Test Audi R8 gegen Corvette und Viper

Speeding Las Vegas

Der Audi R8 erregt Aufsehen. In und um Las Vegas traf der deutsche Supersportler auf zwei Legenden: Corvette Z06 und Viper SRT-10. Der erste Vergleich.

Das Tempolimit ist die Höchststrafe

Hat da was geblitzt? War ich zu schnell? Ein paar Tage Amerika mit drei sehr schnellen Autos reichen, dass man sich immer ein bisschen wie ein Verbrecher fĂŒhlt. Hinter jeder Ecke könnte ein Cop mit Laserpistole lauern. Aber die blitzen ja gar nicht. War es eine der Leuchtreklamen, diese Milliarden elektrischer GlĂŒhwĂŒrmchen, die dir den American Way of Life direkt ins Hirn brennen wollen? Ich fahre im brandneuen Audi R8 mit etwa 50 km/h den Strip entlang, aus dem vorzĂŒglichen Bang & Olufsen-Soundsystem rappt Laurence Fishburne zu Buckshot LeFonques Version von "My Way". Keine Musik zum Langsamfahren. Kein Auto zum Langsamfahren. Und bei Sinatra klang das auch ganz anders. Die Sonne kommt bald raus, neben mir geht Mark in der Z06 fĂŒr Fotozwecke auf TuchfĂŒhlung. Und vor mir fĂ€hrt sein Bruder Frank die offene Viper mit Fotograf Volker.

Das ĂŒppige Hinterteil der Viper wird fast noch getoppt vom Anblick der mĂ€chtigen Schlappen. An jeder Ampel geben wir zĂŒgig Gas – bis etwa 50, dann ist Schluss. Ein Trauerspiel. Alle gucken, krosse Hardbodies ebenso wie die Doppelwhopper mit dicken Marshmallow-Ringen, verlebte Spieler, Touristen in schlechter Kleidung, verliebte PĂ€rchen, Penner. Mich sehen sie nicht. Der Star der Spielermetropole heißt Audi R8. Und der saugt die Blicke auf wie ein schwarzes Loch. Corvette Z06 und Dodge Viper werden nur am Rande beachtet, wenn das Trio vor einem der unzĂ€hligen Glitzer-Casinos der Spielermetropole parkt. Dabei sind die beiden Amis alles andere als MauerblĂŒmchen. Die Corvette, Inbegriff des amerikanischen Sportwagens, fasziniert von außen durch die klassische Frontmotor-Optik mit langer Schnauze und kurzen ÜberhĂ€ngen. Und die Viper ist als Inbegriff und Abziehbild der phallischen VerlĂ€ngerung ohnehin das Auto fĂŒr Leute, die den großen, schreienden Auftritt lieben.

Doch neben dem R8 mit seiner gelungenen Mischung aus italienisch angehauchter Rassigkeit, der fĂŒr Audi typischen Klarheit und Strenge der LinienfĂŒhrung und der Cab-Forward-Optik eines Mittelmotorsportlers haben es die beiden US-Ikonen verdammt schwer. Selbst auf Officer Bob Paxton wirkt der Audi offenbar entspannend. Wir stehen recht fett vor einer Casino-Auffahrt, befĂŒrchten das Schlimmste. Aber Bob holt sich nur was zu essen, erkundigt sich nach dem Audi und lĂ€sst fĂŒrs Foto sogar seinen Christbaum blinken. Bei Motorleistung und Technik der drei Kandidaten gibt es ziemliche Unterschiede. Audi schickt seinen knackigen Beau zunĂ€chst mit einem modernen, hoch drehenden V8-Benzin-Direkteinspritzer auf die Piste, der aus 4,2 Liter Hubraum 420 PS auf alle vier RĂ€der verteilt. Ein V10-Triebwerk mit etwa 520 PS soll Ende nĂ€chsten Jahres kommen.

