Mercedes 190 CDI

Mercedes 190 CDI

— 08.09.2009

Die spinnen, die Schwaben

Mercedes-Ingenieure bauen den aktuellen 250-CDI-Motor mit 204 PS in einen 20 Jahre alten Mercedes 190. Heraus kommt ein Baby-Benz, der 240 Sachen rennt und nur fnf Liter Diesel verbraucht. AUTO BILD-Autor Bernhard Schmidt fuhr Probe.

Wovon tagtrumt ein Old- oder Youngtimer-Freund? Dass sein Klassiker mit derselben arroganten Perfektion fhrt wie ein Neuwagen, aber so charmant aussieht wie zuvor. Ich durfte so einen ausprobieren und flehte sofort, ihn in Serie zu bauen. Aber auf mich hrt ja mal wieder keiner. Peter Lehmann, bei Mercedes verantwortlich fr den Bau von Konzept- und Showcars, kam auf die grandiose Idee, einen betagten 190er (W201) mit dem neuesten, dem sogenannten Wunderdiesel namens OM 651 zu bespaen, einem 250 CDI mit 204 PS und 500 Newtonmetern. Der Kraftmotor besitzt entgegen der Typenbezeichnung nur 2,1 Liter Hubraum und passte messerscharf in den fr 4200 Euro gebraucht gekauften 190.

lwanne vom Sprinter, Elektrik verpflanzt

Der Umbau auf den CDI erforderte einige Modifikationen am 190er, nicht nur am Auspuff. Die Ölwanne ist z.B. vom Sprinter.

Lehmann: "Da gibt's nirgends mehr Luft. Die lwanne mussten wir vom Sprinter nehmen, denn die ist etwas kleiner. Nur so passte die Lenkung. Und oben mussten wir die Motorelektronik wegnehmen und auf die Seite verpflanzen, dafr wanderte die Batterie in den Kofferraum." Auch der bliche Zierdeckel auf dem Motor ging nicht mehr drauf. Wie schn. Als ich die Haube ffne, denke ich: Oje, die krieg' ich ja nie wieder zu. Hervor quillt ein Hightech-Motor in all seiner Nacktheit, sozusagen wie Rudolf Diesel ihn erschuf. Aber der htte sich gewundert, was er da zu sehen bekommt. Ein Gewirr an Schluchen, Rohren, Kabeln in all seiner technoiden Schnheit. Ohne Plastikdeckel sieht man endlich, welch komplexe Systeme hinter den modernen Motoren stecken und weshalb sie letztlich so teuer sind.

Nebenan der "Flsterdiesel"

Einträchtig vereint: Ein 2009er C 250 CDI, der Umbau-190er und ein originaler 190 D (v.l.).

Daneben steht ein serienmiger 190 D zum Vergleich bereit, mit einem Zweiliter-Vorkammer-Saugdiesel namens OM 601 und 72 PS. OM heit in der Mercedes-Nomenklatur Oel-Motor. Der 601 war 1983, als er auf den Markt kam, der letzte Schrei der Dieseltechnik. Das Triebwerk wurde hochgelobt, war der Vorgnger doch der "Dom" genannte OM 615, ein museales, gusseisernes Diesel-Ungetm aus den Fnfzigern mit dem Charme eines Schmiedehammers. Der praktisch unzerstrbare Methusalem passte aber nicht in den Baby-Benz. Eine Neuentwicklung hatte den Vorteil, auch mehr Leistung zu bieten. 72 PS waren eine starke Ansage und damals der Gipfel der Selbstznder- Herrlichkeiten. Darber hinaus wurde der Neue wegen seines leisen Laufs von der Fachpresse als "Flsterdiesel" gepriesen.

Benz im Schneckentempo

Das lag an seiner Vollkapselung. Es muss eine laute Zeit damals gewesen sein. Als ich ihn anlasse, hrt sich das jedenfalls so an, als wrde Bauer Martens mit seinem Traktor zum Rbenacker aufbrechen. Das Temperament des OM 601 mit seinen 123 Newtonmetern erinnert an Gastropoden. So heien auf Lateinisch Schnecken, weshalb der 190 D heute hauptschlich von klugen Pensionren gefahren wird, denn die wissen nach langjhrigen Betrachtungen der Welt nicht nur, was solide ist, sie haben auch die ntige Mue. Der Unterschied im Habitus der beiden Kandidaten ist eklatant. Der Ur-190 nagelt behbig in seiner eigenen Schnecken-Welt. Das Fahren in ihm wird zu einem humorlosen, kraftlosen, chancenlosen, hoffnungslosen Akt der Dickfelligkeit. Er braucht 18,1 Sekunden auf 100 km/h, schafft 160 und verbraucht gut sieben Liter auf 100 Kilometer.

Die Motorkapselung beim Neuen fehlt, dafr 240 km/h Spitze

Die Motorkapsel fehlt zwar. Dafür rennt der 190 CDI 240 Spitze und verbraucht gerade 4,9 Liter auf hundert Kilometer.

