Bei der Namensfindung sei er eigen. Er müsse das Produkt, das Auto, sehen, anschauen, fühlen, verste­hen. Erst dann würde am Ende was draus werden, nur so ließe sich der richtige Name finden. "Autos sind wie Menschen", sagt Manfred Gotta. Wer von uns würde diesen Satz nicht unterschreiben? Und der Twingo, sein Meisterstück, wäre der Beweis. Die unorthodoxe Form, die lä­chelnde Front und das freundliche Wesen habe ihn damals, 1993, auf die Modellbezeichnung gebracht. Renault selbst hatte Ypso vorge­schlagen, keine trockene Nummer wie all die Jahre zuvor. "Ausgelacht haben sie mich, wie ich da im Stu­dio um und unters Auto gekrochen bin." Aber Chefdesigner Patrick le Quément habe ihn gefragt, wie er das Auto beschreiben würde. Und als Twingo feststand und die Leu­te sagten: "Ja, genau!", da war sich Gotta sicher: "Ich habe den Cha­rakter, die Seele des Autos gefun­den."
Dicker und feierlicher wird Manfred Gotta (76) nicht auftra­gen in diesem mehrstündigen Ge­spräch über einen ungewöhnli­chen Beruf, den er für sich selbst erfunden hat und eigentlich ganz nüchtern sieht. Intuition, viel Übung und ein paar solide Me­chanismen steckten dahinter. "Aber eigentlich wollte ich Förster werden", sagt Gotta. Vielleicht er­klärt das, warum er nicht in der großen Stadt, sondern in einem Paar-Hundert-Seelen-Dorf im tiefsten Schwarzwald wohnt. Noch heute spricht er das weiche Hessisch seiner Heimat Nieder-Roden, zwischen Frank­furt und Aschaf­fenburg gelegen. Als Kind vom Land habe ihn die höhere Schule überfordert und nach dem Abitur die Idee gefehlt, welchen Beruf er ergreifen soll.

Hauptberuflicher Namensgeber

Nach vielen Umwegen mit Sta­tionen bei der Post, an der Tank­stelle und bei VDO bewirbt er sich mit Ende 30 bei einer Werbeagentur – und wird tatsächlich genommen. "Trotz meiner furchtbaren Bewerbung." Als Kon­takter betreut er Henninger Bräu und einen Tierfutterhersteller, für den er eher nebenbei den Produkt­namen "Katzenschmaus" erfindet. "Anfängerfehler", sagt er heute. "Das funktioniert natürlich nur im Deutschen." Aber Manfred Gotta weiß jetzt, dass es einen Markt da draußen gibt – einen Markt für Namen. Wieder wird er ausgelacht, die­ses Mal nach einem Vortrag im Marketing-Club Frankfurt. Und macht sich trotzdem am 1. April 1986 selbstständig. "Mit einem Autobianchi A112 als Firmenwa­gen, weil das Geld knapp war", sagt Gotta. "Ich habe bei der In­dustrie Klinken geputzt, bis sie ge­glüht haben." Und tatsächlich: Opel ruft an. Der Name des Asco­na-Nachfolgers muss in die "A"-Strategie passen. "Beim Preis von 25000 Mark haben sie gezögert, aber nach einer Viertelstunde war der Name Vectra beim Vorstand durch. Was war ich aufgeregt, hat­te extra Grafiken mitgebracht."
Wie eine Initialzündung wirkt der Opel-Auftrag. Auch Calibra, Tigra und Agila sind Produkte sei­nes Sprachlabors. VW heuert Man­fred Gotta an, um einen neuen Namen für den Erben des Sport­coupés Scirocco zu finden. "Cor­rado musste ich durchsetzen. Sogar einen Brief an den VW-Chef Carl Hahn habe ich ge­schrieben." Einen Nachfolger mit gleichem Namen wird es, vielleicht je gerade deshalb, nicht geben. "Namensgeber", sagt Manfred Gotta, wenn er nach seinem Beruf gefragt wird. Mit seinen halblan­gen Haaren, der blauen Brille und den roten Schuhen könnte er, wenn er draußen in Jaguar Mk 2 oder Daimler Double-Six steigt, auch gut als Galerist oder Promi­nentenfriseur im Ruhestand durchgehen. Aber die tägliche Arbeit zu handelsüblichen Büro­zeiten ist weniger glamourös.

