Autofriedhof vor dem Aus

Autofriedhof Schrottplatz Kaufdorf Schweiz Autofriedhof Schrottplatz Kaufdorf Schweiz

Wracks als Kulturgut

— 27.11.2007

Der Friedhof im Wald

Der Autohimmel auf Erden liegt im schweizerischen Kaufdorf. Auf einem vor 32 Jahren geschlossenen Schrottplatz ruhen mehr als 1000 Oldtimer. Doch das Ende der Idylle naht.

Kurz vor dem Blinker ist die Weinbergschnecke dem Tod begegnet. Sie starb auf dem Kotflügel des alten Sunbeam, noch bevor sie zu Boden kriechen konnte. Das Gehäuse ruht nun leer auf einem Bett aus Moos, grün und dick über den matten Lack gewachsen. Still ist's an diesem Sonntagmorgen im Schweizer Gürbetal, nur selten rauscht ein Zug nach Bern vorbei. Kuh- und Kirchenglocken läuten leise aus der Ferne. Ansonsten Ruhe, sehr passend zu diesem verwunschenen Autofriedhof, dem vielleicht schönsten seiner Art in Europa. 1000 Wracks stehen hier unter Bäumen, automobile Zeitzeugen aus rund 50 Jahren. 1975 schloss Gründer Walter Messerli seinen Schrottplatz für immer ab. Die Toten aus Blech ruhen hier in Frieden, und Werner Brunner passt auf, dass es ihnen gut geht.

Nur bei ganz wenigen Wracks lohnt die Restaurierung noch

Blech am Ende: Nur wenige Wracks ließen sich noch restaurieren – mit großem Aufwand.

Der 63-Jährige mit den tiefen Furchen im Gesicht hat mit vielen der Autos gelebt, hat mitbekommen, wie sie damals in Zeitungsanzeigen, bunten Prospekten und auf den Straßen geglänzt haben. Brunner hat gesehen, wie der fesche DKW Junior in den 60er-Jahren durch die Straßen von Bern geknattert ist. Vielleicht hat er einmal einem der beiden Porsche 356 hinterhergeträumt, die einträchtig und still unter einem Holzdach verrosten. Heute sind alle Motoren verstummt, manövrierunfähig parken die Wracks im Wald, die Räder zu einem Viertel im Boden versunken. "Nur bei wenigen lohnt sich die Restaurierung", sagt Brunner, der privat einen quicklebendigen Sunbeam Alpine von 1960 pilotiert. Mit den Jahren ist er zum Senior geworden, aber zwischen den eng geparkten Autos turnt der drahtige Mann umher wie ein Junger. Fast alle ruhenden Ruinen haben ihren Grabstein mitgebracht – das Typenschild am Heck: Fiat 1100, Ford Taunus 20 M, Chevrolet 500, Rover 12, DKW F 1000, Renault Dauphine, Mercedes 190, Porsche 356, MG Midget. Moos wuchert um die einst glänzenden Buchstaben. Doch wenn der pensionierte Postbeamte Brunner mit der flachen Hand über ein Namensschild wischt, blitzen Chrom und Vergangenheit wieder auf.

Die Natur erobert sich ihren Platz nach und nach zurück

Sieger Natur: gewachsene Wegfahrsperre zwischen Stoßstange und Heckklappe.

