Fahrbericht Renault Clio V6

Renault Clio V6 Renault Clio V6

Fahrbericht Renault Clio V6

— 09.05.2003

Ballermann 6

So einen Kleinwagen gab es noch nie: sechs Zylinder, 254 PS, bis zu 250 km/h schnell. Renault hat den Clio nicht einfach nur getunt, sondern aus dem Flitzer einen wahren Sportwagen gemacht.

Pure Unvernunft auf Rädern

"Schatz, ich fahr mal eben Zigaretten holen ..." Es soll ja Männer gegeben haben, die nach diesem Satz nie wieder zurückgekehrt sind. Dass diese Spritztour zumindest ein paar Stunden dauern kann, muss hier unmissverständlich allein der Firma Renault angelastet werden. Denn was deren Sportabteilung im französischen Dieppe auf die Räder gestellt hat, ist wohl einzigartig: Clio V6. Das hört sich eigentlich recht unspektakulär an, doch das Kürzel am Ende steht für den zurzeit schnellsten und stärksten Serien-Kleinwagen der Welt.

Schon die technischen Eckdaten lesen sich wie die pure Unvernunft auf Rädern. Nur 3,84 Meter lang, stolze 254 PS quer hinter den Vordersitzen und selbstverständlich Heckantrieb. Der Sprint auf Tempo 100 ist nach 5,8 Sekunden erledigt, und erst bei 250 km/h gewinnt der Fahrtwind die Oberhand. Doch das ist nur die halbe Wahrheit. Fullspeed fahren können andere Autos auch. Entscheidend ist das Wie bis zum Limit.

Besonders im zweiten und dritten Gang auf der kurvigen Landstraße – Clios Lieblingsrevier – schreit die Lust nach Ewigkeit. Überholmanöver sind in wenigen Sekunden erledigt. Da bekommen selbst dreistellige Temposchilder plötzlich eine geradezu schikanöse Bedeutung. Mit diesem Auto ist man immer zu schnell. Vor allem auch schnell umringt.

Die Musik spielt hinten

Der dickbackige Franzose scheint ein hohes Potenzial ungelöster Fragen der Menschheit zu bergen. Denn sobald der Clio parkt oder tankt, schwirren Motorenexperten heran wie Motten zum Licht. Doch Fehlanzeige. Wie sie sehen, sehen sie nichts. Wo der Clio ursprünglich seinen Antrieb trug – gähnende Leere. Dort wartet nur eine schwarze Kunststoffwanne auf Kleingepäck.

Die Musik spielt hinten. Leider liegt dort der Treibsatz mitsamt Sechsgangschaltgetriebe nicht so appetitlich frei wie im Ferrari 360 Modena, sondern steckt brav gekapselt unter zwei dicken Deckeln. Dennoch, ein jeder merkt sofort, dass hier kein Blender steht, dick aufgemacht, aber nichts dahinter.

Die Optik ist ehrlich. So viel Leistung braucht ihre großen Lufteinlässe, das Sportfahrwerk braucht seine breiten 18-Zoll-Räder und seine vier innenbelüfteten Scheibenbremsen. Und einige Rennapplikationen wie der spezielle Tankverschluss, das Wabengitter und die mittig angeordneten Auspuffrohre wirken ebenfalls nicht krampfhaft aufgesetzt.

Spaß unterm Fuß und für die Ohren

Als Basismotor dient dem Clio der Dreiliter-V6 mit 207 PS aus dem Laguna. Mit der kompletten Neugestaltung des Zylinderkopfes, einer höheren Verdichtung sowie einer verbesserten Beatmung im Ansaug- und Auslasstrakt erzielten die Ingenieure eine Leistungssteigerung auf 254 PS (Vorgänger 226 PS). Das Drehmoment stieg von 285 auf 300 Newtonmeter.

