Wolfsburg, 1948: Start der Baureihe

Im ganzen Land wird gebaut oder besser wiederaufgebaut. Dazu braucht es die entsprechenden Fahrzeuge. Dass der Markt in diesem Segment mehr als lukrativ sein kann, er­kennt man auch bei VW in Wolfs­burg und legt 1948 Konstruktions­vorschläge auf Basis des VW Typ 1 Käfer vor. Schon im Jahr darauf gibt es erste Tests und zum Jahres­ende eine Pressekonferenz mit der Vorstellung des Typ 2 T1 "Trans­porter". 1950 startet die Produk­tion, erst als Kastenwagen und Kleinbus, 1951 gibt es einen Prit­schenwagen mit einer zweisitzigen Fahrerkabine. Weil aber die Hand­werker-Teams oft aus mehr als zwei Mann bestehen, legt VW nach und lässt am 3. November 1958 den T1 Doppelkabine, kurz "Doka", erstmalig vom Band laufen. Das Konzept wird zum vollen Erfolg und sollte sich bis zum Produktionsende 1967 etwa 1,8 Millionen Mal verkaufen. Ein Exemplar wird 1960 im VW-Werk Hannover ge­baut und ist unser automobiler Protagonist.
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Remscheid, 1960: Geparktes Arbeitstier

Unternehmer Willy Wiersbowsky betreibt einen Werkzeugmaschi­nenhandel und braucht den dazu passenden Transporter. Seine Wahl fällt auf den praktischen T1 in der für die Zeit typischen Farbe Lichtgrau. Er bestellt die Doppelkabine beim Volkswagen-Händler Jack Adams in Wuppertal. Am 8. April 1960 holt sich Wiers­bowsky sein neues Gefährt bei Adams ab, die Übergabeinspek­tion findet bei einem Kilometer­stand von 00 003 statt. Der neue Besitzer fährt den T1 in seine Ga­rage nach Remscheid und stellt ihn dort ab. Nicht irgendwie, sondern hinter einer Wand, gut und unauf­fällig versteckt. Das hat seinen Grund: Man munkelt, die Gattin wäre mit dem Kauf eines Autos alles andere als einverstanden gewesen. Wiersbowsky eruiert die Lage, handelt frei nach Goethes "Was ich nicht weiß, macht mich nicht heiß!" und entzieht den VW so den Blicken seiner Frau.
VW T1 Doka
Ralph Grieser besitzt den heute seltenen VW Typ 2 T1 mit der Doppelkabine in dritter Hand seit 2019. Er sorgt, wie seine Vorbesitzer auch, behutsam dafür, dass der sensationelle Tachostand erhalten bleibt.
Bild: Jörg Heupel / AUTO BILD
Da steht er nun, undercover, und wird in den kommenden Jah­ren nur selten bewegt. So zum Bei­spiel am 14. Mai 1962. Dann näm­lich muss die Doka zu einer ersten Durchsicht in die Werkstatt von Jack Adams. Der Kilometerstand zeigt 00 118, was eine unglaublich geringe Fahrleistung in den ver­gangenen zwei Jahren bedeutet. Nach der Inspektion kommt der Wagen zurück nach Remscheid und wird wieder da abgestellt, wo er auch vorher schon stand: Un­sichtbar hinter besagter Wand. Die Straße sieht der T1 fast nie. Nur kurze Zeit später stirbt Wiersbow­sky, und auch jetzt weiß seine Frau noch nichts von dem Wagen. Der hat immerhin inzwischen 00 342 Kilometer auf der Uhr und steht weiterhin unbemerkt so vor sich hin. Für Jahre oder besser Jahr­zehnte passiert gar nichts, dann aber dafür plötzlich umso mehr ...

