen hier auf Åland: Was noch in Ordnung ist, wird nicht weggegeben – sondern allerhöchstens verliehen. Der 1985er Suzuki Alto von Autohändler Bjarne Holström ist auch so ein Fall. Bjarne hat ihn der örtlichen Fahrschule geborgt, die ihn nun als Übungsobjekt nutzt. "Unsere Schüler lernen daran, wie man Reifen wechselt, Starthilfe gibt oder den Luftdruck überprüft. Das ist fester Teil der Ausbildung", erläutert Fahrlehrer Matthias Sjösström (38). Für ihn ist der kleine Alto das ideale Anschauungsobjekt: "In unserer engen Garage brauchten wir einen Wagen, der wenig Platz wegnimmt – oft üben wir mit zehn Fahrschülern auf einmal."

Als wir gerade gehen wollen, entdecken wir auf dem Rücksitz die alte Bedienungsanleitung des Kleinwagens. Die Seiten sind vergilbt, die blaue Schrift auf der Titelseite ist verblasst. Das schmale Büchlein wirkt wie das ideale Dekorationsstück für den japanischen Youngtimer. Fast, als hätte es jemand so arrangiert.

Åland: 6500 Inseln und nur eine Stadt

"Die meisten Sonnenstunden im Norden" – so wirbt Åland ("Ohland" gesprochen) um Touristen. Die Ferienregion besteht aus 6500 Inseln, von denen nur 65 bewohnt sind. 11.000 der insgesamt 27.000 Bewohner leben in Mariehamn – der einzigen Stadt. Ursprünglich gehörte Åland zum Schwedischen Reich, ging nach dem Finnischen Krieg 1809 aber an Russland über. Seit Finnland 1917 von Russland unabhängig wurde, gehört Åland zum finnischen Staat – ist aber weitgehend autonom.

Autoren: Richard Holtz, Alex Cohrs

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