Es war der 2. April 1900, die Daimler-Motoren-Gesellschaft war ein Konkurrent der Firma Benz & Cie., und der rastlose Kaufmann Emil Jellinek aus Wien bestellte immer wieder Automobile bei Daimler, um sie in der feinen Gesellschaft zu verkaufen.
Einer seiner Marketingstrategien: In Nizza, damals schon angesagter Hotspot seiner Zielgruppe, nahm Konsul Jellinek mit den Daimler-Wagen an Autorennen teil. Und diesen Autos gab er einen Namen: "Mercédès". Den Namen seiner Tochter aus erster Ehe.

Papa Jellinek nannte fast alles "Mercédès"

Er war wohl ziemlich besessen von Mercédès – von seiner Tochter, vielleicht, vor allem aber von ihrem Vornamen. "Alles, was ihm etwas bedeutete, bekam ihren Namen", schreibt AUTO BILD KLASSIK: "Er selbst (als Pseudonym bei seinen ersten Auftritten als Motorsportler), seine Familie, seine Yachten (eine hieß sogar "Mercédès-Mercédès"), seine Firma und natürlich dieses Auto, das er als seine Schöpfung betrachtete."
Emil Jellinek nahm seine 1889 geborene Tochter um 1900 ein paar Mal mit nach Cannstatt bei Stuttgart, "wo er die Daimler Motoren Gesellschaft auf Trab brachte für seinen Mercedes-Wagen", so AUTO BILD KLASSIK weiter.

Der entscheidende Vertrag

Tja, und am 2. April 1900 tunkten Emil Jellinek und Wilhelm Maybach (als Nachfolger des gerade erst verstorbenen Gottlieb Daimler) ihre Federhalter in die Tintenfässer, um einen Vertrag zu unterzeichnen: Darin ging es um den Vertrieb von Wagen und Motoren. In einer Klausel sahen sie vor, eine neue Motorform zu entwickeln, die "den Namen Daimler-Mercedes führen" solle.
Viersitziges, weiß lackiertes, offenes Automobil von 1901
Das war das erste Mercedes-Modell: ein Mercedes 35 PS aus dem Jahr 1901, hergestellt von der Daimler-Motoren-Gesellschaft (DMG). Alu-Vierzylinder, 5,9 Liter, Wabenkühler, stabiles Fahrverhalten.
Bild: Mercedes-Benz-Archiv
Der offizielle Beginn einer langen und breiten Geschichte: Am 22. Dezember 1900 wurde der erste Sportwagen unter dem Namen Mercedes ausgeliefert, der Mercedes 35 PS, entwickelt von Daimlers Konstrukteur Wilhelm Maybach – Jellinek verkaufte zeitweise bis zu 60 Prozent der Daimler-Jahresproduktion – 1901 legte die Daimler-Motoren-Gesellschaft DMG zwei schwächere Schwestermodelle nach – am 23. Juni 1902 wurde der Name "Mercédès" als Warenzeichen angemeldet und am 26. September gesetzlich geschützt – 1926 fusionierte die DMG mit Benz & Cie. zur Daimler-Benz AG – Mercedes-Wagen wurden weltberühmt – Mercedes-Benz blieb die führende Auto- und Lastwagenmarke im Konzern Daimler-Benz AG, von 1998 an bei DaimlerChrysler und von 2007 an in der Daimler AG – 2019 entstand die Mercedes-Benz AG als Hersteller von Pkw und Nutzfahrzeugen bis hinauf zum Sprinter – 2021 wurde die Daimler Truck AG (mit ihren Mercedes-Lastwagen) von der Daimler AG getrennt – 2022 entstand die Mercedes-Benz Group AG, praktisch als Nachfolger der Daimler AG.

Wie das Geheimnis um Mercédès gelüftet wurde

Nur: Über Mercédès Jellinek war jahrzehntelang kaum etwas bekannt. Sogar der Hersteller selbst hatte kaum Informationen über Emil Jellineks Tochter, deren Name heute auf Leuchtkästen in allen Ländern der Welt prangt.
Etwa zwölfjähriges Mädchen mit Schleife im lockigen Haar, helles Kleid.
Mercédès Jellinek um 1901, als die ersten Autos mit ihrem Namen ausgeliefert wurden.
Bild: Mercedes-Benz-Archiv
Dann der Überraschungsfund: Mercédès Jellinek hatte einen Nachlass – und der existiert noch! Hans-Peter Schlosser, der Sohn von Mercédès Jellinek und selbst kinderlos, hatte ein Patenkind in Salzburg, dem er Dokumente aus dem Leben seiner Mutter vermachte – Reisepass, Geburtsurkunde, drei Fotoalben mit fast 300 Fotos. All das lag jahrzehntelang in einem Schrankkoffer. Daimler konnte diesen Nachlass erwerben und 2009 ins Konzernarchiv aufnehmen. "Gänsehaut-Material" nannte es Jürgen E. Wittmann, damals Senior Manager im Archiv der Daimler AG.
Konvolut aus historischen Fotos und Dokumenten.
Fundstücke aus dem Nachlass. Unten links die Geburtsurkunde von Mercédès Jellinek, oben rechts ihr Vater, Emil Jellinek, prächtig mit Orden behängt. Früher war mehr Lametta.
Bild: Bernd Hanselmann/AUTO BILD
Nun endlich war die große Lücke geschlossen: Seitdem weiß man mehr über Mercédès Jellinek – ihre Geburtsurkunde ist dabei, wir sehen ihre Handschrift, diverse Fotos aus ihrem Leben, ein paar private Momente. Und wir wissen, dass sie grüne Augen hatte. Denn das steht in ihrem Reisepass.
Die Unterlagen beweisen, dass Mercédès ihr bereits in der Geburtsurkunde eingetragener Name ist. "Bisweilen hieß es, dass Mercedes 'nur' der Kosename ihres Vaters Emil Jellinek für sie war", schrieb Mercedes-Benz in einer Pressemitteilung.

