VW Golf 3 VR6 im Test
Der Lia-La-Laune-Golf: mit sechs Zylindern durch den Alltag

Bild: Fred Roschki / AUTO BILD
Die Logik erschloss sich mir nicht sofort. Wann immer es meinem Kumpel Matthias darum ging, mit seinem Golf eine möglichst gute Performance zu demonstrieren, stand er voll auf dem Gas, jubelte die Kiste bis an den Begrenzer, um dann ganz langsam in den nächsten Gang zu schalten. Etwa wenn wir als 18-Jährige mal bei einer großen Fast-Food-Kette dinierten und dann im Fokus der auf dem Parkplatz versammelten Tuningszene wieder auf die Straße abbogen.
Ich stellte fest: "Wenn du schnell sein willst, musst du schneller schalten!" Er entgegnete gut gelaunt: "Quatsch, so denken die, ich habe 75 oder sogar 90 PS und rolle nur entspannt dahin." Ah, ja ... Damit ist auch die traurige Seite von Matthias' Golf 3 genannt: der freudlose Einstiegsmotor. 1,4 Liter, 60 PS und damit sehr limitierte Emotionen.
Der Über-Golf mit VR6-Motor
Am anderen Ende der Modellpalette sah das ganz anders aus. Hier thronte der VR6. Mit dem ersten Sechszylinder in der europäischen Kompaktklasse. 2,8 Liter und 174 PS. Da hätte für Matthias schon der Leerlauf gereicht, um ganz groß aufzutrumpfen. Erst unbezahlbar, dann gnadenlos runtergeritten und plötzlich über 30 Jahre alt und ein echter Oldtimer. Unfassbar, wie die Zeit vergeht!
Unfassbar auch, wie schwer es heute ist, einen originalen VR6 aufzustöbern. Zum Glück ist in Sachen Audi und VW grundsätzlich auf einen Verlass: Hessel Therpstra aus dem holländischen Sexbierum. Der findige Händler und große Enthusiast hat ihn so, wie wir ihn uns wünschen. Dreitürig, handgeschaltet, mit den filigran anmutenden BBS-15-Zöllern und im zeitgeistigen Lila. Pardon, "Dark-Violett Perleffekt", so viel Zeit muss sein. Abgesehen von den verstellbaren Konis und dem Blaupunkt-Radio steht er mit seinen 74.000 Kilometern da wie frisch vom Band gepurzelt.

Der 2,8-Liter-Sechszylinder stellt 174 PS zur Verfügung und schickt ein Drehmoment von 235 Nm gen Räder.
Bild: Fred Roschki / AUTO BILD
Mit seinen Mandelaugen und den runden Formen läutete der Golf 3 1991 eine Zeitenwende ein. Erstmals fiel das Wort "Premium". Er war leise, federte geschliffen und war mit Kombi, Cabrio, Sechszylinder, TDI und Allrad vielfältig wie nie. Schade, dass unter der edlen Schale ein wenig gegeizt wurde. Der "Lopez-Effekt", benannt nach dem damaligen Einkaufsvorstand Ignacio López, rächte sich schon nach wenigen Jahren. Heute haben nur wenige gute 3er den Rostattacken widerstanden. Und die kämpfen jetzt auf einsamem Posten um ihren guten Ruf.

Recaros gab es nur auf Wunsch, gebraucht sind sie mindestens so gefragt wie Leder.
Bild: Fred Roschki / AUTO BILD
Zu Unrecht, wie unser damaliger Giganten-Golf zeigt. Schon im Stand beeindrucken Recaros, Klimaanlage, Sitzheizung, Schiebedach und Tempomat. Doch nach dem Schlüsseldreh ist das alles nebensächlich. Rauchig und dennoch weich flüstert der VR6 im Leerlauf vor sich hin. Er ist quer eingebaut und mit einem Zylinderwinkel von nur 15 Grad ein Zwischending aus V- und R-Bauform.
Den ersten Gang der etwas hakeligen Seilzugschaltung (hat Matthias in Wahrheit deshalb so langsam geschaltet?) rein, und ab geht's. 7,8 Sekunden auf 100, 224 Spitze. Doch das sind nur Stammtischdaten und völlig irrelevant. Ohnehin wurde der VR6 zu oft für einen Über-GTI gehalten und entsprechend rangenommen. Dabei ist er dafür viel zu kopflastig. Pylonenhatz überlässt er besser dem an der Vorderachse leichteren und agileren GTI 16V mit 150 PS.
VW Golf VR6 als Alternative zum BMW 3er?
Mit dem Sechszylinder wagte die Kompaktklasse erstmals einen Ausflug in die hohe Schule der Fahrkultur. Weich, elastisch, ästhetisch, kraftvoll. Die Frage war nicht, ob es das in einem Golf braucht. Die Frage war jetzt, ob es wirklich einen BMW 3er braucht und ein Golf nicht reicht. Der VR6 bietet den Luxus, den wir bis dahin nur aus höheren Klassen kannten.
Dazu kommen die bekannten Vorzüge des Golf 3. Alles sitzt da, wo es hingehört, lässt sich problemlos bedienen. Die Sitzposition ist perfekt, das Handling lammfromm. Was haben wir eigentlich immer so über den Golf 3 hergezogen?

Mit kräftiger Taille wirkt der Golf 3 deutlich stämmiger als sein Vorgänger. Die breite C-Säule verschlechtert zwar die Übersicht, verbessert aber den Wiedererkennungswert.
Bild: Fred Roschki / AUTO BILD
Als VR6 läuft er so leicht und souverän, dass du ihn sofort adoptieren möchtest. Doch spätestens beim heutigen Preis hätten wir tun sollen, was damals schon Matthias nicht tat: schneller schalten.
Fazit
Als Kritiker rein, als Fan raus. Den Golf 3 haben die wenigsten von uns ernsthaft auf dem Zettel. Zu viele schlechte Erinnerungen. Als originaler und gut erhaltener VR6 aber ist er ein Traum. Als Gleiter, nicht als Sportler wohlgemerkt. Das hat sich rumgesprochen. Unser Fotowagen brachte 32.000 Euro!
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