VW T1 Doka von 1960
Neuwagen aus 1960: VW T1 Doka mit wenigen Kilometern auf der Uhr

Stehen geblieben ist diese Doka von Ralph Grieser fast ihr ganzes Autoleben lang. In 64 Jahren hat sie nämlich gerade mal 348 Kilometer zurückgelegt.
Bild: Jörg Heupel / AUTO BILD
- Michael Schießl
Wolfsburg, 1948: Start der Baureihe
Im ganzen Land wird gebaut oder besser wiederaufgebaut. Dazu braucht es die entsprechenden Fahrzeuge. Dass der Markt in diesem Segment mehr als lukrativ sein kann, erkennt man auch bei VW in Wolfsburg und legt 1948 Konstruktionsvorschläge auf Basis des VW Typ 1 Käfer vor. Schon im Jahr darauf gibt es erste Tests und zum Jahresende eine Pressekonferenz mit der Vorstellung des Typ 2 T1 "Transporter". 1950 startet die Produktion, erst als Kastenwagen und Kleinbus, 1951 gibt es einen Pritschenwagen mit einer zweisitzigen Fahrerkabine. Weil aber die Handwerker-Teams oft aus mehr als zwei Mann bestehen, legt VW nach und lässt am 3. November 1958 den T1 Doppelkabine, kurz "Doka", erstmalig vom Band laufen. Das Konzept wird zum vollen Erfolg und sollte sich bis zum Produktionsende 1967 etwa 1,8 Millionen Mal verkaufen. Ein Exemplar wird 1960 im VW-Werk Hannover gebaut und ist unser automobiler Protagonist.
Remscheid, 1960: Geparktes Arbeitstier
Unternehmer Willy Wiersbowsky betreibt einen Werkzeugmaschinenhandel und braucht den dazu passenden Transporter. Seine Wahl fällt auf den praktischen T1 in der für die Zeit typischen Farbe Lichtgrau. Er bestellt die Doppelkabine beim Volkswagen-Händler Jack Adams in Wuppertal. Am 8. April 1960 holt sich Wiersbowsky sein neues Gefährt bei Adams ab, die Übergabeinspektion findet bei einem Kilometerstand von 00 003 statt. Der neue Besitzer fährt den T1 in seine Garage nach Remscheid und stellt ihn dort ab. Nicht irgendwie, sondern hinter einer Wand, gut und unauffällig versteckt. Das hat seinen Grund: Man munkelt, die Gattin wäre mit dem Kauf eines Autos alles andere als einverstanden gewesen. Wiersbowsky eruiert die Lage, handelt frei nach Goethes "Was ich nicht weiß, macht mich nicht heiß!" und entzieht den VW so den Blicken seiner Frau.

Ralph Grieser besitzt den heute seltenen VW Typ 2 T1 mit der Doppelkabine in dritter Hand seit 2019. Er sorgt, wie seine Vorbesitzer auch, behutsam dafür, dass der sensationelle Tachostand erhalten bleibt.
Bild: Jörg Heupel / AUTO BILD
Da steht er nun, undercover, und wird in den kommenden Jahren nur selten bewegt. So zum Beispiel am 14. Mai 1962. Dann nämlich muss die Doka zu einer ersten Durchsicht in die Werkstatt von Jack Adams. Der Kilometerstand zeigt 00 118, was eine unglaublich geringe Fahrleistung in den vergangenen zwei Jahren bedeutet. Nach der Inspektion kommt der Wagen zurück nach Remscheid und wird wieder da abgestellt, wo er auch vorher schon stand: Unsichtbar hinter besagter Wand. Die Straße sieht der T1 fast nie. Nur kurze Zeit später stirbt Wiersbowsky, und auch jetzt weiß seine Frau noch nichts von dem Wagen. Der hat immerhin inzwischen 00 342 Kilometer auf der Uhr und steht weiterhin unbemerkt so vor sich hin. Für Jahre oder besser Jahrzehnte passiert gar nichts, dann aber dafür plötzlich umso mehr ...
Remscheid, 1988: Die Katastrophe
Am 8. Dezember starten um etwa 13 Uhr auf dem Fliegerhorst Nörvenich bei Düren jeweils paarweise 18 Erdkampf-Flugzeuge der US-Luftwaffe vom Typ A-10 "Warzenschwein". Die letzten beiden Maschinen kommen bei dieser Tiefflug-Übung über Remscheid in dichten Nebel bei aufsteigendem Gelände. Der erste Pilot erkennt die Gefahr rechtzeitig und kann hochziehen. Sein Flügelmann hat weniger Glück und kracht um 13.26 Uhr mit seinem 15-Tonnen-Flugzeug in eine Häuserzeile. Bei der tragischen Katastrophe sterben sieben Menschen, unter ihnen der Pilot. Mehrere Gebäude sind teilweise oder ganz zerstört.
In einem davon steht seit 28 Jahren der T1 und hat dieses schreckliche Ereignis zwar verstaubt, aber ohne Beulen, Kratzer oder sonstige Schäden überstanden. Durch das Unglück ist die häusliche "Tarnung" des VW aufgeflogen, und seine Existenz wird nun endlich, nach fast drei Jahrzehnten, auch der überraschten und vor allem erstaunten Witwe Wiersbowsky bekannt. Die kann mit dem Auto wenig anfangen und beauftragt einen Bekannten mit dem Verkauf. Wohl wissend, dass die Doka in diesem Zustand gutes Geld bringen kann, setzt der einen entsprechenden Preis an.

