Evi und Siggi Veith haben ihr Camping-Idyll perfektio­niert. Ob Eierbecher, Koffer­radio oder Narva-Lichterket­te: Nahezu alles, was auf ihrem Stellplatz steht, ist original DDR. Nur beim Vorzelt musste Evi Veith selbst Hand anlegen: "Da fand ich kein passendes. Daher musste ich es selbst nähen." Improvisations­talent – im Grunde auch original DDR. Wenn es etwas nicht gab, dann haben es sich die Menschen selbst gebaut. Erfindergeist aus Mangel: Das galt auch für die DDR-Camping-Kultur, deren vielfältige Auswüchse über Jahrzehnte eine ganze Nation prägten.
Den Beginn markierten einige Pioniere in den frühen Fünfzigern: Unter den DDR-Bürgern wuchs der Drang, aus den Städten raus­zukommen, Natur zu erleben und vom grauen Alltag der Nachkriegs­zeit abschalten zu können. Ein Auto konnten sich aber die wenigs­ten leisten, und an eine Wohnwa­genproduktion war noch nicht zu denken. Mau sah es auch bei der touristischen Infrastruktur aus: Hotels und Pensionen gab es zwar, aber die überschaubaren Angebo­te richteten sich eher nicht an jun­ge Menschen und Familien.

Auszeit unter freien Himmel

Wer also Urlaub suchte, setzte auf zwei Räder und ein Zelt im Gepäck. Junge DDR-Bürger reisten meist mit dem Fahrrad, Familien mit dem Motorroller. Ihr Ziel: die Wildnis, besten­falls an der Ostsee oder an einem Badesee. Offizielle Cam­pingplätze erlebten erst in den Sechzigern ihren Aufstieg. Fast schon als Luxus unter den Motor­rollern galt der IWL SR59 Berlin. Der Hersteller VEB Industriewerk Ludwigsfelde schlussfolgerte Ende der 50er-Jahre treffend: "Viele Motorradfreunde sind Campingsportler!" Entsprechend entwarfen sie für den Berlin-Roller al­lerhand Zubehör, vom Ein­rad-Anhänger "Campi" für Zelt und Campinggeschirr über einen Kindersitz für den Fußraum bis zum "geschmackvollen Ascher" für die Raucher.
In dieser Zeit blickte die DDR-Führung noch mit einem argwöh­nischen Auge auf die sich langsam entwickelnde Camping-Kultur und wertete sie als zu individua­listisch und daher antisozialistisch ab. Doch bereits ab 1956 förderte sie – zunächst zögerlich – das staatliche Campingwesen. Der Ausbau der Ferien-Infrastruktur folgte einer Maxime: Urlaub ent­wickelte sich in der DDR zu einem Grundrecht und sollte der "Repro­duktion der Arbeitskraft" dienen. Anfänglich prägte die Vergesell­schaftung bestehender Fremden­verkehrsbetriebe die Strategie. De­ren Kapazitäten stießen allerdings schnell an ihre Grenzen, weshalb Camping immer stärker in den Fo­kus des "sozialistischen Erho­lungswesens" trat.
DDR Camping
Der Birnbaumteich im Harz ist zweimal jährlich Mekka für Fans von Qek, Intercamp und Co.
Bild: Christian Bittmann / AUTO BILD
Doch Camping mit Fahrrad oder Motorroller konnte selbst die verzichtserprobten DDR-Bürger irgendwann nicht mehr befriedi­gen. Neue Konzepte mussten her – mit mehr Platz und mehr Komfort. Die nahe­liegendste Lösung: der Wohnwagen. Als einer der Ersten in der DDR fertigte Max Wür­dig ab 1955 in zunächst kleinen Mengen den Würdig 301. Die Grund­konstruktion dafür hatte er bereits 1936 entwickelt, vor dem Krieg aber nur Einzelstücke verkauft. Markenzeichen des Würdig 301: seine ungewöhn­liche Form, die ihm den Namen "Dübener Ei" einbrachte.
Als großer Vorteil erwies sich beim Würdig 301 das geringe Ge­wicht von nur 300 Kilo. So durf­ten ihn selbst Trabant-Fahrer hinter ihren 601 spannen. Und das war viel wert: Für den Volks­wagen der DDR gab es aufgrund der geringen Anhängerlast in den Sechzigern kaum Camping-Op­tionen. Wer also zu den wenigen glücklichen Trabant-Fahrern ge­hörte, musste dennoch lange nach einem Wohnwagen suchen. Eigen­bau hieß oftmals die Alternative. Oder: Klappzeltanhänger.
Die Idee eines Zelts auf zwei Rädern begann in der DDR 1959 mit dem Campifix ihren Siegeszug. Die VEB Fahrzeugwerke Olbern­hau entwickelten den Anhänger mit dem Ziel, Platz und Komfort trotz geringer Maße und niedri­gem Gewicht zu bieten. Der Cam­pifix mauserte sich zusammen mit seinen Nachfolgern Klappfix und Camptourist zu einem Bestseller und Symbol der ostdeutschen Campingkultur. Kein Camping­platz zwischen Ostsee und Erzge­birge sollte ohne die Klappzeltan­hänger auskommen.

