Mercedes SL

Mercedes SL R 107 Mercedes SL R 107 Mercedes SL R 107

Mercedes SL R 107

— 31.01.2014

Leicht oder super?

18 Jahre Bauzeit, das überbietet bei Mercedes nur das G-Modell. Als der R 107 ganz frisch war, standen noch neue Pagoden beim Händler. Als er auslief, stand schon der moderne R 129 bereit. Bei diesem Super-Spagat ist alles möglich: Hier trifft karge Urzeit auf üppiges Spätwerk.

Nackte Daten können helfen, die Dinge besser zu greifen. Dann sind Zahlen nicht Farbe auf dem Papier, sondern illustrieren Geschichte. Wie beim Typ R 107, dem Mercedes SL der 70er- und 80er-Jahre. Im April 1971 erscheint die dritte Auflage des "Super Leicht" (nach 300 SL, 190 SL und Pagode) und lässt sich anschließend gaaanz viel Zeit bis zum Abtreten. Das letzte von 237.287 Exemplaren wird im Juli 1989 gebaut und wechselt ohne Umwege ins Klassikerfach. In Mercedes-Mittelklasse-Generationen umgerechnet, sähe das so aus: Der SL wird in die Blüte der Strich-Acht-Ära hineingeboren, überlebt den W 123 und verpasst am Ende nur knapp das erste Facelift der damals aktuellen W-124-Baureihe. Ein Neuwagen als Youngtimer! In Stern-Kreisen bis heute ein Superlativ. Ja, den G gibt es seit 1979, aber dessen Technik unterm altmodischen Blech wurde tiefgreifend weiterentwickelt – der SL blieb technisch fast unberührt.

Die Frühzeit des R 107 tritt als 350 SL mit 3,5-Liter-V8 und 200 PS an.

©J. Mönnich

Uns Cabrio-Käufern, die Vernunft und Versuchung in einem suchen und bei R 107 an Bobby Ewing und "Hart aber herzlich" denken, spielt das natürlich in die Hände. 18 Jahre Bauzeit, satte Stückzahlen, die Auswahl zwischen Sechszylindern und V8-Motoren, Hubraum zwischen 2,8 und 5,6 Litern, dazu viel Zeitgeist in Farbe und Ausstattung. Auswahl gibt es reichlich. Bleibt nur die Frage: welchen nehmen? Old- oder Youngtimer? Früh oder spät? Vorserie? Vollfettstufe? Älter als der zum Vergleich angetretene 350 SL kann ein R 107 gar nicht sein. Am 29. Oktober 1970 (gut aufgepasst – da gab es den neuen SL noch gar nicht) wurde der Wagen mit der Chassisnummer 000008 und der Motornummer 000001 "dem Versuch zugeliefert" und anschließend – als Muster für das V8-Modell mit 3499 Kubikzentimetern, 200 PS sowie Vierstufenautomatik – dem TÜV zur Prüfung und Typisierung übergeben. Achte Karosserie, erster Motor! Ein Vorserienauto. Der älteste bekannte SL, nahezu original erhalten – ist das schon ein archäologisches Artefakt oder doch noch ein Auto? Eindeutig ein Auto, denn es lässt sich die frühe Geburt nicht anmerken und fährt völlig undramatisch.
Vom Dach der Welt: 50 Jahre Mercedes Pagode

Auf keinen Fall sportlich

Die Spätphase wird durch einen 420 SL mit 4,2-Liter-V8 und 204 Kat-PS vertreten.

