Gebrauchte 12-Zylinder im Test

Audi A8 6.0 quattro Audi A8 6.0 quattro

Gebrauchtwagentest Zwölfzylinder

— 06.01.2008

Voll auf die Zwölf

Ein Dutzend Brennräume unter der Haube – genial günstig oder grausam teuer? Schauen wir mal. Im Angebot: Mercedes S 600 L, Audi A8 6.0, BMW 760i und VW Phaeton 6.0 W12 – für bis zu 100.000 Euro unter Neupreis.

Zwölf Sternkreise, zwölf Apostel, Zwölfton-Musik – dreht und wendet es, wie Ihr wollt: Das volle Dutzend ist eine magische Dimension. Vor allem, wenn es um die Anzahl der Brennräume geht. Zwölf Zylinder, das steht für Luxus, Leistung, Laufkultur jenseits der Grenze zur Dekadenz – mehr geht nicht. Höre ich da etwa eine 16? Bitte, wir wollen doch die Kirche im Dorf lassen. Und kurz auf die Turmuhr sehen. Selbst dort steht die Zwölf ganz oben. Na also. Der Traum vom Zwölfender: Ist er greifbar? Aber hallo – könnten wir mit Hinweis auf einen verlebten BMW 750i von 1987 für 1500 Euro sagen, und schon wäre die Story gegessen. Doch hier geht es nicht um sterbende Schwäne, sondern um weitgehend aktuelle Modelle. Solche, die mit sechsstelligen Neupreisen schocken, um nach gigantischem Wertverlust zum Kurs besserer Mittelklässler auf dem Händler-Hof zu stehen. Konkret: um Audi A8 6.0, BMW 760i, Mercedes S 600 L und VW Phaeton 6.0 W12 der Modelljahre 2003/2004. Ob diese Monumente des "made in Germany" ökologisch okay sind, muss hier nicht erörtert werden – wir finden sie einfach faszinierend. Aber wo finden wir sie? Vertragshändler fassen diese Kaliber – Stichwort Mängelhaftung – meist nicht mal mit der Kneifzange an.

A8: Mit 39.888 Euro markiert der Audi die Preisspitze im Zwölfton-Quartett

Dieser Audi A8 hatte seine Erstzulassung im August 2004. Wertverlust seitdem: 75.362 Euro.

Klicken wir also ins Netz, wo sich der freie Handel tummelt. Auch dort ist die Königsklasse selten. Aber es gibt sie wieder vermehrt ohne die Garantie-Abwehrklausel "Nur für Export". Warum der deutsche Endkunde wieder in ist? Weil Osteuropas Aufkäufer schwächeln. "Gerade der Russe ist derzeit wenig spendabel, weil er am billigen US-Dollar hängt." Sagt Dennis Walters vom Autopark Mallentin, Anbieter unseres ersten Kandidaten, eines Audi A8 6.0 vom August 2004. Alukarosserie. Aktuelles Modell. Alles, was die Nachbarn tratschen lässt. Standort: ein Schotterhof in Meck-Pomm. Woher Walters den A8 hat? "Von einer Benz-Niederlassung, die kalte Füße bekam", verrät er – freie Händler seien bei solchen Spezialitäten flexibler. Na bitte. Der gefräßige Grill ist nicht mein Fall, aber die Machart ist erstklassig. Audis Aufstieg in den Premium-Himmel – keiner symbolisiert diese Karriere besser als der Zwölftopf-A8. Dabei stammt das Kraftpaket von der Konzernmutter: Im Audi steckt ein doppelter Volkswagen-VR6 in W-Form. Mit 39.888 Euro markiert der A8 die Preisspitze in diesem Zwölfton-Quartett. Wer als Kunde infrage kommt? Ein Fan oder Freiberufler mit Spielgeld, meint Walters. Und zwar EU-weit. "Spanien, Litauen, Griechenland: Überall sitzt die Klientel, die nur in Deutschland kauft. Weil man hier noch dem Kilometerstand und den Scheckheftstempeln trauen kann."

