In Argumentationshilfe-Broschüren für seine Verkäufer reitet Audi im Frühjahr 1976 zwar beharrlich auf der besseren Beschleunigung herum. Dennoch lassen sich kaum BMW-Fahrer auf einen 80 GTE umpolen. Allein schon, weil ein Auto nicht von jetzt auf gleich vom Buchhalter zum Rocker wird, nur weil es eine coole Lederjacke überstreift. Um seine Außenseiterrolle wettzumachen, gibt sich der Audi doppelt Mühe, im Kreis der etablierten Herrenfahrer-Sportler als echter Gegner akzeptiert zu werden. Die grelle Optik inklusive "Rallye-Paket" mit schwarzer Motorhaube lässt einen Hochstapler vemuten, tatsächlich übertreibt sie aber nicht. Wenn Besitzer Nils Rodenberg bei seinem GTE aufs Gas tritt, brennt die Luft. 
Audi 80 GTE (1976)
Straffe Federn reduzieren beim Audi 80 GTE das Wanken, die Tendenz zum Untersteuern bleibt.
Bild: Roman Raetzke
Weniger akustisch – in dieser Hinsicht bleibt der Vierzylinder fast enttäuschend unauffällig. Doch dafür hat er’s faustdick unter dem Zylinderkopf. Der statt des Originalmotors installierte 1800er vom Nachfolger Typ 81 zieht besser durch als der 1.6er. Aber die paar Newtonmeter (und vielleicht das eine oder andere auf der Tuning-Koppel eingefangene Pferdchen) fallen buchstäblich kaum ins Gewicht, denn mit 902 Kilo ist der Audi mit Abstand der Leichteste in unserem Vergleichstest. Keine Überraschung also, dass er der versammelten Konkurrenz respektlos davonsprintet. Viel mehr erstaunt, wie kultiviert er das tut. Vibrationen verkneift sich der Vierzylinder weitgehend. Selbst bei hohen Drehzahlen, wenn der Triumph Dolomite Sprint fast zu zerspringen scheint und auch in BMW 2002 ti und Alfa Romeo Giulia 1600 deutliche Resonanzschwingungen zu spüren sind, bleibt der krawallig kostümierte Audi ganz der brave Schwiegersohn. Der Hauptgrund dafür, dass sich BMW-Besitzer nicht, wie einst in Ingolstadt erhofft, "überproportional" für den GTE interessierten, dürfte allerdings woanders liegen. In Sportfahrer-Kreisen geht eben nichts über eine angetriebene Hinterachse. Vorderradantrieb gilt schon damals unter echten Kerlen als ein Stück entgangene Lebensfreude. Auf dem bananagelben Fotowagen schieben 14 Zoll große 185er-Reifen auf Mangels-Sportstahlrädern zwar die Haftgrenze hinaus (Serie sind 175/70 HR13). Fronttriebler bleibt aber Fronttriebler. Treibt es der Pilot zu bunt, baut der Audi Tempo durch Schieben über die Vorderräder ab. Tritt er zu forsch aufs Gas, zupft’s in der Lenkung.

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Fazit

Wer sich beim Audi 80 GTE die Kriegsbemalung wegdenkt, der hat einen echten Wolf im Schafspelz vor sich. Bei den Fahrleistungen macht dem Audi keiner was vor, Drama ist jenseits der Optik aber nicht seine Stärke. Dünner Sound und uninspiriertes Handling lassen Sportfahrer kalt, das war schon 1975 so. Nur eine Handvoll GTE hat die wilden Jahre überlebt. Rarität ist heute ihr größter Reiz.