Eine Autofabrik vom anderen Stern

— 06.01.2008

Die wundersame Welt von Bristol

Drei Modelle, ein Verkaufsraum, kein Computer – das ist Bristol, seit 1946 Englands rätselhaftester Autobauer. Besuch bei dem "Hersteller luxuriöser Autos", einem Mysterium.



"Ich hatte Sie gewarnt. Sie sollten doch nicht herkommen." Ann-Marie sagt das zur Begrüßung, und ihr französischer Akzent hat so gar nichts Charmantes. Eben noch hämmerte sie in dem winzigen Büro auf einer alten mechanischen Schreibmaschine, jetzt steht sie in dem Verkaufsraum zwischen zwei Autos, rechts ein Blenheim 3, links der Fighter. Dann verkündet Ann-Marie, Sekretärin beim britischen Autohersteller Bristol Cars: "Übrigens, Tony Crook will auch nicht mit Ihnen sprechen." Und geht weg. London, Stadtteil Kensington, ein Eckladen von 100 Quadratmetern im Gebäude des Hilton-Hotels. Wer den einzigen Bristol-Showroom weltweit betritt, der spürt schnell, wenn er nicht willkommen ist. Journalisten sieht man bei Bristol nicht gern, deutsche schon mal gar nicht. Und Kunden werden, nun ja, geduldet. Die Firma Bristol baut Autos seit 1946, als einer Flugzeugbaufirma Pläne von BMW in die Hände fielen. Benannt nach der Hafenstadt, in der noch heute die Werkhalle steht, ist Bristol der bei weitem rätselhafteste, skurrilste – in England würde man wohl sagen: spleenigste – Autohersteller der Welt.

Exklusivität ist alles

Zeitreise: Crook im Verkaufsraum. In den zwei Regalen ganz rechts: die Kundenkartei.

Wer sich von der Sekretärin nicht vertreiben lässt und sich umschaut, der glaubt sich auf einer Zeitreise. Die getäfelten Wände, die abgeblätterte Tapete, der Holzschreibtisch, das Linolium, die Reihe vergilbter Union-Jack-Wimpel unter der Decke; nirgends ein Computer. Es grüßen die 60er. Dann taucht auch noch Mr. Thomas Anthony Donald Crook auf. Tony Crook ist 87 Jahre alt, er trägt einen dunkelblauen Anzug, weinrote Weste, Hemd und Schlips; seine Haut ist rötlich-blass, seine Figur schlank. Er sieht sehr britisch aus. In den 50ern fuhr er zwei Formel-1-Rennen. Tony sagt "Good morning, gentlemen", und Ann-Marie schaut böse. Crook hat Bristol 1946 mitgegründet, und seitdem sitzt er im Büro hinter dem Verkaufsraum und kommt nur raus, wenn ein Kunde mit ernsthaften Kaufabsichten im Laden steht. Tony Crook kommt nicht sehr oft aus seinem Büro. "Warum auch? Jedes Auto, das wir bauen, verkaufen wir auch. Wir brauchen keine Werbung, keine Händler, keine Presse." In 61 Jahren, sagt Crook, hat Bristol etwa 8000 Autos gebaut. Das war das Erfolgsrezept: weder unverwechselbare Schönheit noch technische Raffinesse, sondern absolute Exklusivität.

Geheimniskrämerei als Tugend

Nach einigen eleganten Automobilen in den ersten Jahren, dem formschönen 403, dem markanten 405 oder dem schnittigen 411, sind derzeit drei Modelle im Angebot: der Blenheim 3, ein viersitziges Coupé (ab 193.500 Euro), der Blenheim Speedster, ein Retro-Cabrio, und seit 2004 der Fighter, ein Flügeltürer mit Dodge-Viper-Motor (550 PS) für 350.000 Euro. "Luxus für Leute bis zwei Meter", sagt Crook. Ab Herbst soll es ein weiteres Modell geben: den Fighter T – mit 1012 PS das stärkste Straßenauto der Welt. Bristol schlägt Bugatti? Crook: "Es gibt schon Bestellungen." Wer das Werk sieht, dem kommen Zweifel. Bristol, West-England. Hinter einer hellblauen, verrosteten Tür in einem Industriegebiet im Stadtteil Filton steht eine Halle, davor türmt sich der Schrott. Den Eintritt verwehrt Werkleiter Sydney Lowesy. Auch er ist 87. "Da drinnen laufen geheime Entwicklungsarbeiten", krächzt er. Lowesy arbeitet seit Jahrzehnten bei Bristol. Wie die meisten Mitarbeiter. Und wie Brian Marelli, Leiter der einzigen offiziellen Werkstatt, der nächsten Station dieser Reise durch die wundersame Welt von Bristol. London, West Cromwell Road. Ein kleines Blechschild am Rand der Straße weist auf eine unscheinbare Halle: die Werkstatt, ein wahres Bristol-Museum. Modelle aus allen Jahrzehnten werden rapariert, restauriert. Marelli hat eine Tasse Tee in der Hand und fünf Mitarbeiter. 300 Kunden habe er im Jahr. Mehr sagt er nicht. Wer sind Sie? Journalisten? Aus Germany? "Sprechen Sie mit Tony Crook." Und der erzählt tatsächlich: Wie Film-Produzenten von ihm ein Auto für James Bond wollten. "Hätten ja einen kaufen können." Wie irgendwelche Ausländer immer wieder Bristol übernehmen wollten. "Not with me!" Wie 1997 ein Investor namens Toby Silverton einstieg, die Philisophie der Firma aber dieselbe blieb. "Es gibt einen Markt für 25 Bristol im Jahr. Trotzdem bauen wir nur 20."

