Fahrkultur: DDR-Camping
Ein sommerlicher Hauch von Freiheit: Camping vor der Wende

Reisen war für DDR-Bürger stets mit Einschränkungen verbunden. Dennoch fuhren jedes Jahr Millionen in den Urlaub. Beliebtestes Ziel: der Campingplatz.
Bild: Christian Bittmann / AUTO BILD
- Marcel Nobis
Evi und Siggi Veith haben ihr Camping-Idyll perfektioniert. Ob Eierbecher, Kofferradio oder Narva-Lichterkette: Nahezu alles, was auf ihrem Stellplatz steht, ist original DDR. Nur beim Vorzelt musste Evi Veith selbst Hand anlegen: "Da fand ich kein passendes. Daher musste ich es selbst nähen." Improvisationstalent – im Grunde auch original DDR. Wenn es etwas nicht gab, dann haben es sich die Menschen selbst gebaut. Erfindergeist aus Mangel: Das galt auch für die DDR-Camping-Kultur, deren vielfältige Auswüchse über Jahrzehnte eine ganze Nation prägten.
Den Beginn markierten einige Pioniere in den frühen Fünfzigern: Unter den DDR-Bürgern wuchs der Drang, aus den Städten rauszukommen, Natur zu erleben und vom grauen Alltag der Nachkriegszeit abschalten zu können. Ein Auto konnten sich aber die wenigsten leisten, und an eine Wohnwagenproduktion war noch nicht zu denken. Mau sah es auch bei der touristischen Infrastruktur aus: Hotels und Pensionen gab es zwar, aber die überschaubaren Angebote richteten sich eher nicht an junge Menschen und Familien.
Auszeit unter freien Himmel
Wer also Urlaub suchte, setzte auf zwei Räder und ein Zelt im Gepäck. Junge DDR-Bürger reisten meist mit dem Fahrrad, Familien mit dem Motorroller. Ihr Ziel: die Wildnis, bestenfalls an der Ostsee oder an einem Badesee. Offizielle Campingplätze erlebten erst in den Sechzigern ihren Aufstieg. Fast schon als Luxus unter den Motorrollern galt der IWL SR59 Berlin. Der Hersteller VEB Industriewerk Ludwigsfelde schlussfolgerte Ende der 50er-Jahre treffend: "Viele Motorradfreunde sind Campingsportler!" Entsprechend entwarfen sie für den Berlin-Roller allerhand Zubehör, vom Einrad-Anhänger "Campi" für Zelt und Campinggeschirr über einen Kindersitz für den Fußraum bis zum "geschmackvollen Ascher" für die Raucher.
In dieser Zeit blickte die DDR-Führung noch mit einem argwöhnischen Auge auf die sich langsam entwickelnde Camping-Kultur und wertete sie als zu individualistisch und daher antisozialistisch ab. Doch bereits ab 1956 förderte sie – zunächst zögerlich – das staatliche Campingwesen. Der Ausbau der Ferien-Infrastruktur folgte einer Maxime: Urlaub entwickelte sich in der DDR zu einem Grundrecht und sollte der "Reproduktion der Arbeitskraft" dienen. Anfänglich prägte die Vergesellschaftung bestehender Fremdenverkehrsbetriebe die Strategie. Deren Kapazitäten stießen allerdings schnell an ihre Grenzen, weshalb Camping immer stärker in den Fokus des "sozialistischen Erholungswesens" trat.

