VW aus Südamerika: Exoten im Überblick
Luftgekühlte Modelle aus Brasilien

Wir wagen einen Blick auf die Wolfsburger Modellpalette aus Südamerika und lüften so einige Geheimnisse brasilianischer VW-Modelle.
Bild: Christian Bittmann / AUTO BILD
Sonne, Palmen, Strandschönheiten in Minimal-Bikinis und ein betont lässiger Lebensstil: Das mag nicht das Erste sein, woran man denkt, wenn man "Wolfsburg" hört. Die Zuckerhut-Klischees über Brasilien sind geradezu der kulturelle Gegenpol zur protestantischen Arbeitsethik im Ostbraunschweigischen Flachland. Und doch haben sie sich irgendwie zusammengerauft, die steifen Niedersachsen und die Brasilianer vor den steilen Hängen von São Bernardo do Campo.
Um die Geschichten und Geheimnisse hinter den Modellen zu erfahren, sind wir nach Wolfsburg gefahren und haben im grandiosen VW-Konzernarchiv Berge von Akten durchforstet. Das ist selbst für die Modelle aus Brasilien die beste Quelle: Denn wie sich herausstellt, wurde die Konzernzentrale über nahezu jede Unterlegscheibe im Detail informiert. Jedenfalls wenn der Vorstand in Brasilien es wollte.
So fahren die brasilianischen VW-Modelle
Und wir haben einen ganzen Schwung brasilianischer VW zusammengetrieben und gefahren. Den braunen Bulli von Gunther Gunckel (51) aus Hameln zum Beispiel. Ein Typ 2, Baureihe T2 … äh … nein, T1, oder … was?! Also: 1967 brachte VW in Deutschland den T2, und viele Leser von Autozeitschriften in Brasilien freuten sich schon auf den neuen Bulli. Doch dort wurde zunächst mal nur der T1 verfeinert. Erst 1975, acht lange Jahre später, legte VW do Brasil einen neuen Bus auf: den hier, einen Hybrid aus T1 und T2. Interner Name: T1,5.

T 1,5: Front wie der T2b, aber mit geprägtem VW-Logo und anderen Stoßstangen. Die Lüftungsschlitze hinten zeigen nach innen.
Bild: Christian Bittmann / AUTO BILD
Nach der edleren Ausstattungsvariante Clipper, in der der T2 auf anderen Märkten angeboten wurde, nennen viele Brasilianer den T1,5 generell "Kombi Clipper", ähnlich wie normale Mini oft "Mini Cooper" genannt werden. Offiziell hieß der T1,5 schlicht Kombi. Der T1,5 war spürbar einfacher verarbeitet und schlechter ausgestattet als der T2, und von Scheibenbremsen, 1,8- oder Zweilitermotoren mit bis zu 70 PS im Bulli konnten Brasilianer nur träumen. Immerhin: Gunther Gunckels Auto hat die Luxusausstattung, u. a. mit Dachhimmel; und wie den T1 in Brasilien gab es auch den T1,5 als Sechstürer-Taxi mit drei Türen auf jeder Seite.
Extravaganter Kombi
Gleich und doch ziemlich anders: Auch wenn der Name VW 1600 Variant lautet, ist kaum ein Bauteil das gleiche wie beim deutschen Typ 3. Der Weg zu diesem Variant war lang und holprig: Entwickelt wurde er Ende der 50er-Jahre mit dem Code EA 97 als Käfer-Nachfolger auf einer verbreiterten Karmann- Ghia-Plattform. Er geriet aber so groß, dass er dem Typ 3 Konkurrenz gemacht hätte – das fiel offenbar erst den Marketingleuten auf, wenige Wochen vor dem geplanten Serienanlauf! Und nun? Alles wegschmeißen? Nein: in Brasilien bauen. VW lud 1968 die Produktionsanlagen für die neue Baureihe auf das Schiff "Paranaguá" mit Ziel São Paulo. Dumm nur, dass die "Paranaguá" vor Belgien sank.

Doppeldecker: Wie der deutsche 1600 Variant hat auch der Typ 105 zwei Kofferräume.
Bild: Christian Bittmann / AUTO BILD
Zum Glück konnten die Anlagen geborgen und repariert werden. 1969 sollte der Wagen auf den Markt kommen, als Viertürer mit Stufenheck. Dann fehlten aber Teile, zum Beispiel eine Feder zur Installation des Gaspedals und der Außenspiegel. So konnten die ersten Autos erst 1970 ausgeliefert werden – zehn Jahre nach der ersten internen Vorstellung in Wolfsburg.
Die Brasilianer nannten die Urversion mit Rechteckscheinwerfern "saboneteira" (Seifenschale) – der nettere von zwei Spitznamen, siehe Seite 25. Kunden kritisierten in einer Umfrage der Autozeitschrift "Quatro Rodas" die Innengeräusche, den Verbrauch und dass die Türen schlecht schlossen.
Die Kombiversion aber, der Variant, traf den Geschmack besser: Von 1970 bis 1977 wurden rund 257.000 Kombis (Typ 105) gebaut. Das Stufenheck (Typ 103) nahm VW schon 1972 vom Markt, nicht mal 40.000 Stück entstanden.
Stilikone mit großer Klappe
Ärger gab es um den Karmann-Ghia TC (Typ 145). Die Firma Karmann schlug im Herbst 1968 ein Facelift des alternden Typ 14 vor, mit veränderter Karosserie, großer Heckklappe und Motor vom Typ 3 mit 58 statt 54 PS. Die Idee: vor allem im Hauptmarkt USA Kunden zu halten. Geschätzter Mehrpreis: 1200 Mark. Wodurch das Auto auch teurere Konkurrenzmodelle bekäme. Aber: Der Vorschlag wurde durch den Verkaufsvorstand abgelehnt.