"Früher war das hier ein Paradies für Kinder, sie haben in den alten Autos gespielt", sagt er lächelnd. Eine Mauer aus Birken und Buchen ummantelt die am Rand des riesigen Areals zu hohen Wagenburgen aufgetürmten Oldtimer. "In irgendeinem Kofferraum lebt eine Fuchsfamilie mit ihren Jungen", sagt Brunner, der die rechte Hand des heutigen Schrottplatzbesitzers Franz Messerli ist. Die Sonne wirft ihre weißen Strahlen durch die üppigen Baumkronen. Bis zum Abend wandert sie über den Platz, wärmt nach und nach das heilige Blech der früheren Straßenstars. Ein paar Wochen ist es her, dass fast die ganze Schweiz nach Grübingen blickte. Franz Messerli hatte zum Tag der offenen Tür geladen. Das Fernsehen schaltete live aus dem Wrackwald, die Kameras drehten bezaubernde Bilder von Bäumen die sich zwischen Stoßstange und Heckklappe gezwängt hatten. 6500 Menschen reisten in den kleinen Kaufdorfer Autohimmel, der Eintritt war frei. Messerli und Brunner wollten allen zeigen: Dieser Schrottplatz darf nicht sterben, er verdient ewiges Leben. Ein Plan war geboren, der Platz muss zum Museum werden, am besten mit einem Holzsteg für ausgedehnte Wrackwanderungen.

Eigentlich aber kann Franz Messerli seine Idee schon jetzt begraben. Denn das Schweizer Bundesgericht hat ihm Ende 2006 in letzter Instanz dazu verdonnert, den Boden des historischen Friedhofs zu befestigen sowie Benzin- und Ölabscheider zu installieren. Die letzte Frist endet im Oktober 2009. Um den Boden abzudichten, müssten alle Wracks kostspielig exhumiert werden. "Ich wäre ruiniert", sagt Messerli. Sein treuer Diener Brunner zeigt auf die dicken Bäume, die sein Himmelreich nach außen abgrenzen. "Sehen Sie", sagt er, "man müsste all die Bäume fällen, um die Autos herauszubekommen. Ist das etwa Umweltschutz?" Dann zeigt er auf den Heckmotor eines Käfer Cabrio. "Die meisten Triebwerke sind nach all den Jahren trocken, da läuft kein Öl mehr raus", spricht das Faktotum vom Friedhof.

Messerli gibt den Kampf um den Schrottplatz nicht auf

Die Schönheit des Zerfalls: kleines Kunstwerk aus Blech, Glas und Moosbewuchs.

Der Schrottplatz liegt am Rand von Kaufdorf. Da, wo Lärm und Gestank gerade noch hinnehmbar sind. Messerli hat einen schweren Stand im Ort, schon sein Vater Walter kämpfte gegen die Gemeindeverwaltung. Kaum ein Dorf der Welt sehnt sich eben nach einem Schrottplatz. "Nicht gerade als Autofan" bezeichnet sich der Kaufdorfer Gemeindepräsident Markus Borer. Gegen den Schrottplatz habe er nichts, aber: "Für mich ist wichtig, dass die gesetzlichen Auflagen eingehalten werden und die Umwelt geschützt wird." Was bleibt Messerli also? Die Wracks filetieren und brauchbare Ersatzteile verkaufen? "Das kommt nicht infrage", sagt er, "dann wäre das ganze Puzzle zerrissen. Bevor die mir den Laden räumen, jage ich lieber alles durch den Schredder."

Hoffentlich nur ein Spaß: Wenn nichts mehr hilft, sollen die Kanonen gen Bern gerichtet werden.

Ewiges Leben für den Wrackwald fordert auch der bekannte Schweizer Künstler Heinrich Gartentor. Im kommenden Jahr plant er dort eine Ausstellung mit den besten seiner Zunft. Eine Demonstration gegen das drohende Ende, wie er sagt: "Gäbe es in der Schweiz nicht nur Umwelt-, sondern auch Kulturverträglichkeits-Prüfungen, dann würde der Autofriedhof mit Sicherheit als absolut schützenswert eingestuft werden. Er ist ein Kulturgut von internationaler Bedeutung und muss erhalten bleiben." Der Kampf ums Ruinenreich geht weiter. Symbol hierfür sind vier ausgemusterte Kanonen der Schweizer Armee am Platzrand. Sie zeigen auf Wiesen und Wälder, noch. Messerli aber sagt kämpferisch: "Mal sehen, vielleicht richte ich sie nach Bern aus", dem Sitz von Kantons- und Bundesregierung.

Autor: Claudius Maintz

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