Als vor knapp drei Jahren der legendäre Uhlenhaut-Mercedes für 135 Millionen Euro als teuerstes Auto aller Zeiten versteigert wurde, stand die Oldtimerwelt länger als nur eine Sekunde still. Jetzt versteigerte das Indianapolis Motor Speedway Museum ein spektakuläres Einzelstück: den Stromlinienrennwagen vom Typ Mercedes W 196 R. Wieder gab es einen Rekord: Mit über 51 Millionen Euro ist der Silberpfeil der bislang teuerste Rennwagen.
Versteigerungen von Klassikern sind generell eine spannende Angelegenheit. Doch zumeist finden diese Auktionen bei den exklusiven Oldtimer-Events in Monterey, Paris oder Dubai statt. In hitzigen Bieterkämpfen drücken sich die Preise der Fahrzeuge oftmals in geradezu unanständige Höhen. Diesmal gab es an einem ungewöhnlichen Ort nur ein einziges Auto zu ersteigern – und zwar ein besonders spektakuläres. Der Mercedes-Benz W 196 R Stromlinienrennwagen von 1954, unter anderem pilotiert von Juan Manuel Fangio und Stirling Moss.
"Dieses Auto mit der Fahrgestellnummer 00009/54 ist absolut einzigartig, und daher war eine normale Veranstaltung dafür nicht der richtige Platz", erläutert Peter Haynes vom Versteigerungshaus RM Sotheby's in London. "Auch wenn das Indianapolis Motor Speedway Museum das Fahrzeug versteigert, ist es untrennbar mit Mercedes verbunden, und daher ist das Museum hier genau der richtige Ort für diese Einzelauktion."

Mercedes W 196 R: Bieterduell unter Ausschluss der Öffentlichkeit

Beteiligt waren sechs bis acht Bieter – genauer möchte es das Auktionshaus nicht bestätigen. Zumindest ein Bieter war im großen Saal des Mercedes-Benz Museum Stuttgart selbst anwesend, alle anderen ließen über RM-Agenten am Telefon bieten, zumeist nach wochenlangen Absprachen.
Auf dem roten Teppich: der silberne Mercedes W 196 R Stromlinie mit der Nummer 16. Neben dem Hauptdarsteller am Pult: Auktionator Sholto Gilbertson. Er schlug nach 14 Minuten zu: "Verkauft – für 46,5 Millionen Euro." Zusammen mit der zehnprozentigen Auktionsgebühr nebst Steuer: 51.155.000 Euro – ein neuer Rekord für einen Rennwagen und das zweitteuerste jemals versteigerte Auto.
Mercedes W 196 R
Der Mercedes W 196 R Stromlinienrennwagen erzielte bei einer Auktion in Stuttgart eine Summe von über 51 Millionen Euro.
Bild: Mercedes-Benz AG
Eine Auktion wie keine andere – mit einem Auto wie keinem anderen. Normalerweise wird bei einer Versteigerung eine Vielzahl von Gegenständen angeboten. Die Bieter müssen sich vorher anmelden, um eine offizielle Bieterkarte zu bekommen, die sie bei Gebotsabgabe in die Höhe recken können. Diesmal setzte sich die Bieternummer 6128 durch. Wer dahinter steht, bleibt streng geheim. Die Auktion selbst war nüchtern, und die Etappen über 20, 30, 35, 40 bis hin zu den 46,5 Millionen Euro machten früh klar, dass der Rekordverkauf des Uhlenhaut-Coupés im Frühjahr 2022 nicht in Gefahr geraten würde. "Das ist keine Überraschung, denn ein Grand-Prix-Rennwagen ist spezieller und erzielt nicht derart viel wie ein Straßenauto", erläutert Haynes.

Elitäre Versteigerung im Mercedes-Museum

Viel Vorbereitung für das Versteigerungsunternehmen, jedoch nicht allzu viel Arbeit für den Auktionator wie in diesem Fall Sholto Gilbertson. Nur eine Handvoll vorher peinlichst genau ausgesuchter Interessenten – fast alle am Telefon. Da geht nicht viel. Das sieht bisweilen ganz anders aus: Ist die Versteigerung ein Selbstläufer, muss der Auktionator nicht viel tun. Läuft das Ganze zäh ab oder springt der Preis nicht über den festgelegten Mindestwert, muss der Versteigerer die Interessenten anheizen oder sie in einen Zweikampf bringen. Der Veranstalter erhält eine vorher festgelegte Provision von zumeist zehn bis zwölf Prozent.
Bei der Millionen-Versteigerung im Stuttgarter Mercedes-Museum lief das Ganze anders – deutlich elitärer und geheimnisvoller. "Es gibt weltweit nur einen sehr kleinen Kreis von Interessenten für ein solch spektakuläres Auto mit entsprechendem Wert", erläutert Haynes. "Unsere Experten haben die Interessenten in den vergangenen Monaten angesprochen und ihnen das Fahrzeug vorgestellt. Die potenziellen Bieter bleiben normalerweise geheim. Auch Mercedes und das Indianapolis Motor Speedway Museum wissen nicht, wer letztlich an der Versteigerung beteiligt ist."
Nach den 14 angespannten Auktionsminuten fiel der Druck von allen Beteiligten ab. Marcus Breitschwerdt, Leiter von Mercedes Classic, ist ebenso zufrieden wie die kleine Armee der RM-Sotheby's-Mitarbeiter: Die monatelangen Vorarbeiten haben sich gelohnt, und die Einzelversteigerung im Museum war die richtige Wahl.

Ein Silberpfeil wie kein anderer

Der bisher unbekannte Höchstbietende kann sich freuen, einen Rennwagen wie keinen anderen in seiner Sammlung zu besitzen. Der W 196 R ist der Einzige seiner Art in Privatbesitz. Vorher wurde der Monoposto umfangreich analysiert, damit der neue Eigentümer des millionenschweren Klassikers keine böse Überraschung erlebt.
Der Verkäufer – anders als beim Uhlenhaut-Coupé – ist das Indianapolis Motor Speedway Museum, das den offenen Sportler im Jahr 1965 von Mercedes geschenkt bekommen hatte. Seither stand das Schmuckstück sechs Jahrzehnte in der sehenswerten Sammlung nahe des berühmten Speedways. Der Grund für die Veräußerung des stromlinienförmigen Silberpfeils ist einfacher, als mancher denkt: Mit dem Erlös sollen die Sammlung und die Restaurierungsarbeiten des Museums finanziert werden. Mit mehr als 51 Millionen Euro dürfte das gelingen.