Wer einen teuren Oldtimer kauft, verlässt sich im besten Fall auf ein Klassiker-Wertgutachten. Dabei überprüft ein unabhängiger Experte das Fahrzeug, vergibt eine Schulnote für den Zustand und legt den Wert fest. Aber was, wenn dieses Papier fehlerhaft ist? Dann kann der Ärger hohe Kosten verursachen und jahrelang dauern – so wie im Fall von Peter Rottmann. Das Mercedes 220 Cabriolet A war schon zu Rottmanns Jugendzeit ein Luxusauto. Heute erst recht: Im Topzustand ist so ein barocker Benz aus den 1950er-Jahren mittlerweile mehr als 130.000 Euro wert.Für den 72-Jährigen war es die Erfüllung eines Traumes und zugleich verbriefte Sicherheit: Er wollte eine solide Geldanlage, mit der sich auch etwas Spaß haben lässt. Beim Oldtimerhändler Bechtel Motorcompany in Böblingen fand er beides in einem Wagen, dem besagten 220 A Cabrio. Ein Dekra-Gutachten attestierte dem Klassiker die Note 1 und einen besseren Zustand als zur Auslieferung im Jahr 1952. Außerdem erhielt Rottmann einen "100-Punkte-Prüfbogen" der Firma Bechtel für "größtmögliche Transparenz, Sicherheit und Fahrfreude". 139.000 Euro blätterte er hin – und noch einmal 30.000 Euro für eine neue Lackierung in Mitternachtsblau. Eines schönen Tages stand der Sechszylinder dann vor seiner Tür.

Endlose Mängelliste

Gutachten-Ärger: Mercedes 220 Cabriolet A
Die Abgasanlage wurde als wilder Eigenbau aus vielen unterschiedlichen Rohren zusammengeschweißt.
Doch der Spaß währte nicht lange. Wirklich auf Spazierfahrt ist Rottmann mit dem Klassiker nie gewesen. Schon bei der Probefahrt zeigten sich erste Probleme – und am Ende summierte sich eine Liste von unglaublichen 35 Mängeln! Das ist jetzt sechs Jahre her, eine Lösung lässt auf sich warten. Diese Probleme wurden am Benz-Oldie festgestellt: ● Rost an den Längsträgern ● Ölverlust an Motor, Getriebe, Hinterachse ● nicht passende Spaltmaße ● Türen hängen ● Kühlermaske und Stoßstangen innen rostig ● (neue) Lackierung schadhaft ● Bremsflüssigkeit tritt aus ● Motor läuft unrund ● Falten im Verdeckbezug ● Eigenbau-Auspuffanlage ● Radkappen nicht original.

Nummer auf Typenschild war schon mal vergeben

Gutachten-Ärger: Mercedes 220 Cabriolet A
Laut Gutachten handelt es sich beim Typenschild im Motorraum lediglich um eine Nachfertigung.
Rottmann beauftragte einen eigenen Gutachter. Der stellte fest: "An dem Fahrzeug sind Mängel vorhanden, die nicht der Definition der Note 1 entsprechen." Außerdem konnte der Sachverständige nicht nachvollziehen, wie der Mercedes in diesem Zustand die Hauptuntersuchung geschafft hat. Der dickste Hund aber war das Typenschild: Es war nachgefertigt – und die Nummer darauf wurde 1952 von Daimler für eine Limousine vergeben! Das von Peter Rottmann erworbene Cabriolet wurde offenbar aus zwei Autos zusammengebastelt. Urteil des zweiten Gutachters: Zum versprochenen Zustand der Note 1 fehlen noch 25.000 Euro!

Rottmann nicht der erste Geschädigte

Und noch etwas fand der geprellte Oldtimerfreund heraus: "Es steht fest, dass schon der Vorbesitzer das Fahrzeug wegen der Mängel an das Autohaus Bechtel zurückgegeben hat." Es ist der Auftakt zu einem Rechtsstreit, der bis heute andauert: Rottmann zeigte den Oldtimerhändler wegen Betruges an und verlangte sein Geld zurück – inklusive der Kosten, die ihm inzwischen entstanden sind. Bechtel überwies zwar den Kaufpreis zurück, bot aber nur 5000 Euro Entschädigung an. Daher behält Rottmann das Auto vorläufig in Verwahrung.

Fazit

von

Jochen Wieloch
Auch wenn die Originalität eines Oldtimers in der Tat oft nur mit immensem Aufwand nachgewiesen werden kann: Auf eklatante Mängel sollte jeder kompetente Sachverständige hinweisen können. So verstärkt sich der Verdacht: Im Gutachten steht mitunter das, was das Autohaus als Auftraggeber lesen möchte.

Von

Roland Wildberg
Jochen Wieloch