Fiat 131 Mirafiori

Fiat 131 Mirafiori Fiat 131 Mirafiori

Fiat 131 Mirafiori

— 05.04.2011

Der Marathon-Mirafiori

Willy Malaroda kaufte seinen Mirafiori 1976 wegen der Werbung: Fiat versprach, er würde 150.000 Kilometer lang halten. Es wurden 1.025.098 – weil auch der Fahrer eisern durchhielt.

Keine Tränen, keine schlaflosen Nächte, keine Erinnerungsfetzen von vergangenen Reisen. Das Einzige, worüber sich Willy Malaroda Gedanken macht, als er sich an diesem frühen Morgen zum letzten Mal in seinen treuen Fiat Mirafiori 131 S setzt, ist das Wetter. Er will von Frankreich nach Deutschland fahren. "Ich habe gebetet, dass es trocken bleibt. Meine Scheibenwischer sind kaputt. Fahren Sie mal 632 Kilometer im Regen ohne funktionierende Wischer", erklärt der Franzose sachlich. Mehr als die Hälfte seines Lebens hat der heute 59-Jährige mit diesem Auto verbracht – seltsam, dass der Abschied nicht emotionaler ausfällt. Zumal die beiden 1.025.098 Kilometer miteinander abgespult haben! Und die gemeinsamen Reisen nicht nur durch Mitteleuropa, sondern auch zum Nordkap, nach Russland, Afrika und sogar zu den Ewings auf die Southfork Ranch in Dallas führten. 

Die Tops der Flops: Autos, die ins Abseits fuhren

Tausendmal betankt: Zapfsäulen wie diese in Grüningen kennt Willy Malarodas Fiat seit 1976.

Emotionaler, weil der Besitzer jeden ein­zelnen Tankstopp, jeden Defekt auf 405 Seiten akribisch protokollierte. Und dabei die Blätter der beiden dicken Ordner (ein Fahrten- und ein Problembuch) säuberlich mit selbstklebenden Verstärkungsringen und feinen, von Hand gezogenen Linien versah. Was das an Zeit gekostet haben muss: Datum samt Abfahrts- und Ankunftszeit stehen da in geschwungener Schönschrift, neben dem Ort, Kilometerstand und Benzinverbrauch. Ja, selbst das Wetter samt Tagestemperatur hat Malaroda notiert. Es kleben nie bezahlte Auslands-Strafzettel neben Werkstattrechnungen, Bußgeldbescheide neben Versicherungspapieren. Von der ersten Tankquittung bis zum letzten Ölwechsel: alles dokumentiert. Und ausgerechnet dieser Mann denkt bei der letzten Fahrt an nichts weiter als das Wetter.

Niemals nach Paris

Fehler in allen Teilen? Nein: Der Fiat Mirafiori fährt nach einer Million Kilometern noch mit dem ersten Motor!

Wer Willy Malaroda kennt, den überrascht das nicht sonderlich. Denn Willy Malaroda verhält sich nie so, wie es andere erwarten. Um die Welt ist er mit dem Mirafiori gereist – aber niemals ins 30 Kilometer entfernte Paris. "Der Stadtverkehr ist Gift für Kupplung und Motor", sagt er. Soll man den Kopf schütteln über Malarodas eigensinnige Art – oder ihn bewundern? Wer kurvt schon im Mirafiori, der 87.000 Kilometer runter hat, zum Nordkap! Verrückt, meinten seine Freunde. So was macht man doch nicht mit einem Fiat. Als Malaroda bei Kilometerstand 366.000 durch die Wüste Afrikas cruist, sagen sie nichts mehr. So ist er, der Sohn einer deutschen Mutter: Pedant und Punk in einem. Er mietet sich halt nicht wie jeder andere in den USA einen Wagen, sondern verschifft lieber seinen mehr als 600.000 Kilometer ab­gerockten Italiener nach Jacksonville.

Maximal 120 km/h

Doch was unvernünf­tig wirkt, hat System. Der Ex-Prokurist und Eisenbahnfan, der sei­nen Job schmiss, um Zugbegleiter zu werden, weiß, was er tut. Strikt folgt er seinen eigenen Regeln: Fahre nie schneller als 120 km/h und bleibe immer unter 3000 Umdrehungen. Für Malaroda, der das entspannte Cruisen bevorzugt, kein Problem: "Aber den Lastern war meine Durchschnittsgeschwindigkeit von 80 km/h auf der Autobahn zu langsam. Ständig haben sie gehupt. Als ich mir einen 80-km/h-Aufkleber ans Heck geklebt habe, war Ruhe." Vor jeder Fahrt ließ Malaroda den Motor seines Mirafiori fünf Minuten warm laufen. Strecken unter zehn Kilometern waren tabu. Die ersten 100.000 Kilometer fütterte er den Italiener mit 20W-50-Motoröl von Total. "Danach griff ich zu Öl aus dem Supermarkt, mittlere Preisklasse."