Remscheid, 1988: Die Katastrophe

Am 8. Dezember starten um etwa 13 Uhr auf dem Fliegerhorst Nör­venich bei Düren jeweils paarweise 18 Erdkampf-Flugzeuge der US-Luftwaffe vom Typ A-10 "War­zenschwein". Die letzten beiden Maschinen kommen bei dieser Tiefflug-Übung über Remscheid in dichten Nebel bei aufsteigen­dem Gelände. Der erste Pilot er­kennt die Gefahr rechtzeitig und kann hochziehen. Sein Flügelmann hat weniger Glück und kracht um 13.26 Uhr mit seinem 15-Tonnen-Flugzeug in eine Häuserzeile. Bei der tragischen Katastrophe sterben sieben Menschen, unter ihnen der Pilot. Mehrere Gebäude sind teilweise oder ganz zerstört.
In einem davon steht seit 28 Jahren der T1 und hat dieses schreckliche Ereignis zwar ver­staubt, aber ohne Beulen, Kratzer oder sonstige Schäden überstan­den. Durch das Unglück ist die häusliche "Tarnung" des VW auf­geflogen, und seine Existenz wird nun endlich, nach fast drei Jahr­zehnten, auch der überraschten und vor allem erstaunten Witwe Wiersbowsky bekannt. Die kann mit dem Auto wenig anfangen und beauftragt einen Bekannten mit dem Verkauf. Wohl wissend, dass die Doka in diesem Zustand gutes Geld bringen kann, setzt der einen entsprechenden Preis an.
VW T1 Doka
Der Innenraum ist wie im Zustand der Auslieferung im April 1960. Die Sitze sind straff und ohne Schrammen oder Abschürfungen.
Bild: Jörg Heupel / AUTO BILD
Dennoch, so eine Seltenheit spricht sich natürlich in Liebha­berkreisen schnell bis sehr schnell rum. So auch bis zu Manfred Klee aus Waldesch bei Koblenz. Der Mann ist nicht nur VW-Bus-be­geistert, sondern auch Initiator und Organisator verschiedener VW-Bus-Deutschland-Treffen und zudem Präsident des Koblenzer VW-Bus-Clubs. So ein Angebot lässt sich der Kenner nicht entgehen – für einen fünfstelligen Betrag wechselt der T1 den Besitzer und auch den Standort von Remscheid nach Waldesch südlich von Koblenz. Na­türlich soll der legendäre Kilome­terstand erhalten werden, deshalb legt der VW die knapp 170 Kilome­ter auf einem Trailer zurück.
Zuerst möchte Manfred Klee sein neues Schätzchen durchche­cken lassen. Der neue Besitzer ist nicht nur T1-kundig, er erinnert sich auch an die VW-Werbung von 1960. Darin hieß es unter dem Slo­gan "Versprochen ist Versprochen", die 500-Kilometer-Inspektion kos­tenlos zu erledigen. Das sollte doch dann eigentlich VW übernehmen.
Und tatsächlich: Beim VAG Autohaus Korn in Ehrenbreitstein hält man Wort, der Kunde muss nur das Motoröl bezahlen. Das hätte 1960 lediglich 2 Mark gekostet. Und überhaupt muten die damaligen Preise an wie aus einer anderen Welt, so kostete der Aus- und Einbau des Motors damals schlanke 7,50 Mark, Motor zerle­gen, reinigen, prüfen und wieder zusammenbauen übersichtliche 61,80 Mark.
VW T1 Doka
Der Vierzylinder-Boxer wirkt, als wurde er gerade erst eingebaut. Kein Wunder bei der Laufleistung. Alle Leitungen sind trocken, alle Kabel wirken taufrisch.
Bild: Jörg Heupel / AUTO BILD
Klee tauft den Wagen "Sir Adam", in Anlehnung an das VW-Autohaus Jack Adams. Das ver­steckte Dasein der Doka hat nun ein Ende: Nach einem ersten Auf­tritt auf dem VW-Messestand bei der Constructa in Hannover 1990 erscheint der Wagen jetzt immer wieder als Rarität auf großen Mes­sen und Jubiläumsveranstaltun­gen von Autohäusern. Er wird so­gar für Filmaufnahmen verliehen, hier spielt er sich selbst. Überall, wo er auftaucht, versprüht er den Glanz der 60er-Jahre, nur eben neuwertig. Der Tachostand bleibt eisern bei 00342 km, weil Sir Adam jede noch so kleine Strecke auf dem Anhänger zurückgelegt. Wenn es nicht anders geht und der T1 bei einer Veranstaltung auf eigener Achse bewegt werden soll, wird er geschoben – rückwärts, damit der Tachostand erhalten bleibt. Nur einmal hat das nicht funktioniert. Auf der IAA Nutzfahrzeuge in Han­nover 1994 waren nämlich die Ge­gebenheiten in den Messehallen dermaßen ungünstig, dass der VW echte sechs Kilometer zurückge­legt und auch gezählt hat. Damit ist der Kilometerstand auf 00348 gestiegen.
Der T1 sieht immer noch aus wie nach der Auslieferung 1960. Nur die Türdichtungen sind inzwi­schen porös, weil sich die Weich­macher über die Jahrzehnte ver­flüchtigt haben. Für Klee kein Problem, er lässt alles, wie es ist, einfach damit es hundert­prozentig original bleibt. Das Auto verbringt die kommenden Jahre wohlbehütet in seiner Garage.