Mehr als nur Fahrzeuge

Das Prozedere ist immer iden­tisch. Am Schreibtisch beginnt Gotta morgens um neun Uhr mit gespitztem 2B-Bleistift und karier­tem Papier sein Tagwerk, notiert Namen und Begriffe. Freie Mit­arbeiter ("am besten branchen­fern, sonst kommt immer das Glei­che") liefern Vorschläge von außen. Die besten Ideen werden an potenziellen Kunden getestet und auf internationale Verträglich­keit geprüft – Mitsubishi Pajero (spanisch: Wichser) und Mazda MR2 (merde, französisch: Scheiße) sind nur zwei mahnende Beispie­le für schwer verunfallte Modell­bezeichnungen. Am Ende bleiben vier oder fünf Namen übrig. "Nie mehr, eher we­niger." Was wären denn alternati­ve Vorschläge gewesen, nur mal so als Beispiel? "Dazu darf ich nichts sagen." Ypso von Renault war eine Ausnahme.

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Bei Renault, sagt Manfred Got­ta, habe der Erfolg des Twingo die ganze Firma beflügelt, vor allem aber die Designer. "Der Avantime war seiner Zeit voraus, schon des­wegen gab es beim Namen kein Dogma. Franzosen sprechen ihn übrigens englisch und Briten fran­zösisch aus. Komisch, oder? Und von Vel Satis waren sie bei Renault hellauf begeistert. Die Autos bin ich sogar auf der Teststrecke ge­fahren. Ich fand sie toll!"
Manfred Gotta, dessen erster Neuwagen ein Fiat 850 Spider war, fährt inzwischen Aston Martin, Alpine oder Morgan +8. Beim Se­hen, Fühlen, Spüren bleibt sich der Namensfinder treu: Als Bentley ihn anheuern möchte, aber den Zu­gang zum Auto verwehrt, lehnt Manfred Gotta ab. Er kann ja auch ganz anders! Für König Pilsener entwickelt er den Namen Kelts für das erste alkoholfreie Bier der Firma. Tar­gobank (Crédit Mutuel), Xetra (Deutsche Börse) und Megaperls (Henkel) kommen von ihm. Für einen Wasserpark denkt er sich den Namen Rulantica aus. Auf Evonik (RAG Aktiengesell­schaft) ist er besonders stolz: ein riesiges Unternehmen, ein allge­genwärtiger Name. "Der allerdings kaum jemanden interessiert", sagt Gotta. "Nur an der Pharmabranche bin ich gescheitert. Da fehlt es mir einfach an Gefühl." Da hilft es auch nicht, dass Sohn Julian (26) mit­denkt. "Mit 14 habe ich mich ge­fragt, was der Papa da eigentlich macht. Und so bin ich langsam ins Geschäft hineingewachsen." Irgendwann soll Julian Gotta den Familienbetrieb übernehmen. Aber kann man das Geschäft mit den Namen lernen? Da zucken Vater und Sohn mit den Schultern. Es bleibt eben eine Frage des Gefühls.
Auto-Biografie Manfred Gotta
Daimler Double-Six, auch ein großer Name. Als Gotta hört, dass die Serie III eingestellt werden soll, kauft er sich noch schnell eine Zwölfzylinder-Limousine.
Bild: Roman Rätzke / AUTO BILD
In der Autoindustrie trifft Man­fred Gotta fast immer den richti­gen Ton. Es entstehen lange Ko­operationen, nicht nur mit Opel und Renault. Bei Porsche beginnt die Zusammenarbeit mit der ma­nuell zu schaltenden Automatik, der Tiptronic. Dann folgt der Ca­yenne. "Der war leichter. Und den Anstoß für den Panamera habe ich im Porsche-Archiv gefunden." Aus Carrera und der Panamericana-Studie wird der neue Panamera – manchmal klingt es so leicht.
Die ganze Nomenklatur der Smart-Familie entsteht bei Gotta Brands: die Bezeichnung Smart, die Sicherheitszelle Tridion, die späteren Varianten fortwo und forfour, die so leicht über die Lip­pen gehen und bei denen jedem sofort klar wird, was gemeint ist. So gelingt es Manfred Gotta sogar, Mercedes-Chef Helmut Werner davon zu überzeugen, die großen Nutzfahrzeuge klangvoller und eingängiger zu benennen. "Er frag­te mich, wie sicher ich mir meiner Sache sei." Seitdem gibt es bei Daimler Lastwagen, die Actros heißen. Und ja, einen Twingo habe Got­ta natürlich auch einmal besessen. "Da war der Name am Ende besser als das Auto." Die Fans denken bei Twingo aber sowieso nur an das Ur-Modell, den praktischen, klei­nen Renault mit dem freundlichen Wesen.