Wer hat sich vor 50 Jahren einen Sechszylinder gekauft, um ihn fast nie zu fahren? Keine 60.000 Kilometer zeigt der Zähler dieses beigefarbenen Mercedes 220 b, Baureihe W 111/1. Nein, wir haben nicht das S in der Modellbezeichnung vergessen, es ist der Basis-Sechszylinder, zu erkennen am Verzicht auf Chrom und Prunk im Innenraum. An Platz aber spart der 220 b ebenso wenig wie seine luxuriösen Brüder 220 S/SE. Er ist 16 Zentimeter länger als der Ponton-Vorgänger, der Kofferraum groß wie eine Grotte.
Mercedes 220 b
Von hinten sieht der 220 b wie ein 190 c mit vier Zylindern aus, doch der Schein trügt.
Doch im Detail zeigt sich die Buchhalter-Version: Bakelit statt Edelholz um die Fenster, Plastik statt Stoff auf den Türtafeln, die Lehne der durchgehenden Sitzbank ist nicht verstellbar, die Hahnentritt-Stoffpolster sehen mehr nach Ford Taunus aus. Und Seitenhalt beim Sitzen gab es hier auch gegen Mehrpreis nicht. Bei aller Nüchternheit, der wahre Wert erschließt sich – typisch Mercedes – auf den zweiten Blick. Der Flossen-220 brilliert schon mit innovativen Beigaben wie der definierten Knautschzone, gepolsterten Armaturen, Pralltopf am Lenkrad, Sicherheitsschlössern und ab 1963 sogar mit serienmäßigen Scheibenbremsen vorn. Die 11.500 Mark, die der Erstbesitzer auf die Theke der Mercedes-Niederlassung gezählt hat, waren also gut angelegt.

Die große Sause: Mercedes 300 SEL 6.3

Mercedes 220 b
Die durchgehende Sitzbank im Innenraum schafft Platz für drei.
Die Sache mit der Sicherheit interessierte damals nur Kenner, an den Stammtischen hatten andere Träume Vorfahrt. Die Menschen verdrängten das Unglück, wollten Spaß, gaben Gas, sofern sie es sich leisten konnten. Der Liter Super kostete 65 Pfennig, nach heutiger Kaufkraft etwa 1,80 Euro. Und so ein 220 b verbrennt locker 13 Liter davon, bietet aber auch einiges. Mit 95 PS scheint sein Reihensechser dabei völlig unterfordert zu sein, verwöhnt mit herrlicher Laufkultur und nimmt schon ab Tempo 40 im vierten Gang willigst Gas an. Die viel gerühmte schwäbische Solidität hat sich bis heute gehalten. Die Lenkradschaltung arbeitet präzise wie einst, Tachomarkierungen bei 40, 70 und 120 km/h ersetzen den Drehzahlmesser, die Anordnung der Bedienelemente erschließt sich beim ersten Hinsehen. Und das Fahrwerk des 220ers hat in 50 Jahren nichts von seinem souveränen Komfort verloren. Was will man von einem gut 50 Jahre alten Wagen mehr?