Bilder: Rolls-Royce zum Golf-Tarif

Rolls-Royce Silver Shadow Drophead Coup├ę

Rolls-Royce zum Golf-Tarif

Unbezahlbar, so ein Auto? Stimmt nicht, sagt AUTO BILD KLASSIK-Mitarbeiter Michael Rohde. Und rechnet vor, wie ein Rolls-Royce-Cabriolet gerade noch so ins Normalbudget passt.
Liberace fuhr einen. Und Tom Jones. Und Curd J├╝rgens hatte mehrere, als die restlichen Deutschen noch K├Ąfer fuhren. Und irgendwie kam auch ich zur ├ťberzeugung, dass ich einen Rolls-Royce haben muss, obwohl mir die B├╝hnenkunst nicht liegt. Es war eher die Perfektion alter Mercedes, die mich langweilte, und die schludrige Verarbeitung mancher alter Porsche, die mich st├Ârte. Mich reizte die Rolls-Royce-Idee vom Auto, das ohne R├╝cksicht auf Kosten entstand und vom Besitzer h├Âchsten Einsatz fordert. Inzwischen habe ich ihn, obwohl ich von Natur aus nicht reich bin. Sie k├Ânnen das vielleicht auch. Denn nur ein Teil meines Rolls-Royce-Fahrens hat mit Gl├╝ck zu tun, der Rest mit Recherche. Gekostet hat der Wagen so viel wie ein neuer VW Golf 2.0 TDI mit mittelguter Ausstattung, wenn wir nur den Kaufpreis rechnen. Mit Fracht, Steuern und T├ťV war es etwas teurer, vergleichbar mit einem Golf GTI Cabriolet, das Metallic und Leder mitbringt, aber nicht viel mehr.

Mit dem Rolls-Royce Silver Shadow auf der Silberstra├če

Ankunft in Europa: keine Katze im Sack, der Rolls kommt im Container. Grotte oder Gl├╝ckskauf?

©I. Barthelmess

Das passt, denn ich w├Ąhle den ersten Rolls-Royce meines Lebens als Cabriolet. Klingt versnobt, doch es hat einen vern├╝nftigen Grund: Zu meinen Vorlieben geh├Âren Autos der 70er-Jahre, weshalb ich nach einem Silver Shadow suche. Bei dem ist es, wenn Motor oder Getriebe streiken, ganz egal, ob die Technik in der Limousine oder im Cabrio steckt. Verzeihung: im "Drophead Coupe", so hei├čt es offiziell. Es bietet nicht nur w├╝rdevolles Fahrvergn├╝gen, sondern nebenbei auch noch die beste Relation von Fahrzeugwert und Unterhaltskosten. Entsprechend n├╝chtern kalkulierend schaute ich immer mal wieder auf meine englische Lieblingsseite carandclassic.co.uk, wo es Rolls und Bentley gibt wie Klippen in Cornwall. Besondere Goldgr├Ąberstimmung kommt auf, als ich ein au├čergew├Âhnlich sch├Ânes St├╝ck entdecke, das mit 39.500 eingepreist ist, Standort New York. 39.500 Pfund sind rund 50.000 Euro, aua, aber Pfund steht da nicht direkt, also schnell auf die Seite des H├Ąndlers geklickt, und siehe da, Dollar sind gemeint, und die gibt es zum Tageskurs f├╝r 28.500 Euro. Eine Summe, die der Verkauf meines Mercedes 350 SL von 1971 ungef├Ąhr einspielen m├╝sste. Den kaufte ich vor mehr als zehn Jahren, als er deutlich billiger war, so viel zum Thema Geldvernichtung mit alten Autos.

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Als der Rolls-Royce entladen ist, entspannen sich auch die Gesichtsz├╝ge des Besitzers. "Mit dem ├ľffnen von Hauben und Dach ging die Sonne wieder auf", sagt er.