Schein und Wirklichkeit

Dass Crook die Firma 2001 an Silverton verkaufte und seitdem nur noch Autoverkäufer und Aushängeschild ist, das sagt er nicht. "Ist doch kein Wunder", findet Geoffrey Herdman, Vorsitzender des Bristol Owners Clubs (BOC). London-Kensington, ein iranisches Restaurant zur Lunchtime. Herdman nippt am Wein und sagt: "Wenn nicht ein Wunder geschieht, ist Bristol in zwei Jahren dicht." Der Geschäftsmann leitet den BOC, eine Gemeinschaft von Bristol-Besitzern aus aller Welt. Gerade fuhr Herdman seinen 405 Drophead in Argentinien aus. Er gehört zu jener Sorte Londoner, die über die City-Maut nur müde lächeln. Herdman ist gekommen, um mal etwas klarzustellen. Um seine Geschichte von Bristol zu erzählen. Er fragt: "Was hat Tony Ihnen gesagt? 8000 Bristol sollen gebaut worden sein? Es waren bis 1960 rund 2000 Autos. Und seit 1961? Raten Sie mal." Herdman lächelt, "... etwa 800 Stück." Bristol scheint wirklich eine exklusive Marke zu sein. "Die bauen vielleicht fünf Blenheim und fünf Fighter im Jahr." Zum Thema Fighter T schweigt er lieber. Herdman sagt, dass Bristol vor sieben Jahren fast pleite war. Dann kam Silverton, verheiratet mit Vivien, Tochter eines der reichsten Männer der Insel, Joe Lewis, und steckte Geld rein. Später ließ Vivien sich scheiden, und nun gehöre Lewis der Laden. Und nur weil Stars wie Rocksänger Liam Gallagher (Oasis) Fan der Marke sei und Virgin-Boss Richard Branson regelmäßig Bestellungen tätige, gebe es Bristol überhaupt noch. Sagt Geoffrey Herdman.

Und was meint ein Besitzer?

Dr. Dietrich Welp, BOC-Mitglied, mit seinem 603 V8: "Es ist eine Stilfrage. In einem Bristol sitzt man anders."

Dr. Dietrich Welp (BOC-Mitglied) ist das alles ziemlich egal. Bonn, Containerhafen. Welp posiert vor seinem dunkelroten 77er Bristol 603, den er 1993 für rund 12.000 Euro kaufte. "Ich arbeitete in London, und mein Nachbar hatte einen." Bewegt wird der Klassiker selten, aber dann sei es ein einzigartiger Genuß: "Es ist eine Stilfrage. Man sitzt anders." Das sind die Sätze, die Tony Crook stolz machen. Bristol ist sein Leben, und wenn ein 87 Jahre alter Mann zurückblickt, dann muss man darauf achten, Geschichte und Geschichten sauber voneinander zu trennen. "Mein letzter Urlaub war 1952", sagt er. Und: "Ich arbeite noch heute 55 Stunden in der Woche." Und: "Bristol sollte nie wachsen. Wir sind klein, aber gesund." Hundert hoch loyale Leute arbeiten für ihn, sagt er. Geoffrey Herdman sagt, es seien 25, die für Lewis arbeiten. Seit fünf Jahren sprechen Tony Crook und Goeffrey Herdman kein Wort mehr miteinander. Am Ende der Reise durch die wundersame Welt von Bristol hat man das Gefühl, viel über diesen seltsamen Klassiker des Automobilbaus gehört zu haben, und dennoch nichts zu wissen. Auf dem Weg zum Flughafen sagt der Taxifahrer: "Nicht einmal wir Briten haben eine Ahnung, was Bristol wirklich ist."

60 Jahre Bristol – Mit BMW fing alles an

Als sich für die "Bristol Aeroplane Company", spezialisiert auf den Bau von Jagdbombern, nach Ende des Zweiten Weltkriegs die Auftragslage verschlechterte, stellte man um auf den Automobilbau. Im Rahmen deutscher Reparationszahlungen erhielt man die Rechte an BMW-Vorkriegsmodellen. 1946 wurde Bristol gegründet, ein Jahr später das Modell 400 vorgestellt. Das Chassis war dem BMW 326 nachempfunden, der Reihen-Sechszylinder und das Fahrwerk kamen vom 328. Selbst die BMW-Niere wurde geklaut. Zwei Jahre später erschien der 401 mit neuer Karosserie der italienischen Firma Touring. 1960 wurde Bristol von der British Aerospace übernommen. Tony Crook und George White retteten die Autosparte. Ein Jahr später wechselte Bristol Cars von BMW zu Chrysler-V8-Motoren. Nach einem Autounfall 1969 zog sich White 1973 zurück. 1976 kam ein komplett neuer 412, der erste Bristol mit Zagato-Karosserie. An die Historie als Kriegsflugzeugbauer wurde durch Modellbezeichnungen wie Beaufighter (1980), Blenheim (ab 1993) oder Fighter (seit 2004) erinnert. Der Slogan von Bristol lautet seit jeher: "Nicely understated, never underrated" ("hübsch unauffällig, aber nie zu unterschätzen"). Wer einen neuen Bristol kaufen will, dem bleiben nur zwei Wege: die Telefonnummer 00 44 - 20 76 03 55 54 oder ein Besuch in der Kensington High Street 368–370 in London.

Autor: Hauke Schrieber



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