Wenn Sie sich in Ihrem Ferrari F40 fühlen wie in einem VW Golf, weil alle Autos um Sie herum seltener sind als Ihres, dann haben Sie entweder einen seltsamen Traum. Oder Sie sind auf dem Concorso d'Eleganza Villa d'Este. Wahrscheinlich ist es ein Traum, denn einfach irgendeiner der 1315 produzierten F40 dürfte kaum einen Platz als Teilnehmer dieses hochklassigen Schönheitswettbewerbs bekommen. Das Gleiche könnte für den McLaren F1 gelten, obwohl von dem nur 106 Stück hergestellt wurden.
Die beiden Autos, die wir auf dem Concorso d'Eleganza entdeckt haben, wären in jedem Auto-Quartett die Supertrümpfe: Ferrari F40 GTE und McLaren F1 GTR.
Der Ferrari erscheint mit nur sieben gebauten GTE seltener als der McLaren (vom GTR gab es 28 Stück) – aber das Exemplar des F1, das im Park der Villa d'Este stand, ist dermaßen berühmt, dass die Ultras unter den McLaren-Fans ihn an den letzten drei Stellen seiner Fahrgestellnummer erkennen: "11R", raunen sie einander zu, und Augenbrauen heben sich.

Ferrari F40: vom Rennwagen zum Straßenauto zum Rennwagen

Sehen wir uns trotzdem erst mal den Ferrari an. Die Entstehung des F40 ist die Geschichte eines bemerkenswerten Hin und Her: Er stammt von einem Rennwagen ab, sollte selbst keiner werden, sondern ein reiner Straßensportwagen, diverse F40 wurden dann aber doch wieder Rennwagen.
Roter Rennwagen Ferrari F40 GTE von schräg vorn
Der SerienF40 hat Klappscheinwerfer, die Rennvariante GTE feststehende Leuchten unter Plexiglas – leichter, aerodynamischer und weniger anfällig. Kunststoff-Seitenscheiben mit Schiebefenstern.
Bild: Frank B. Meyer/AUTO BILD
Die Wurzel des F40 ist der Ferrari 288 GTO. Der war Ferraris Bewerbung um die Teilnahme an der Rundstrecken-Gruppe B, die die Motorsportbehörde FIA angekündigt hatte. Auf Basis des 288 GTO bauten sie fünf oder sechs High-Tech-Prototypen mit Karosserieteilen aus leichten Verbundwerkstoffen und heftigen 1,6 bar Turbo-Ladedruck. Mit dem 288 GTO hatten die nicht mehr viel zu tun. Interner Name: GTO Evoluzione.

Aus der Not geboren

Aber, ach: Nur Ferrari und Porsche wollten in der Rennserie mitmischen (die Stuttgarter mit dem Porsche 959) – das war der FIA zu fad, und sie sagten die Serie ab. Nun saß der alte und kranke Enzo Ferrari da mit den teuren, nutzlosen Rennwagen. Die rettende Idee: Wir entwickeln den Evoluzione als Straßensportwagen zu Ende und verkaufen ihn teuer.
So entstand von 1986 auf 1987 der F40.

Der Wildwuchs der Renn-F40

Ferrari F40 GTE von schräg hinten
Spezialisten erkennen unter anderem an Heckflügel und Diffusor, welche der diversen F40-Rennwagen sie sehen. Selbst unter der Handvoll GTE gibt es noch Unterschiede zwischen dem 1995er und dem 1996er Modell.
Bild: Frank B. Meyer/AUTO BILD
Von wegen reiner Straßensportwagen: Der französische Ferrari-Importeur und weitere Motorsport-Fans kamen auf die Idee, den F40 in Rennen einzusetzen. So entstand ein unübersichtlicher Wildwuchs an privat umgebauten F40-Varianten für IMSA-Rennen in den USA, F40 Competizione ab Werk als Rennwagen-Basis für Kunden, F40 GT für die italienische GT-Meisterschaft, F40 LM für internationale Rennen in der Serie BPR Global GT. Inzwischen gibt es sogar einen ehemaligen F40 LM mit zwölf Zylindern ...
... nun aber Vorhang auf für das Auto auf unseren Fotos: den F40 GTE.
Hinterrad des Ferrari F40 GTE
Enkei-Räder aus Japan treffen auf Pirelli-Reifen und Brembo-Bremsen aus Italien.
Bild: Frank B. Meyer/AUTO BILD
Die Firma Michelotto in Padua (nicht Michelotti, die haben Karosserien gestaltet und gebaut) entwickelte den F40 zum GTE weiter. Der wurde in der BPR und in Le Mans eingesetzt, hatte 1995 noch 3,5 Liter Hubraum, 1996 und 1997 dann 3,6 Liter, einen besseren Spoiler, Heckflügel und Diffusor und andere Lufteinlässe.
Plexiglashaube über dem Mittelmotor
Der Achtzylinder-Vierventiler mit Turbolader ist unter der gelochten Plexiglashaube immer gut zu sehen. In diesem Auto soll er 720 PS leisten – auf 1050 kg Leergewicht!
Bild: Frank B. Meyer/AUTO BILD

