Opel Ascona A Voyage

Opel Ascona A Voyage

— 24.05.2011

Der längste Manta

Vor 40 Jahren spielte Opel virtuos auf der Marketing-Klaviatur – in Deutschland, aber vor allem in den USA: Dort gab es den Manta als Sport Wagon. Hier hieß der Kombi Ascona Voyage.

"Mit dem Begriff Shooting Brake", findet ein Wikipedia-Schreiber, "bezeichnet man eine besondere Karosserievariante eines Automobils: Ein Coupé mit Steilheck, das mit seiner Heckklappe eher einem Kombi als einer Limousine ähnelt", steht da. Und weiter: "Im Unterschied zum üblichen Kombi hat ein Shooting Brake aber nur zwei Türen und ist insgesamt sportlicher, eleganter gestaltet." Ah, jetzt – ja. Das mit dem sportlich-eleganten Design sei mal dahingestellt. Kasten bleibt Kasten, auch wenn dieses zierliche Auto durchaus Reize bietet. Doch sonst trifft alles zu: nur zwei Türen? Hat er. Heckklappe? Hat er natürlich auch. Steilheck? Jawohl. Coupé? Na ja. Doch auf den zweiten Blick erfüllt der Ascona Voyage auch dieses Kriterium. Irgendwie. Denn unterm kantigen Blech, im Antriebsstrang sowie in den Grunddaten von Radstand, Spurweite und Radführungen finden sich auffallende Parallelen zum Manta A, der nur wenige Monate vor dem Ascona im September 1970 erschien.

Zwei Türen und Heckklappe im steilen Heck: Voyage oder Shooting Brake?

©H. Neu

In den USA wurde der Ascona Voyage zunächst als Opel Station Wagon, von 1973 an als Manta Sport Wagon verkauft. Nicht wenige Exemplare wurden dort mit Plastikfolien im Holz-Look an den Flanken bestellt. Wie dieser Manta Sport Wagon in den USA, so war der Ascona in Deutschland ein Kind des Marketings. Denn ursprünglich sollte er den Kadett B als Kadett C ablösen und die Lücke zwischen Kadett und Rekord verkleinern. Als die Kölner Ford-Werke 1970 aber den geräumigen Knudsen-Taunus präsentierten, der zwischen dem Kadett-Rivalen Escort und dem großen 17M/20M positioniert war, musste schnell ein Taunus-Rivale her. Das Opel-Marketing um Bob Lutz plante um, aus dem Kadett C wurde der Ascona A, der als zwei- und viertürige Limousine und eben als Kombi Voyage auf die Welt kam.

Sportlicher Spießbürger: Opel Ascona B 1.9 L

Der Ascona sollt ursprünglich den Kadett B ablösen, begründete dann aber eine eigene Baureihe.

©H. Neu

Dass der Voyage keine Fondtüren hat, ist aus heutiger Sicht verwunderlich. Sollten Kombis nicht grundsätzlich Praktiker sein? Der Kadett B Caravan war wahlweise mit drei oder fünf Türen erhältlich, wobei die Dreitürer-Version sogar länger gebaut wurde. Hm. War der Voyage am Ende doch als Shooting Brake gemeint? Wie dem auch sei, man kann mit ihm gut leben. Denn die Türen des Voyage, die leicht in der Hand liegen, aber verlässlich ins Schloss ploppen, sind groß und die Vordersitze nicht so dick, als dass man nicht relativ komfortabel auf die Rückbank gelangte. Die zeigt durchaus Sinn fürs Praktische, denn mit einem Handgriff lässt sie sich flach legen zu einer ebenen Ladefläche ohne störende Buckel. Hier, wie auch an der niedrigen Ladekante, zeigt sich Opels Kombi-Erfahrung. Mag er auch nach einem – Pardon! – schweineteuren Urlaubsort am Schweizer Ufer des Lago Maggiore benannt sein, der Ascona ist ein Praktiker. Etwas anderes hätte man von Opel nicht erwartet. Junggesellen konnten ja den Manta kaufen.

In alter Größe: Opel Kapitän und Diplomat

Die Sitze und der übrige Innenraum tragen vornehmlich Schwarz, nur etwas Holzdekor bemüht sich tapfer um Glamour.

©H. Neu

Die Einrichtung des Voyage, der sich für 275 Mark mit einem schwarzen Vinyldach aufhübschen ließ, ist ebenso zweckmäßig wie die trotz Chromschmucks sehr nüchterne Form. Schwarz dominiert den Innenraum, der relativ schmal geraten ist, dank großer Scheiben aber luftig wirkt. Der kurzhubige Vierzylinder des 1.6 S mit 80 nach Super verlangenden PS raschelt beim Beschleunigen Opel-typisch, Gangwechsel sind mit dem langen, präzise geführten Hebel eine Freude. Auch heute fühlt sich dieser Opel, dessen Limousine Ausgangsbasis für erfolgreiche Rallyeeinsätze war, wendig und handlich an. Zu seiner Zeit galt er mit 80 PS als gut motorisierte Mittelklasse, rasant auf der Landstraße, respektabel auf der Autobahn. Die führte ungezählte Voyage-Besitzer zu Campingplätzen oder kleinen Schwarzwald-Pensionen. Zuverlässig natürlich. Ins modische Ascona verschlug es nur wenige Voyage-Fahrer. Sie wussten ja nicht, dass sie eigentlich einen schicken Manta Shooting Brake besaßen.

