Bayern und Bundeskanzler, das war schon immer eine schwierige Beziehung. Bei der Kandidatenkür der Union zog Markus Söder, Landesvater im weiß-blauen Freistaat, den Kürzeren gegen seinen NRW-Kollegen Armin Laschet. 1980 war CSU-Urgestein Franz-Josef Strauß bei dem Versuch gescheitert, Helmut Schmidt das Amt des Regierungschefs streitig zu machen. Und bereits Mitte der 50er hatte sich BMW in Bonn eine Abfuhr geholt, als es um einen neuen Dienstwagen für Konrad Adenauer ging.
Dass "der Alte" mit seinem Mercedes 300 unzufrieden war, galt in der jungen Bundesrepublik als offenes Geheimnis. "Hamse nich wat Jrößeres?", soll er die Daimler-Bosse schon 1951 bei der Präsentation gefragt haben. Daraufhin zauberte die Konkurrenz aus München, wenn auch mit vier Jahren Verzögerung, ein Auto aus dem Hut, das alles hatte, was dem Kanzler fehlte: mehr Beinfreiheit im Fond und eine Trennscheibe, damit er ungestört vertrauliche Gespräche führen konnte.

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Die Mär vom verlorenen Hut

Was sich abspielte, als BMW-Repräsentant Joachim Brennecke die potenzielle Staatskarosse namens 505 im Kanzleramt vorführte, ist im Detail nicht überliefert. Fest steht jedoch: Adenauer selbst war nicht dabei. Sowohl bei der ersten Probefahrt im November 1955 als auch bei der zweiten am 17. Januar 1956 saßen nur sein Fahrer Willi Klockner und Kanzlerreferent Hans Kilb im Auto. Die Story, Adenauer habe sich beim Aussteigen aus dem BMW den Hut vom Kopf gestoßen und sich deswegen entschieden, weiter Mercedes zu fahren, gehört also ins Reich der Fabel.
Viel spannender ist die tatsächliche Geschichte der verhinderten Kanzler-Karosse, die der Autor dieser Zeilen in einer "Spiegel"-Ausgabe von 1958 nachliest, während Fahrer Peter Reichl ihn über die Münchner Maximilianstraße zur Bayerischen Staatskanzlei chauffiert. Hier, im Zentrum der weiß-blauen Staatsmacht, wollen wir dem Wagen auf die Spur kommen, der einst für die Mächtigen gebaut wurde und später in Vergessenheit geriet, bevor er schließlich in den Schoß des Herstellers zurückfand und nach einer Restaurierung nun wieder im alten Glanz erstrahlt.
Kanapee: Die üppig gepolsterte Rückbank hat Sofa-Charakter. Der Autor, mit 1,86 m genauso groß wie Adenauer, kann sich bequem ausstrecken.

Leiser als der Mercedes 300

Was schon nach den ersten Kilometern auffällt: Der BMW fährt leiser als ein Adenauer-Mercedes. Und: Obwohl zwischen der ersten und zweiten Reihe eine massive Schrankwand eingezogen ist, kann sich der Autor bequem ausstrecken. Auch Adenauer hätte genug Platz gehabt: Mit 1,86 Meter war er exakt genauso groß. Kanzlerfahrer Klockner soll 1955 Kraftentfaltung und Straßenlage des 505 gelobt haben. Tatsächlich war der Dreihunderter in beiden Disziplinen keine Leuchte, und der BMW hat acht Zylinder, nicht bloß sechs. 
Auch Chauffeur Reichl verspürt 66 Jahre später eine gewisse Freude am Fahren, kämpft allerdings sichtlich mit dem knappen Knieraum. Weil der 505 als Beförderungsmittel für hochrangige Fahrgäste "von hinten her gedacht" ist, hocken die Dienstboten vorn wie Affen auf dem Schleifstein, jedenfalls wenn sie größer als Einssiebzig sind.
Separee: Auf Knopfdruck fährt zwischen erster Reihe und Fahrgastabteil eine Trennscheibe hoch.