Fast glatt: Basis für den VW 1600 Karmann-Ghia TC (TYP 145) ist das Fahrgestell des Typ 3.
Bild: Christian Bittmann / AUTO BILD
Als VW-Chef Kurt Lotz aber Brasilien besuchte, griff Wilhelm Karmann – von seiner Außenstelle an der Via Anchieta aus – die Gelegenheit beim Schopfe und präsentierte ihm direkt einen Plan, anscheinend erst mal nur für Brasilien. Offenbar nickten Lotz und VW-do- Brasil-Chef Rudolf Leiding – wohl ohne Rücksprache mit der Forschungs- und Entwicklungsabteilung "FE-Ausland" in Wolfsburg. Nach längerem Hin und Her wurde der Wagen gebaute.
Heraus kam ein flotter Wagen für kultivierte Individualisten. Wer Opern von Antônio Carlos Gomes oder Bossa Nova von Antônio Carlos Jobim im Plattenschrank hat, sollte mal einen TC anprobieren. Mit der Mehrleistung und Verkaufserfolgen in den USA hat es aber leider nicht geklappt.
Kompakte Konkurrenz
Anfang der 70er herrscht Aufregung in Südamerika: Das Gerücht kam auf, dass GM ein modernes kompaktes Auto plant – er hatte recht, der Opel Kadett C kam 1973 als Chevrolet Chevette nach Brasilien. 1970, griff Rudolf Leiding zum Stift, zog die Silhouette eines Käfers und – mit rotem Stift – darüber die Umrisse eines kastigen Autos mit mehr Volumen und großen Fenstern. Da die Technik vom Käfer übernommen wurde, ging es dann schnell: 1973 kam der Brasília auf den Markt, einen Monat nach der Chevette.
Beinahe wäre ein Cross-Brasília entstanden: Der Programmausschuss von VW do Brasil beriet am 4. Juli 1974 – 16 Jahre vorm Golf Country – über einen "Typ 102 mit hochgesetztem Fahrgestell". Die Idee war aber kein Lifestyle-Auto, sondern ein Angebot fürs Militär.
Ebenfalls 1974 diskutierten sie über wassergekühlte Reihenmotoren im Brasília-Heck. Am Ende kam es umgekehrt – aber auch so wurde der Brasília das erste brasilianische Auto, das mehr als eine Million Mal produziert wurde.

Die Firma Gurgel in São Paulo baute in 25 Jahren 40.000 Fahrzeuge – vor allem Geländetaugliches, meist mit VW-Antrieb.
Bild: Christian Bittmann / AUTO BILD
Wer es etwas abenteuerlicher mag, der fährt den X-12, den zweiradgetriebenen Geländewagen. Mit Getöse schlingert er über die Chaussee und biegt wie von selbst ins Unterholz ab. Große Show im Kleinformat, quasi ein Lamborghini LM000002. Dabei pries die Firma von João Augusto Conrado do Amaral Gurgel ihn als vernünftiges, weil sparsames, leichtes und angeblich rostfreies Geländefahrzeug an. Der X-12 war die Exportversion des X-10; die Garage Huber in Hombrechtikon bei Zürich bot ihn Ende der 70er-Jahre in der Schweiz an, für 17 900 Franken. Kurios: 1975/76 gab es ihn nur mit Softtop, dann 1976 bis 1978 nur mit Hardtop, 1979 bis 1982 mit Softtop und 1983 bis 1988 mit Hardtop, schreibt Thomas Braun im Buch "Durchgeboxt".
Bus im Fokus
Ihren ersten T2 durften die Brasilianer erst 1997 bauen, als bei uns der T4 schon ein alter Hut war – noch mit den schlanken T1,5- Stoßstangen, aber mit der lang ersehnten Schiebetür. Sie bekamen dafür gebrauchte Produktionsanlagen aus dem Werk Puebla in Mexiko. Aus dem "Combi" (so heißt er in Mexiko) wurde der "Kombi". Wobei er schließlich doch wieder zum Combi wurde: Denn nun exportierten die Brasilianer den Ex-Mexikaner nach Mexiko. Sogar mit wassergekühlten Reihenmotoren – die wurden nun in Brasilien montiert, aber nicht in Brasilien verkauft. Darauf muss man auch erst mal kommen.

Im Dezember 2005 wurde in Brasilien der letzte T2 mit Boxermotor gebaut: dieser hier.
Bild: Christian Bittmann / AUTO BILD
Zum Modelljahr 1989 brachte VW do Brasil die Luxusversion "Caravelle" mit getönten Scheiben und Schiebefenstern, Metallic- Lack, Velourspolstern, Leseleuchten und Kassettenradio. Davon wurden einige nach Deutschland importiert, teils mit sieben, teils mit neun Sitzen. Wann die Vergaser durch Einspritzung ersetzt wurden und wann das eckige, rund zehn Zentimeter höhere Dach in Serie ging, da widersprechen sich die Quellen. Jedenfalls verabschiedete VW den Boxermotor 2005 mit der "Serie Prata", einem silbernen Sondermodell mit grün getönten Scheiben und weißen Blinkern. Der allerletzte ist aber schlicht.
Fazit
Nordhoff brachte VW nach Brasilien, um zu expandieren. Das hat geklappt, bis 1981 wurden dort fünf Millionen VW gebaut. Es wurde aber auch ein Multikulti-Experiment mit teils famosen, teils seltsamen Ergebnissen. Ich habe gelernt, wie Hersteller in einem abgeschotteten Markt es sich leisten können, veraltete und ärmliche Produkte anzubieten, wenn es im Land keine Konkurrenz gibt – wie den T1,5.
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