Der Birnbaumteich im Harz ist zweimal jährlich Mekka für Fans von Qek, Intercamp und Co.
Bild: Christian Bittmann / AUTO BILD
Doch Camping mit Fahrrad oder Motorroller konnte selbst die verzichtserprobten DDR-Bürger irgendwann nicht mehr befriedigen. Neue Konzepte mussten her – mit mehr Platz und mehr Komfort. Die naheliegendste Lösung: der Wohnwagen. Als einer der Ersten in der DDR fertigte Max Würdig ab 1955 in zunächst kleinen Mengen den Würdig 301. Die Grundkonstruktion dafür hatte er bereits 1936 entwickelt, vor dem Krieg aber nur Einzelstücke verkauft. Markenzeichen des Würdig 301: seine ungewöhnliche Form, die ihm den Namen "Dübener Ei" einbrachte.
Als großer Vorteil erwies sich beim Würdig 301 das geringe Gewicht von nur 300 Kilo. So durften ihn selbst Trabant-Fahrer hinter ihren 601 spannen. Und das war viel wert: Für den Volkswagen der DDR gab es aufgrund der geringen Anhängerlast in den Sechzigern kaum Camping-Optionen. Wer also zu den wenigen glücklichen Trabant-Fahrern gehörte, musste dennoch lange nach einem Wohnwagen suchen. Eigenbau hieß oftmals die Alternative. Oder: Klappzeltanhänger.
Die Idee eines Zelts auf zwei Rädern begann in der DDR 1959 mit dem Campifix ihren Siegeszug. Die VEB Fahrzeugwerke Olbernhau entwickelten den Anhänger mit dem Ziel, Platz und Komfort trotz geringer Maße und niedrigem Gewicht zu bieten. Der Campifix mauserte sich zusammen mit seinen Nachfolgern Klappfix und Camptourist zu einem Bestseller und Symbol der ostdeutschen Campingkultur. Kein Campingplatz zwischen Ostsee und Erzgebirge sollte ohne die Klappzeltanhänger auskommen.
Das Heim am Haken
Thomas Meier besitzt heute noch einen Camptourist CT 6-1. Der Anhänger hat zwar etwas Rost angesetzt, und die Zeltplane ist nicht mehr perfekt wasserdicht, aber ansonsten funktioniert das Klappzelt einwandfrei. Aus dem rund 300 Kilo schweren und knapp 3,4 Quadratmeter großen Anhänger kann Meier eine 15 Quadratmeter große Wohnlandschaft zaubern. Im Vorzeltbereich dient der Abschluss des Camptourist als Stauraum und Kochnische. Links und rechts der Anhängerfläche findet selbst eine Großfamilie genügend Platz auf den herausgeklappten und erhöhten Liegeflächen – perfekt geschützt vor taufrischen Sommerwiesen.
Statt Zelt an der Trabi-Kupplung gab es ab 1979 auch ein Zelt für das Trabi-Dach. Gerhard Müller entwickelte die Konstruktion als Alternative zu den schwer zugänglichen Wohnwagen, deren Produktion zu großen Teilen ins Ausland ging. Das fast 1,90 Meter hohe Zelt sitzt wie eine Zipfelmütze auf dem Trabant von Jens-Uwe Nölle und wirkt beinahe überdimensioniert für den kleinen Zweitakter. Später brachte Müller die Konstruktion minimal angepasst für weitere Ostfahrzeuge von Wartburg und Skoda. Doch auch für das Dachzelt gab es Wartelisten, denn die Produktion lief aufgrund von knappen Rohstoffen stets herausfordernd. Etwa 1800 Exemplare entstanden bis 1990.

QEK-lebending: Eng mit der DDR-Camping-Kultur verbunden: Der Qek Junior gehört zu den Ikonen der Szene.
Bild: Christian Bittmann / AUTO BILD
Die Rohstoffknappheit und die geringe Anhängelast des Trabant verhalfen noch weiteren Kuriositäten zum Leben und ließen die Vielfalt auf den Campingplätzen aufblühen. Einer, der direkt auffällt: der Weferlinger LC9-200. Bernd Ducho besitzt ein solches Exemplar und bekam sicher schon mal die Frage zu hören, ob er seinen Wohnwagen zu heiß gewaschen hat. Der Aufbau des 1966 für den Trabant veröffentlichten Weferlinger misst in der Länge gerade einmal zwei Meter – und ist damit höher als lang. Sein zweites Kunststück ist das Gewicht: Bei sagenhaften 250 Kilo Leergewicht muss Ducho fast aufpassen, dass eine Windböe das Leichtgewicht nicht vom Campingplatz fegt.
Das "Paradies auf Rädern" – so ein Prospekt zum LC9-200 – beherbergte übrigens trotz der geringen Abmessungen problemlos eine vierköpfige Familie. Aber nicht ganz ohne Tricks: Die PGH Heimstolz Weferlingen bot optional ein Vorzelt an, das die Wohnfläche verdoppelte und den Wohnwagen beinahe in eine Familienresidenz verwandelte.
Aufschwung für die Camping-Szene
In den Siebzigern erhöhte die DDR die Wohnwagen-Produktion merklich – einerseits, um der eigenen Bevölkerung Konsumgüter bieten zu können, andererseits für den Export ins Ausland, um Devisen in die klammen Kassen zu spülen. Neue und modernere Angebote brachten mehr Vielfalt, sodass sich ältere Konzepte wie der Weferlinger LC9-200 langsam zum Auslaufmodell entwickelten. Im Rahmen der Konsumgüterproduktion begann das VEB Qualitäts- und Edelstahlkombinat 1974 mit der Fertigung des Qek Junior. Das Leichtgewicht aus verklebten Kunststoffschalen erfreute sich bei den Campern großer Beliebtheit. Das lag nicht zuletzt am Preis: Mit knapp über 7000 Mark war der Qek Junior deutlich preiswerter als der ebenfalls populäre, aber gut doppelt so teure Bastei-Wohnwagen.
Mit dem Intercamp 355 erblickte ab 1973 ein weiterer Wohnanhänger das Licht der Campingplätze – nur eher selten auf dem Boden der DDR. Hier hätte der selbsttragende Aufbau aus glasfaserverstärktem Polyester zwischen Klappfix und Pouch-Steilwandzelt ohnehin wie ein Ufo gewirkt. Der geradezu luxuriös anmutende Intercamp 355 in wohnlicher Komplettausstattung mit Gasherd, Spüle, Kühlschrank und Heizung ging unter dem Namen Berger Oase vornehmlich in den Westen. Wer wollte, bekam in der LB-Version sogar einen kleinen Sanitärbereich dazu. DDR-Bürger mussten auf Rückläufer aus dem Westen hoffen, um in den Genuss des Spitzenprodukts ostdeutscher Fertigung zu kommen.