Das Heim am Haken

Thomas Meier besitzt heute noch einen Camptourist CT 6-1. Der Anhänger hat zwar etwas Rost angesetzt, und die Zeltplane ist nicht mehr perfekt wasserdicht, aber ansonsten funktioniert das Klappzelt einwandfrei. Aus dem rund 300 Kilo schweren und knapp 3,4 Quadratmeter großen Anhän­ger kann Meier eine 15 Quadrat­meter große Wohnlandschaft zau­bern. Im Vorzeltbereich dient der Abschluss des Camptourist als Stauraum und Kochnische. Links und rechts der Anhängerfläche fin­det selbst eine Großfamilie genü­gend Platz auf den herausgeklapp­ten und erhöhten Liegeflächen – perfekt geschützt vor taufrischen Sommerwiesen.
Statt Zelt an der Trabi-Kupp­lung gab es ab 1979 auch ein Zelt für das Trabi-Dach. Gerhard Mül­ler entwickelte die Konstruktion als Alternative zu den schwer zu­gänglichen Wohnwagen, deren Produktion zu großen Teilen ins Ausland ging. Das fast 1,90 Meter hohe Zelt sitzt wie eine Zipfelmüt­ze auf dem Trabant von Jens-Uwe Nölle und wirkt beinahe überdi­mensioniert für den kleinen Zwei­takter. Später brachte Müller die Konstruktion minimal angepasst für weitere Ostfahrzeuge von Wartburg und Skoda. Doch auch für das Dachzelt gab es Wartelis­ten, denn die Produktion lief auf­grund von knappen Rohstoffen stets herausfordernd. Etwa 1800 Exemplare entstanden bis 1990.
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QEK-lebending: Eng mit der DDR-Camping-Kultur verbunden: Der Qek Junior gehört zu den Ikonen der Szene.
Bild: Christian Bittmann / AUTO BILD
Die Rohstoffknappheit und die geringe Anhängelast des Trabant verhalfen noch weiteren Kuriosi­täten zum Leben und ließen die Vielfalt auf den Campingplätzen aufblühen. Einer, der direkt auf­fällt: der Weferlinger LC9-200. Bernd Ducho besitzt ein solches Exemplar und bekam sicher schon mal die Frage zu hören, ob er sei­nen Wohnwagen zu heiß gewa­schen hat. Der Aufbau des 1966 für den Trabant veröffentlich­ten Weferlinger misst in der Länge gerade einmal zwei Meter – und ist damit höher als lang. Sein zwei­tes Kunststück ist das Gewicht: Bei sagenhaften 250 Kilo Leergewicht muss Ducho fast aufpassen, dass eine Windböe das Leichtgewicht nicht vom Campingplatz fegt.
Das "Paradies auf Rädern" – so ein Prospekt zum LC9-200 – be­herbergte übrigens trotz der ge­ringen Abmessungen problemlos eine vierköpfige Familie. Aber nicht ganz ohne Tricks: Die PGH Heimstolz Weferlingen bot optio­nal ein Vorzelt an, das die Wohn­fläche verdoppelte und den Wohn­wagen beinahe in eine Familien­residenz verwandelte.

