Im Vereinigten Königreich hat der Adel ein Gutteil seiner Privilegien bewahren können. Lord und Lady, Duke und Duchess, King und Queen – die Briten lieben ihre Blaublüter und gönnen ihnen ihren Wohlstand, denn so hat auf der Insel alles seine rechte Ordnung. Zur Upper Class gehörte stets auch ein Rolls-Royce, er war Insignium von Macht und Reichtum. Die 24 Jahre lang gebauten Corniche-Modelle (Coupé und Cabrio) liebten die Betuchten besonders, phasenweise hatten sie vier Jahre Lieferzeit, dabei waren sie die teuersten Serienautos auf dem Weltmarkt. Michael Jackson besaß auch eines der 1108 gebauten Coupés, die offiziell Two Door Saloon hießen. Verwunderlich, dass man sie heute schon für unter 40.000 Euro kriegt.
Rolls-Royce Corniche Two Door Saloon
An den Pylonen fährt der Rolls-Royce Corniche Two Door Saloon am liebsten geradeaus vorbei.
In Kurzform heißt es übrigens Royce und nicht Rolls, denn Henry Royce war der Techniker, während Charles Rolls im Hause bloß als Kaufmann wirkte. Und wir wollen Autos ja nicht nach Controllern nennen. Erstaunlich schon der erste Eindruck. Wir öffnen die Tür und erblicken etwas Wunderbares: einen englischen Salon. Was für fantastische Sitze! Dieses Connolly-Leder, dazu Holzarbeiten, die von höchster Handwerkskunst erzählen. Entzückende Instrumente im Armaturenbrett. Die verchromte drehbare Abdeckung auf dem Türschloss. Die Handkurbel für den Fall, dass die elektrischen Fensterheber versagen sollten. Das solide Klacken aller Schalter. All das ist noch einmal um Klassen besser als im Mercedes 280 SE. Allerdings ist der Royce kein Fahrerauto. Beim Lenken glaubt man, die Verbindung zu den Rädern sei gebrochen, so leicht geht es. Und Rückmeldung: Oh my goodness, so was wollen wir dem Fahrer nun nicht zumuten!

Gebraucht: Rolls-Royce zum Golf-Tarif

Kurven kommen im Paralleluniversum von Lord und Lady offenbar nicht vor. Der Royce taumelt wie im Portweinrausch um die Pylonen. Irgendwie schafft er zwar den Weg aus dem Schlamassel der Biegungen, aber Spaß macht es nicht, das schlingernde Schiff auf Kurs zu halten. Der 6,75-Liter-V8 ist, passend dazu, ein sanftes Stück Maschinenbau und hat nichts vom bollerigen Wesen amerikanischer Artgenossen. Der Corniche summt nur, während der Spirit of Ecstasy auf dem Kühlergrill unerschütterlich den Stürmen trotzt. Leistung? Well, sufficient and adequate, er ist trotzdem der Langsamste im Test, aber bitte, Eile ist ein Charakterzug niederer Stände. So betritt auch der Royce den ersten Platz im Test. Zwei Goldmedaillen für das alte Europa. Thank you very much indeed.

Fazit

Qualität, Materialien, Sorgfalt der Verarbeitung, das Leisesein, der zarte Umgang mit den Passagieren, die aufrechte Statur, die Symbolkraft des Tempels am Bug, das Wissen um den Neupreis und das hoffentliche Nichtwissen der anderen um den Gebrauchtwagenpreis – all das macht den Rolls-Royce Corniche Two Door Saloon zur Versuchung. Und hebt ihn neben den Mercedes 280 SE Coupé auf Platz eins.