Der Innenraum ist wie im Zustand der Auslieferung im April 1960. Die Sitze sind straff und ohne Schrammen oder Abschürfungen.
Bild: Jörg Heupel / AUTO BILD
Dennoch, so eine Seltenheit spricht sich natürlich in Liebhaberkreisen schnell bis sehr schnell rum. So auch bis zu Manfred Klee aus Waldesch bei Koblenz. Der Mann ist nicht nur VW-Bus-begeistert, sondern auch Initiator und Organisator verschiedener VW-Bus-Deutschland-Treffen und zudem Präsident des Koblenzer VW-Bus-Clubs. So ein Angebot lässt sich der Kenner nicht entgehen – für einen fünfstelligen Betrag wechselt der T1 den Besitzer und auch den Standort von Remscheid nach Waldesch südlich von Koblenz. Natürlich soll der legendäre Kilometerstand erhalten werden, deshalb legt der VW die knapp 170 Kilometer auf einem Trailer zurück.
Zuerst möchte Manfred Klee sein neues Schätzchen durchchecken lassen. Der neue Besitzer ist nicht nur T1-kundig, er erinnert sich auch an die VW-Werbung von 1960. Darin hieß es unter dem Slogan "Versprochen ist Versprochen", die 500-Kilometer-Inspektion kostenlos zu erledigen. Das sollte doch dann eigentlich VW übernehmen.
Und tatsächlich: Beim VAG Autohaus Korn in Ehrenbreitstein hält man Wort, der Kunde muss nur das Motoröl bezahlen. Das hätte 1960 lediglich 2 Mark gekostet. Und überhaupt muten die damaligen Preise an wie aus einer anderen Welt, so kostete der Aus- und Einbau des Motors damals schlanke 7,50 Mark, Motor zerlegen, reinigen, prüfen und wieder zusammenbauen übersichtliche 61,80 Mark.

