Im BMW 507 auf der Fährte des King

Im BMW 507 auf den Spuren des King

— 07.06.2008

Elvis lebt!

Vor 50 Jahren kam der King of Rock'n'Roll als Soldat nach Hessen. Elvis Presley war der Held der deutschen Jugend. Sein Auto: ein weißer BMW 507. Doch es ist nicht nur der Roadster, der noch heute an Elvis erinnert. Eine Spurensuche im Sportwagen.

Ein kleines, rotes Herz aus Holz, keine fünf Zentimeter groß, steckt in einem Strauß Kunstblumen. Mit schwarzem Filzstift hat Uschi ihren Namen auf das Herz geschrieben. Das Gesteck hat Uschi vor die "Elvis-Stele" am "Elvis-Presley-Platz" in der "Elvis-Stadt" Bad Nauheim abgestellt. Eine Pilgerstätte, noch immer: Uschis Blumen stehen zwischen denen des Elvis-Stammtisches Ludwigshafen, einem mit Tesa-Film aufgeklebten Gruß "with all my love forever" und einer halben Marlboro, die jemand hier für den King deponierte. Für alle Fälle, man weiß ja nie. Wer auch immer diese Uschi sein mag, Elvis lebt in Uschis Herzen weiter. Und er lebt in den Erinnerungen von Rita Issberner-Haldane (85), "Elvis, dieser junge, höfliche Mann". Der Geist von Elvis Aaron Presley lebt in einer schummrigen Zweizimmer-Sozialwohnung im Osten Frankfurts, in der der alte Fotograf Mickey Bohnacker in seinen Schwarzweiß-Aufnahmen wühlt. Der King of Rock 'n' Roll lebt in den wachen Augen von Angelika Springauf (63), "Angela", wie Elvis Presley das Mädchen nennt, weil ihr Name für ihn ein Zungenbrecher ist. Und Elvis lebt weiter in dem weißen BMW 507, diesem seltenen, wundervollen Roadster, in dem der junge King durch Bad Nauheim rollt, hoch nach Friedberg in die "Ray Barracks", wo er seinen Militärdienst ableistet von Oktober 1958 bis März 1960.

Im Hotel Grunewald blühte der schüchterne King regelrecht auf

Ein halbes Jahrhundert später ist der 507 wieder da. Elvis aber, der größte Rockstar aller Zeiten, ist seit fast 31 Jahren tot. Doch von den anderthalb Jahren, die der GI Nummer 53310761 in  Hessen verbringt, ist mehr geblieben als ein Gedenkstein, ein jährliches Fan-Treffen oder sein "Muss I denn ...". Elvis, dieser in den Erinnerungen der Menschen so höfliche, bescheidene, gepflegte junge Mann, veränderte das Bild Amerikas im Nachkriegsdeutschland. Eine Spurensuche im Sportwagen. Zögernd öffnet Rita Issberner-Haldane die schwere Holztür jener Villa, die bis 2007 noch das Hotel Grunewald war, und die am Elvis-Presley-Platz steht, der doch eigentlich nur eine Kurve ist. Die alte Dame lässt keine Fremden mehr ins Haus, aber der weiße alte BMW da draußen, der weckt Erinnerungen. Und da macht Rita mal eine Ausnahme. "Zimmer 10, zweiter Stock", sagt sie. Dort hat Elvis gewohnt, nachdem er aus dem Park Hotel ausgezogen war. Kein halbes Jahr zwar, aber lang genug, um Eindruck zu hinterlassen.  "Der Elvis, der war doch eigentlich so schüchtern. Bei uns aber ist er richtig aufgeblüht." Rita gehört damals das Hotel zwar nicht, aber sie ist da, wenn er abends vom Dienst kommt, seinen BMW auf der Kies-Einfahrt parkt. "Dann setzte er sich auf das Sofa und redete mit uns über Gott und die Welt." Rita redet nicht mit, dieses Englisch halt. Er zieht aus, als seine Bodyguards, die in den Zimmern 14, 15 und 17 wohnen, mal wieder über die Stränge schlagen. "Elvis war das peinlich, ja, so war er." Sein Zimmer ist seitdem fast unverändert.

Mädchen schreiben mit Lippenstift Telefonnummern auf den Wagen

"Als Elvis mir mal über die Wange streichelte, da habe ich mich eine Woche lang nicht gewaschen.", erinnert sich Angelika Springauf.