Die Corvette ist aus anderem Holz. Nicht nur weil auch bei der Z06 ein in Kohlefaser eingehĂŒllter Balsaholzkern die Sandwichböden der Fahrgastzelle unterstĂŒtzt. BewĂ€hrte Zweiventiltechnik, untenliegende Zentralnockenwelle und sieben Liter Hubraum sind fĂŒr 512 sehr drehfreudige PS gut, die notfalls von elektrischen Asphaltgummierverhinderern eingebremst werden. Die Viper sattelt beim Hubraum noch einen Zacken drauf und geht mit 8285 cmÂł an den Start. Zehn Zylinder, auch befeuert ĂŒber je zwei Ventile, aber mit zwei obenliegenden Nockenwellen, garantieren bereits bei niedrigen Drehzahlen einen bestialischen Antritt. Vorausgesetzt man ĂŒbertreibt es nicht, denn dann suchen selbst die breiten 345er-Walzen hilflos nach Halt. Fahrhilfen wie ESP oder Traktionskontrolle sind der Giftschlange fremd. Wenigstens ist ABS an Bord.

Doch zurĂŒck zur momentanen Situation: Drei gierige Fahrer cruisen mit drei heißen BallermĂ€nnern einigermaßen frustriert durch die knallbunte Showstadt Las Vegas. Aber haben im Moment eine völlig andere Vorstellung von VergnĂŒgen. Mehr so in Richtung Gummigestank, harte Bremsmanöver, heulende Motoren. Mittlerweile brennt der Himmel rot-gelb. Nix wie raus aus der Stadt. Das Valley of Fire liegt weit abseits von Vegas. Incognito groovt ĂŒber die B&Os, Smiling Faces auch bei uns. Wir tauschen uns aus. Mark bemĂ€ngelt die etwas weichen Corvette-Sitze und ihren nicht optimalen Seitenhalt, ich lobe das perfekte Audi-GestĂŒhl und das Moncoque-artige Cockpit. "Eins-plus-eins-Sitzer" nennt das quattro-Entwicklungsleiter Stephan Reil. Und Frank hadert mit der betonharten Kupplung und der Bodybuilder-Schaltung der Viper, ist aber vom unheilvoll grollenden Motor recht angetan.

Reichlich Prominenz am Steuer

Das hat entschieden was, aber der hoch drehende R8 (roter Bereich bei 8250) mit seiner bis zum Trompeten hohen GerĂ€uschkulisse macht mich mehr an. Und die sechsstufige R-Tronic (7390 Euro) mit Sportmodus lĂ€sst sich bequem ĂŒber Paddel am Lenkrad schalten. Wobei die wunderbare Schaltkulisse aus poliertem Edelstahl (Serie) viel Ă€sthetischer wirkt. Mark ergötzt sich derweil am Head-up-Display der Z06, auf dem man zum Beispiel die Querbeschleunigung ablesen kann. Oder könnte, denn das Valley of Fire erweist sich als Naturpark, der zwar mit atemberaubender Landschaft, jeder Menge leckerer Kurven und endlosen einsehbaren Geraden aufwartet.

Aber auch mit rigorosen Tempolimits: maximales Tempo 50 Meilen, leichte Kurve 35 Meilen, enge Kurve 25 Meilen. 35 Meilen zu schnell bedeutet hier eine Nacht im Knast, was in Gesellschaft eines crackgestĂ€hlten Zellennachbarn zum eindrucksvollen Erlebnis werden kann, das man nicht haben muss. Und tschĂŒss, Valley of Fire. Über den Highway geht es mit immerhin 75 Meilen in Richtung Las Vegas Speedway. Hier zeigt sich, dass der Audi mit adaptivem Fahrwerk Magnetic-Ride (1740 Euro) auf Komfortstufe durchaus fĂŒr lĂ€ssige Autobahnfahrten taugt. Die fĂŒr mich in Gesellschaft von Steely Dans entspanntem Jack of Speed an Genuss gewinnen. Frank und Mark bekommen in Viper und Corvette dagegen mehr mit, als es fĂŒr eine Fahrt auf einer breiten, aber nicht so guten Autobahn nötig wĂ€re.