760i: Tür auf und unverschlissenes Chef-Ambiente genießen

Vier Jahre und acht Monate ist dieser BMW 760i alt. In dieser Zeit hat er satte 90.040 Euro an Wert verloren.

Einen ähnlichen Weg dürfte der BMW 760i gehen. Zufall, dass auch der in Mallentin, zwischen Lübeck und Wismar, steht. 33.760 Euro ruft Walters für den 79.000-Kilometer-Riesen auf, der im Mai 2003 zur Welt kam. Darum glotzt er noch aus den Tränensack-Augen und trägt den umstrittenen Wandschrank-Hintern. Beides verschwand mit dem 2005er Facelift. Gewöhnungsbedürftig, sagten wir stets. Wir irrten. Oder hat sich jemand an dieses Design gewöhnt? Egal, Tür auf und unverschlissenes Chef-Ambiente genießen. Und das ist immer noch zutiefst beeindruckend, auch wenn die Bedienung auf Anhieb nicht gelingt. Wie war das noch mal: erst Menüvorwahl, dann die Sitzverstellung drücken – nee, wieder falscher Knopf. Aber der Zustand des Dicken ist korrekt, an mangelnder Zuwendung kann er in seinem kurzen Leben nicht gelitten haben. Dass er nicht viel mehr kostet als ein neuer 325i – es ist der Normalfall unter den Ober-Oberklasseautos. Nirgendwo ist der Wertverlust höher. Und nirgendwo gibt es mehr Erstbesitzer, denen das Wurst ist.

Das trifft selbst die S-Klasse als deutschen Premium-Maßstab. Unser langer S 600 steht beim Vertragshändler, ist gut vier Jahre alt und nicht ganz 30.000 Euro billig. Der Gegenwert: 500 PS und 800 Newtonmeter, von 107.000 Kilometern Laufleistung nicht mal annähernd ausgepowert. Kraft im Überfluss? Pah, was für eine Untertreibung. Propper steht er da, der starke Schwarze, aber leider nicht geschmackssicher. Die persönliche Note missfällt auch Mathias Bruch, seinem Verkäufer von der Kieler Mercedes-Niederlassung. Türgriffe, Grill, Stern: alles in Wagenfarbe. Auch das Serien-Interieur, das abgesehen von der Schalterschwemme verdächtig nach B-/C-/ E-Klasse riecht. Schade, dass erst die neue S-Klasse 2005 die Rangordnung wieder zurechtrückte. Dafür begeistert geballter Luxus Marke "Maybach halbtrocken". Picknicktisch im Fond: reicht fast für eine Mini-Modelleisenbahn. Daneben die Sitzverstellung – für den Beifahrersessel. Klare Botschaft: Wer sich in Reihe zwei lümmelt, ist der Chef. Gut so. Und das Beste: Der ganze E-Spielkram funktioniert wie am ersten Tag. Dass der Mercedes jedoch vor allem auf der linken Autobahnspur lebte, belegen Scheinwerfer und Frontscheibe – alles wie sandgestrahlt. Aha, deshalb also ist er das Sonderangebot in diesem Quartett. Und der Einzige, der einen Hauch von Skepsis weckt.

Phaeton: Zurückhaltung als Prinzip wahrer Größe

Innerhalb von fünf Jahren und einem Monat hat dieser VW Phaeton 84.900 Euro an Wert eingebüßt.