Der per Motor-Hopping beflgelte 190er dagegen stupst sich mit seinen 500 Nm schwerelos durch den Verkehr. Auch er verschweigt nicht seine nagelnde Diesel-Herkunft, denn es fehlt ihm die Flster-Motorkapsel (kein Platz). Phnomenal ist der Verbrauch: Der im Vergleich zur heutigen C-Klasse rund 470 Kilo leichtere 190er lsst sich mit 4,9 Litern auf 100 Kilometer bewegen. Jedoch beschleunigt er in 6,2 Sekunden auf 100, und die Spitze? 240! Mit diesen Werten wre der Transplantierte dem damaligen Porsche 911 ein kaum abzuschttelndes rgernis gewesen. Ein Diesel! Seinerzeit taugten Selbstznder blicherweise als rollende Schikanen.

Dynamikschub in der Diesel-Entzwicklung

Zwischen altem und neuem Motor besteht ein riesiger Entwicklungssprung. Der neue passt trotzdem gut rein.

25 Jahre Nachdenken ber die Mglichkeiten des Dieselprinzips haben zu einem unfassbaren Dynamikschub gefhrt. Was ist im neuen OM 651 anders als im OM 601? Statt Vorkammer- natrlich die Direkteinspritzung, Common-Rail der vierten Generation mit 2000 Bar Druck, Piezo-Injektoren, vier Ventile pro Zylinder, Ausgleichswellen, Motorelektronik statt Mechanik und natrlich die Aufladung mit Ladeluftkhlung und gleich zwei Turboladern, einem kleinen und einem groen in Reihe geschaltet. Damit ist er nicht nur um 30 Prozent sparsamer, sondern dank Kat und Partikelfilter auch viel sauberer als der Alte. Euro 5 statt Euro 1.

500 Nm zuviel frs Vierganggetriebe

Ein neuer Tacho mit bis zu 240 km/h musste ins Cockpit. Der Tunnel wurde fürs moderne Sechsganggetriebe geweitet.

Das aktuelle Sechsganggetriebe war ebenfalls zur Operation vorgesehen, denn die 500 Newtons htten die alte Viergangschaltung vermutlich zu Krmeln geschrotet. Es passte aber nicht in den Tunnel des Baby-Benz, Lehmann und seine Leute mussten ihn aufweiten. Das Differenzial stammt aus der C-Klasse, die Antriebswellen sind original. Noch wurden sie vom neuen Bums nicht massakriert. Lehmann: "Bislang kein Problem." Ein Problem war aber, den Motor berhaupt zum Laufen zu bekommen. Moderne Triebwerke sind abhngig von einem Netzwerk von Daten, die von auen in sie einflieen: ABS, ESP, Precrash-Sensoren, Diebstahl-Code, all das besa der 190 ja nicht, weshalb der neue Motor den Dienst glatt verweigerte.

Dem CDI wird was vorgegaukelt

Für den 2009er CDI müssen im 190er eine Menge Infos simuliert werden. ASB, ESP und andere elektronische Helferlein hatte der 190er nämlich nicht.

Daher hat Lehmann eine Elektronikbox im Kofferraum des Oldies installiert, die die notwendigen Daten simuliert. Das ganze Projekt war mit deutlich grerem Aufwand verbunden als anfangs geschtzt, daher macht mir Lehmann auch keine Hoffnungen auf eine Kleinserie, zum Beispiel bei einem Tuner oder einem Klassik-Spezialisten: "Zwar gibt es gengend alte 190er, die man fr einen Umbau nutzen knnte, aber wir haben rund 1600 Arbeitsstunden investiert. So ein Auto msste dann mindestens 60 000 Euro kosten." Ich trume weiter.

Zentnerweise Fortschritt

Was macht den umgebauten 190er zum Porsche-Jger? Sein Gewicht! Mit 1175 Kilogramm wiegt er satte 470 Kilo weniger als die moderne C-Klasse. So muss jedes PS im modernen Mercedes 8,1 kg bewegen, der Umbau senkt das Leistungsgewicht auf 5,8 kg/PS. Allein die alte Karosserie mit ihren 264 kg ist 174 kg leichter als die aktuelle C-Klasse. Bevor wir jetzt vom sportlichen Leichtbau trumen, sei an die Sicherheit erinnert: ABS, sechs Airbags, Gurtstraffer, Seitenaufprallschutz fehlten anfangs im 190er. Auch Servolenkung, Klimaanlage oder Autoradio sind heute selbstverstndlich und bringen Gewicht. Zudem ist das neue Auto vielfach steifer als der Baby-Benz.
Techn. Daten 190 D (1989) 190 CDI C 250 CDI
Motor vier Zyl. (längs) Vier Zyl. (Biturbo) Vier Zyl. (Biturbo)
Hubraum 1997 ccm 2143 ccm 2143 ccm
kW/ PS 53/ 72 150/ 204 150/ 204
Nm 121 500 500
Vmax 160 km/h 240 km/h 240 km/h
0-100 km/h 18,1s 6,2 s 7,0 s
Verbrauch 7,3 Diesel 4,9 Diesel 5,1 Diesel
Autor:

Bernhard Schmidt

Fazit

Her mit dem neuen Motor im alten Auto? Geht nicht, das wre sinnlose Trumerei. Vielmehr zeigt dieses Einzelstck, dass der Fortschritt im Detail steckt: Denn die neue C-Klasse ist kaum langsamer und kaum durstiger als der Mix-Mercedes. Von Sicherheit und Komfort ganz zu schweigen. Trotzdem weckt das Auto den Wunsch, endlich die Gewichtsspirale umzudrehen. Das sollte Entwickler anspornen nicht nur bei Daimler.

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