©J. Mönnich

Klar, den V8-Motor gibt es schon seit 1969. Der M 116 ist aus den großen W 108/109 bekannt und eigentlich für die neue S-Klasse gedacht, aber auch der Rest des Prüfmusters erlaubt sich keine Schwächen. Er fühlt sich nicht weich an, die Verarbeitung wirkt wie bei einem Serienauto. Nur die karge Ausstattung geht nicht mit der Erwartung an einen 350 SL der wohlgenährten Siebziger einher. Dieses Kassenmodell ist zwar in elegantem "Sandbeigemetallic" lackiert, kommt aber ohne Edelholz oder elektrische Fensterheber, mit knarzendem MB-Tex-Kunstleder anstelle von Velours oder Echtleder. Automatikgurte und Kopfstützen wurden nachgerüstet, sie dienen der Sicherheit im Alltag. Mit seinem rutschigen Klaviertastenlenkrad, dem altmodisch gravierten Duroplast-Kombihebel und der verchromten Ratterkulisse auf dem Getriebetunnel wohnt noch ein wenig altmodischer Pagoden-Stil in der bunt gefärbten Kunststoff-Landschaft. Mit seinen historisch profilierten Michelin XWX-Reifen auf zeitgemäßen Barockrädern fährt dieser frühe 350 SL, wie er aussieht: lässig und sanft, aber auf keinen Fall sportlich. Weder Lenkung noch Reifen vermitteln viel Gefühl für die Fahrbahn, aber beim Beschleunigen überrascht der V8 mit einem feinen Klangbild, das so gar nichts mit dem Bollern artverwandter Ami-Blöcke zu tun hat. Sein roter Bereich beginnt erst bei 6500/min! Einen 350 SL mal herzhaft ausdrehen? Ob jemals ein Erstbesitzer diese unsittlich wirkende Option in Erwägung gezogen hat?
Ich trage einen großen Namen: Mercedes 300 SL

Gebrauchtwagensuche: Mercedes SL-Klasse

So richtig dreht der R 107 erst nach 15 Jahren auf

Das Klaviertasten-Lenkrad wird nur bis Ende 1972 verbaut, die verchromte Schaltkulisse ist noch aus dem Pagoden-SL bekannt.

©J. Mönnich

Ein Roadster, denn dafür steht das R in der Baureihenbezeichnung, ist ein 107 ohnehin niemals. Er ist nicht laut, nicht hart, nicht reduziert, und mit über eineinhalb Tonnen Lebendgewicht ist er schon gar nicht leicht. Und sind das damals nicht fette, unschuldige Zeiten? Als der SL einen 3,5-Liter-V8 als Einstiegsmotorisierung erhält, wo den Vorgängern 190 SL und W 113 noch Vier- und dann immerhin Sechszylinder reichen mussten? Den kleinen M-110-DOHC-Sechszylinder im R 107 macht erst die Ölkrise nötig, bevor danach wieder auf allen Märkten Wohlstand und Wachstum herrschen. Aus dem 450 SL wird der 500 SL, aus dem 350 zunächst der 380 und schließlich der 420 SL mit 218 PS und ohne Kat. So richtig dreht der R 107 erst nach 15 Jahren auf. Im Spätherbst seines Lebens erzielt er sein bestes Verkaufsergebnis: mehr als 20.000 Autos im Jahr 1986. Dass ausgerechnet der R 107 so lange durchhält, verwundert dann doch ein bisschen. Schon beim Debüt 1971 wird an den Riffelflanken, der protzig gewölbten Motorhaube, dem tiefer liegenden Heck und den großen Rechteck-Leuchten herumgemäkelt. Zeitlos nennt den R 107 in seiner barocken Formenpracht nie jemand, aber beim Daimler interessiert das keinen. Erst 1985 folgt mit Frontspoiler, 16-Loch-Alus, neuen Schaltern und modernen Motoren das erste und einzige große Facelift.
Auf ihn stehen alle Frauen: Mercedes 280 SL

Die Unterschiede zwischen Urtyp und Spätmodell sind am Ende marginal

Später wurde es voll. Im linken Instrument sitzt die Eco-Anzeige, im Drehzahlmesser die Uhr. Neu: die Schaltkulisse mit Schalter für E- und S-Modus.

