Rückenlehne ganz weit zurückgedreht, Arme durchgedrückt, Beine ausgestreckt – das war die sportliche Sitzposition der 70er-Jahre. Und ganz genau so muss der Fahrer im Ascona auf seinem dünn gepolsterten Breitcord-Sitz liegen. Weit nach vorn in Richtung Windschutzscheibe gerückt – um Raum für die Fondpassagiere zu schaffen –, bleibt ihm nämlich nichts anderes übrig, wenn er sich nicht die Nase stoßen will. Ascona ist eben Mantas braver Bruder. Doch es fließt tatsächlich ein kleiner Schuss Sportlerblut durch seine Spritleitungen. 12,0 Sekunden auf 100 km/h! Damit wird der Opel beim Ritt durch die Grüne Hölle zwar nicht zum wilden Tier – aber auch nicht in die Vorhölle verbannt. 75 PS fühlen sich ganz gut an, wenn sie aus üppig eingeschenkten 1,9 Liter Hubraum fließen.Sie ziehen die immerhin 1001 Kilo schwere Ascona-Fuhre flüssig aus dem Breidscheid durch Bergwerk, Kesselchen und Karussell zur Hohen Acht hinauf. Und wir reden hier von bis zu 16 Prozent Steigung. Der Schwung wird nicht einmal durch die Automatik ausgebremst, die überraschend sanft ihre drei Fahrstufen im Planetengetriebe wechselt. Was die Ohren im Opel hören müssen, kommt allerdings nicht überall gut an: Eine Serenade aus Näseln, untermalt von sanftem Zahnrad-Mahlen im Getriebe, beim Gangwechsel unterbrochen vom Sound eines aufjaulenden Staubsaugers aus dem Drehmomentwandler. Nur für harte Opel-Fans klingt das wie Musik. Unter dem Opel verrichtet eine ähnlich einfache Fahrwerk-Konstruktion wie im Taunus die Beinarbeit.

Die milden 68er: $(LC594599:Mercedes /8, BMW 2000 und Audi 100 C1)$

Opel Ascona B 1.9 L
Was in den 70er-Jahren luxuriös war, wirkt heute spartanisch. Im kahlen Hartplastik-Cockpit ist nur das Nötigste versammelt.
Etwas besser durchtrainiert, weniger schaukelig, aber ähnlich trampelig. Immerhin hielten die Opelaner ihre starre Hinterachse besser im Zaum – Versetzen gehört hier nicht automatisch zum Fahrprogramm, sondern in den oberen Grenzbereich. Da kommen allerdings Fahrer mit schwach entwickeltem Bizeps schneller hin, als ihnen lieb ist. Die Lenkung verzichtet wie bei den Kontrahenten auf eine Servounterstützung. Doch im Opel lastet der Motor besonders schwer auf der Zahnstange. Im Stand fast undrehbar, während der Fahrt für viele immer noch eine Qual – nicht nur im Kurvengewirr der Grünen Hölle, sondern erst recht im stinknormalen Parkhaus beim Einparken. So hart kann der Alltag sein.

Fazit

von

Andreas Borchmann
Klar, Hubraum ist durch nichts zu ersetzen. Keine Floskel: Denn 1,9 Liter lassen den Opel Ascona überraschend leichtfüßig antreten. Auch mit Dreistufenautomatik. Darüber hinaus ist der Ascona fast schon ein Spartaner: dünne Sitze, weniger Platz als im Taunus und ein Cockpit, so leer wie die Wüste Gobi. Aber genau deshalb ist er ein typisches Kind seiner Zeit, als nahezu jedes Extra Aufpreis kostete. Wenigstens 11.627 D-Mark wurden 1977 für den Ascona 1.9 fällig, für die Automatik 1012 D-Mark, für H4-Licht 115 D-Mark.

Von

Andreas Borchmann