Das Geheimniss des ewigen Motorenlebens: regelmäßige Öl- und Filterwechsel

Der Hersteller empfiehlt alle 10.000 Kilometer einen Ölwechsel. Malaroda machte ihn immer nach 5000: "Vorher habe ich den Motor schön heiß gefahren, damit der Dreck gut rauskommt." Zündkerzen, Luft- und Ölfilter habe er alle 10.000 Kilometer getauscht – und die Räder achsweise. Mittels Zeichnung und Notizen be­hielt er den Überblick. Neben dem aktuellen Kilometerstand notierte er Auffälligkeiten wie: "Reifen D sieht abgefahrener aus als die anderen". Malaroda schmunzelt zufrieden: "So hält ein Reifenset, wie das von Goodrich, auch gern mal 180.000 Kilometer." Jedes Geräusch, jede Delle, jede Macke schrieb er in das Problembuch. Den ersten Mangel notierte er schon am Kauftag, dem 2. Oktober 1976: Wasser im Kofferraum. Dazu der Kommentar: Der Anti-Rost-Gummi von Fiat ist ein Konstruktionsfehler.

Erste Motorüberholung nach 560.000 Kilometern

Mann mit Humor: Willy Malaroda klebte diese hübsche Fotocollage in das Fotoalbum seiner US-Reise 2001.

Manche Einträge im Problembuch sind entwaffnend ehrlich. Wie die über den kaputten Bremszylinder: Malaroda war viele Hundert Kilometer zwischen Istanbul und Paris mit angezogener Handbremse gefahren. "Ich habe alles sofort aufgeschrieben und immer schnell repariert." Nur größere Arbeiten gab er weg. Wie die Überholung des Motors nach 560.000 Kilometern im Juli 1999. "Das ließ ich in Italien machen." Sieben Jahre später folgte eine Frische-Kur für die vom Rost zerfressene Karosserie in der Türkei. "Dort gibt es noch genug Ersatzteile, weil der Mirafiori in Lizenz nachgebaut wurde. Außerdem zahlt man rund 75 Prozent weniger als in Frankreich", erklärt  Malaroda. Auf der Rückreise sei er an der bulgarischen Grenze hängen geblieben. "Die Beamten rochen die frische Farbe und witterten Drogenschmuggel. Drei Stunden wurde ich festgehalten. Den ganzen Benzintank haben sie rausgerissen." 

Nach 878.582 Kilometern wurde der Fiat zum ersten Mal abgeschleppt

Nach 878.582 Kilometern muss der Mirafiori zum ersten Mal abgeschleppt werden – Zahnriemen gerissen.

Der schwärzeste Tag in der Beziehung von Willy und dem Mira war der 23. März 2007: Bei Kilometerstand 878.582 musste Malaroda zum ersten Mal den Abschleppdienst rufen, ganz in der Nähe von zu Hause. "Der Zahnriemen war gerissen. Nach nur 20.000 Kilometern!" Dabei sollte er laut Fiat dreimal so lang halten. Das Ganze passierte ihm noch zweimal. Da zerbrach etwas in Malaroda. Zum ersten Mal dachte er ans Verkaufen. "Es wurde immer schwerer, Ersatzteile zu bekommen. Drei Monate musste ich auf Scheibenwischer warten." Der Franzose kaufte einen zweiten Mirafiori für 400 Euro zum Ausschlachten. Ein letzter Versuch. Vergebens: Der greise Italiener kostet – für Malarodas Geschmack – zu viel Zeit, Geld und Nerven. Jetzt hat der Marathon-Mann seinen treuen Freund an die Lebenshilfe Gießen abgegeben. Nein, er vermisse ihn nicht, seinen Mirafiori, sagt er heute tapfer. Und fast kauft man Willy Malaroda diese Aussage ab. Wäre da nicht das kleine Modell des Fiat, das auf dem Armaturenbrett seines neuen Autos klebt.

Technische Daten

Fiat 131 MirafioriVierzylinder, vorn längs • zwei Ven­tile pro Zylinder • eine seitliche Nockenwelle • Hubraum 1297 ccm • Leistung 48 kW (65 PS) bei 5200/ min • max. Drehmoment 102 Nm bei 3000/min • Hinterradantrieb • Vierganggetriebe • Reifen 175/70 SR 13 • Länge/Breite/Höhe 4240/1630/1400 mm • Radstand 2490 mm • Tank 50 l • Leergewicht 985 kg • Spitze 150 km/h • 0–100 km/h 16,2 s • Verbrauch ca. 7,5 l Super.

Autor: Daniela Pemöller

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