©I. Barthelmess

Am n├Ąchsten Tag habe ich 50 Fotos eines rasentreckergr├╝nen 1969er Silver Shadow H. J. Mulliner Park Ward DHC, denn Corniche hei├čen die offenen Rolls-Royce erst ab 1971. Der sonstige Kontakt mit dem H├Ąndler ist eher z├Ąh, Fragen beantwortet er nur unvollst├Ąndig. Aber wenn er nicht das gew├╝nschte Bild vom Kofferraumboden neben der Batterie schickt, dann wird da wohl Rost sein. Gibt es auf die Frage nach einer "Service History" nur Schweigen, dann fehlen die Belege wahrscheinlich. E-Mail l├Âschen und gut is'. Es sei denn, der Interessent ist mutig genug, seinen Augen zu trauen. Ein Vierteljahrhundert mit alten Mercedes schult den Blick, seit Jahren flattern mir fast t├Ąglich Altwagen-Bilder auf den Monitor, ich rate zum Kauf oder warne, speziell bei Blindk├Ąufen aus dem Ausland. Und jetzt widersetze ich mich den eigenen Prinzipien. Ja, bin ich irre? Das Auto in New York sieht klasse aus. Lackbild, Fluchten und Spaltma├če perfekt, cremefarbenes Leder-Interieur wie neu, dazu ein Motorraum, der die angeblichen 31.000 Originalmeilen glaubhaft macht. Keine Spuren von Rost, Schwei├čarbeiten oder Spr├╝hnebel, stattdessen: Sto├čstangen-Innenseite grau, Halter schwarz, Schraube silber. Und Schrauben, deren Schlitze allesamt in die gleiche Richtung zeigen, zum Beispiel rund um den riesigen Hydraulikfl├╝ssigkeitsbeh├Ąlter. Wer so was macht, gie├čt keine Schweller mit Beton aus. Oder doch? Und ├╝berhaupt: Ich kaufe vielleicht nicht blind, aber taub, denn ob irgendwas klappert oder quietscht, bleibt Gl├╝ckssache. Parallel befrage ich Leute, die sich mit so was auskennen. Ein Freund mit USA-Erfahrung meint, ein Gutachter w├╝rde auch keine besseren Fotos machen. Andere halten schon die vulg├Ąren Nachr├╝st-Schutzleisten an der Flanke f├╝r ein K.-o.-Kriterium. Ich. Kaufe. Ihn.

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5,17 Meter L├Ąnge, so weit muss es ein Zweit├╝rer erst bringen. Laien schlie├čen den Wert aus der Masse und sch├Ątzen den offenen Rolls-Royce meist sechsstellig.

©I. Barthelmess

Mein USA-Freund hat gute Erfahrungen mit einer Spedition, die einen deutschen Ansprechpartner und auf Wunsch auch einen Treuhandservice f├╝r den Kaufpreis bietet. Aber Achtung, Gauner nutzen solche Modelle ganz gern, um den Weg des versickerten Geldes zu verschleiern. Ein Grund, warum ich nicht die vom Verk├Ąufer empfohlene Spedition beauftrage, sondern meine eigene. Der schicke ich Fotos vom Rolls, damit sie vor Ort vergleichen kann, ob wirklich das gezeigte Auto ausgeliefert wird. Sehr hilfreich ist auch das Angebot, ├╝ber Frankreich zu importieren, weil Holland just zum Zeitpunkt des Kaufs seine niedrigen Einfuhrabgaben auf deutsches Niveau hebt. Als besonderen Luxus g├Ânne ich mir gegen Aufpreis einen halben 40-Fu├č-Container, um dem Rolls das Schaukeln auf schr├Ągen Holzrampen zu ersparen, wie sie ansonsten f├╝r bis zu vier Fahrzeuge in die Blechb├╝chse gezimmert werden. Leider passiert zwischendurch doch noch grober Unfug. Nein, nicht der typische Fauxpas mit den Bremsen, denn wie ein Citro├źn verz├Âgert der Rolls hydropneumatisch, und die Druckspeicher sind erst mal leer, als der gro├če Wagen ankommt. Unter Einsatz seines Lebens l├Ąsst ein Mitarbeiter der Logistikfirma den Motor im Container so lange laufen, bis das System wieder erwacht. Manch ein Rolls-Royce ist beim Ausladen zerschellt, doch um den Blechschaden k├╝mmert sich hier ein Staplerfahrer namens Klaus, der mit seinem Arbeitsger├Ąt in die hintere rechte Ecke des Rolls donnert. So was kippt die Stimmung, auch wenn KlausÔÇÖ Boss zusichert, alle Kosten zu ├╝bernehmen ÔÇô und dann tats├Ąchlich zahlt.