Aufschwung für die Camping-Szene

In den Siebzigern erhöh­te die DDR die Wohnwagen-Produktion merklich – einer­seits, um der eigenen Bevölkerung Konsumgüter bieten zu können, andererseits für den Export ins Ausland, um Devisen in die klam­men Kassen zu spülen. Neue und modernere Angebote brachten mehr Vielfalt, sodass sich ältere Konzepte wie der Weferlinger LC9-200 langsam zum Auslaufmodell entwickelten. Im Rahmen der Kon­sumgüterproduktion begann das VEB Qualitäts- und Edelstahlkom­binat 1974 mit der Fertigung des Qek Junior. Das Leichtgewicht aus verklebten Kunststoff­schalen erfreute sich bei den Campern großer Be­liebtheit. Das lag nicht zuletzt am Preis: Mit knapp über 7000 Mark war der Qek Junior deut­lich preiswerter als der ebenfalls populäre, aber gut doppelt so teure Bas­tei-Wohnwagen.
Mit dem Intercamp 355 erblickte ab 1973 ein weiterer Wohnanhänger das Licht der Campingplätze – nur eher selten auf dem Boden der DDR. Hier hätte der selbsttragen­de Aufbau aus glasfaserverstärk­tem Polyester zwischen Klappfix und Pouch-Steilwandzelt ohnehin wie ein Ufo gewirkt. Der geradezu luxuriös anmutende Intercamp 355 in wohnlicher Komplettaus­stattung mit Gasherd, Spüle, Kühl­schrank und Heizung ging unter dem Namen Berger Oase vor­nehmlich in den Westen. Wer wollte, bekam in der LB-Version sogar einen kleinen Sanitärbereich dazu. DDR-Bürger mussten auf Rückläufer aus dem Westen hof­fen, um in den Genuss des Spit­zenprodukts ostdeutscher Ferti­gung zu kommen.
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Mit Kleinkind, Schlafsäcken und Zelt in den Urlaub? Für den Berlin-Roller mit Anhänger "Campi" kein Problem.
Bild: Christian Bittmann / AUTO BILD
Doch Luxus brauchten die DDR-Bürger ohnehin nicht, um glücklich in ihrem Camping-Idyll zu werden. Der dezente Hauch von Freiheit, der auf den Cam­pingplätzen wehte, und der un­gewohnte Geschmack von Indivi­dualismus machte das Leben in Zelt und Wohnwagen so einzig­artig und reizvoll. War der Antrag auf Campinggenehmigung erst einmal bewilligt und der Wunsch­platz verfügbar, wartete ein Urlaub ohne große staatliche Kontrollen und Strukturen. Zwar befanden sich fast alle Plätze im Besitz des Staates, aber er umsorgte die Cam­per nicht wie in den organisierten Ferieneinrichtungen.
Die betriebliche Erholungsstät­ten und Ferienheime des Freien Deutschen Gewerkschaftsbundes (FDGB) gehörten zu den am wei­testen verbreiteten Urlaubszielen. Rund die Hälfte der DDR-Bürger verbrachten in den Achtzigern hier ihre Ferien, 30 Prozent auf Cam­pingplätzen. Die Ferienheime und betrieblichen Anlagen waren vor allem leicht verfügbar, unkompli­ziert und günstig. Demgegenüber standen starre Essenzeiten und oftmals klar strukturierte Tage. Und wer in einer betrieblichen Er­holungsstätte urlaubte, traf nicht selten den Kollegen von der Arbeit am Frühstückstisch.
DDR Camping
Zipfelmütze: Das Müller-Dachzelt bietet auf 2,9 Quadratmetern zwei Schlafplätze.
Bild: Christian Bittmann / AUTO BILD
Dieser gezwungenen Urlaubs­atmosphäre stand der Cam­pingplatz gegenüber, auf dem sich Familien in ihr privates Reich zurückziehen konnten, viel Natur um sich herum hatten und den Gasherd dann entzündeten, wenn der Magen knurrte. Camping war entsprechend für viele die kleine Flucht aus dem Ferienkollektiv im FDGB-Heim. Da störten selbst die Schlangen beim morgendlichen Brötchenholen am Campingkiosk nicht. Oder dessen leeren Regale in der Hauptsaison. Profis deckten sich ohnehin bereits Wochen vor Abreise in der Heimat mit ausrei­chend Proviant ein.
Auch hier zeigte sich einmal mehr: Camping machte in der DDR erfinderisch und forderte Im­provisationstalent. Viele ehemali­ge DDR-Camping-Freunde, so wie Evi und Siggi Veith, haben sich die­se Tugend bis heute erhalten. Mit ihnen lebt die einmalige Camping-Kultur auch mehr als 30 Jahre nach Ende der DDR weiter.