Supersportler der 60er

Sportwagen-Jetset der 60er

— 21.03.2014

Superschnell und Supersexy

Alle drei kommen aus Italien und sind für die meisten von uns unerreichbar. Ansonsten sind diese drei Supersportler so verschieden wie nur irgend möglich — Showdown mit 1072 PS.

Begehrenswert sind alle drei: der Ferrari 365 GTB/4, besser bekannt unter dem Spitznamen Daytona, der Lamborghini Miura P400 S und auch der Iso Grifo. Dass auf ihren Tachos die Zahl 300 steht, hatte etwas Magisches, damals in den 60er-Jahren, als an Frankreichs Riviera zwischen Nizza und Saint-Tropez statt neureicher Oligarchen noch Stars von Format und Stil dem Dolce Vita frönten und an Paris noch niemand dachte, nicht mal Mama und Papa Hilton. Weil es zu klischeehaft wäre, verzichten wir auf den Trip ans Mittelmeer und lassen die drei Traumwagen dort gegeneinander antreten, wo Deutschlands Norden im Abendlicht vor der Fotografenlinse schöner strahlt als der Hafen von Long Beach.

Miura, Daytona und Grifo schmeicheln nicht nur dem Auge, sondern gehören auch im reifen Alter noch zu den Schnellsten.

©R. Rätzke

Die AUTO BILD Klassik-Crew stellt den Wecker an diesem Tag noch etwas früher als sonst, um auf keinen Fall zu spät zum Showdown zu erscheinen. Wie unerreichbar diese Autos für Nichtmillionäre schon zu Lebzeiten waren, wird beim Blick in die Fahrzeugpapiere deutlich: Erstbesitzer des roten Ferrari war Glamrock-Sänger Marc Bolan ("Get It On", "Cosmic Dancer"), der grüne Lambo parkte einst in der Garage des Emirs von Katar. So darf sich der Redakteur mal einen Tag lang wie ein Teeniestar der 70er fühlen. Oder wie der Regent eines Wüstenstaats. Es könnte schlimmer sein. Beamen wir uns also zurück in jene Jahre, als Lamborghini das moderne Supercar erfand und Ferraris schwerfällige Frontmotor-GTs plötzlich ganz schön alt aussahen gegen dieses ultraflache Teil aus Sant’Agata. Hier verraten wir, wie sich die Superautos von gestern heute fahren und anfühlen – schonungslos und ohne falsche Ehrfurcht. Am Ende wissen wir nicht nur, welcher der drei der Schnellste ist. Sondern auch, wer für die alltägliche Tour zum Privatjet am Geschäftsflieger-Terminal am besten taugt.

Showdown der Stars

Der Ferrari 365 GTB/4 Daytona ist der Playboy-Racer schlechthin. Ende der 60er-Jahre intoniert sein Zwölfzylinder den Schlussakkord zur goldenen Ära der Frontmotor-Sportwagen.

©R. Rätzke

Sie zu fahren war eine Offenbarung, eine Überdosis für Augen und Ohren, Tage im Paradies für jeden, der mit Autos mehr verbindet als Normverbrauch, Leasingraten und Wiederverkaufbarkeit – wobei eine überragende Wertstabilität bei allen dreien gewährleistet ist. Dass Miura, Daytona und Grifo nicht nur dem Auge schmeicheln, sondern auch im reifen Alter noch zu den Schnellsten gehören, versteht sich von selbst. Und auch wenn wir sie auf unserer Teststrecke rannehmen durften, bevor Fotograf Roman Rätzke sie im Hamburger Freihafen ins Licht setzte, kann eine Bewertung nach Punkten nicht viel mehr sein als eine Charakterstudie. Fangen wir mit dem Iso Grifo an. Er hat uns am meisten überrascht. Warum? Nun, Iso hat gerade mal zwölf Jahre lang Sportwagen gebaut, vorher Kühlhäuser und Kleinstvehikel. Und dann das: Der Macho im Bertone-Anzug überzeugt auf ganzer Linie. Für den Geldadel von damals war sein Ami-V8 ein Manko – zu profan im Vergleich zu den großen Komplikationen, die Italien sonst hervorbrachte. Als Gebrauchtem haftete ihm das Halbwelt-Image wie ein stechendes Billigparfüm an.
Aufgalopp der Stiere: Die Lamborghini-Chronik

