Mercedes W 123 (1975-1985)

Mercedes W 123 (1975-1985)

— 26.03.2002

Der letzte echte Chrom-Benz

Mercedes W 123: die Mutter aller Mittelklassen, der Stern unseres Vertrauens. In der Heimat immer seltener, im Ausland strahlend unterwegs - noch.

Es gibt Menschen, die erblhen mit den Jahren, scheinen sogar erhaben ber das Alter, vor allem aber ber den aktuellen Jugendwahn, und sehen mit 50 einfach klasse klassisch aus. Der Mercedes-Wagen 123 ist solch ein Typ. Er ist in diesem Jahr 25 geworden, und da Autojahre doppelt zhlen, ist er nach menschlichem Bemessen 50. Natrlich sind die Knochen etwas morsch, er hat ja auch kaum Sport getrieben, aber die Grundsubstanz ist megafit, denn seine Gene sind die besten, die Daimler je verbaut hat. W 123, der letzte echte Benz, so sagen seine Fans. Und das mag stimmen - auch wenn wir es bis heute von jeder auslaufenden Stuttgarter Baureihe gehrt haben. Doch selbst die Freunde des Wagens 124, die sich gegenwrtig rund um das Nachfolgemodell formieren, besttigen anerkennend, was optisch fr jeden Laien nachvollziehbar ist: Der 123er ist das letzte Chrommodell der Marke Mercedes-Benz. Konstruktiv und kostentechnisch betrachtet: der letzte aus dem Vollen gefrste Benz, sieht man einmal von der W-126er- S-Klasse aus derselben ra ab.

Aus dem Vollen gefrst

Cockpit Jahrgang 1982 - Missverstndnisse bei der Bedienung sind an dieser Stelle einfach ausgeschlossen.

Der Mittelklasse-Mercedes, der 1976 eigentlich Oberklasse markierte, wurde ersonnen und erdacht in einer Zeit, als deutsche Wertarbeit noch eine Tugend war, Motivationstraining die Lachnummer und Kostenreduktion ein Fremdwort. Wer beim Daimler schaffte, war automatisch geadelt, selbst wenn er nur das Reserverad in die Kofferraummulde legte, was damals noch von Hand passierte. Heute kaufen genau diese Leute die Mutter aller Mittelklassen zurck, legen dafr nicht selten fnfstellige Summen auf den Tisch, sofern es sich um eins der 99.911 gebauten Coups oder um das (selten gepflegte) T-Modell handelt. Sie reihen sich damit ein in die tglich wachsende Zahl der Jnger, die diesen Benz lieben, weil Papa ihn fuhr, der Onkel einen hatte und erstaunlich hufig auch die Tante. Und oft wei diese Computergeneration mehr ber den 123 als seine Erbauer, denn der Alterungsprozess bei Autos ist rcksichtslos: Er verheimlicht nichts, legt alle Fehler offen.

Mutter aller Mittelklassen

Der typische Erstserien-123er sieht gegenwrtig so aus: Radlufe und Reserveradmulden weggefault, Kotflgel- und Trendspitzen ebenso, Kantenrost auch dort, wo gar keine sind, und berhaupt: ein Wasserablaufsystem, das den Rostfrderer Nr.1 nahezu umklammert, aber selten abflieen lsst. Wie auch durch Lcher so klein wie der Kopf einer Stecknadel? Da reichen zwei verirrte Tannennadeln von Weihnachten 1977 - und das winzige Ding ist dicht. Dennoch: Selbst wenn das Wasser im Furaum beim Bremsen lauter nach vorne schwappt als das Radiogeplrr im Becker Europa, hat er noch was von dieser trockenen Verlsslichkeit, mit der Schlachten zu gewinnen sind. Der 123er ist wie ein Kumpel frs Leben. Einer, auf den du sogar noch zhlen kannst, wenn du ihn mit seiner Frau oder einem Toyota Corolla betrogen hast. Denn er ist auch ein wenig tumb, das heit derb und unsensibel, zumindest sofern er nicht grad in Form des eleganten Coups auftritt. Die Limos, am besten befeuert nach dem Selbstznderbetrieb, brechen auch nach 20 Jahren stur geradeaus ihre Bahn, sogar dann, wenn die Ehefrau zuvor beim Aldikauf Kantsteine gerubert hat.