Doch Mark hat sich mittlerweile ein bisschen in die Z06 verguckt. "Die Drehfreude des Motors ist einfach gigantisch. Dazu das Drehmoment – der Druck ist gewaltig". Und Frank, Spezialist fĂŒr die quere Form der Außenwahrnehmung, hat auch die Autobahnausfahrt quer genommen. Wie immer perfekt, aber nicht ganz freiwillig. "Der Motor ist ein Übervieh. Und mit den Runflat-Walzen bist du schneller quer, als du Shit sagen kannst." Wir vermuten: Die TraktionsstĂ€rke könnte dem R8 auf der Rennstrecke trotz der beachtlichen Minderleistung ziemliche Vorteile bringen. Aber noch kennen wir den Kurs nicht.

Lange Geraden brĂ€chten den beiden Bic Macs Vorteile. Auf dem schnellsten StĂŒck kommt der R8 etwa auf 180 km/h, hat Stephan Reil erzĂ€hlt. Doch bevor wir selbst ins Lenkrad greifen, suchen wir uns illustre Fahrer. Frank schnappt sich Seal, ich bitte Prof. Dr. Martin Winterkorn, ehemals Audi-Chef, unter dessen Leitung das R8-Projekt geboren wurde, heute VW-Vorstandschef. Winterkorn ist ein forscher Angaser, der genau weiß, was er tut. In der ersten Runde checkt er erst mal ab, lĂ€sst aber lang stehen und ist schon sehr schnell. Die zweite Runde kommt er ein paar Mal leicht quer, gleicht aber sehr ruhig aus. Die Linie scheint indes verbesserungsfĂ€hig.

Was mir dann Jacky Icks demonstriert, der im R-Tronic R8 den linken Fuß am Boden lĂ€sst und sehr weich und rund fĂ€hrt. Die Kerbs nimmt er an einigen Passagen voller, bremst an den engen Kurven viel weiter runter und ist dafĂŒr wieder frĂŒher am Gas, und – das zeichnet diese Jungs aus – bleibt wirklich bis zum letzten Moment auf dem Pedal, bremst sich exakt und hart bis zum letztmöglichen Punkt, um ohne Drift durchs Eck zu kommen. "Ich entdecke gerade Audi. Und bin ĂŒberrascht, wie prĂ€zise und vor allem stabil der R8 zu fahren ist."

Technische Daten und Fazit

Er hat recht. Man muss schon sehr spĂ€t bremsen, um in der Kurve ĂŒberhaupt leichte Querbewegungen zu erzeugen. Was Mark bestĂ€tigt, der ein begabter und schneller Linienfahrer ist. "Sauber bewegt, ist der R8 sehr schnell, einfach zu handeln und entspannt zu fahren." Eindeutig nicht rennstreckentauglich ist dagegen der Cupholder. Wir wechseln in die Corvette, die auch leichte Traktionsprobleme zeigt und etwas vorsichtiger behandelt werden will. Die Lenkung ist sehr taktil, recht direkt, "aber nicht ganz so messerscharf wie bei einem GT3", sagt Mark. Doch das schon gemein klingende Triebwerk will vorsichtig gedreht werden, denn sonst sind Quertreibereien vorprogrammiert. Was aber nur an ein paar Stellen geht, denn die Strecke ist von Pylonen verkleinert. Ehrensache, dass wir die nicht berĂŒhren werden. Okay. Zwei.