Heute ist die Villa von 1888 ein Museum ohne Öffnungszeiten. Elvis und sein Gefolge mieten ein paar hundert Meter weiter für 3000 Mark im Monat das Haus in der Goethestraße 14. Dort zieht "der berühmteste Soldat der Welt" mit Vater Vernon, Großmutter Minnie Mae und seinen Freunden ein. Jeden Abend belagern Dutzende Fans den Fußweg vor dem Haus. Elisabeth Stefaniak, die Elvis im Manöver kennenlernt und zu seiner Sekretärin macht, hat die Idee, eine feste Audienz einzuführen. Täglich um 19.30 Uhr schreibt Elvis nun 30 Minuten lang Autogramme. Die 14-jährige Angelika Springauf ist schon weit vor halb acht in der Goethestraße. Angelika liebt Elvis und seine Musik. Und plötzlich lebt ihr Idol in ihrer Stadt, fünf Minuten  von ihrem Elternhaus entfernt. "Wir warteten auf der Straße vor dem Haus, dann kam er im weißen Sportwagen, ein tolles Auto." Angelika Springauf wohnt auch heute noch in Bad Nauheim, und wenn sie sich mit Freundinnen in der Nähe der Goethestraße trifft, dann verabreden sie sich auch jetzt noch "beim Elvis". Die junge Angelika besitzt einen Plattenspieler mit Batterie, den bringt sie mit zum Haus. Und Schallplatten. Dann kommt Elvis, kramt in den Scheiben und legt auf. "Manchmal kam er abends um halb zehn nochmal raus – nur zum Reden." Mit den Jungs auch mal übers Autowaschen. Der BMW gehört zu Elvis, ist Elvis. Die Mädchen schreiben so lange mit Lippenstift ihre Telefonnummern und Liebesgrüße auf den Wagen, bis Elvis ihn umlackieren lässt – in Lippenstiftrot. Mädchen, die in Friedberg wohnen, die nimmt Elvis auch mal mit in seinem Sportwagen. "Als er mir einmal über die Wange streichelte", erinnert sich Springauf und lächelt, "da habe ich mich eine Woche lang nicht gewaschen."

"Dieser Entenschwanz und die berühmtesten Koteletten der Welt müssen ab. Der Bursche braucht endlich einen vernünftigen Haarschnitt!" Das schreibt 1958 die "Deutsche Soldatenzeitung". Und Karl-Heinz Stein macht sich an die Arbeit. Stein ist jetzt 73 Jahre alt, so alt wie Elvis heute wäre. Auch Stein, der Einzige, den der Soldat Presley an seinen Kopf lässt, hat sich ein kleines privates Elvis-Museum eingerichtet. Nur Elvis‘ abgeschnittene Haare hat er irgendwann mal verschenkt. "35 Cent kostete ein Schnitt, Elvis gab immer einen Dollar", erinnert sich der Mann, der 37 Jahre lang die Haare von Amerikanern auf Army-Länge stutzt. Natürlich wird bei Elvis eine Ausnahme gemacht. "Der durfte die Haare drei, vier Zentimeter länger tragen." Das erste Mal sitzt der King "so um den 9. Oktober ’58" auf Steins Stuhl, der jetzt im Bonner Haus der Geschichte steht.  Karl-Heinz-Stein schaut auf die Büste auf seinem Frisiertisch. "Der Elvis war ein unglaublicher Mann, mit ihm kam eine andere Welt in die Frisierstube. Diese Ausstrahlung, so ruhig und zurückhaltend, ganz anders als auf der Bühne." Auch der BMW 507 habe viel besser zu ihm gepasst als der Cadillac, den er anfangs fuhr. Der sei viel zu groß für ihn gewesen. "Aber der BMW – wie maßgeschneidert für diesen Mann."

Zeitungsfotograf Mickey war Elvis so nah wie kaum ein anderer

Zweimal pro Woche habe Elvis bei ihm auf dem Stuhl gesessen, sagt Stein. "Unfug", sagt Karl-Heinz "Mickey" Bohnacker. "Schlimm, was alles über meinen Freund erzählt wird." Mickey Bohnacker, mit 1,52 Metern genau 26 Zentimeter höher als der BMW, nennt sich "König der Liliputaner". Er war in den 50er-Jahren Zeitungsfotograf und im Frankfurter Raum tatsächlich ein kleiner König. Als die "Army Times" ihn buchte, war Mickey Elvis so nah wie kaum ein anderer. "Ich kam zur Goethestraße, klingelte. Elvis rief: Wer ist es? Sein Vater rief zurück: Es ist Mickey! Und Elvis: Lass ihn rein, bring ihm Bourbon und Cola, ich komm‘ gleich. Ja, ja, der Elvis und ich." Als Mickey Bohnacker, inzwischen 80 Jahre alt, hört, dass der alte BMW 507 auf dem Weg zu ihm nach Hause ist, zieht er einen uniformähnlichen Anzug von Ralph Lauren an, mit US-Flagge auf der Brust. Darüber, zum Schutz, ein hellblauer Trainingsanzug, Kindergröße. Um den Hals trägt er das Abzeichen von Elvis‘ Regiment, ein Geschenk des King.  "Ich war ja der einzige Deutsche, der in der Kaserne ein- und ausgehen durfte."