Der Vierzylinder-Boxer wirkt, als wurde er gerade erst eingebaut. Kein Wunder bei der Laufleistung. Alle Leitungen sind trocken, alle Kabel wirken taufrisch.
Bild: Jörg Heupel / AUTO BILD
Klee tauft den Wagen "Sir Adam", in Anlehnung an das VW-Autohaus Jack Adams. Das versteckte Dasein der Doka hat nun ein Ende: Nach einem ersten Auftritt auf dem VW-Messestand bei der Constructa in Hannover 1990 erscheint der Wagen jetzt immer wieder als Rarität auf großen Messen und Jubiläumsveranstaltungen von Autohäusern. Er wird sogar für Filmaufnahmen verliehen, hier spielt er sich selbst. Überall, wo er auftaucht, versprüht er den Glanz der 60er-Jahre, nur eben neuwertig. Der Tachostand bleibt eisern bei 00342 km, weil Sir Adam jede noch so kleine Strecke auf dem Anhänger zurückgelegt. Wenn es nicht anders geht und der T1 bei einer Veranstaltung auf eigener Achse bewegt werden soll, wird er geschoben – rückwärts, damit der Tachostand erhalten bleibt. Nur einmal hat das nicht funktioniert. Auf der IAA Nutzfahrzeuge in Hannover 1994 waren nämlich die Gegebenheiten in den Messehallen dermaßen ungünstig, dass der VW echte sechs Kilometer zurückgelegt und auch gezählt hat. Damit ist der Kilometerstand auf 00348 gestiegen.
Der T1 sieht immer noch aus wie nach der Auslieferung 1960. Nur die Türdichtungen sind inzwischen porös, weil sich die Weichmacher über die Jahrzehnte verflüchtigt haben. Für Klee kein Problem, er lässt alles, wie es ist, einfach damit es hundertprozentig original bleibt. Das Auto verbringt die kommenden Jahre wohlbehütet in seiner Garage.
Koblenz, 2019: Das neue Zuhause
Maschinenbau-Ingenieur und Oldtimerhändler Ralph Grieser aus Mülheim-Kärlich nimmt im März an einer Podiumsdiskussion zum Thema historische Fahrzeuge teil. Der Mann hat ein Gespür für alte und seltene Fahrzeuge und ist in der Szene eine Adresse. Im Anschluss an die Veranstaltung kommt Ralph Grieser mit Manfred Klee ins Gespräch. Man redet über Autos und was wer so in seiner Garage stehen hat. Dabei äußert Klee, dass er sich von seiner Doka trennen wolle. "Wir haben die Telefonnummern ausgetauscht und einen Termin gemacht", erinnert sich Grieser.
Einige Wochen später fährt er nach Waldesch, um den Wagen zu besichtigen. Nach einem ausgiebigen Gespräch und einem Kaffee geht es endlich in die Garage. Hinten in der Ecke steht hinter vielen anderen Sachen das inzwischen eingestaubte und leicht verdreckte Objekt der Begierde. Als der T1 ans Tageslicht kommt, ist Grieser sofort begeistert: "Der hatte eine unglaubliche Originalität, da schau ich immer besonders drauf. Ein Auto soll die Geschichte mit Würde erzählen. Ich habe mir den Wagen angesehen, ob die Reifen die ersten sind, den Tachostand. Die Bremsen waren fest, aber das war kein Problem." Der Deal ist perfekt, die Doka ist nach Jahren wieder unterwegs – wie immer auf einem Trailer.
In Mülheim-Kärlich angekommen, geht es dem VW an die Pelle: "Wir haben das Auto erst einmal behutsam außen und innen gereinigt und gewaschen. Nach der Politur war klar, dass der Originallack in einem hervorragenden Zustand war und der Wagen glänzte wie neu. Da ist kein Teil erneuert worden, es ist alles original", erzählt Grieser begeistert. "Wir haben eine Batterie eingesetzt, und alle Lampen und Lichter haben funktioniert. Der Motor dreht, aber den haben wir nie gestartet."

Seltenheitswert hat der T1 mit der Doppelkabine heute deshalb umso mehr, weil die allermeisten Fahrzeuge im Alltagsbetrieb regelrecht verschlissen wurden.
Bild: Jörg Heupel / AUTO BILD
Für den Oldtimer-Experten, der sonst eher mit hochpreisigen Fahrzeugen zu tun hat, ist der T1 etwas ganz Besonderes: "Es ist die Originalität, die Authentizität, die Unberührtheit. Und natürlich die sensationell geringe Laufleistung. Man muss überlegen, dass die Autos zum Verschleiß gebaut wurden und es deshalb nicht mehr viele davon gibt. Es war ein Riesen-Luxus, so ein Auto einfach wegzustellen!"
Grieser hat den Wagen seit Jahren in seinem Ausstellungsraum stehen. Er hat den T1 nie angeboten, wohl aber Angebote bekommen. "Wenn einer kommt und will wirklich kaufen, können wir immer gern reden", sagt er. Dann wäre die Doka wieder unterwegs, selbstverständlich auf einem Trailer.
Service-Links