Mit Kleinkind, Schlafsäcken und Zelt in den Urlaub? Für den Berlin-Roller mit Anhänger "Campi" kein Problem.
Bild: Christian Bittmann / AUTO BILD
Doch Luxus brauchten die DDR-Bürger ohnehin nicht, um glücklich in ihrem Camping-Idyll zu werden. Der dezente Hauch von Freiheit, der auf den Campingplätzen wehte, und der ungewohnte Geschmack von Individualismus machte das Leben in Zelt und Wohnwagen so einzigartig und reizvoll. War der Antrag auf Campinggenehmigung erst einmal bewilligt und der Wunschplatz verfügbar, wartete ein Urlaub ohne große staatliche Kontrollen und Strukturen. Zwar befanden sich fast alle Plätze im Besitz des Staates, aber er umsorgte die Camper nicht wie in den organisierten Ferieneinrichtungen.
Die betriebliche Erholungsstätten und Ferienheime des Freien Deutschen Gewerkschaftsbundes (FDGB) gehörten zu den am weitesten verbreiteten Urlaubszielen. Rund die Hälfte der DDR-Bürger verbrachten in den Achtzigern hier ihre Ferien, 30 Prozent auf Campingplätzen. Die Ferienheime und betrieblichen Anlagen waren vor allem leicht verfügbar, unkompliziert und günstig. Demgegenüber standen starre Essenzeiten und oftmals klar strukturierte Tage. Und wer in einer betrieblichen Erholungsstätte urlaubte, traf nicht selten den Kollegen von der Arbeit am Frühstückstisch.

Zipfelmütze: Das Müller-Dachzelt bietet auf 2,9 Quadratmetern zwei Schlafplätze.
Bild: Christian Bittmann / AUTO BILD
Dieser gezwungenen Urlaubsatmosphäre stand der Campingplatz gegenüber, auf dem sich Familien in ihr privates Reich zurückziehen konnten, viel Natur um sich herum hatten und den Gasherd dann entzündeten, wenn der Magen knurrte. Camping war entsprechend für viele die kleine Flucht aus dem Ferienkollektiv im FDGB-Heim. Da störten selbst die Schlangen beim morgendlichen Brötchenholen am Campingkiosk nicht. Oder dessen leeren Regale in der Hauptsaison. Profis deckten sich ohnehin bereits Wochen vor Abreise in der Heimat mit ausreichend Proviant ein.
Auch hier zeigte sich einmal mehr: Camping machte in der DDR erfinderisch und forderte Improvisationstalent. Viele ehemalige DDR-Camping-Freunde, so wie Evi und Siggi Veith, haben sich diese Tugend bis heute erhalten. Mit ihnen lebt die einmalige Camping-Kultur auch mehr als 30 Jahre nach Ende der DDR weiter.
Service-Links