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Sauberes Durcheinander: Darunter steckt ein 6,2-Liter-V8, nach 31.000 Original-Meilen noch bestens bei Kr├Ąften.

©I. Barthelmess

Die Anmeldung zur ersten Fr├╝hjahrsausfahrt ist trotzdem Makulatur: Find erst mal einen Lackierer, der eine doppelte Zierlinie ziehen kann. Ansonsten bringt das erste Treffen viel Licht und wenig Schatten zum Vorschein. Technisch ist alles in Ordnung: Motorlauf ohne Rauch und Ger├Ąusch, Bremsscheiben und Bel├Ąge neuwertig, die Hydraulikfl├╝ssigkeit klar und die elektrischen Helferlein funktionst├╝chtiger als erwartet. Und die Karosserie ist so gut, wie man es sonst aus Kalifornien kennt, jeder Falz neuwertig, keinerlei Aufquellen, und die Spaltma├če sind selbst unter heutigen Gesichtspunkten sensationell. Wie schon auf den Bildern grob zu erkennen war, sind s├Ąmtliche Schrauben und Gest├Ąnge am Unterboden noch gelb verzinkt. Die Lackierung im Originalton British Racing Green II ist nicht die erste, aber nach ihrem Gesamtzustand und dem Alter der verbauten Gummidichtungen schon vor langer Zeit sehr sorgf├Ąltig ausgef├╝hrt. Auch das Leder der Sitze wurde schon einmal erneuert, aber bis auf die oberen Eckn├Ąhte der Vordersitzlehnen in hervorragender Qualit├Ąt. Selbst der Duft ist ein Genuss, das Auto riecht wie ein teurer Schuhladen. Und ja: Der fest einkalkulierte Rostschaden um die flammneue Batterie bleibt aus.

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Ende der ersten Lustfahrt: Da passt sogar das 08/15-Kennzeichen.

©I. Barthelmess

Und der Schatten? Sagen wirÔÇÖs so: Die Jungs vom Stammtisch haben recht ÔÇô fast alles an einem Rolls-Royce ist so wartungsfeindlich wie nur m├Âglich gebaut. Ein sch├Ânes von vielen Beispielen ist der Auspuffhalter mit Metallb├╝geln, Federn und D├Ąmpfungsstahlwolle. Er kostet 150 Euro und hat gegen├╝ber einem Gummiring f├╝r 1,50 Euro den Vorteil einer handgeschriebenen Seriennummer. Daf├╝r kann das Billigteil nicht klappern und ist in einem Bruchteil der Zeit zu montieren. Aber gut, ich habe es so gewollt. Nat├╝rlich gelingt es der alten Diva, ihre Generalprobe zu verpatzen. Bei der Anreise zum ersten Rolls-Royce-Treffen verabschiedet sich beim Linksabbiegen die linke Antriebswelle und w├╝tet im Ausrollen gegen Auspuff und Differenzialtr├Ąger. Der Kabelbaum bleibt nur knapp verschont, die erste gro├če Fahrt endet auf dem Abschleppwagen. Wenn es auch manchmal am Fahren hapert, das Rolls-Royce-Besitzen kann mir keiner nehmen. So wie das Heldengef├╝hl, wenn es beim Schrauben gl├╝ckt, ein ganz besonderes St├╝ck Technik zu bezwingen. Einer wie Curd J├╝rgens h├Ątte das verstanden.

Das kostet der Spa├č
Kaufpreis 28.500 Euro
Verschiffung (www.rinkens.com, www.shipafl.com) 1079 Euro
Transportversicherung (1,5 % des kaufpreises) 460 Euro
Abholung beim H├Ąndler 212 Euro
Treuhandservice 387 Euro
Handlingsgeb├╝hr (Hafen) 251 Euro
Transport vom Hafen (geschlossener Lastwagen) 1500
Einfuhrsteuer (├╝ber Frankreich) 1995 Euro
Bankgeb├╝hren 89 Euro
Vollabnahme inkl. H-Gutachten, Fahrzeugpapiere, Anmeldung 250 Euro
Kleinteile 1500 Euro
Mitgliedsbeitrag "The Other Club" (TOC, speziell RR/Bentley) 50 Euro
Gesamtpreis 36.273 Euro

Fotos: I. Barthelmess

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