Historie

Ende 1970 holte Opel aus zum doppelten Paukenschlag: Im September kam der Manta A, der den seit 1969 erfolgreichen Ford Capri jagen sollte. Im November folgte die Vorstellung des Ascona A. Beide Autos waren sich technisch sehr ähnlich, nutzten baugleiche Fahrwerkkomponenten und Motoren. Neben der Ascona-Limousine mit zwei und vier Türen sowie Normal- und L(uxus)-Ausstattung gab es auch einen Kombi namens Voyage. Dessen Verkauf startete mit 1,6-Liter-Motoren, die 68 (1.6 N) und 80 PS (1.6 S) leisteten. Anfang 1971 folgten ein 1,9-Liter mit 90 PS und die Ausstattungslinie SR, unter anderem mit Sperrdifferenzial. Ein 1,2-Liter mit 60 PS kam 1972, er blieb der Limousine vorbehalten. Im Sommer 1973 bescherte ein Facelift der Baureihe einen schwarzen Kühlergrill und serienmäßiges Holzfurnier im Cockpit. Im Oktober 1973 arbeiteten sich Automatikgurte vom Sonderzubehör zur Serienausstattung vor. Dem Voyage stellte Opel im März 1974 den billigeren Caravan zur Seite. Juli 1975: Produktionsende nach gut 691.000 gebauten Ascona A, davon 50.750 Voyage.

Technische Daten

Mechanikers Freund: Der haltbare Vierzylinder hängt gut zugänglich im Motorraum.

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Opel Ascona Voyage 1.6 S: Reihenvierzylinder, vorn längs • eine obenliegende Nockenwelle, über Kette angetrieben • zwei Ventile pro Zylinder • Solex-Fallstromregistervergaser • Hubraum 1584 ccm • Leistung 59 kW (80 PS) bei 5200/min • max. Drehmoment 118 Nm bei 3800/min • Viergangschaltgetriebe • Hinterradantrieb • Einzelradaufhängung vorn an Doppelquerlenkern, hinten Starrachse mit Panhardstab, Stabilisatoren vorne/hinten • Reifen 165 SR 13 • Radstand 2430 mm • L/B/H 4180/1630/1400 mm • Leergewicht 1005 kg • Zuladung 525 kg • 0–100 km/h in 15,5 s • Spitze 155 km/h • Verbrauch 12,0 l S pro 100 km • Neupreis 1974: 11.317 Mark.

Plus/Minus

Der Ascona Voyage ist ein durch und durch alltagstauglicher Oldtimer. Ausreichend Leistung (zumindest beim 1.6 S und 1.9 S) paart sich mit guten Fahreigenschaften und hoher Zuverlässigkeit. Den sportlichen Kombi für den dynamischen Familienvater der 1970er- Jahre im aktuellen Verkehr zu bewegen ist eine coole Sache und bringt Sympathien. Vor allem: Die Technik des Ascona A ist gut für ein langes Leben. Die Motoren schaffen locker 250.000 km und mehr; Wasserpumpe und Kardanwellen-Kreuzgelenk, gelegentlich auch die Getriebesynchronisation schwächeln meist früher, lassen sich aber ohne großen Aufwand heilen. Rostschäden im Heck sind bei nicht restaurierten Exemplaren eher Regel als Ausnahme und können mächtig ins Geld gehen.

Ersatzteile

Mondäner Name, schlichter Anhang: 1,6 Liter, Superbenzin.

©H. Neu

Es könnte schlechter sein, aber auch viel besser: Da der Voyage und sein preiswerterer Bruder Caravan viele Teile mit der Limousine gemeinsam hatten, gibt es im Bereich Antriebsstrang und Fahrwerk keine Probleme. Auch Interieur- und Karosserieteile sind in der Regel ohne großes Suchen erhältlich, wenn es sich um Gleichteile mit der Limousine handelt. Viele Ascona wurden ja nach ihrem Rosttod geschlachtet und verwertet. Für kombispezifische Teile gilt dies alles aber nicht. Hintere Seitenscheiben, Heckklappe, Rückleuchten und Rücksitzbank sind selten und sehr teuer.

Marktlage

Rostvorsorge war bei der Produktion des Ascona A kein Thema. Entsprechend früh wurden die allermeisten der gut 691.000 gebauten Exemplare ein Fall für den Schlachter und Ausbeiner. Von den 50.750 Voyage überlebten nur ganz wenige Exemplare; in Deutschland dürften noch maximal 200 existieren. Eines zu finden, erfordert daher einen langen Atem – und dann auch die Bereitschaft, etwas tiefer in die Tasche zu langen. Voyage 1.6 S im Zustand 2 werden mit 7000 Euro notiert, 3er-Exemplare liegen bei knapp 4000 Euro.

Empfehlung

Technische Mängel müssen beim Kauf nicht abschrecken. Sie lassen sich gut beheben, denn die Opel-Szene ist groß, rührig und hilfsbereit. Fehlen jedoch kombispezifische Teile oder zeigt sich fetter Rost im Heckbereich, sollten die Alarmglocken schrillen. Dann wird es langwierig und mühsam, das Auto in einen dauerhaft guten Zustand zu versetzen. Enthusiasten empfiehlt sich der Blick in US-amerikanische Verkaufsbörsen, Stichwort Opel Station Wagon – oder eben Opel Manta Sport Wagon.

Autor: Michael Harnischfeger

Fotos: H. Neu

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