Sunbeam Alpine V von 1968 im Test
So elegant kann Spaß sein: Sunbeam Alpine V

Gediegen an der Villa vorfahren oder schreiend vor Glück durch den Wind sausen? Mit dem Sunbeam Alpine V aus dem Jahr 1968 geht beides.
Bild: Christian Bittmann / AUTO BILD
Der Sunbeam Alpine rollt um die Ecke, die letzte Serie (Mk V) mit 1725 Kubik und 95 PS. 1959 kam der Alpine auf den Markt, gerade als die Heckflossen-Mode ihren Zenit überschritt. Es war ein bisschen wie heute: eine Trendwende vom kleinteiligen, überladenen Bling-Bling-Styling zu reduzierterem Design. Der Alpine bringt diese Zeit auf den Punkt: Er hatte anfangs noch hohe, spitze Heckflossen, war ansonsten aber sehr ruhig und glatt geformt.
Schöpfer dieser Form war der Brite Kenneth Howes. Schon 1949 sah Howes voraus, dass Autos eines Tages flexible Stoßfänger aus gefärbtem Kunststoff haben würden, die ins Design integriert sind. Von 1957 an, wieder daheim in England, formte er den Alpine, den ersten Sportwagen der Rootes-Gruppe. Auf einem Tonmodell wurde der Name "Sabre" gesehen.

Das Lenkrad des Alpine V lässt sich in der Reichweite einstellen, indem man die Nabe losschraubt. Die Pedale kann man in zwei Stufen einstellen.
Bild: Christian Bittmann / AUTO BILD
Das Auto basierte auf der Bodengruppe des Hillman Husky – die für ein Cabrio zu weich war. Bei frühen Testfahrten müssen die Prototyp-Karosserien sich schaurig verwunden haben. Testfahrer Bernard Unett berichtete, dass die etwa fünf Zentimeter langen Bolzen, die das Verdeck hielten, vor lauter Schüttelei aus ihren Sockeln sprangen. "Es war furchterregend", das Verdeck war auf einmal weg. "Ich wusste nicht, was als Nächstes abfällt." Also schweißten die Entwickler dickere und dickere Träger in die Bodengruppe, bis das Auto steif war. Und schwer. Die Technik stammte vom Sunbeam Rapier. Der erste Alpine von 1959 hatte 1,5 Liter und 78 PS. Gebaut wurde der Alpine nicht in Alpines Mutterkonzern Rootes, sondern bei Armstrong-Siddeley. Der Hubraum wuchs auf 1,6 Liter, aber mit höchstens 82 PS humpelte der Alpine seinen Gegnern MGA und Triumph TR3A (je 95 PS) immer hinterher.
Schub durch Hub
Da die Ingenieure auf der Suche nach mehr Leistung den schmalen Block nicht noch weiter aufbohren wollten, verlängerten sie (ähnlich wie die Porsche-Kollegen beim Carrera 2) den Hub: von 76,2 auf 82,55 Millimeter. Klingt für uns komisch, für die Briten nicht: denn aus ihrer Sicht wuchs der Hub von drei auf dreieinviertel Zoll. In der Höhe war aber wenig Platz, also verkürzten sie die Pleuelstangen. Die Prototyp-Motoren müssen damit schlimm vibriert haben. Buchautor Graham Robson bezeichnet ihre Laufkultur in Probeläufen als "unacceptable". Also konstruierten die Entwickler unter Leo Kuzmicki die Maschine nun mit ziemlich großem Aufwand um, von drei auf fünf Kurbelwellenlager, plus Vibrationsdämpfer an der neuen Kurbelwelle.
Jetzt, mit 1725 Kubik, Ölkühler, schärferer Nockenwelle und Zenith-Stromberg-Vergasern, war er konkurrenzfähig. Je nach Markt wurde seine Leistung mit 92,5 bis 99 bhp (brake horsepower) angegeben, bei uns mit 95 PS. Und damit erschien 1965 die fünfte, letzte und beste Version des Vierzylinder-Alpine. Chrysler war inzwischen bei Rootes eingestiegen und bot den Alpine in den USA mit fünf Jahren oder 50.000 Meilen Garantie an. "Road & Track" lobte 1966 – zu Recht – die gute Federung, die voll synchronisierte Schaltung, den Stauraum und den Verbrauch. Die Kollegen nannten den Alpine V "einen der zivilisiertesten unter den aktuellen Sportwagen".

