Mercedes W 123 "brauner Benz"

Mercedes W 123 ("brauner Benz"): Reportage

Die Legende ist zurück!

Mercedes W 123 sind als Kilometerfresser bekannt. Jetzt ist ein ganz besonderes Exemplar wieder aufgetaucht: der "braune Benz" von Markus Besold.
Als die beiden Amerikaner in der wenig ansehnlichen Hafengegend von Long Beach hinter einigen heruntergekommenen Containern einen noch heruntergekommeneren Mercedes mit verblasstem braunen Lack und einer von Rost überzogenen Karosserie entdeckten, wussten die beiden noch nicht, welche Geschichte sich hinter diesem W 123er verbarg. Rund zehn Jahre soll er hier bereits in der Hafengegend südlich von Greater Los Angeles gestanden haben. Wie er dahingekommen ist, weiß heute so recht niemand mehr, doch Autosammler Blue Nelson verliebte sich direkt in das braune Ungeheuer und wollte ihn wieder auf die Straße bringen.

Bei den Klassik-Experten von Mercedes gab es die Überraschung

Er ist es wirklich: Der W 123 mit dem deutschen Kennzeichen ist der legendäre "braune Benz".

Nachdem die beiden Klassikerfans die bräunliche Oberklasselimousine mit ihrem nur schwer zu erkennenden Charme vergangener Zeiten bei den örtlichen Hafenbehörden ausgelöst hatten, führte der erste Weg auf der Suche nach Rat und Tat ins Classic Center von Mercedes in Irvine. Und dort machten die Experten große Augen: Bei dem 200er-Diesel mit dem deutschen Kennzeichen A – AA 697 handelte es sich um den legendären "braunen Benz", mit dem Weltenbummler Markus Besold von 1994 bis 2007 mehr als 600.000 Kilometer um die Welt gereist war. Seit seiner Erstzulassung im Jahre 1982 war der Mercedes unter anderem durch Europa, Afrika, Süd- sowie Nordamerika gedieselt und hatte dabei insbesondere auf dem schwarzen Kontinent harte Zeiten erlebt. So packte sich der weithin verrostete 123er im Laufe der Zeit mehr als 820.000 Kilometer auf die Uhr. Ein echter Dauerläufer, der mit seinen turbofreien 60 PS zwar kein Rennen gewinnt, aber jeden Marathon und Crossläufe – über Jahrzehnte.

Als Gebrauchtwagen für 4999 D-Mark gekauft

Bewegtes Autoleben: Auf seiner Weltreise hat der Mercedes viel gesehen und 820.000 km gesammelt.

Markus Besold hatte den 123er mit einer Laufleistung von 232.665 Kilometern im August 1994 für zunächst als Alltagsauto für 4990 D-Mark erstanden. Damit der Wagen erkundungstauglich und geländegängig wurde, bekam er über die Jahre vier Zusatzscheinwerfer, einen mächtigen Dachgepäckträger für Ersatzreifen, zehn Ersatzkanister und Panzerplatten für das Anfahren im weichen Sand. Um für alle Wetter- und Straßenbedingungen gerüstet zu sein, gab es zusätzlich Öl- und Tropenkühler, Unterfahrschutz nebst Höherlegung, Schmutzfänger und Dieselvorwärmer. Mit dem 80-Liter-Tank eines 280 E und der Kanister-Tankstelle auf dem Dach schaffte der sparsame Diesel-Benz eine Reichweite von über 3000 Kilometern. "Ich benötigte ein Auto, in dem es sich angenehm Reisen lässt, das für vier Personen einschließlich Gepäck ausreichend Platz bietet und mit dem ich auch bei den weitesten Strecken keine Gedanken an eine Panne verschwenden muss. Bis dahin waren meine längsten Autoreisen Nürnberg und Reutte gewesen, beide mit Passat und auf beiden kam es zu Ausfällen", so Markus Besold auf seiner Website.
Die Serienausstattung des Mercedes 200 Diesel ist wie bei vielen Diesel-123ern dürftig, der Erstbesitzer ergänzte das spärliche Standardpaket seinerzeit nur mit einer Servolenkung, Mittelarmlehne, Colorverglasung und einer Zentralverriegelung, bevor der Wagen am 12. Mai 1982 ausgeliefert wurde. Auf dem Armaturenbrett klebt ein Armeekompass und ein kleines Kamel, während nach Lastwagenmanier am Plastiklenkrad ein Lenkknauf das Kurbeln erleichtert. Die Lammfellbezüge haben schon bessere Jahrzehnte gesehen, als das aktuelle, und damit immer der rechte Weg eingeschlagen wird, sind die Kartentaschen in den Türen prall gefüllt.

Seine Narben und Macken wird der Wagen auch in Zukunft tragen

Originalzustand verrottet: Autosammler Blue Nelson wird den Mercedes exakt so erhalten, wie er ist.

Auf seinen Reisen sah der "braune Benz", wie Weltenbummler Besold ihn taufte und wie er noch heute durch Netz geistert, unzählige Länder, Regionen und Klimazonen. Es gibt zahllose Bilder von Wasserdurchfahrten in Costa Rica, Abstecher in die Wüste von Tobruk oder Kufra/Lybien. Dabei hatte der 123er zahllose Unfälle, holte sich Dellen, Beulen und andere Beschädigungen. Nach Jahren der Vergessenheit holte ihn Blue Nelson ins Leben zurück und will ihn nun genauso erhalten, wie er ist – mit allen Beschädigungen und einer Orgie in Rost. Der automobile Lochfraß wäre dem aktuellen Besitzer im vergangenen Sommer beinahe zum Verhängnis geworden. Denn als Nelson auf dem Weg zu der Oldtimerveranstaltung Legends of the Autobahn fahren wollte, die als einer der Höhepunkte der spektakulären Pebble Beach Autoweek gilt, fiel ihm während der Fahrt das Bodenblech vor seinem Fahrersitz heraus – und er schaute auf den nackten Highway.
"Als das Bodenblech herausfiel, habe ich mich mit einem Stück Holz beholfen", lacht Nelson, "ich will den Wagen genauso erhalten wie er ist. Er ist eben ein Stück Zeitgeschichte." Genau das wird er auch bleiben. Neu ist nur die edle Schatulle, die Blue Nelson im Kofferraum des löcherigen 200ers transportiert. Auf einer darin liegenden Urkunde hat das Mercedes Classic Center in Irvine offiziell bestätigt, dass der braune Benz auf der halben Welt mehr als 750.000 Kilometer gelaufen hat. Und ein Ordner mit historischen Fotos liegt gleich daneben.

Autor: Stefan Grundhoff

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