Modellautos: Die Schuco-Story

— 20.12.2012

100 Jahre Sammlerglück

Auch wenn Schuco einst mit Plüschtieren begann, hinterlassen die fränkischen Spielzeuge in den Kinderzimmern vor allem Reifenspuren – und das seit exakt 100 Jahren.



Anfang der 1930er-Jahre im angesagten Nürnberger Café Wintergarten: Hier will Heinrich Müller einen Kunden vom Schuco-Patent-Auto überzeugen. Der ebenso charmante wie ruhige Gründer von Schreyer & Co zieht das Uhrwerk des Blechautos auf und lässt das schnittige Spielzeug über den Tisch fahren. Doch immer wieder fällt das Modell zu Boden. Der Tisch ist zu klein. Trotzdem ordert der Kunde. Er ist überzeugt, Müller nicht. In seinem Kopf arbeiten die grauen Zellen wie die Zahnräder seiner virtuos gestalteten Uhrwerke.

Die Schuco-Historie

10.12.1886: Heinrich Müller, der spätere Erfinder der Schuco-Modellautos, wird geboren.

1 von 12

Mit dem Wendeauto kam 1933 der Durchbruch.

© Berse & Dieckert

Am nächsten Tag sitzt der Tüftler wieder an seinem Stammtisch. Sein Bleistift huscht über das Papier und zeichnet einen Berg an Skizzen. Heraus kommt eine Spielzeugsensation: Müller erfindet gerade das Schuco-Wendeauto. Es fällt nicht mehr vom Tisch, sondern ändert, dank eines geheimnisvollen fünften Rads, einfach rechtzeitig die Fahrtrichtung. Das Wendeauto wird eines von knapp 200 Patenten, die Müller bis zu seinem Tod international eintragen lässt. Automodelle stellte das Unternehmen bis heute ungefähr 150 Millionen Mal her. Und das ist noch eine sehr vorsichtige Schätzung. Da wird selbst VW-Boss Winterkorn neidisch. Kaufmann Heinrich Müller, geboren Ende 1886, etwa ein Jahr nach dem Benz Patent-Motorwagen, bringt sich selbst bei, wie man Spielzeuge erfindet. Vor allem aber bringt er sich bei, wie man sie in riesigen Stückzahlen effizient produziert. Hier hat ein Genie sein Thema gefunden. Der Studio Racer, das Kommando-Auto, der Fex, der Ingenico, das Zweirad Motodrill oder die legendäre Blech-Feuerwehr aus der Nachkriegs-Ära – alles Erfindungen von Heinrich Müller. Sie haben Spielzeuggeschichte geschrieben, und Generationen von strahlenden Kinderaugen spiegelten sich in den satt lackierten Blechkunstwerken. In den Blütezeiten arbeiten fast 1000 Menschen bei Schuco – Zulieferer nicht mitgerechnet. Und serienmäßig ohne Aufpreis liefern die Franken immer eines: beste, im Modellbau schon legendäre Qualität.

Der Schatz im Kinderzimmer: Spielzeugautos

An den detailreichen 1:18-Modellen gibt es viel zu entdecken.

© Berse & Dieckert

Der Autor dieser Zeilen besitzt selbst einen über 70 Jahre alten Schuco Studio, der optisch dem ersten Silberpfeil W 25 ähnelt. Seine Besitzer achteten über Generationen penibel darauf, dass sein Uhrwerk immer gut geschmiert war. Der Blech-Oldtimer läuft noch heute auf glattem Linoleumboden zwei Minuten und 36 Sekunden lang, so wie am ersten Tag. Zeitzeugen berichten, dass bei den Schuco-Uhrwerken mit einer Präzision gearbeitet wurde, wie man sie seinerzeit nur aus dem Bau von Flugzeuginstrumenten oder hochwertigen Uhren kannte. Anfangs setzt Müller auf seine genialen Aufziehwerke, nach dem Krieg übernehmen Elektroantriebe langsam die Führungsrolle. Als Müller 1958 stirbt, sind die Fußstapfen für Sohn Werner mindestens drei Schuhnummern zu groß. Geschäftsführer Alexander Girz steht zudem noch einem anderen Unternehmen vor: der Firma seiner Frau. Die Herta Girz GmbH baut unter dem Namen "Hegi" Plüschtiere und Flugzeuge. Da sind Interessenkonflikte programmiert. Was Hegi entwickelt, wird von Schuco bezahlt. Und in der Fertigung läuft es teilweise ähnlich. Sohn Werner sieht es nicht, oder er sieht weg, damit er sein Playboy-Leben genießen kann. Das geht lange gut. Denn Heinrich Müller hinterlässt bei seinem Tod für noch mindestens fünf Jahre gute Ideen. Zudem steht die Firma finanziell bestens da. Doch dann verliert Schuco seine Kreativität und die Nase für Erfolg. Die Franken schaufeln ein Vermögen in eine Einschienenbahn, die keiner kaufen will. Als Nächstes wird Schuco die Autorennbahn fürs Wohnzimmer angeboten – die Firma lehnt ab und verpennt das Riesenpotenzial, während Josef Neuhierl, auch ein Nürnberger, die Carrera-Bahn berühmt macht. Schließlich subventioniert Schuco auch noch für Hegi den in den 1960ern sündhaft teuren Start in das Zeitalter der modernen Funkfernsteuerungen. Und Sohn Werner zieht derweil fleißig Geld aus der Firma, kauft sich einen neuen Iso Grifo und baut sich am Starnberger See eine millionenteure Villa.