An der antiquierten Kugelumlauflenkung jedenfalls merkt man(n) es nicht, sie hatte schon ab Werk zwei Finger Spiel. Mindestens. Doch das haben wir damals gar nicht realisiert. Ebenso schmerzfrei nahmen wir hin, was uns die rigide Ausstattungspolitik des hochherrschaftlichen Hauses Daimler-Benz 1976 diktierte: Heckscheibenheizung, Halogenlicht oder der zweite Auenspiegel waren zuschlagpflichtig, selbst das abschliebare Handschuhfach kostete 28,90 Mark. Und nicht mal frs sechszylindrige Topmodell 280 E gab es anfangs einen Drehzahlmesser. Trotzdem wurden die Wartezeiten immer lnger. Ungeduldige Kunden, die zum Jahreswagen griffen, zahlten Neuwagen-, gelegentlich sogar Mrchenpreise. Damit wurde die Mutter der deutschen Mittelklasse zum ersten Spekulationsobjekt der gutbrgerlichen Oberklasse - und zum ersten Spekulationsobjekt in der bundesrepublikanischen Autogeschichte berhaupt.

Dramatische Bestandsabnahme

Fast 200.000 T-Modelle liefen als 123er vom Band - der Beginn der legendren Luxus-Laster.

Auerdem 1977 zur ersten Benz-Baureihe, die als komplette Modellfamilie aufspielte. Auf das Coup im April folgte die gestreckte Langversion, deren 63 cm lngerer Radstand sie fr den Shuttle-Service auf internationalen Flughfen prdestinierte. Weit wichtiger jedoch fr alle Aufgaben rund ums Thema "Transport und Touristik" war die Premiere des ersten Kombis, den Mercedes offiziell im Verkaufsprogramm fhrte. Das "T-Modell" von 1977 hatte die Entscheider in Stuttgart auf Marathonsitzungen schon seit 1975 geplagt - zu gro die Sorge, Schweinehlften und Farbeimer knnten den Stern entweihen. Doch genau das Gegenteil trat ein. Der elegante Arbeitswagen 123 machte die Kombikarosse salonfhig und schuf die Spur fr die Lifestyle-Laster dieser Welt. Erst im Januar 1986 - Nachfolger 124 war schon 14 Monate am Markt - verlie der letzte Edeltransporter 123 das Band in Bremen; genau dort, wo hochwertiger Autobau schon drei Jahrzehnte vorher konservative Werte in Blech gemeielt hatte (Borgward-Gruppe).

Das Ur-Vertrauen in grunddeutsche Soliditt aber hatte sich zum Zeitpunkt des Ausverkaufs bereits ansteckend auf alle Sdlnder bertragen. Als Lastesel fr alle Flle startete der Stern durch zu einer Art Vertriebenen-Karriere. Deren Ende noch nicht abzusehen ist. Wohl aber die Legende vom unsterblichen Benz, der fern der Heimat tglich neue (Diesel-) Rekorde aufstellt und deshalb regelrecht vergttert wird - whrend die Daheimgebliebenen mit ihren erheblichen Blech-Vernarbungen mitleidsvolle Blicke nach sich ziehen.

Rund 136.000 mehr oder minder verbrauchte Mercedes-Mtter sind zum Jahresschluss 2001 auf deutschen Straen unterwegs - zu viel, um als erhaltenswerte Schtzchen aufzufallen; zu wenig, um sich keine Sorgen zu machen. Der dramatischen Bestandsabnahme dieses groen Stcks deutscher Automobilgeschichte wirken derzeit zwar Achtzigerjahre-Nostalgie und rhrige Clubs entgegen. (Gebt ihnen das Bundesverdienstkreuz!) Doch auch sie werden den massiven Rckgang von mindestens 25 Prozent pro Jahr kaum verhindern. Nur verzgern. Hoffentlich effizient, denn sonst wre in zehn Jahren mit 9000 Einheiten etwa der aktuelle Ferrari- Bestand erreicht. Schwarzmaler knnten die alte indianische Weissagung der kanadischen Cree so interpretieren: Erst wenn der letzte 240 D exportiert, das letzte T-Modell geschlachtet und der letzte 280 CE verspoilert ist, werdet ihr feststellen, dass Plastik nicht glnzt.