Der Motor im Sunbeam mit 1725 Kubik kam im Jahr 1965. Die Leistungsausbeute: 95 PS.
Bild: Christian Bittmann / AUTO BILD
Klingt wie ein gediegenes Damenkabriolett. Unser Testwagen klingt nicht so. Die nachgerüstete Abarth-Auspuffanlage brüllt schon dazwischen, wenn man nur "Dame …" denkt. Die Tieferlegung vorn nimmt dem Alpine etwas von seiner Geschmeidigkeit, dazu passt die schwergängige Schaltung mit ihrer exakten Führung und den eher kurzen Schaltwegen.
Die Lenkung ist etwas teigig, aber die ausgeglichene Gewichtsverteilung ermöglicht hohes Kurventempo bei perfekter Rundumsicht. Gleichzeitig ist der Alpine vergleichsweise günstig, wahrscheinlich auch, weil er im Schatten der V8-Variante Sunbeam Tiger steht. (Hat jemand noch die Fernsehserie "Maxwell Smart" gesehen?)
Also wo ist der Haken? Na ja, da ist diese eine Sache: das Verdeck. Um es zu öffnen oder zu schließen, muss man mit Faltstreben hantieren, die von der B-Säule aus hochklappen und über den Seitenscheiben am Frontscheibenrahmen eingehängt werden. Ein bisschen umständlich, wer das allein tut, muss dabei dreimal ums Auto laufen. Ansonsten: auch ohne V8 ein begehrenswerter Wagen.
Plus/Minus
Die selbsttragende Karosserie ist nach 56 bis 65 Jahren in der Regel entweder rostig oder restauriert – oder beides. Denn viele Restaurierungen sind Pfusch. Der kluge Käufer fragt den Verkäufer, ob er einen alten Roadster mit dem Wagenheber an der Aufnahme vorm Hinterrad anheben darf – und prüft, ob dann die Türen gut öffnen und schließen. Die dreiteiligen Schweller des Alpine, so komplex sie sind, sind aber recht haltbar, sagt Markus Steininger, Besitzer unseres Testwagens. Er empfiehlt, vor allem A-Säulen, den X-Rahmen unter den Sitzen, die Aufnahmen der Blattfedern und die Endspitzen auf Rost zu prüfen. "Wenn das okay ist, ist er leicht zu restaurieren."
Die Technik ist überwiegend robust. Ist der Motor ölfeucht? Vielleicht liegt es daran, dass der Stirndeckel (mit Schleuder- statt Simmerring) festgeschraubt wurde, ohne zentriert zu werden, denn dann schleift die Riemenscheibe am Deckel. Auch die Abdeckung der Stößelstangen rechts ist öfter undicht.

Markanter Look: Die ganz spitzen Heckflossen verlor der Alpine 1964.
Bild: Christian Bittmann / AUTO BILD
Den Overdrive schützt Ölwechsel vor Verschleiß. Manche ersetzen an der Kupplung das Graphit-Ausrücklager durch Kugellager, um es haltbarer zu machen. Wer der Elektrik misstraut, nur weil das Amperemeter hin und wieder Brände verursacht hat, überbrückt dieses Teil lieber. Ansonsten reicht es, zuweilen alle Stecker zu lösen, mit Kontaktspray zu pflegen und dabei die Isolierung auf Brüche zu prüfen, sagt Steininger. Obacht: Mit Serie V wechselte Sunbeam die Elektrik auf Minus an Masse.
Hochwertige Stoffverdecke sind oft zu dick für die Verdeckkästen der frühen Modelle – Teilehändler Thomas Gottschalk (siehe „Ersatzteile“) rät, dann lieber ein günstiges Kunststoffverdeck zu kaufen und das alle zehn Jahre zu wechseln. Mehr Tipps unter silodrome.com/sunbeam-alpine-buying-guide. Besitzer Markus Steininger jedenfalls wirkt entspannt: "Der Alpine ist ein sehr haltbares Auto."
Marktlage
"Die Qualität der bei uns angebotenen Sunbeam wird besser", sagt Besitzer Markus Steininger. In den Börsen werden meist nur ein, zwei Autos in Deutschland angeboten, mehr in Großbritannien, den Niederlanden und Italien. In den Preisen ist kaum Bewegung. Selten und gesucht sind natürlich die unterschiedlichen Sonderkarosserien von Harrington. Den Sunbeam Tiger mit 4,3-Liter-V8 sieht Classic Data bei 55.000 bzw. 35.000 Euro (Zustand 2/3), den Mk II mit 4,7 Litern bei 76.000/50.000 Euro.
Ersatzteile
"Man kriegt fast alles", sagt Thomas Gottschalk von Rootesgarage, aber die Preise für Teile und für den Versand aus England oder den USA sind hoch. Manches gibt es nur gebraucht; Kotflügel werden neu gedengelt, mit drei Monaten Wartezeit. Manche Blechteile gibt es nicht. Bremsbeläge gibt es ab 70 Euro pro Achse, hintere Bremsbacken für die Serie V im Austausch für 120 Euro (rootesgarage.com), Überholsatz für beide Vergaser 260 Euro (limora.com), Verdeckstoff ca. 670 Euro (ebay.de), Zylinderkopfset 33 Pfund (sunbeamspares.com), Windschutzscheibe 276 Pfund (sunbeamcarparts.co.uk) – nur für Selbstabholer!
Service-Links