Top Ten: Modellautos

Der VW Passat in der Baugröße 1:43 zieht sich wie ein roter Faden durch die jüngere Schuco-Geschichte.

© Berse & Dieckert

Gleichzeitig droht Deutschland die erste Spielwarenkrise. Billigkopien aus Japan machen den Blechproduzenten zu schaffen, aus Großbritannien kommen interessante Konkurrenzflitzer aus Zinkdruckguss, "Die Cast". Matchbox, Dinky Toys und Corgi Toys heißen jetzt die begehrten Newcomer in den Kinderzimmern der Wirtschaftswunderzeit. Doch noch ist Schuco stark. Die Nürnberger schaffen die Wende. In Zinkdruckguss startet eine 1:43-Serie. Allein VW ordert 1973 vom ersten Passat 40.000 Miniaturen für seine Filialen. Wohlgemerkt aus Zinkdruckguss und nicht aus Blech. Gleichzeitig entwickelt Schuco große Plastikautos im Maßstab 1:16 und 1:12, wie den Mercedes C 111 und den BMW Turbo. 1969 startet mit der 1:66-Serie ein qualitativ überlegenes Konkurrenzprodukt zu den Matchbox-Autos. Doch Schuco will seine Mini-Flitzer mit beweglichen Türen nicht teurer verkaufen als die Briten ihre Modelle und legt bei jedem 1:66er einen Groschen drauf. Die 1:66-Serie aus Zinkdruckguss wird so zum Mega-Erfolg und zugleich zu einem der vielen Sargnägel für die Franken. Die Umstellung auf die neuen Materialien hat viel Geld gekostet. Geld, das nun knapp wird. In zwei Schüben folgt schließlich der Zusammenbruch der Traditionsfirma. 1974 reicht es noch für einen Vergleich, 1976 fährt Schuco den Wagen voll vor die Wand. Konkurs! Auch damals schon spielt die eigene Hausbank eine nicht gerade ruhmreiche Rolle. Die ganze Spielwarenbranche steht unter Schockstarre. Schuco pleite? Das geht doch nicht! Bevor andere reagieren, erhält die britische Spielwarengruppe DMC den Zuschlag und macht mit dem neu erworbenen Markenjuwel in den folgenden vier Jahren alles falsch, was man falsch machen kann. Snoopy-Figuren, klapprige Dreiräder mit kartoffelnasigen Puppen sowie billige Kunststoff-Flipper tragen jetzt den Namen Schuco. Die großen Kunststoff-Autos und die Zinkdruckguss-Modelle in 1:43 und 1:66 lassen die Briten in Osteuropa oder in Südamerika fertigen. Dadurch verlieren die Schuco-Produkte auch noch ihre allerwichtigste Eigenschaft: die Qualität.

Die schönsten Schuco-Modelle: oben in der Bildergalerie!

Modellautos – heute so faszinierend wie vor Jahrzehnten.

© Berse & Dieckert

Doch 1980 geht DMC selbst in Konkurs – und Schuco landet wieder im Fränkischen. Die Trix-Mangold-Gruppe, mit Spielzeugen der Marke Gama einer der ehemaligen Hauptkonkurrenten, kauft Schuco. Einige Blechspielzeuge legen die Fürther wieder auf, das war es dann aber schon. Das Geld für große Investitionen fehlt. Schuco sinkt in eine Art Dornröschenschlaf. Bis 1993. Da kommt Peter Brunner von Herpa, dem Marktführer für 1:87-Modelle, ins Team. Brunner setzt zwei Ideen durch, die Schuco das Leben retten sollen. Er will im Industrieauftrag, zunächst für BMW und Opel, wieder 1:43-Modelle bauen: modern, ohne bewegliche Teile, aber mit einer Top-Dekoration. Er befragt die Fachhändler. Eindeutiger Tenor: "Startet die neue Serie unter Schuco, nicht unter Gama." Dank Brunners Verhandlungsgeschick kommen die neuen Flitzer tatsächlich unter dem Namen Schuco, also dem Erzrivalen von Gama, auf den Markt. 1995 dürfen die Franken sogar den neuen Turbo für Porsche in 1:43 bauen. Ein erster Durchbruch. Schuco ist wieder wer im Modellauto-Geschäft. Ein Jahr zuvor startet Brunner die Piccolo-Serie aus den 1950ern neu. Die 1:90-Modelle in Zinkdruck-Vollguss verkaufen sich nach ihrem erneuten Start sensationell. Brunner: "Ich brauchte damals für Schuco unbedingt ein Taschengeldprodukt, um den Namen wieder bekannt zu machen. Die Piccolos haben zudem viele alte Schuco-Fans aktiviert. Das war unser großes Glück." Aber Brunner muss mogeln. Als ihn seine Geschäftsführung anweist, den Entwicklungsauftrag in China zu stornieren, vergisst er einfach, das Fax mit dem Storno ins Reich der Mitte abzuschicken. Mercedes ordert derweil 6000 klassische Silberpfeile – ein lukrativer Industrieauftrag, und über Nacht sind plötzlich alle vom Erfolg der neuen Piccolos überzeugt. Peter Brunner ist schon einen Schritt weiter. Er entwirft eine neue Blech-Serie im Maßstab 1:18 mit formschönen Klassikern wie dem BMW 327 und dem Mercedes-Benz 170 V, die auch alte Fans der Marke ansprechen. Brunner erinnert sich: "Schuco nahm langsam wieder Fahrt auf, doch wir hatten kaum Kapital für Innovationen."

