Im Porsche 356 Convertible stecken viele Qualitäten, die auch Fahrer neuer Porsche zu schätzen wissen: Temperament bei niedrigem Verbrauch, die Solidität eines Ingenieur-Autos, Agilität und Sportlichkeit.
Michael Harnischfeger
Damenhaft wirkt es, unser 356 Convertible D im zarten Farbton Meissenblau. Dabei ist das Convertible – das D im Namen steht für das Karosseriewerk Drauz in Heilbronn – Nachfolger des 1958 eingestellten Speedster und damit dem Wildsein mehr verpflichtet als das parallel gebaute Cabrio. Eine höhere Windschutzscheibe, Kurbelfenster und die größere Heckscheibe im relativ bequem zu handhabenden Verdeck unterscheiden das Convertible vom Speedster – und außerdem dicker gepolsterte Sitze. Die sind groß und weich, umfangen den Piloten freundlich und unterfüttern das Bild vom Komfort-Cruiser. Doch wenn der 75 PS starke Motor des 1600 S mit einem fehlzündenden Schuss in den Auspuff startet und wie der böse Vetter des braven Käfer-Boxers seine zornige Stimme hebt, weiß man: Der meint’s ernst. Obwohl der lange Schalthebel sehr luschig geführt ist und schnelle Gangwechsel erschwert, markierte der 356 bei Beschleunigung und Elastizität sein Revier.
Um Übersteuern, die klassische Porsche-Hinterlist, zu erleben, muss der Fahrer schon viel Unsinn anstellen
Bild: Wolfgang Groeger-Meier
Ein Wunder an Drehfreude ist der Boxer mit seiner zentralen Nockenwelle nicht (deshalb kam ja der Königswellen-Fuhrmann-Motor), doch jenseits der 4000 kommt noch einmal ein zweiter Wind getreu Ferry Porsches überlieferter Forderung: "Wenn man draufdrückt, muss er schießen." Und die Kraft im runden Heck, das an die Kehrseite einer sich bückenden Marktfrau erinnert, reicht auch, um sich auf der Autobahn als Vollstrecker zu präsentieren. 175 km/h verspricht Porsche – mit Hochgeschwindigkeitsreifen wie bei unserem Exemplar dürfen es laut Fahrzeugschein sogar 180 km/h sein. Dank seiner Hecklastigkeit bremst der Porsche ordentlich und fordert beim Lenken relativ wenig Kraft. Befehle werden – auch wegen des kurzen Radstands von 2,10 Metern – spontan, aber nicht zackig umgesetzt. Um Übersteuern, die klassische Porsche-Hinterlist, zu erleben, muss der Fahrer schon viel Unsinn anstellen – und das am besten bei Nässe. Sehr solide verarbeitet bis hin zum dicken Verdeck, durchdacht eingerichtet mit Türtaschen und einer großen Ablage hinter den Sitzen, ist der 356 A ein effizienter Sportwagen, der früher für alle Tage taugte. Heute darf er sich verdient im Glanz seiner Heldentaten sonnen.