Warum dieser F40 geschoben wird

Jetzt, neben der Villa d'Este am Comer See, konkurriert der F40 GTE nicht mehr um Rundenzeiten, sondern um die Anerkennung der Jury. Das Exemplar von 1995, Fahrgestellnummer 84503, ist laut Veranstalter eines von sechs gebauten, wiegt 1050 Kilogramm – und leistet 720 PS.
Die anderen Autos des Concorso fahren aus eigener Kraft auf dem weißen Kies langsam vor die Villa, um das Publikum zu ergötzen; der F40 wird geschoben. Denn wenn die sequenzielle Schaltung die noch so zart dosierte Kraft des 720-PS-Motors auf die Hinterräder loslässt, dürfte ein Hagel aus Kieselsteinen die Party crashen.
Ferrari F40 GTE wird beim Concorso d'Eleganza geschoben
Wer seine Gäste liebt, der schiebt.
Bild: Frank B. Meyer/AUTO BILD

McLaren F1: vom Rennwagen zum Straßenauto zum Rennwagen

McLaren F1 von vorn mit offener Scherentür
McLaren F1 GTR mit offener Scherentür (Fahrertüren sind in diesem Fall beide, das Auto hat nur einen Sitz in der Mitte). Der Schweizer Uhrenfabrikant Franck Muller hatte den Neuwagen bezahlt, seine Werbung ist wieder auf dem Ex-Rennwagen.
Bild: Gudrun Muschalla/BMW
Sein Konkurrent nebenan, der McLaren F1, lässt sich dank altmodischer Kupplung gefühlvoller anfahren. Die Geschichte des F1 hat aber erstaunliche Parallelen zum Motorsport-ja-oder-nein-oder-doch des Ferrari F40: Die Idee zu dem Auto entstand 1988, als McLaren-Chef Ron Dennis und Entwickler Gordon Murray nach dem Formel-1-GP von Monza am Flughafen Linate bei Mailand saßen – 65 Kilometer von der Villa d'Este entfernt. "Wollen wir nicht einen Supersportwagen mit Renntechnik bauen, aber nur für die Straße?"
McLaren F1 von schräg hinten
Wie der Ferrari hat auch der F1 GTR Nummer 11R einen speziellen Heckflügel. Die Abrisskante lässt sich von außen verstellen, je nachdem, ob man mehr Abtrieb oder weniger Luftwiderstand haben möchte. Nach vorn eingezogene Rücklichter.
Bild: Gudrun Muschalla/BMW
Haben sie gemacht. Heraus kam der F1, dessen Name nicht zufällig an die Formel 1 erinnert. Wieder kamen Motorsport-Fans um die Ecke und redeten auf den Chef ein, eine Variante für Rennen zu entwickeln. In diesem Fall hieß das Ergebnis McLaren F1 GTR. 28 Exemplare entstanden.
Innenraum des F1 GTR
Von drei Sitzen ist im Rennwagen GTR nur der Fahrersitz in der Mitte übriggeblieben, und der hat eine hauchdünne Schale. Vorn im Bild die Feuerlöschanlage
Bild: Frank B. Meyer/AUTO BILD
Trotz des 266 Kilogramm schweren Zwölfzylinders von BMW wog das Serienauto nur gut eine Tonne – der GTR war sogar noch leichter. Einer der Dänen, denen das Auto an der Villa d'Este anvertraut wurde, öffnet für uns die Tür, und ein paar Gründe für das Leichtgewicht sehen wir sofort: Der rechte und der linke Sitz sind nicht mehr da; der Fahrersitz in der Mitte ist so dünn, dass er fast aussieht wie dunkelgraues Büttenpapier.
Cockpit des McLaren F1 GTR
Ein Bad in Carbon! Bürgerliche Materialien wie Leder gibt es fast nur am Lenkrad, bis hin zum Monocoque ist nachgerade alles aus Kohlefaser. Schalthebel rechts, obwohl es ein britischer Wagen ist.
Bild: Frank B. Meyer/AUTO BILD

