Fiat Ritmo 60 CL von 1982 im Test
Die Klasse von 1980: Der Fiat Ritmo 60 CL im Test

Bei den Kompakten gilt der Golf als gesetzt. Doch die Konkurrenz des Wolfsburger war schon früher groß und vielseitig. Wie wäre es mit einem Fiat?
Bild: Christian Bittmann / AUTO BILD
Als erst dritter Fiat – nach Dino und Fiorino – erschien der progressive, leicht exaltierte Ritmo. Wie ein Designermöbel in "Marmor-Beige" steht er mit seinen kontraststarken einteiligen Kunststoffschürzen an Bug und Heck da. Selbst die coole Plastikhutze auf der Motorhaube, die runden Türgriffe und die Stahlräder mit den vier schwarzen Streifen bekennen sich zu italienischem Chic.
Auch innen, wo bei den modischen Beige- und Brauntönen noch die 70er durchschimmern und wo walzenförmige Wippschalter in der Bedienung zum Nachdenken anregen, macht der Ritmo optisch am meisten her. Das Lenkrad liegt italotypisch flach, das Plastik fasst sich dünn und günstig an, und das schrullige Bedienkonzept ist weit von der nüchternen Logik der bundesdeutschen Viermeterklasse entfernt. Hinzu kommen der hohle Klang der laut scheppernd ins Schloss fallenden Türen und die sitzsackweiche Bestuhlung. Perfektion ist nicht des Fiat Kernkompetenz. Und trotzdem fällt es schwer, sich dem Charme des Gesamtkunstwerks Ritmo zu entziehen.

Zum Designer-Look gehören durchgestylte Wippschalter und Hebel sowie eine Digitaluhr von Veglia, die dort sitzt, wo sie nur der Fahrer sieht.
Bild: Christian Bittmann / AUTO BILD
60 CL steht an dessen Heckklappe, auf dem deutschen Markt bedeutete das: kleinster Motor. Zwei Türen mehr kosteten 500 Mark Aufpreis. Auch wenn der Ritmo eher zierlich wirkt, geht das Platzangebot völlig in Ordnung, der Kofferraum ist größer als erwartet – auch deshalb, weil Wagenheber und Ersatzrad noch in den Motorraum passen. Dort sitzt der vom 128 übernommene 1,1-Liter-Vierzylinder mit 60 PS. Wie der VW braucht der Fiat Drehzahlen zum Leben. Passend dazu gibt’s beim Ritmo Tourenzähler und Fünfganggetriebe serienmäßig – das bietet hier sonst keiner! Den technischen Vorsprung vergeigt der Ritmo durch die vage, wabbelige Lagerung des langen Schaltknüppels, auch die Lenkung gibt sich trotz extradünner 145er-Bereifung zäh.
Plus/Minus
Angesichts der tollen Mischung aus mutigem Design und unproblematischer Technik erstaunt es, dass der Ritmo außerhalb Italiens keine größere Fan-Gemeinde hat – andere Fiat sind da bei uns schon sehr viel weiter. Dem Ritmo-Normalfall geht es da ein wenig wie dem herkömmlichen Lancia Delta, der auf der gleichen Bodengruppe basiert und im Schatten der Turbo- und Integrale-Versionen steht. Beim Ritmo wollen alle eine heiße TC- und/oder Abarth-Version oder bei Mut zum Außergewöhnlichen lieber eines der ab 1981 gebauten Cabrios, das von Bertone entwickelt und dort gebaut wurde. Das bietet neben einem stabilisierenden Bügel den praktischen Vorzug von vier vollwertigen Sitzplätzen.

Hinter der extrahohen Ladekante des Fiat wartet ein tiefer, gut nutzbarer Kofferraum.
Bild: Christian Bittmann / AUTO BILD
Bei der Vielfalt liegt der Ritmo ganz weit vorn. Es gab ihn mit drei und vier Türen sowie großer Heckklappe, als Cabrio und, wenn man die Underdog-Ableger Regata und Regata Weekend dazuzählt, auch als Stufenheck und Kombi. Der spanische Ableger Seat Ritmo, später Ronda, längst ein Fall für die tiefrote Liste, ließe sich ebenfalls erwähnen. Hinzu kommt eine weit gefasste Vierzylinder-Motorenpalette, die vom 60 PS starken Basistriebwerk über den 130 TC mit Zweiliter- DOHC-Motor und 130 PS bis zum 1,9-Liter-Turbodiesel mit 80 PS reicht. Wer einen Ritmo sucht, findet eine große Auswahl – die Entscheidung fällt zwischen erster und zweiter Generation. Zu den Schwachpunkten gehören eine sorglose Verarbeitung und Rost, vor allem bei den frühen Modellen bis 1982. Da geht es dem Ritmo beim Rost wie den anderen Kompakten in diesem Vergleich. Auch schwächelnde Getriebe mit hakeliger Gangführung und verschlissenen Synchronringen machen Probleme. Ersatz für Ausstattungsteile des Innenraums und die Kunststoffteile an Front und Heck sind am ehesten in Italien zu bekommen. Plus: Weder für Kauf noch den Unterhalt braucht es Reichtümer.
Marktlage
Ausgerechnet die frühen, die ganz normalen Ritmo machen sich rar. Ein unverfälschtes und unverbrauchtes Basismodell wie unser Fotoauto, das bei der Firma Top Oldtimer in Wülfrath zum Verkauf steht, ist vor allem hierzulande schon richtig selten. Einfacher und in überraschend großer Auswahl stehen die seltenen Abarth-Versionen 125 TC und 130 TC zur Verfügung. Auch Autos der modellgepflegten 2. Serie (großer Kühlergrill, Doppelscheinwerfer) ab Modelljahr 1983 und Cabrios der 1. und 2. Serie sind leichter zu finden.

Runde Sache: Die Fiat-Designer setzten beim Ritmo vor allem auf runde Formen.
Bild: Christian Bittmann / AUTO BILD
Ersatzteile
Am romantischsten wäre es natürlich, entspannt auf die Messe ins italienische Bologna zu fahren, um dort für kleines Geld große Mengen Ritmo-Teile einzusammeln. Allerdings ist die Versorgung auch online gesichert und leicht ohne ausufernde Italienisch-Kenntnisse zu bewerkstelligen. Eine Wasserpumpe (Ritmo Diesel) kostet 69 Euro, ein Handbremsseil schlägt mit zehn, ein Wischermotor mit 50 und ein Tankgeber mit 30 Euro zu Buche. Ein Paar Antriebswellen für die Abarth-Varianten 125 TC und 130 TC kostet 99 Euro, ein Kühlergrill für das Stufenheckmodell Regata 50 Euro (Quelle: www.fiatteile.de).
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