Zuletzt jagen wir die Viper, die am giftigsten mit dem Heck schwĂ€nzelt. Kupplung, und Schaltung sind schweißtreibend, die Lenkung hĂ€rter, das Fahrverhalten sehr blitzartig. Volle Konzentration ist angesagt, wenn man schnell sein will: "Man darf nichts schnell machen, muss prĂ€zise und behutsam schalten, lenken und Gas geben, wenn man sicher unterwegs sein will", sagt Frank. Nach fĂŒnf Runden geht eh nichts mehr schnell, weil man einfach fertig ist, könnte man auch sagen. Außerdem ist das Ding alles andere als grazil wie eine Viper, sondern nach vorn ziemlich unĂŒbersichtlich, prĂ€zises Einlenken wird so manchmal zum GlĂŒcksspiel. Und die Quintessenz?

Mal fernab von Rundenzeiten, die wir nicht ermittelt haben, ist der R8 durch seinen Allradantrieb, die ausgeglichene Gewichtsverteilung, das gutmĂŒtige Fahrverhalten und seine sensible Lenkung auf engen Kursen im Vorteil. Vor allem verzeiht er mehr. Aber die erste Jahresproduktion – pro Tag entstehen 20 – ist eh schon verkauft. "Wir wollen auch mit dem R8 Geld verdienen", erklĂ€rt Audi-Chef Rupert Stadler. Die Z06 hat einen Hammer- Motor, ein prĂ€zises Alu-Fahrwerk, gehört aber in besonnene HĂ€nde. Das Preis-Leistungs-VerhĂ€ltnis ist ĂŒberragend. Und das ehemals schlechte Image wird endlich von der EinschĂ€tzung abgelöst, dass die Corvette ein guter, im Fall der Z06 ein verdammt guter Sportwagen ist.

An der Viper zu kritisieren, sie wolle am liebsten "straight forward", wĂŒrde den Verweis auf die phallische Form nun doch ĂŒberstrapazieren. Und ihr auch unrecht tun. Denn sie erfordert einfach ein bisschen mehr Gewöhnung und Übung. Das V10-UngetĂŒm ist immer wieder eine Wonne, wenn es ziemlich unspektakulĂ€r und nicht sehr schnell hochdreht, aber einen unglaublichen Zug entwickelt. "Und dieses Sprotzeln bei der Gaswegnahme – schon geil", meint Frank. Mittendrin statt nur dabei mit den Sidepipes. Allerdings auch mitten in der Hitze. Und das VerhĂ€ltnis von Preis zu Verarbeitung der Viper stimmt leider immer noch nicht.

Aber die ersten richtigen Gegner, die dem R8 auf Augenhöhe begegnen, werden eh andere sein. Erst mal Porsche mit dem 911 GT3, Jaguar mit dem XKR CoupĂ©, auch der Maserati Gransport ist ein potenzieller Kandidat. Und natĂŒrlich die Mittelmotor-Konkurrenten Ferrari F430 und Lamborghini Gallardo. Doch die spielen leistungsmĂ€ĂŸig derzeit noch in einer höheren Liga. Was sich Ă€ndert, wenn Audi Ende nĂ€chsten Jahres den V10 einfĂŒhrt, der etwa 520 PS entwickeln soll. Zum Schluss blitzt es dann tatsĂ€chlich noch. Gewitter beim RĂŒckflug ĂŒber den großen Teich.

Fazit von AUTO BILD-Sportscars-Redakteur Ralf Kund:

Obwohl alle drei Kandidaten faszinierende Sportwagen sind und mĂ€chtig Spaß machen, heißt der klare Favorit Audi R8. Die Leichtigkeit, mit der sich die Mittelmotorflunder bis in den Grenzbereich bewegen lĂ€sst, bieten weder Z06 noch Viper. Dazu kommt ein Design, das zwar mĂ€chtig auffĂ€llt, aber völlig ohne ĂŒbertriebene Effekte auskommt. Audis Einstand in die Welt der Supersportler ist rundum gelungen.

Autor:

Anzeige

Automarkt

Bei autohaus24.de Neuwagen gĂŒnstig kaufen und Geld sparen.

Finden Sie im Automarkt von autobild.de Ihren Gebrauchtwagen.