Sie ist Italienerin, trägt das Herz auf der Zunge und die Rundungen an den richtigen Stellen. Kein Wunder also, dass die Herren der Schöpfung dem Mädel aus Mailand zu Füßen liegen. Die Giulia wird ab 1962 zum Urmeter der europäischen Sportlimousine; das Markenimage zehrt von ihr bis heute. Und auch als reife Frau von 40 Jahren geizt sie nicht mit Reizen. Andreas Päsch aus Hamburg hat ein wenig nachgeholfen und den 103 PS starken 1600er in eine 1300er-Karosserie verpflanzt. Damit ist seine Giulia zwar immer noch Schwächste im Testfeld. So blitzartig, wie die Drehzahlnadel beim Beschleunigen dem roten Bereich entgegenfliegt, kochen dennoch die Emotionen hoch.
Alfa Romeo Giulia 1600 Super
Mit spielerischer Leichtigkeit umkurvt der Alfa Romeo Giulia 1600 Super die Pylonen.
Keine Frage: Der rauchig klingende Doppelnocker, der schon im Leerlauf unternehmungslustig grollt, ist der Motor für die italienischen Momente im Leben. Autotester attestierten ihm einst "eine Überlegenheit, die man nur mit Maßen ausnutzen darf, wenn man die anderen Verkehrsteilnehmer nicht ängstigen will". Belebend wie ein Ristretto am Morgen wirkt auch das aufwendige Fahrwerk mit vorderer Einzelradaufhängung und einer durch Längslenker und Reaktionsdreieck über dem Differenzial geführten Hinterachse. Mit spielerischer Leichtigkeit umkurvt der Alfa die Pylonen, wirkt lange fast neutral, bis er schließlich gut beherrschbar mit dem Heck nach außen drängt. Nur wenige Autos aus der damaligen Zeit sind im Grenzbereich so leicht zu fahren. Der BMW 02 zum Beispiel fordert von seinem Lenker am Limit deutlich mehr Geschick. Dazu passt, dass der Alfa auch im Cockpit nicht das Flair eines spartanischen Sport-Studios vermittelt. Die Signori dürfen sich an einem dekorativen Arrangement der Instrumente erfreuen, genießen in ihrem für damalige Verhältnisse recht teuer gekauften Wagen aber auch ein Ambiente, das man heute "premium" nennen würde. Der Alfa wirkt wertvoll, konstruktiv wie verarbeitungstechnisch. Dass sein im Windkanal geglättetes Blech nicht die Kriterien klassischer Schönheit erfüllt – geschenkt. "Das Auto hätte aussehen können wie ein Schuhkarton", erinnert sich Giuseppe Busso, einer der Entwicklungsingenieure. Die Männer hätten das Mädel aus Mailand trotzdem vergöttert. 

Italienischer Feingeist: Alfa Romeo Giulietta Spider


Fazit

Die Giulia zählt zu jener Sorte Oldtimer, die im Rückblick niemand verklären muss – sie war tatsächlich ein großer Wurf. Der Mix aus Sportlichkeit und Alltagsnutzen inspirierte viele Nachahmer, aber nur wenigen gelang er ähnlich gut. Noch heute faszinieren konstruktive Qualität und die Liebe zum Detail. Eine Italienerin wie aus dem Bilderbuch, Aushängeschild einer einst großen Automobilnation.