Pro & Kontra: Leichenwagen-Oldtimer
Sind Leichenwagen eigentlich echte Oldtimer?

Sie dienen der Fahrt zur letzten Ruhe, oft bildet ein Luxusgefährt ihre Basis: Leichenwagen. Taugen sie als begehrenswerte Klassiker, oder hat sie der Hauch des Todes für alle Zeiten versaut? Zwei Meinungen zu Bestattungsfahrzeugen.
Bild: Bernhard Schmidt
Wer hier hinten mitfährt, hat keinen Spaß an der Reise, denn er oder sie ist in der Regel tot. Doch weil Bestatter meist im Verborgenen agieren und Leichenwagen dezent in Garagen stehen, altern auch sie zum Oldie. Und werden irgendwann dem ursprünglichen Zweck entzogen, kommen auf den Oldie-Markt, reifen gar zum H-Kennzeichen-Oldtimer. Oft bildet ein Luxusfahrzeug ihre Basis. Nur: Sind Leichenwagen echte Oldies?
Malte Büttner : "Leichenwagen bieten große Individualität und hohen Nutzwert zum schmalen Kurs"
Ich war ungefähr sieben Jahre alt, als ich zum ersten Mal "Harold and Maude" schaute – bis heute mein absoluter Lieblingsfilm. Neben dem grandiosen, von Cat Stevens komponierten Soundtrack waren es anfangs vor allem die beiden Leichenwagen, die es mir antaten.
Zur Erinnerung: Der gerade volljährige Harold findet auf einem Schrottplatz seinen Traumwagen, einen 59er Cadillac Eldorado als Bestatter. In ihm findet der Jungspund die perfekte automobile Fortsetzung seiner düsteren Gedanken und mischt das gehobene Establishment seines Elternhauses und deren hausbackene Vorstellungen gründlich auf. Die resolute wie ignorante Mutter erträgt "diese Geschmacklosigkeit in der Einfahrt" nicht. Sie lässt den Caddy abermals verschrotten und schenkt ihrem Sohn – der Glückliche – einen Jaguar E-Type.
Der aber bleibt konsequent und schlüpft kurzerhand in den Blaumann, um den Sportwagen in einen wunderschönen, Shooting-Brake-artigen Bestatter zu verwandeln. Ich war begeistert und bin es bis heute. Denn gegenüber dem legendären, aber oft gesehenen Jaguar wirkte der Umbau um Längen spannender und aufregender.

Malte Büttner bewundert die manufakturartige Umsetzung der Bestatter.
Bild: AUTO BILD
"Bestattungsfahrzeuge sind rollende Meisterwerke"
Bestatter haben nicht selten das Doppelte bis Dreifache des Spenderfahrzeugs gekostet und sind rollende Meisterwerke ihrer Erbauer. Der praktische Nutzwert ist immens, der Wiedererkennungswert enorm. Ihre Fracht wurde immer gut verpackt transportiert, die Hygienevorschriften waren in ihrer Dienstzeit höher als in fast allen Branchen und lassen jedes neue Carsharing-Auto am Straßenrand wie eine rollende Müllhalde wirken. Ich liebe Individualität und seltene Nischenautos. Da sind Bestatter nur die konsequente Fortsetzung. Bürgerlich-konventionelle Korsetts lege ich mir nicht an, Standard-Autos, auch Oldtimer, überlasse ich anderen. Wie seinerzeit Harold.
Andreas May: "Unsere Oldtimer haben was mit Lust zu tun, Leichenwagen verkörpern den Tod"
Manchmal schließe ich die Augen und stelle mir vor, mit welchem Auto dir die Herzen am ehesten zufliegen bei einer Oldtimer-Rallye. Porsche 911? Na, zumindest nicken sie anerkennend, wollen ja viele, haben nur nicht das Geld dafür. Irgendwas mit Käfer? Klar, das Auto der Liebe! Papa, Mama, Onkel, Tante hatten einen, vielleicht haben sie zum ersten Mal in einem Käfer geknutscht, vielleicht ging auch mehr. Oder Bulli wie der T1-Samba? Aus eigener Erfahrung kann ich sagen: Da gehen Daumen blitzartig hoch, willst du haben, auch wenn du ihn nach der ersten Tour lieber hinstellen und anstarren möchtest.
"Wer kann sich für Leichenwagen begeistern?"

Andreas May törnen Bestattungswagen ab, er hat keine Lust auf makabere Autoliebe.
Bild: Steven Haberland / AUTO BILD
Ganz ehrlich: Ich finde Leichenwagen als Oldtimer-Liebhaberei so makaber, dass ich gar nicht wissen will, was sich deren Besitzer dabei denken.
Natürlich gehört der Tod zum Leben, natürlich landen wir alle mal auf der Pritsche eines Leichenwagens. Aber davor wird bitte schön gelebt. Zum Beispiel in einem offenen BMW Z3, im Golf 1 Cabrio oder im 1303-Käfer als Cabrio. Damit fährst du durch den Sommer, die Sonne küsst deine Haut, der Wind wirbelt dir durchs Haar. Das sind diese Kilometer, auf denen du dein Auto spürst, auf denen du es fühlst und manchmal riechst.
Wie soll das bitte in einem Leichenwagen funktionieren? Du fährst durch die Südpfalz, die Mandelblüte und der Riesling vom letzten Jahr sind so gut, dass du sagst: Schatz, wir bleiben hier, da ist hinten auch eine Schlafgelegenheit drin.
Dann steigt Schatzi hoffentlich augenblicklich aus und hält Ausschau nach einem freien Platz in Z3, Golf oder Käfer.
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