F1 und F40: alte Bekannte

Wahrscheinlich sind der McLaren und der Ferrari schon früher begegnet, denn auch dieser F1 GTR (mit der Fahrgestellnummer, die auf 11R endet) trat 1996 in der GT-Serie der BPR an. Rennfahrer Fabien Giroix holte in fünf Rennen drei Plätze auf dem Treppchen – gut, aber nicht der Stoff für Heldensagen.
Scheinwerfer des Mclaren F1 GTR
Doppelscheinwerfer, typisch für Le-Mans-Autos. Darunter: Luftsplitter aus Carbon, ähnlich wie beim Ferrari F40 GTE.
Bild: Frank B. Meyer/AUTO BILD

Warum Mercedes sich einen F1 von der Konkurrenz holte

Die filmreife Geschichte passierte erst im Jahr danach: Mercedes war dabei, den CLK GTR zu entwickeln, und hatte nur noch 128 Tage Zeit. Um Zeit zu sparen, nahmen sie genau diesen F1 (Nummer 11R) als "Maultier" (mule), um in Jarama bei Madrid die Aerodynamik ihrer eigenen Karosserie zu testen und wohl auch, um in dem Chassis den eigenen V12 zu erproben.
Ob die Schwaben den F1 als Gebrauchtwagen bei einem französischen Rennstall gekauft oder direkt beim damaligen Konkurrenten McLaren ausgeliehen haben, darüber werden unterschiedliche Geschichten erzählt. Jedenfalls kam #11R noch später zu McLaren zurück – wieder mit dem originalen Motor drin und der originalen Karosserie drauf. Die von Mercedes war verformt, nachdem Alessandro Nannini bei einer Testfahrt damit ein bisschen in die Bande geballert war.
Detail eines Leichtmetallrades am McLaren F1 GTR.
Spezielle Räder für die GTR-Rennwagen von OZ Racing in Italien.
Bild: Frank B. Meyer/AUTO BILD
Am Ende waren zwei Seiten unglücklich mit der Aktion: BMW, denn die waren damals Partner von McLaren und angesäuert, dass der Erzfeind von McLaren profitiert hatte. Die Bayern beschwerten sich schriftlich bei Bernie Ecclestone, damals noch FIA-Vizepräsident. BMW-Marketingchef Karl-Heinz Kalbfell klagte: "Die Tatsache, dass AMG mit einem McLaren-Chassis testet, war wie ein Kulturschock für mich. Ich würde niemals ein Mercedes-Chassis nehmen, um unsere Motoren zu erproben." Dabei hatten Daimler-Benz und McLaren schon 1994 eine Motorenpartnerschaft vereinbart.
Auch McLaren selbst war stinkig, denn der CKL GTR rang in der Saison 1997 den eben noch dominanten McLaren F1 auf den Rennstrecken nieder. Nur die Leute beim Daimler strahlten.

Ein Rennwagen in Rente

Ferrari F40 Competizione von schräg vorn.
An F40-Rennwagen herrschte am Concorso kein Mangel: Das Auktionshaus Broad Arrow Auctions versteigerte nebenan an der Villa Erba diesen Ferrari F40 Competizione. Etwas über 2,3 Millionen Euro zahlt der Meistbietende. Im Vergleich entdeckt man viele Unterschiede zum GTE.
Bild: Frank B. Meyer/AUTO BILD
Als typisches Sammlerauto (auch der ChatGPT-Gründer hat einen F1) wohnte der 11R später mal in Schweden, mal in Italien. Nach dem Concorso d'Eleganza wird der F1 zurück in seine Sammlung gebracht – nach Dänemark, zu Jacob Brunsborg, dem Aufsichtsratschef der Jysk-Holding. Auch beim ehemaligen Dänischen Bettenlager gibt es also Enthusiasten, die es nicht immer kuschlig und hygge (gemütlich) haben möchten.