BMW 507: wenn die Restaurierung zu weit geht
Ist dieser BMW 507 zu gut fürs H-Kennzeichen?

Bild: Simon Gosselin/RM Sotheby's
Die Sonne geht unter an der Seine, der Eiffelturm spiegelt sich im grauen Lack des frisch restaurierten BMW 507, irgendwo spielt ein Akkordeon – hach, Oldtimer können so wunderschön sein.
Das Inserat von RM Sotheby's verbreitet Wohlfühlstimmung. Auch im Text: Dieser schöne Roadster wurde zwei Jahre lang unter der Aufsicht der renommierten "Motor-Autorität" Raphaël Rondoni für mehr als 50.000 Euro von Ventoux Moteurs in Carpentras restauriert, schreibt das Auktionshaus, das diesen BMW ohne Versteigerung anbietet.

Der Eiffelturm spiegelt sich im Kofferraumdeckel des BMW 507. Die Abgasanlage wurde neu konstruiert.
Bild: Simon Gosselin/RM Sotheby's
So schön ist der BMW 507 laut Inserat
Der Wagen von 1957 habe "begehrenswerte" Extras: Scheibenbremsen vorn, Rädern mit Zentralverschluss von Rudge und das seltene Hardtop. Ferner profitiere dieser BMW 507 davon, dass der Motor neu aufgebaut und leistungsgesteigert wurde und von einer nachgerüsteten elektrischen Servolenkung.

Das Abendlicht von Paris verleiht dem graphitgrauen BMW 507, der Seine und dem Eiffelturm eine Extraportion Romantik.
Bild: Simon Gosselin/RM Sotheby's
Im September 1957 wurde der 507 in Graphitgrau in Rom ausgeliefert. Der BMW-Experte Stéphane Bonoron habe einen umfassenden Bericht über diesen BMW 507 zusammengestellt, betont RM Sotheby's.

Welcher Oldtimerfan möchte nicht am Steuer eines BMW 507 in den Sonnenuntergang cruisen?
Bild: Simon Gosselin/RM Sotheby's
Wie originalgetreu ist der 507 wirklich?
Aber, ach: Dann kommen wir von AUTO BILD und stellen unromantische Fragen. Dabei kommt heraus, dass der 507 doch nicht ganz so schön und makellos ist, wie er auf den ersten Blick scheint – und dass er in Deutschland kein H-Kennzeichen bekommen dürfte. Was vor allem an zwei Details liegt, auf die wir gleich zu sprechen kommen.
507-Experten kennen dieses Exemplar
Zuerst aber sprechen wir mit Wolfgang Niefanger über das Auto auf den Fotos. Niefanger ist Experte für die V8-Modelle von BMW aus den 50er- und 60er-Jahren, also BMW 502 ("Barockengel") und den Prototyp 505, das Coupé und Cabrio BMW 503, den Roadster BMW 507 und das Bertone-Coupé BMW 3200 CS. Er kennt den 507, der jetzt angeboten wird, schon von früher: "Er taucht im Register 1972 in den USA auf, kam dann nach Deutschland." Das Auto sei mehrmals zum Kauf angeboten worden.

Sattler Raymond Ratto in Cannes bezog den Innenraum mit neuem Leder und neuen Teppichen – nach Vorbild der originalen Farbkombination von 1957. Auch das Verdeck und die schwarze Persenning darüber sind neu.
Bild: Simon Gosselin/RM Sotheby's
Die Motornummer 40095 sei original, schreibt Wolfgang Niefanger an AUTO BILD. "Ob es sich jedoch um den originalen Motor mit zehn Stehbolzen handelt oder um eine Austauschmaschine, lässt sich nur klären, wenn man die Ventildeckel entfernt und nachzählt."

Das Typenschild wurde mit Kreuzschlitzschrauben befestigt – wer wirklich detailverliebt ist, hätte historisch korrekte Rundkopf-Schlitzschrauben benutzt.
Bild: Simon Gosselin/RM Sotheby's
Schönheitsfehler im 507-Motorraum
Die Befestigung des (nicht originalgetreuen) Ölfilters stört Wolfgang Niefanger: "Da hat sich ein Improvisationstalent ausgetobt." Lieblosigkeit, findet er, ziehe sich „durch den ganzen Motorraum. Die Benzinversorgung mag ja funktional so gewollt sein, es entbehrt aber jeglicher Originalität und auch Ästhetik."

Bild: Simon Gosselin/RM Sotheby's
Der Behälter für Brems- und Kupplungsflüssigkeit zum Beispiel ist – anders als beim Original – nicht aus Aluminium.
Tatsächlich wurde einiges an der Technik des 507 verändert, um Zuverlässigkeit und Sicherheit zu erhöhen: Zum Beispiel wurde ein elektrischer Lüfter nachgerüstet, ein jüngeres Lüfterrad mit fünf Flügeln eingesetzt, der Ventildeckel hat eine nicht originale Entlüftung, und dieser 507 hat ein Zweikreis-Bremssystem.