Schon bei den ersten Gasstößen wird klar: Hier waren Rennsporttechniker am Werk. Motto: Nicht nur Spaß unterm Fuß, sondern auch Spaß für die Ohren. Der V6 klingt herrlich sonor. Willig dreht der Motor hoch bis auf 7000/min. Die Schaltvorgänge flutschen, schon der Zweite geht locker über 100 km/h. Gut, dass wir im Moment nicht auf öffentlichen Straßen unterwegs sind, sondern dem Clio auf dem Rennkurs im südfranzösischen Albi die Sporen geben können.

Der Hecktriebler scheint sich beim Herausbeschleunigen förmlich in den Asphalt zu krallen (Gewichtsverteilung vorn/ hinten 40:60). Wesentlichen Anteil am guten Fahrverhalten haben die neuen Michelin-Reifen Pilot Sport 2, auf denen der V6 (nach dem Porsche GT 2) serienmäßig rollt. Sie verfügen über zwei unterschiedliche Mischungen auf der Lauffläche. Außen mit viel Haftung für hohe Kurvengeschwindigkeiten, innen mit Eigenschaften für Geradeauslauf, Nässe und wenig Rollwiderstand.

Der Innenraum gibt sich wohnlich

Nur wer den Clio wirklich provozierend durch die Kurven scheucht, kommt an dessen (und vermutlich auch an seinen eigenen) Grenzbereich. Bis dahin verhält er sich leicht untersteuernd bis neutral, erst spät meldet sich das Heck und will nach außen drängen. Nur routinierte Fahrer schaffen den kontrollierten Drift, wer übertreibt, endet mit einer Pirouette im Gras. Denn ein ESP ist nicht an Bord – und das mit Absicht.

So rennmäßig sich der Clio V6 von außen auch gibt, im Innenraum erinnert daran nur wenig. Keine Spur von metallischer Kälte. Die Sitze sind mit Leder/ Alcantara bezogen, alles wirkt wohnlich und warm und bestätigt Renaults Behauptung, der Clio V6 sei nicht mehr die reine Fahrmaschine wie sein Vorgänger, sondern durchaus ein langstreckentaugliches GT-Modell.

Zum Serienumfang gehören immerhin Klimaautomatik (wegen des Motors im Innenraum auch dringend notwendig), Licht- und Regensensor, Radio mit CD-Wechsler, elektrische Fensterheber und ein Bordcomputer. Doch leider geriet die Feder-Dämpfer-Abstimmung recht hart. Unebenheiten im Asphalt schlagen ziemlich heftig durch. Lange Touren werden so schnell zu Torturen. Und auch der anfangs begeisternde Sound ist bei hohem Tempo auf die Dauer störend.



Preis und Technische Daten

Echte Langzeitwirkung wird sicher auch der Preis erzielen. Denn knapp 40.000 Euro stecken nicht so einfach in der Portokasse. Der Clio V6 kostet eine Menge Geld, die aber zumindest eines garantiert: zu einem höchst exklusiven Kreis von Autoliebhabern zu gehören. Denn Renault rechnet bei uns mit maximal 130 Autos pro Jahr. Und die werden wir wohl kaum beim Zigarettenholen treffen. Bereits vom ersten Mini-Kraftprotz aus dem Hause Renault, dem R5 Turbo, wurden von 1980 bis 1986 nur 4870 Exemplare verkauft.

Technische Daten Sechszylinder-V-Motor • quer vor der Hinterachse eingebaut • vier Ventile je Zylinder • je zwei oben liegende Nockenwellen pro Zylinderreihe • Hubraum 2946 cm³ • 187 kW (254 PS) bei 7150/min • 300 Nm bei 4650/min•Heckantrieb•Sechsganggetriebe • Einzelradaufhängung • Reifen/Räder 205/40 ZR 18 vorn und 245/45 ZR 18 hinten • Leergewicht 1475 kg • 0–100 km/h in 5,8 Sekunden • Höchstgeschwindigkeit 250 km/h • Verbrauch auf 100 km 11,9 Liter • Preis 39.900 Euro

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