Dinosaurier unter den Gran-Turismo-Sportwagen

Welchen der drei Supersportler nehmen, wenn Geld egal ist? Kommt drauf an, ob stattdessen Image zählt. Oder Design. Oder Handling. Oder doch Haltbarkeit.

©R. Rätzke

Und heute? Holt er im Vergleichstest den zweiten Platz. Weil er fast als Alltagsauto taugen würde. Weil sein Achtzylinder eine Wucht ist. Weil er zeigt, was eine Corvette von damals hätte werden können, wenn sich die Amerikaner nicht nur mit Formen, Farben und Hubräumen ausgetobt hätten, sondern auch mit Fahrwerken. Der Daytona ist Ende der Sechziger so etwas wie der Dinosaurier unter den Gran-Turismo-Sportwagen. Er ist der Abgesang auf eine Ära – aber was für einer! Weil Temperament und Klang eines Sportwagens kein Verfallsdatum haben, schiebt sich der Ferrari am Iso vorbei: V12 ist eben V12. Und weil er das Ende einer langen Evolutionskette von Frontmotor-GTs aus dem Stall des springenden Pferdchens ist, steckt er auch den Miura in die Tasche. Allein durch die Reife seines Konzepts, vor allem, wenn es um Funktionalität und Fahrbarkeit geht. Wenn sein V12 loslegt und sich die Drehzahlnadel der 6000 nähert, ergibt sich die Welt freiwillig, um sich vom Daytona plattbügeln zu lassen. Der Miura ist ein Biest. Seine Schöpfer wollten einen Rennwagen bauen und schenkten der Welt das erste Supercar. Zum Niederknien schön, aber auch kratzbürstig wie Salma Hayek im Film "From Dusk Till Dawn". Sollte Kohle keine Rolle spielen: Wir würden den Lamborghini in unsere Garage stellen. Denn er fährt fantastisch — wenn er fährt.
Die Punktewertung Ferrari 365 Iso Grifo Lamborghini Miura
Spaßfaktor
Temperament 9 7 10
Sound 9 8 9
Handling 7 8 9
Zwischenergebnis 25 23 28
Kuschelfaktor
Sitze 6 8 5
Federung 4 6 2
Platzangebot/Variabilität 4 5 2
Zwischenergebnis 14 19 9
Neidfaktor
Qualität 7 7 4
Design 9 8 10
Image 10 7 10
Zwischenergebnis 26 22 24
Gesamtergebnis 65 64 61
Autor:

Lukas Hambrecht

Fazit

Ferrari und Iso kämpfen um den ersten Platz! Ihre Antriebe sind das Ergebnis zweier Weltanschauungen. Am Ende schnappt sich der 365 GTB/4 den Grifo, weil sein V12 eben doch Rennsport-Geschichte atmet. Doch beide haben Glück, dass der perfekt ausbalancierte Lambo ein Schnellschuss war, der erst gegen Ende seiner Produktionszeit so etwas wie Serienreife erreichte. Irre: Heute glorifizieren wir diese Typen und deuten ihre Macken als Zeichen von Charakter, reden verklärt von "Männerautos". Blödsinn! Tatsächlich dürfte sich mancher Playboy geärgert haben, wenn er verschwitzt und mit Kreuzschmerzen am Sportlenkrad drehte. Was nicht heißt, dass dieses Trio nicht großartig wäre. Im Gegenteil!

Fotos: R. Rätzke, R. Rätzke

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