Im Jazzkeller, der damals "Domicile du Jazz" hieß, war der King regelmäßig zu Gast. Noch heute erinnert die Bühne an die 50er Jahre.

Das Foto von Elvis bei der Rasur im Manöver – Mickey kramt kurz – hier, das kann nur von ihm sein. "Wir waren oft gemeinsam im Jazzkeller in Frankfurt", erzählt Bohnacker. "Er im BMW vorweg, ich in meinem Porsche 356 hinterher, den mit 1100 Kubik." Sie sehen Dizzy Gillespie, Chet Baker. Eine tolle Zeit. Wie er Elvis in Erinnerung hat? "Nett. Und dufte ausgesehen." Und so hört sich das immer an, wenn man Menschen fragt, die Elvis in seiner Zeit in Deutschland kennenlernen durften. Es scheint, als schwirre der junge Mann aus den Südstaaten noch immer in den Köpfen der Menschen. Nicht ein schlechtes Wort. Nur Christian Müller ist ab und zu nicht gut auf Elvis zu sprechen. Er wohnt seit 1976 in der weißen Stadtvilla in der Goethestraße. Und noch heute stehen Elvis-Fans aus aller Welt vor der Einfahrt und klingeln. Als die Müllers damals einziehen und renovieren, will der Sohn die Kacheln aus Elvis‘ Badezimmer für eine Mark pro Stück verkaufen. Niemand will sie. Er schmeißt sie weg. Der weiße BMW 507 biegt in die Straße vor Bohnackers Mietshaus ein. Mickey wartet schon, seine alte Kamera im Arm. Der Wagen hält neben dem kleinen Mann. "Ach ja, der Elvis", seufzt Mickey Bohnacker und zittert leicht. "Und er klingt noch genau so wie früher."

BMW 507: so schön, so selten

Der BMW 507: Von Graf Goertz' Geniestreich wurden nur 251 Stück gebaut.

"Traum von der Isar" und "BMW-Sensation" – das waren die Reaktionen, als auf der IAA 1955 der BMW 507 präsentiert wurde. Seitdem gilt der Roadster, von dem zwischen 1956 und 1959 nur 251 Stück hergestellt wurden, als Design-Ikone. Der 507 entstand nach Entwürfen des Designers Albrecht Graf Goertz (1914–2006). Technische Grundlage bildete der BMW 502, eine 3,2-Liter-Limousine. Das Chassis wurde verkürzt, die Leistung auf 150 PS gesteigert. Je nach Hinterachsübersetzung schaffte der 507 bis zu 220 km/h. Der als einer der schönsten Sportwagen aller Zeiten geltende 507 war zudem wichtig für das internationale Ansehen von BMW. Neben Elvis Presley orderten auch Show-Stars wie Alain Delon, Marylin Monroe oder Maria Callas den Roadster. Der für damalige Verhältnisse mit 26.500 DM sehr teure BMW stand wie kaum ein anderes Auto für Luxus. Doch Elvis zum Trotz: In Amerika verkaufte BMW nur wenige Dutzend 507. Nach drei Jahren wurde die Produktion eingestellt.  Doch der Mythos dieses Sportwagens lebt weiter. Das Design des im Jahre 2000 präsentierten BMW Z8 lehnte sich stark an den 507 an (lang gezogene Niere, Seitenkiemen). Und die PS-Werte der Modelle M5 und M6 wurden von BMW auf 507 festgelegt, angeblich eine Reminiszenz an den 507.  Inzwischen sind die BMW 507, von denen fast alle bis heute überlebt haben (davon zwei mit Sonderkarosserien), begehrte, kaum zu erstehende Sammlerstücke. Das von Elvis Presley gefahrene Auto befindet sich heute in privater Hand, sein Besitzer meidet die Öffentlichkeit.

Technische Daten BMW 507: Achtzylinder-V-Motor • Hubraum 3168 cm3 • Leistung 150 PS bei 5000 U/min • Hinterradantrieb • Viergang-Mittelschaltung • Bremsen: hydraulische Duplex-Bremse mit Servo (vorn), hydraulische Simplex-Bremse mit Servo (hinten) • Leergewicht 1220 kg • Höchstgeschwindigkeit 205 km/h • L/B/H 4380/ 1650/1260 mm • Bauzeitraum 1956 bis 1959 • Stückzahl 251 • Neupreis damals: 26.500 DM.

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Autor: Hauke Schrieber

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