©J. Mönnich

Ein 420 SL in kühlem Arcticweiß und mit rotem Leder ist ein typisches Kind dieser Zeit: Mit ABS, Alarmanlage, elektrischen Fensterhebern und Außenspiegeln, Tempomat, Mittelarmlehne, Sitzheizung, Colorglas, Zentralverriegelung, Wurzelholz, Mittelarmlehne, Katalysator und weiteren Nettigkeiten ist er aufgerüstet bis zum Anschlag. Ein Symbol für puren Luxus. 92.443,30 Mark kostet der 420 SL im Jahr 1986. Der SL-Käufer erwartet vom Guten das Beste, gewiss – aber hat jemand mal gefragt, wie der Grundpreis für den kleinen V8 binnen 15 Jahren um 50.000 Mark steigen konnte? Zumal der R 107 da doch schon etwas altmodisch wirkt. Die Unterschiede zwischen Urtyp und Spätmodell sind am Ende marginal, selbst äußerlich sind sie sich sehr ähnlich. Saufen tun sie auch nicht mehr, an die Testwerte von damals kommt heute im Einsatz als Klassiker keiner mehr ran. Der 420 liegt satter als der 350 SL, bietet mehr Drehmoment und lässt sich beim Schalten per Schiebeschalter elektronisch von Economy auf Sport trimmen. Als Sportwagen würde ihn deshalb niemand missverstehen, das wurde aus dem SL nie. Die finale Frage, ob früh oder spät, ob leicht oder super, sie stellt sich beim R 107 nicht. Nur Pagode und R 129 können sie beantworten. Die SL-Generation dazwischen ist seit über 40 Jahren nur eins: die goldene Mitte.
Technische Daten Mercedes 350 SL Mercedes 420 SL
Motor V8-Motor, vorn längs, eine oben liegende Nockenwelle pro Zylinderbank, über Duplexkette angetrieben, zwei Ventile pro Zylinder.
Einspritzanlage Elektronische Einspritzung Bosch D-Jetronic Mechanische Einspritzung Bosch KE-Jetronic
Hubraum 3499 ccm 4196 ccm
kW (PS) bei U/min 147 (200)/5800 150 (204)/5200
Nm bei U/min 287/4000 305/3750
Antrieb/Fahrwerk Vierstufenautomatik, Hinterradantrieb,
Einzelradaufhängung rundum, an Doppel-Querlenkern, Schraubenfedern u. Teleskopstoßdämpfern
vorn, an Schräglenkern und Schraubenfedern hinten
Radstand 2460 mm 2460 mm
L/B/H 4390/1790/1300 mm 4390/1790/1305 mm
Leergewicht 1600 kg 1600 kg
Kofferraumvolumen 260 l 260 l
Beschleunigung 0–100 km/h 10,0 s 9,0 s
Spitze 210 km/h 210 km/h
Verbrauch 18,5 l S pro 100 km 15,5 l S pro 100 km
Neupreis 29.970 Mark (1971) 80.826 Mark (1986)

Historie

23. April 1971: In Hockenheim präsentiert Mercedes-Benz den Nachfolger des Pagoden-SL (W 113). Der R 107 wird als erster SL mit V8-Motoren angeboten (350 SL, 200 PS, und 450 SL, 225 PS). Oktober 1972: Die Coupé-Version SLC (C 107) mit längerem Radstand (plus 36 cm) wird vorgestellt. 1974: Die Ölkrise ist da, der Sechszylinder kommt (280 SL/C, 185 PS). 1978: Der 450 SLC 5.0 (240 PS) wird mit Leichtmetallmotor und Alu-Karosserieteilen abgespeckt und mit Front- und Heckspoiler aerodynamisch optimiert. 1980: 380 (218 PS) und 500 SL/C (240 PS) ersetzen die kleineren V8-Maschinen. Oktober 1981: Der SLC wird vom neuen SEC (C 126) abgelöst. 1985: Ein sanftes Facelift wird vorgenommen, das Motorenangebot überarbeitet. 300 SL (188 PS) und 420 SL (218 PS) ersetzen 280 und 380 SL. Für die Märkte außerhalb Europas wird der 560 SL (242 PS) ins Programm genommen. 1986: Ab Werk wird ein Katalysator verbaut. Autos ohne Kat, sog. Rückrüstfahrzeuge (RÜF), bleiben bis 1989 im Programm. 26. Juli 1989: Nach 237.287 Autos endet die Fertigung der R-107-Baureihe.

Plus/Minus

Aus dem 350 SL wird im Laufe der Zeit der 420 SL, beide mit V8-Motor. Nach dem Facelift von 1985 trägt der SL-Frontspoiler.