Adenauer-Adlatus Kilb soll sich über den zu hohen Geräuschpegel beklagt haben. Wer von seinen Verflechtungen mit Mercedes weiß und erlebt hat, wie ruhig es im 505 wirklich zugeht, gelangt jedoch zu der Vermutung, dass es sich dabei womöglich um ein Scheinargument gehandelt hat. Kilb hatte, wohl mit Wissen Adenauers, zwischen 1954 und 1958 insgesamt acht kostenlose Leihwagen von Mercedes erhalten, über die er "praktisch wie über sein Eigentum disponieren konnte", berichtete "Der Spiegel" (Ausgabe 48/1958). Unter anderem, weil er Adenauer vom BMW 505 abgeraten haben soll, wurde er 1958 unter dem Verdacht der Bestechlichkeit verhaftet. Zu einem Strafverfahren kam es letztlich nicht, dafür hatte die noch junge Republik einen ihrer ersten Justizskandale.
Pionier: Die Dachlinie des BMW 505 nimmt den Look der letzten, ab 1957 gebauten Generation des Mercedes 300 vorweg.

Die Entscheidung, dass sein Chef weiter Mercedes fahren sollte, hatte Kilb schon vor der zweiten Probefahrt mit dem BMW getroffen. Zustatten kam ihm dabei, dass eine Langversion des Dreihunderters, der sich die Stuttgarter zunächst verweigert hatten, kurz vor der Markteinführung stand.

Mit heißer Nadel gestrickt

Für BMW war das Thema damit erledigt. Ohne Kanzlerbonus sahen die Münchner Bosse keine Absatzchancen für ihre Pullman-Limousine. Diese lief zunächst unter dem Arbeitstitel "Diplomat" und war 1955 mit heißer Nadel gestrickt worden. Erst im April hatte die Zentrale alle Eckpunkte, bis hin zu Materialstärken für die Karosseriebleche, an Auftragsfertiger Ghia-Aigle in Lugano übermittelt. Schon im September stand das fertige Auto auf der IAA. Zwischendurch hatten sich BMW-Karosseriechef Kurt Bredschneider und Giovanni Michelotti als ausführender Designer Mitte Juli in Turin den Rohbau angesehen, den die dortige Firma Maggiora erstellt hatte.
Modisch: Der 505 blieb der einzige BMW mit Bandtacho. Die horizontale Balkenanzeige war für den 503 entworfen worden, wurde aber nicht in die Serie übernommen

Für das Messe-Schaustück wurde nach Belieben in den Baukasten gegriffen. So hing im 20 Zentimeter verlängerten Rahmen des Basisfahrzeugs 502 („Barockengel“) nicht der 2,6-Liter-Motor, der eigentlich zur Chassisnummer des (59034) gehört, sondern ein größeres 3,2-Liter-Aggregat. Laut einer zur IAA verbreiteten Pressenotiz besaß dieses zwar eine Zweivergaseranlage, aber nur 120 PS wie die Version mit Einfachvergaser. Auch heute steckt im 505 ein 3,2-Liter-V8. Neben der Motornummer sind allerdings "160 PS" eingeschlagen, wie es sie erst ab 1961 gab. Möglicherweise entspricht diese Spezifikation einem Austauschmotor, den der 505 laut BMW-Archiv 1967 erhielt.
Abgerockt: In den 1970er-Jahren als Chips-Werbemobil im Einsatz, gelangte der 505 1991 zurück in den Besitz von BMW

Ende als Chips-Werbemobil

Zu diesem Zeitpunkt hatte die gescheiterte Kanzler-Karosse schon mehrfach den Besitzer gewechselt. Nachdem sie nach der Ablehnung durch Adenauers Referenten noch ein paarmal für offizielle Anlässe an die bayerische Regierung ausgeliehen worden war, verkaufte BMW den Prototypen 1957 für 12000 Mark. Später gelangte der 505 in den Besitz eines süddeutschen Adligen und wurde anschließend an Irmgard von Opel aus der Rüsselsheimer Autodynastie weitergereicht. Deren Sohn Carlo betrieb in der Pfalz eine Kartoffelchipsfabrik, wo der 505 als fahrende Litfasssäule ackern musste, bevor er über die Zwischenstation bei einem Sammler 1988 zu BMW zurückfand.
Bayern und Bundeskanzler: Wie unsere Probefahrt beweist, hätte daraus in den 1950er-Jahren unter anderen Umständen eine Traumbeziehung werden können. Doch da BMWs Kontakte ins Innerste der Macht damals unter (k)einem guten Stern standen, heißt heute ein Mercedes nach dem Kanzler, der ihn damals fuhr.