Fahren? Ja. Später. Erst einmal möchte man sich auf einen Campingstuhl setzen und den Lamborghini Miura anschmachten: die Plastikwimpern um die Scheinwerfer, die dreiflügeligen Zentralverschlüsse der Leichtmetallräder und überhaupt – den hüfthohen Karosseriekörper mit den Lamellen in der Heckabdeckung, die Hitze und Lärm des 370-PS-V12 nach draußen führen. Doch sehen allein macht nicht satt. Einsteigen, bitte. Oder besser: hineinschlüpfen. Das Entern des Miura-Cockpits gelingt einfacher als gedacht. Aber dann: Normalgewachsene liegen breitbeinig im Schalensitz wie eine werdende Mutter im Kreißsaal, der Kopf stößt an den Dachhimmel. Es scheint beinahe, als fordere der Giftgrüne schon Demut ein, bevor der Finger des Benutzers den Startknopf berührt hat. Wenn das Tier aufwacht, schmerzen die Ohren, und der Respekt wächst weiter. Oder ist es schon Angst?
Lamborghini Miura P400 S
Dass der Lamborghini Miura eine bildschöne Fehlkonstruktion ist, ist kein Geheimnis — auch das hat seinen Reiz.
Schnulzensänger Matt Monro hätte auf dem Beifahrersitz sitzen und "On Days Like These" in ein Megafon schluchzen können — er hätte keine Chance gehabt gegen das 3,9-Liter-Kampfstierherz, das die Lambo-Männer quer hinter die enge Kabine gepflanzt hatten, um das Auto kompakt zu halten. Ein Miura verlangt vor allem Verzicht. Auf Komfort, ein brauchbares Gepäckabteil, auf Perfektion. Spucken die Vergaser Sprit, kann das die Feuerbestattung des fahrenden Sexsymbols bedeuten. Bei fast leerem Tank ignoriert der Lambo bei über 200 Sachen jede Richtungsempfehlung, so leicht wird die Vorderachse. Wer einen Miura ausfahren will, braucht nicht nur ein dickes Portemonnaie, sondern auch Nerven aus Stahl und, na ja, Sie wissen schon – groß wie Billardkugeln. Und trotzdem: Wer Benzin im Blut hat, träumt zu Recht von diesem Auto. Denn es sieht einfach atemberaubend aus, nicht nur in den vergilbten Automagazinen von damals. Und mit seinem ausbalancierten Monocoque-Chassis hängt es seine Konkurrenten auf kurvenreichen Strecken gnadenlos ab, bleibt lange neutral, bevor es mal sachte mit dem Heck ausschert. Lenkung und Bremsen arbeiten präzise, nur die hakelige Schaltung stört — ihr Gestänge verläuft mitten durchs Kurbelwellengehäuse. Frank Sinatra ließ sich einst die Sitzschalen seines Miura mit feinstem Wildschweinleder beziehen und den Fußraum mit Teppichen in Knallorange auskleiden — passend zu seinem Privatjet. "Wenn du jemand sein willst, kaufst du einen Ferrari. Wenn du jemand bist, kaufst du einen Lamborghini", soll Sinatra zur Erklärung gesagt haben. Wer heute aus dem Miura steigt, kann ihm zustimmen. Vorausgesetzt, er braucht kein Auto, um von A nach B zu kommen.
Aufgalopp der Stiere: Die Lamborghini-Chronik

Fazit

von

Lukas Hambrecht
Der Miura schließt in den Sechzigern ein neues Superauto-Universum auf. Mit seinem brüllenden V12 hinter den Sitzen spielt das Designerstück aus Sant’Agata damals in einer eigenen Liga. Dass der Lambo eine bildschöne Fehlkonstruktion ist, ist kein Geheimnis — auch das hat seinen Reiz. Das Faszinations-Kapitel gewinnt der Giftgrüne mit Abstand.

Von

Lukas Hambrecht