Vielleicht doch lieber einen Phaeton nehmen, den ewig Unterschätzten, der es in zweiter Hand besonders schwer hat? Nach dem Ortstermin sage ich nur: Hier steht mein Sieger. Diese Verarbeitung. Diese ingeniöse, völlig zugfreie Klimatisierung. Diese raffinierten Innenraum-Details. Wäre ich gerade flüssig, würde ich mir den VW nur wegen seiner unanständig schönen Heckklappenscharniere zulegen. Das Beste dabei: Du bist ganz oben, und die ganze Welt denkt, du fährst Passat. Zurückhaltung als Prinzip wahrer Größe: Das ist die passende Wohngegend für zwölf Töpfe. VW – na und? Ist doch cool. Das findet auch Haissam Chehade, Luxusautohändler in Hamburg. Er weiß, wovon er redet: Seit 23 Jahren betreibt er sein Geschäft. Nein, an den 33.900 Euro ist nicht zu rütteln, sagt er sofort entschieden und erstickt jegliche Basar-Mentalität. Wenn niemand anbeißt, fährt er den Phaeton halt selbst. Chehade meint es ernst – und schwelgt schon in Vorfreude. Mist. Zurück zur Frage vom Anfang: Kann man einen der vier Zwölfer kaufen? Nein. Man kann alle kaufen – und sollte es sogar, falls es eine Oberklasse-Limousine sein soll. Unfallfrei, Scheckheft voll, Garantie – was soll da passieren? Und wenn Letztere abgelaufen ist, krepiert wohl kaum gleich der Motor, eher ein Komfort-Gimmick, das nicht teurer ist als beim V6-Bodensatz. Verbrauch? Hand aufs Herz: Ist bei 18 Liter Super plus wichtig, ob der V8 ein Fünftel weniger wegkippt? Wenn andere schon den gigantischen Wertverlust für uns verkraftet haben, müssen wir beim Tanken doch nicht knausern, oder? Ein Mann sollte ein Haus gebaut, einen Sohn gezeugt, einen Zwölfzylinder gefahren haben – oder so. Jetzt, liebe Väter mit Eigenheim, ist die richtige Zeit, diese Ziele zu komplettieren. Wer weiß, wie lange wir das noch dürfen ……

Die typischen Schwächen unserer Kandidaten

Vier Jahre und sieben Monate sind seit der Erstzulassung dieser S-Klasse vergangen. Wertverlust: stolze 104.440 Euro.

Audi A8 6.0: Ölverlust am Antriebsstrang; bei höheren Laufleistungen häufig verschlissene Antriebswellen; hoher Bremsenverschleiß; Spiel an den Lagerbuchsen der Radaufhängungen; Elektronikprobleme (Navigations-System, Telefon, Wegfahrsperre); poröse Bremsschläuche; Rückruf: Austausch Fahrer-Airbag (10/2006). • Mercedes S 600 L: Elektronikprobleme (Comand-System, Komfortelektrik); Fehler im Motormanagement; hoher Bremsenverschleiß; Ölverlust; ausgeschlagene Radführungsgelenke; Probleme mit der Luftfederung; defekte Generatoren und Katalysatoren; Verarbeitungsmängel; Rückruf 10/04: Kabelsatz des Gebläsereglers. • BMW 760i: Hoher Bremsenverschleiß; häufig Lagerspiel an Radaufhängungen; Ölverlust am Antriebsstrang; Elektronikprobleme; Störungen im Motormanagement; Kühlwasserverlust; durchbrennende Kopfdichtung als Folgeschaden. Drei Rückrufe (8/04: Steuergerät 760i; 1/05: Sitzheizung; 8/06: Stoßdämpfer Hinterachse). • VW Phaeton 6.0 W12: Elektronikprobleme (Motormanagement, Komfortelektrik); veraltetes Navi-System mit Aussetzern; hoher Bremsenverschleiß; verschlissene Lagerbuchsen der Achsen; zu viel Lenkungsspiel; Defekte am Drosselklappen-Potenziometer; mitunter schlechte Lederqualität der Sitze; bislang kein Rückruf.