Bild: Simon Gosselin/RM Sotheby's
Was sagt der TÜV zu den Umrüstungen am BMW?
Fragen wir Markus Tappert, Oldtimer-Experte beim TÜV Hanse: Dürfte ein dermaßen umgerüsteter Oldie in Deutschland überhaupt ein H-Kennzeichen bekommen?
Der Lüfter und die verbesserte Bremse sind laut Tappert kein Problem. Die Elektrik wurde von sechs auf zwölf Volt und von Gleichstrom- auf Drehstrom-Lichtmaschine umgebaut – "es war schon in den 70er-Jahren gängig, das umzurüsten", sagt der leitende Classic-Experte. "Da ist die Umrüstung schon historisch."
Tuning am V8: von 150 auf 225 PS
Und der Motor? Ab Werk leistete der 3,2-Liter-V8 nur 150 PS. Die Restaurierungswerkstatt rühmt sich, dass sie diesem Motor eine neue Stahlkurbelwelle eingesetzt hat, neue Zylinderlaufbuchsen, neue Pleuelstangen von Arrow, hochverdichtete Schmiedekolben von Wossner, eine verbesserte Nockenwelle und neue hochfeste Zylinderkopfbolzen. Die Zylinderköpfe haben moderne Titanventile von Xceldine bekommen, neue Ventilfedern sowie Ventilsitze und -führungen aus einer Kupfer-Beryllium-Legierung. Die Brennräume hat die Werkstatt nach eigenen Angaben bearbeitet.

Bild: Simon Gosselin/RM Sotheby's
Dann kam auch noch eine leichtere, neu entwickelte Auspuffanlage unter den 507. Ergebnis: Laut Ventoux Moteurs stieg die Leistung um 50 Prozent auf 225 PS!
Am Tuning würde das H-Kennzeichen nicht scheitern
Frage an TÜV-Mann Markus Tappert: Ist dieses Motortuning noch zeitgenössisch, darf man damit ein H-Kennzeichen bekommen? Spannende Antwort: "Wir dürfen bei einer Prüfung fürs Oldtimergutachten nicht in den Motor hineinsehen. Wir dürfen nur zerlegungsfrei prüfen."
Aber der Auspuff ist ja schon sichtbar – und sichtbar anders als Teile, die vor mehr als 30 Jahren an einen 507 geschraubt wurden, oder? Da wiegt Tappert den Kopf: "Ein Edelstahl-Auspuff ist grundsätzlich zulässig. Ob die Anlage anders aussieht als das Original ... ich muss den gleichen Maßstab für alle ansetzen. Beim Ford Mustang gibt es ca. 20 Auspuffanlagen, die als original durchgehen. Solange die Geräuschwerte erfüllt sind, sind Details am Auspuff nicht ausschlaggebend." Er nennt diesen BMW 507 bis hierhin einen „interessanten Grenzfall“.

Bild: Simon Gosselin/RM Sotheby's
Warum der BMW 507 beim H-Kennzeichen durchfallen würde
Zwei Punkte sieht Tappert aber kritisch: Die moderne elektronische Zündung, sichtbar auch wegen der Verteilerkappe, wie es sie beim BMW 507 nie gab – vor allem aber die nachgerüstete elektrische Servolenkung. "Solche Teile haben wir schon öfter kritisiert. Das einzubauen, ist ein Eingriff in die Hauptkomponenten und nicht zeitgenössisch." Beim §-23-Gutachten, das man in Deutschland für ein H-Kennzeichen braucht und das die Prüfstelle von TÜV, DEKRA, KÜS oder GTÜ anfertigt, müsste der BMW 507 im gegenwärtigen Zustand also durchfallen.

Bild: Simon Gosselin/RM Sotheby's
Eigentlich keine große Sache. Die originalen Komponenten der Lenkung werden zusammen mit dem 507 verkauft. Der Käufer könnte sie rückrüsten lassen, die Zündung sicherheitshalber auch noch, und wenn man gerade dabei ist, finden sich sicher auch ein originaler Bremsflüssigkeitsbehälter und vier Schlitzschrauben. Aber will ein Käufer, der 1.950.000 Euro ausgeben soll, das in Kauf nehmen?
Dann könnte die Sonne an der Spree untergehen, das Brandenburger Tor würde sich im grauen Lack des frisch zurückgerüsteten BMW 507 spiegeln, und man würde leise das Schnaufen des Fahrers beim Ausparken hören.
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