Varianten, Bestand, Schwchen

Varianten Der Erfolg des Wagens 123 ruhte auf drei Sulen: 1. Limousine 2. Coup 3. T-Modell. Die Limousine war der Typ fr alle Flle: Taxi, Chefwagen oder Familienkutsche, ein 2,34 Millionen Mal produzierter Bestseller. Zur Not sogar als Achtsitzer in der um 63 Zentimeter gestreckten Variante. Das Coup, 99.911 Mal gebaut, bernahm ab April 1977 ohne B-Sule und mit 85 Millimeter weniger Radstand die Rolle des Schnlings. Im Angebot: vier (230/230 E) und sechs Zylinder (280/280 E), 109 bis 185 PS stark, fr die USA auch als Diesel 300 CD/CDT (80/125 PS). Auf der IAA 1977 zeigte der 123 sein Talent als Lastesel: das T-Modell, Vorbild aller Nobel-Kombis. 198.724 T-Modelle liefen vom Band. Auer dem 200 D und dem 280er Vergaser gab es alle Motoren.

Bestand Von den insgesamt 1,6 Millionen zwischen 1975 und 1985 in Deutschland verkauften Wagen 123 sind heute laut Kraftfahrtbundesamt (KBA) noch rund 182.000 gelistet. Spitzenreiter ist der 136 PS starke 230 E (31.619 Einheiten), gefolgt vom 60-PS-200-D (25.315) und dem 72-PS-240-D (24.771). Der 280 TE mit 185 PS ist noch 2246-mal vertreten, sein Modellbruder mit 177 PS im Bestand der Clubs mit 0 (!) ausgewiesen.

Schwachstellen Rost an Stostangen (vor allem 280/280 E), Kotflgeln, Batterieaufnahme, Trunterkanten, Schiebedachkonsole, Wagenheberaufnahme, Anschluss Bodenblech/Schweller, Aufnahme Hinterachse/Stabilisator, hintere Radlufe; lundichtigkeit an Zylinderkopf und Nockenwellenkasten (280/280 E), Ventildeckel (200 ab Bj. 81, 230 E), lwanne (280/280 E/ Diesel), Kurbelwellen-Simmerring; gerissene Abgaskrmmer (200 ab Modell 81, 230); ausgeschlagene Drosselklappenwellen (alle Vergaser bis auf 200); jaulende Differenziale (ab 200.000 km); verschlissene Kugelumlauflenkung; ausgeschlagene Spurstangenkpfe und Querlenkerbuchsen; defekte Benzinpumpen- und Zndungs-Relais; durchgesessene Vordersitze

Markt, Brse, Kontakt

Markt Der Norden ist so gut wie leer gekauft, Ausnahme Ostfriesland/Friesland. Rund um Hamburg landet jeder zweite Teilekandidat gleich als Exportware im Zollhafen. Den Groraum Berlin hat der dort ansssige grte 123er-Club im Griff, aber noch nicht komplett abgefischt. Im Osten nichts Altes. Gute Chancen auf ein Schnppchen gibt es noch in diesen Regionen: Frankfurt, Oberfranken, Mnchen, Koblenz. Die meisten zugelassenen Fahrzeuge sind im bevlkerungsreichsten Bundesland, Nordrhein-Westfalen, unterwegs (fast 25 Prozent), die wenigsten in Thringen (0,4%). Das quirlige Kernzentrum der 123er-Entwicklung befindet sich im Ruhrgebiet: Duisburg, Oberhausen, Essen, Gelsenkirchen, Bottrop. Hier sitzen die Mega-Dealer, die 123er (wie lange noch?) im groen Stil ausfhren, ausschlachten und ausverkaufen. Hier zentrieren sich aber auch die Profis und die Sammler, die handeln, heilen und helfen.

Brse 123er tauchen immer noch relativ zahlreich in den diversen Online-Gebrauchtwagenbrsen auf: von www.autobild.de bis autoscout24, mobile oder faircar. Grte Chancen auf kostspielige Enttuschungen haben Interessenten, die auf ihren Traum-Benz bei Online-Auktionen wie www.ebay.de bieten; denn in den dortigen Beschreibungen wird nicht selten gelogen, bis sich die (verrosteten) Schweller biegen, und mit dem Zuschlag bei Auktionsschluss kommt ein verbindlicher Kaufvertrag zustande.