Fazit von AUTO BILD-Autor Wolfgang Blaube

Spritpreiswucher, Säufersteuer, Flottenverbrauch – was bringt die Zukunft? Möglich, dass es fünf vor zwölf für dicke Autos ist. Und damit Punkt zwölf für einen Zwölfzylinder. Also wann, wenn nicht jetzt? Meine Wahl: der Phaeton. Verarbeitung, Klimatisierung – nah an der Perfektion. Soll doch jeder denken, ich fahre Passat. Was zählt: Ich spüre den W12 und genieße vollendeten Komfort.

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TECHNISCHE DATEN AUDI A8 6.0 BMW 760i MERCEDES S 600 L VW PHAETON W12
Hubraum 5998 cm3 5972 cm3 5513 cm3 5998 cm3
Leistung 331 kW/450 PS 327 kW/445 PS 368 kW/500 PS 309 kW/420 PS
Höchstgeschwindigkeit 250 km/h 250 km/h 250 km/h 250 km/h
CO2-Ausstoß 415 g/km 415 g/km 408 g/km 420 g/km
UNTERHALTSKOSTEN AUDI A8 6.0 BMW 760i MERCEDES S 600 L VW PHAETON W12
Testverbrauch 17,9 l Super plus 17,9 l Super plus 17,6 l Super plus 18,1 l Super plus
Inspektion 300 bis 1000 Euro 300 bis 1000 Euro 300 bis 1100 Euro 250 bis 900 Euro
Haftpflicht1 836 Euro 902 Euro 836 Euro 902 Euro
Teilkasko1 636 Euro 383 Euro 873 Euro 466 Euro
Vollkasko1 2426 Euro 2763 Euro 4124 Euro 2049 Euro
Kfz-Steuer (Euro 4) 405 Euro 405 Euro 378 Euro 405 Euro
1) Onlinetarif der HUK24-Versicherung, Zul. in Berlin, Fahrer: Versicherungsnehmer+Partner (30 Jahre alt), jährl. Fahrleistung 15 000 km, Beitragssatz 100 %
ERSATZTEILPREISE2 AUDI A8 6.0 BMW 760i MERCEDES S 600 L VW PHAETON W12
Lichtmaschine (AT) 780 Euro (AT) 1069 Euro (AT) 1464 Euro (AT) 928 Euro
Anlasser 1448 Euro 766 Euro 925 Euro 1437 Euro
Wasserpumpe 578 Euro (AT) 409 Euro (AT) 471 Euro 578 Euro
Zahnriemen entfällt, Kette entfällt, Kette entfällt, Kette entfällt, Kette
Endschalldämpfer (links) 588 Euro 722 Euro 742 Euro 688 Euro
Kotflügel vorn, lackiert 935 Euro 928 Euro 976 Euro 942 Euro
Bremsscheiben und -klötze vorn 1407 Euro 491 Euro 555 Euro 1111 Euro
2) inklusive Lohnkosten und 19 % Umsatzsteuer
URTEIL (Max. 5 Sterne) * * * * * * * * * * * * * * * *
GEBRAUCHTWAGENPREISE (IN EURO)
kW/PS 2005 (57.000 km) 2004 (72.800 km) 2003 (88.400 km) 2002 (104.000 km)
Audi A8 6.0 quattro (Typ 4E) 331/450 56.400 47.950
Audi A8 6.0 quattro Langversion (Typ 4E) 331/450 58.750 49.750 43.900
BMW 760i (Typ E65) 327/445 60.300 43.650 38.600
BMW 760i L (Typ E65) 327/445 62.600 45.050 39.950
Mercedes S 600 L (Typ W 220) 368/500 1) 66.200 57.500 50.600 46.400
VW Phaeton 6.0 W12 4Motion (Typ 3D; 4 Sitze) 309/420 50.200 41.900 36.450 31.450
VW Phaeton 6.0 W12 4Motion (3D; lang, 4 Sitze) 309/420 51.850 43.650 38.500
Quelle: EuroTax Schwacke, Stand Dezember 2007, 1) bis 7/2002 mit 270 kW/367 PS



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