Pro und Kontra: Modellautos

Buchtipp: "Die Schuco-Saga" von Andreas A. Berse. Verlag Delius Klasing, 176 Seiten, ca. 350 Abbildungen, Preis: 29,90 Euro.

Dann kommt der große Knall: Trix-Mangold will die aufgehübschte Braut verkaufen und verhandelt hinter dem Rücken von Geschäftsführer Brunner mit potenziellen Investoren. Der Retter wirft das Handtuch. Am 1. April 1999 landet der Traditionsname Schuco bei der Simba-Dickie-Gruppe in Fürth, einem familiengeführten Spielzeugkonzern mit weltweit 3700 Mitarbeitern, Niederlassungen in 30 Ländern und 4000 Artikeln im Programm. Schuco wird die neue Markenperle der Franken. Und die cleveren Fürther holen Peter Brunner zurück. Der bleibt bis 2001 im Unternehmen. Dann übernimmt Heiner Sieber auch die Schuco-Geschäftsführung. Sieber: "Ich habe ja bei Gama meine Ausbildung gemacht. Wir haben immer zu Schuco aufgeschaut. Und dann kauften wir als Gruppe diese Traditionsmarke. Das machte uns stolz." Mit der finanziellen Power eines Spielzeugkonzerns im Rücken kann Schuco sein Programm weiter ausbauen. Der Piccolo-Serie stellen die Macher eine 1:87-Edition zur Seite. Schuco steigt zunächst in 1:43 und später im Format 1:32 in den Traktorenmarkt ein, widmet sich zudem in Zinkdruckguss auch der Baugröße 1:18. Gleichzeitig gibt es jedes Jahr zumindest ein Blechspielzeug in einer neuen Version. Im Maßstab 1:43 lassen sich Mercedes, BMW, Audi, VW und Porsche Modelle maßschneidern. Im Großmaßstab 1:10 legt Schuco eine Serie mit klassischen Motorrädern auf. Trotzdem hat sich ein Wandel vollzogen. Schuco ist kein Massenspielzeug mehr, sondern ein Qualitätsprodukt, das sich vorwiegend an Sammler richtet. Viele der heutigen Kunden werden früher mit einem Klassiker aus dem Fränkischen gespielt haben. Mit einem Examico, Fex oder einem Girato. Namen, die auch in 100 Jahren noch jeder Spielzeugsammler kennen wird. Zum einhundertjährigen Jubiläumm hat Schuco eine Reihe klassischer Modelle in limitierter Stückzahl neu aufgelegt, einige davon sind bereits vergriffen. Oben in der Bildergalerie zeigen wir eine Auswahl der Jubiläumsklassiker sowie zahlreiche gelungene Modelle aus dem Schuco-Programm.

Autor: Andreas A. Berse

Fotos: Berse & Dieckert

Diesen Beitrag empfehlen

Artikel bewerten

Bewerte diesen Artikel

Fremde Bewertungen

Weitere interessante Artikel

Weitere interessante Videos

Kommentare

Datenschutz

Die Technik der Kommentarfunktion "DISQUS" wird von einem externen Unternehmen, der Big Head Labs, Inc., San Francisco/USA., zur Verfügung gestellt. Weitere Informationen, insbesondere darüber, ob und wie personenbezogene Daten erhoben und verarbeitet werden, finden Sie in unseren Datenschutzbestimmungen

comments powered by Disqus
Anzeige

Versicherungsvergleich

Zur Motorradversicherung

Neuwagen

NEUWAGEN zu Top-
Konditionen, mit voller
Herstellergarantie
und zu attraktiven
Zinsen finanziert.

Hier klicken zu den Top-Angeboten

Gebrauchtwagen

Finden Sie Ihren Gebrauchtwagen.

Günstige Klassiker-Angebote
Anzeige