Kontakt Mercedes-Benz W 123 Club e.V. ber 800 Mitglieder, Tendenz steigend. Kontakt Hans-Jrgen Brand, Telefon 030-39031061, Internetadresse www.w123-club.de; Jahresbeitrag 40 Euro, Aufnahmegebhr 10 Euro. Zeitschrift "W 123 Magazin", erscheint vier mal im Jahr. Leistungen: technische Untersttzung, Rabatte fr Ersatzteile bei MB-Niederlassungen, offizielle Anerkennung durch Mercedes-Benz. Verein fr Freunde des W 123 Etwa 200 Mitglieder, Kontakt Carsten Liebold, Telefon 0170-1021548, Internetadresse www.vfw123.de; Jahresbeitrag 40 Euro, Aufnahmegebhr 21,50 Euro. Zeitschrift "W 123 Flair", erscheint viermal im Jahr. Leistungen: das Nr.-1-Forum fr Schrauber und Perfektionisten, ausgezeichnete Ersatzteilversorgung durch eigenes Netzwerk.

Preis-Situation

Preise Es ist schon kurios: Gute Limousinen der 123er-Baureihe kosten derzeit mehr (und sind begehrter) als die ersten drei bis vier Jahrgnge vom Nachfolgemodell 124 (1985-1995). 123er-Teiletrger mit halbwegs intaktem Motor liegen um 1500 Mark. Darunter geht gar nichts; denn irgendetwas Wiederverwertbares existiert in jedem Wrack. Am gefragtesten sind die unverwstlichen Diesel, vorzugsweise 240 D und 300 D, der seltene Turbodiesel gilt als anfllig, der kleine 200 D (60) PS als zu lahm.

Ein Fall fr sehr spezielle Liebhaber: der nur bis 79 gefertigte 220 D der ersten Serie. Nicht so gefragt: der trinkfreudige 250er mit anflligem Vergaser. Normale 200 B(enziner) mit altem Stromberg-Benzinverteiler gehen vorzugsweise nach Afrika, also in Lnder, in denen geniale Reparateurskunst Benzinern Diesellaufleistungen anzchtet. Meistens schon in den fnfstelligen Bereich gewandert sind gepflegte Coups, vor allem die Top-Typen 280 CE mit hoher Chance auf Vollausstattung liegen zwischen 8000 und 12000 Mark. In Ausnahmefllen (Erstbesitz, geringe Laufleistung) auch darber. Natrlich nur, sofern die Landjugend sie nicht tiefer gelegt oder spoilerverunziert hat.

Problemkind ist das T-Modell: Es gibt (fast) keine guten mehr. Diese Typen wurden meist von Handwerkern intensiv eingesetzt, entsprechend abgewohnt ihr Zustand. Ein gutes T-Modell der Zustandsnote 2-3 liegt infolgedessen bei mindestens 6000 Mark, kann aber auch, wenn es richtig fit ist und kein ausstattungsmageres Kassenmodell, schnell fnfstellig kosten - als 280er allemal. Generell preisbildende Faktoren sind Farben: Wei und diverse Bauerngrn sind weniger gefragt als Gelb oder dunkle Tne. Braun geht gar nicht, Rot nur in Verbindung mit Diesel. Ebenso wichtig die Ausstattung: Klima, Leder, Holz und Original C-111-(Barock-) Felgen sind Pflicht ab 230 E. brigens: Ein 200er kostete 76 zum Einstand 18.400 Mark. Nackt natrlich.

Zukunft W 124?

Nachfolger Es musste ja so kommen: Kaum war der 123er auf die Klassikschiene gesetzt, formierte sich ein neuer Zug: Die Fangemeinde des Nachfolgers W 124 sammelt sich und fhrt ihre strksten Stcke auf: Cabrio, Coup und die V8 der von 1984 bis 1996 gefertigten Baureihe. Was Wunder, die Individualitt ist programmiert angesichts solcher Zahlen: 141.500 Coups wurden von 1987 bis 1996 produziert, beim Cabrio (1992-1997) waren es gerade mal 34.000 Einheiten. E 420 und E 500 verlieen mit ihren leistungsstarken Achtzylindern in einer 33.300 Einheiten umfassenden Kleinstserie zwischen 1991 und 1995 das Band. Der neue Club mit Sitz in Hamburg hat bereits eine (gut gemachte) Homepage (www.w124cc-club.de), treibende Kraft ist Martin Wrobel aus Hamburg (Telefon 040-860978), ein Clubmagazin ist in Arbeit.

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