Koblenz, 2019: Das neue Zuhause

Maschinenbau-Ingenieur und Oldtimerhändler Ralph Grieser aus Mülheim-Kärlich nimmt im März an einer Podiumsdiskussion zum Thema historische Fahrzeu­ge teil. Der Mann hat ein Gespür für alte und seltene Fahrzeuge und ist in der Szene eine Adresse. Im Anschluss an die Veranstaltung kommt Ralph Grieser mit Manfred Klee ins Gespräch. Man redet über Autos und was wer so in seiner Ga­rage stehen hat. Dabei äußert Klee, dass er sich von seiner Doka tren­nen wolle. "Wir haben die Tele­fonnummern ausgetauscht und einen Termin gemacht", erinnert sich Grieser.
Einige Wochen später fährt er nach Waldesch, um den Wagen zu besichtigen. Nach einem ausgie­bigen Gespräch und einem Kaffee geht es endlich in die Garage. Hin­ten in der Ecke steht hinter vielen anderen Sachen das inzwischen eingestaubte und leicht verdreck­te Objekt der Begierde. Als der T1 ans Tageslicht kommt, ist Grieser sofort begeistert: "Der hatte eine unglaubliche Originalität, da schau ich immer besonders drauf. Ein Auto soll die Geschichte mit Wür­de erzählen. Ich habe mir den Wa­gen angesehen, ob die Reifen die ersten sind, den Tachostand. Die Bremsen waren fest, aber das war kein Problem." Der Deal ist per­fekt, die Doka ist nach Jahren wie­der unterwegs – wie immer auf einem Trailer.
In Mülheim-Kärlich angekom­men, geht es dem VW an die Pelle: "Wir haben das Auto erst einmal behutsam außen und innen ge­reinigt und gewaschen. Nach der Politur war klar, dass der Original­lack in einem hervorragenden Zu­stand war und der Wagen glänzte wie neu. Da ist kein Teil erneuert worden, es ist alles original", erzählt Grieser begeistert. "Wir ha­ben eine Batterie eingesetzt, und alle Lampen und Lichter haben funktioniert. Der Motor dreht, aber den haben wir nie gestartet."
VW T1 Doka
Seltenheitswert hat der T1 mit der Doppelkabine heute deshalb umso mehr, weil die allermeisten Fahrzeuge im Alltagsbetrieb regelrecht verschlissen wurden.
Bild: Jörg Heupel / AUTO BILD
Für den Oldtimer-Experten, der sonst eher mit hochpreisigen Fahr­zeugen zu tun hat, ist der T1 etwas ganz Besonderes: "Es ist die Ori­ginalität, die Authentizität, die Unberührtheit. Und natürlich die sensationell geringe Laufleistung. Man muss überlegen, dass die Autos zum Verschleiß gebaut wur­den und es deshalb nicht mehr viele davon gibt. Es war ein Riesen-Luxus, so ein Auto einfach wegzustellen!"
Grieser hat den Wagen seit Jah­ren in seinem Ausstellungsraum stehen. Er hat den T1 nie angebo­ten, wohl aber Angebote bekom­men. "Wenn einer kommt und will wirklich kaufen, können wir immer gern reden", sagt er. Dann wäre die Doka wieder unterwegs, selbstverständlich auf einem Trailer.