Heute unvorstellbar: Als der Rennfahrer Rudi Thurner 1968 den Prototyp seines Sportwagens RS fertig hat und ihn der NSU-Chefetage vorstellen soll, muss er erst mal Pläne anfertigen. Er hatte den Flügeltürer auf Basis des Luxus-Prinzen NSU 1200 C einfach so gebaut, wie es ihm gefiel. Hört sich nach Bastel-Baracke an, ist es aber nicht. Die Kunststoffkarosserie der späteren Kleinserienversion ist akkurat gearbeitet, die Flügeltüren schließen mit einem satten "Plopp". Nicht selbstverständlich, von den sechs Thurner-Mitarbeitern hatte keiner eine Ausbildung als Mechaniker. Der Rennfahrer hat eine klassische Sportwagen-Schönheit auf die Räder gestellt. Deren 2,44-Meter-Radstand entspricht exakt dem des Jaguar E-Type, die Glaskuppel am Heck gleicht der am Porsche 906. Nur die Doppelscheinwerfer in der flachen Front stammen vom Plattformspender NSU.
Thurner RS
Der Thurner RS ließe sich den ganzen Tag entspannt und niedertourig fahren, aber genauso gern lässt er sich hochdrehen.
Bild: Christian Bittmann
Die Neckarsulmer Wurzeln verleugnet der Thurner auch beim Starten nicht: Der RS orgelt, will nicht anspringen – ach ja, die Dampfblasen. Ein paar Mal vorsichtig mit dem Gaspedal gepumpt, schon rasselt der luftgekühlte Vierzylinder los. Bereits bei 2500 Touren liegt das höchste Drehmoment an. Munter zieht er aus Tempo 50 im Vierten davon. Er ließe sich den ganzen Tag entspannt und niedertourig fahren – aber genauso gern lässt er sich hochdrehen, scharrt mit den Hufen, stachelt den Fahrer an. Und anders als Melkus oder Fiberfab Bonito hält das Auto des Herrn Thurner aus dem Allgäu, was sein Auftritt verspricht: Bis zu 125 PS statt der bei Thurner serienmäßigen 75 kitzelte der Eigenbauer aus dem 1,2-Liter-Motor. Doch wie vielen Kleinserien-Sportwagen war auch dem Thurner RS keine große Karriere beschieden. 124 Autos entstanden in Handarbeit. Mit 15.600 Mark Neupreis war ein Thurner auch teurer als so mancher Mercedes. Vier Jahre nach dem Produktionsstart brannte 1974 Rudi Thurners Fabrik in Bernbeuren ab. Für ihn ein Grund, den Schlussstrich unter seine Rennfahrer- und Autobauerkarriere zu ziehen. Stattdessen verhökerte Thurner – er starb 2008 – Versicherungspolicen und war später im Sicherheitsgewerbe tätig. Unvorstellbar. 

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