Einblicke ins Leben der Mercédès

Stöbern wir ein bisschen. Das "Geburts-Zeugnis", ausgestellt von der israelitischen Cultusgemeinde in Wien, belegt in perlender Handschrift, dass Mercedes (hier ohne französische Akzente geschrieben) Adrienne Ramona Manuela Jellinek am 16. September 1889 geboren wurde. Fotos zeigen sie als Kind, einmal verkleidet mit Männeruniform und angeklebtem Schnauzbart für einen Maskenball, später an Bord einer Yacht namens Mercédès ihres Vaters in Nizza und in Vaters Villa "Mercédès", ebenfalls in Nizza.
1889
Geburt in Wien als drittes Kind der Familie Emil Jellinek
1893
Villa in Nizza: Nach dem Tod der Mutter zieht es den Vater an die Riviera
1901
Mercedes als Markenname: Vater Emil Jellinek verkauft Daimler-Wagen unter klangvollem Namen
1903
Mercedes als Nachname: Der Familienname wird offiziell zu Jellinek-Mercédès erweitert
1909
Hochzeit: Mercédès heiratet den Freiherrn Carl von Schlosser
1914
Kriegsbeginn: Das Luxusleben der höheren Tochter findet ein jähes Ende
1923
Zweite Ehe: Mercédès verlässt die Familie, um ihr Leben neu zu starten, und heiratet den an Schwindsucht (Tuberkulose) erkrankten Bildhauer Rudolf von Weigl
1929
Früher Tod: Mercedes Weigl stirbt an Knochenkrebs, mittellos und vereinsamt
1909 beginnen die Fotos ihrer neu gegründeten Familie: von der Hochzeit mit Carl Freiherr von Schlosser, Ausflügen mit ihm im Automobil, wir sehen das wohl einzige Foto von ihr mit einem Lenkrad in der Hand.
historisches Foto, fünf Frauen und zwei Männer in einem offenen Automobil
Ausfahrt mit Freunden: Mercédès sitzt ganz hinten links, vorn rechts im Bild ihr Ehemann Carl von Schlosser.
Bild: Mercedes-Benz-Archiv
Die junge Frau Mercedes Jellinek am Steuer eines stehenden Automobils, umgeben von Männern und Jungen
Das einzig bekannte Foto von Mercédès am Steuer eines Mercedes: die Namensgeberin im Grand-Prix-Wagen von 1906. Veröffentlicht wurde es in der Allgemeinen Automobil-Zeitung vom 19. Juni 1906, da war sie 17 Jahre alt. Bestimmt fuhr sie nicht, sie interessierte sich nicht für Autos.
Bild: Mercedes-Benz-Archiv
Weiter 1912 im Wochenbett mit ihrer Tochter Elfriede. 1916 kam ihr Sohn zur Welt, Hans-Peter. 1917 durfte Carl Heimaturlaub von der Front machen, auch wurde der Fotoapparat aufgestellt.
Das letzte Foto von ihr hat sie unterschrieben wie ein Autogramm: "Mercédès Weigl", mit dem Nachnamen ihres zweiten Ehemanns.
Historisches Portraitfoto der Frau, mit Pelzhut und Perlenkette
Das letzte Foto der Mercédès, unterzeichnet mit ihrem dritten Familiennamen: Weigl.
Bild: Mercedes-Benz-Archiv
Schließlich: die Todesanzeige, "nach längerem Leiden im 40. Lebensjahre sanft entschlafen".
Gedruckte Todesanzeige
Vater Emil ließ 1903 den Nachnamen offiziell in "Jellinek-Mercédès" ändern, seine Tochter hieß dann Mercédès Jellinek-Mercédès. Obwohl sie da schon 14 war, steht in ihrer Todesanzeige "geb. Jellinek-Mercédès".
Bild: Mercedes-Benz-Archiv
All das ist nun im Daimler-Archiv. Wer ihr nah sein möchte, kann das aber auch an ihrem Grab auf dem Wiener Zentralfriedhof – oder in Baden bei Wien, wo sie aufwuchs. Vom Undine-Brunnen im Kurpark, eingeweiht 1903, schaut ihr Gesicht herab: Der Bildhauer Josef Valentin Kassin hatte Mercédès gebeten, für die Hauptfigur Undine Modell zu stehen. Es ist praktisch der Mercedes unter den Brunnen.