©J. Mönnich

Ein gut gewarteter und sorgsam vor Rost geschützter R 107 besteht noch heute im Alltag und eignet sich dank Hardtop sogar für den Einsatz bei schlechtem Wetter. Gut, es passen nur zwei Leute rein, und ordentliche Autos haben ihren Preis, aber mehr Nachteiliges lässt sich auch kaum berichten. Für ein klassisches Automobil fast ein bisschen langweilig! Oder? In der Tat: Von Korrosion, einer vernachlässigten Technik oder verlebten Ausstattung gehen beim Kauf eines SL die größten Gefahren aus. Wie steht es um die Substanz der vorderen Kotflügel, der Lampentöpfe und Schweller? Ist die Heckschürze durch, verbergen sich löchrige Radläufe unter billigen Chromsicheln? Ist der Motor dicht, der Öldruck im Sollbereich, oder bläut es hinten merklich beim Gasgeben? Ist die Velours-Ausstattung intakt und komplett und das aufwendige Verdeck ohne Löcher? Sind Stoßstangen und Chrom in gutem Zustand, und liegen den extrabreiten, goldenen BBS-Kreuzspeichenrädern die originalen 15-Zoll-Gullydeckel bei? Auch wenn beinahe noch jedes Ersatzteil, ob gebraucht oder neu, für den R 107 zu haben ist, kostet eine Instandsetzung viel Geld. Deshalb ist Vorsicht geboten, wenn ein zu gutes Auto, selbst wenn es aus den USA oder Japan kommt, ein zu kleines Preisschild trägt – die Nachfrage ist seit 1971 groß, da werden auch strukturell mürbe Seelenverkäufer oberflächlich aufgehübscht. Die Beliebtheit des R 107 macht ihn anfällig für Rosstäuscher.

Ersatzteile

Ersatzteilsorgen? Nein, Horst Beyer und Emil Pichlmeier, die Besitzer unserer Fotoautos, schütteln die Köpfe, ist alles kein Problem. Obwohl ... Das "Klaviertasten"- Lenkrad der Urversion habe er schon ziemlich lange suchen müssen, sagt Beyer. Sein Vorserien-Auto habe Bilux-Scheinwerfer, offiziell gab es die gar nicht. Neue? Hoffnungslos! Und der große Stern im Kühlergrill der ersten R 107 bestehe noch aus verchromtem Metall, die neueren seien aus Kunststoff, so Pichlmeier. Ein Club-Kollege habe noch einen Massiv-Stern, gebe das gute Stück aber unter keinen Umständen her. Und überhaupt, einige Farben habe es nur kurz gegeben, mit Ersatz für Innenraum- und Ausstattungsteile sehe es da schon schlecht aus, einiges gebe es gar nicht mehr. Soll heißen: Ja, der R 107 ist ein Klassiker, und generell ist die Versorgung mit Ersatzteilen sehr gut, vor allem Ersatz für die Technik ist problemlos zu beschaffen. Aber auch beim SL der 70er- und 80er-Jahre gibt es natürlich Ausnahmen.

Marktlage

280 SL in Zypressengrün mit Leder "Dattel", Laufleistung unter 200.000 km – die Kombination könnte sich, etwas Geduld vorausgesetzt, so oder so ähnlich sogar finden lassen. Der gut sortierte R-107-Markt lässt Träume wahr werden, zwischen 5000 und 50.000 Euro ist alles möglich. Weil zu den zahlreichen Autos, die in Deutschland und Europa verkauft wurden, immer noch Reimporte aus den USA und Japan hinzukommen (deren Wartungshistorie oft nur schwer nachzuvollziehen ist), hat der Käufer die Wahl. Billig wird ein guter SL in attraktiver Farbkombination deswegen aber noch lange nicht.

Empfehlung

Der eigenen Neigung folgen, nicht reinreden lassen. Dank 18-jähriger Bauzeit hält die R-107-Baureihe für jeden das geeignete Auto parat. Frühe V8-Modelle spiegeln den Zeitgeist der Oberklasse am besten wider, ein handgeschalteter 280 SL fühlt sich sogar ein bisschen nach Sportroadster an, und die späten Typen haben schon ABS und G-Kat. Irgendwo dazwischen kristallisiert sich der 300 SL als Idealbesetzung heraus. Oder den Blick einfach mal schweifen lassen: W 124 Cabrio und der – noch günstige – Nachfolger R 129 könnten Alternativen sein.

Autor: Jan-Henrik Muche

Fotos: J. Mönnich

Diesen Beitrag empfehlen

Kommentare

Datenschutz

Die Technik der Kommentarfunktion "DISQUS" wird von einem externen Unternehmen, der Big Head Labs, Inc., San Francisco/USA., zur Verfügung gestellt. Weitere Informationen, insbesondere darüber, ob und wie personenbezogene Daten erhoben und verarbeitet werden, finden Sie in unseren Datenschutzbestimmungen

comments powered by Disqus
Anzeige

Automarkt

Finden Sie im Automarkt von autobild.de Ihren Gebrauchtwagen.

Bei autohaus24.de Neuwagen günstig kaufen und Geld sparen.