Porsche Boxster

Porsche Boxster Porsche Boxster Porsche Boxster

Porsche Boxster

— 27.11.2013

Pretty Woman

Mit der hinreißenden Julia Roberts im Erfolgsfilm "Pretty Woman" hält der Porsche Boxster locker mit, so hübsch und knackig sieht er aus. Aber wenn das Image des soften Frauenautos auch klebt wie Zucker – der Kleine ist ein echter Porsche.

Verkehrte Welt! Was anderswo extra kostet, gibt’s bei Porsche zum Einsteigerpreis dazu: den freien Blick nach oben. Damals in den späten 90ern wie auch heute ist der offene Boxster die günstigste Art, einen Porsche zu fahren. Was nicht heißen soll, dass sich so einer unter Wert verkauft. Der Fahrdynamiker mit Gute-Laune-Garantie ist ganz nah dran am ursprünglichen Porsche-Erlebnis. Und trotzdem: Lange hat die etablierte Elfer-Fraktion seine Talente kleingeredet und ihn skeptisch bis kritisch beäugt. Das konsequent sportliche Mittelmotorkonzept, das seit der Nummer eins von 1948 ja eigentlich unter Porsche-Piloten als sakrosankt gelten sollte, in Verbindung mit kleinvolumigen Saugmotoren haben ihm Kleingeister sogar ehrabschneiderisch als Erblast aus VW-Porsche-Zeiten ausgelegt.

Die Aufmachung des Porsche Boxster ist schön schlicht und erinnert ein wenig an Speedster und 912.

©M. Gloger

Als schalen Kompromiss empfinden manche Snobs die erste Boxster-Generation, weil sie in ihrer Urversion von 1996 nur ein kleines Boxerherz mit 2,5 Liter Hubraum und 204 PS vorzuweisen hat und so zeitgemäß soft gezeichnet daherkommt. Damit gilt der Typ 986 als unmännlich, was in Porsche-Kreisen grundsätzlich zu einer Versteifung der Oberlippen führt. Wobei mit feminin im Fall des Boxster eher Tussi als Dame gemeint ist. Boshaft wird dem Einsteiger-Modell auch unterstellt, in dritter Hand und mit Provinz-Kennzeichen ein Dauerparker vor Landkreis- Sonnenstudios zu sein. Wenn dann noch eine Fünfgang-Tiptronic, höhnisch "Tipse" gerufen, die Gänge sortiert, dann gute Nacht. Fair ist das natürlich nicht. Dass der 912 früher auch nur ein dünn ausstaffierter Elfer mit veraltetem 356-Triebwerk war, hat nie so gestört. Aber auch da galt: Der Kleine verkaufte sich besser als der Große, der Rufmord setzte erst später ein. Dass im günstig gewordenen Weichzeichner-Porsche der Neuzeit viel mehr 911 steckt als allgemein vermutet, wissen nur noch Insider. Selbsternannte Porsche-Gourmets übersehen auch gern, dass ihre Hausmarke ohne den Boxster vielleicht schon viel früher Unabhängigkeit oder sogar Leben verloren hätte. Der Boxster ist im wahrsten Sinne des Wortes aus der Not geboren.

Meister aller Klassen: Porsche 911 RSR 2.8

Ein reizender Rücken, trotz Make-up: Dieser 1997er Boxster trägt nicht originale Rückleuchten in Rauchglas-Optik. Bitte demnächst rückrüsten!

©M. Gloger

Erste Konturen gewinnt das Basismodell, als die Firma zu Beginn der 90er-Jahre am Tiefpunkt angekommen ist: ratlos, desorientiert und nahezu pleite. Erst müssen die milliardenschweren Rohrkrepierer 965, eine Art 959-Lightversion mit Turbo und Allradantrieb, und der viertürige, völlig überentwickelte 989 beerdigt werden, bevor die Porsche-Lenker erkennen: Der Marke fehlt kein großes Auto, sondern ein kleines. Eines, das mit dem Elfer der Zukunft möglichst viel gemeinsam hat, damit die Kosten sinken und endlich wieder Geld verdient werden kann. Gleichteile-Strategie heißt das Zauberwort. Bei Porsche haben sie davon bisher nur gehört und jedes neue Auto schön für sich allein entwickelt. Jetzt arbeiten Techniker, Designer und Kaufleute das erste Mal eng zusammen. Und dann holt der 1992 zum Porsche-Chef ernannte Wendelin Wiedeking auch noch Berater ins Haus, die sich auf schlanke Fertigung verstehen. Es ist ein Schock: Japaner, die Porsche das Autobauen erklären! In solch verwirrenden Zeiten kommt der Typ 986 auf die Welt. Die Boxster-Studie von 1993 legt vor, testet Reaktionen. Auf einmal wissen alle Besucher der Detroit Motor Show, dass sie auf diesen Porsche gewartet haben: offen, kompakt, puristisch, mit einer Spur Speedster, Spyder und RS60-Rennsportwagen in den Linien. Retro-Design ist in der Branche gerade groß in Mode, aber das hört Chefdesigner Harm Lagaay gar nicht gern. Immerhin: Selbst die Kollegen anderer Firmen seien rübergekommen, so heißt es später, hätten Porsche zum Boxster-Entwurf gratuliert und zur Serienfertigung geraten. 1996 läutet der Boxster als fertiges Auto die Porsche-Moderne ein, erlebt aber noch die alten Zeiten mit: In Zuffenhausen läuft er gemeinsam mit den letzten luftgekühlten Elfern vom Band.

Der Über-Porsche: Porsche 959

Das Innenraum-Styling mit all seinen glatt polierten Schaltern, Hebeln, Griffen und der sich ewig wiederholenden Ovalform ist typisch 90er.

©M. Gloger

Was muss das für ein Kraftakt gewesen sein, ihn und den 996 auf einmal zu entwickeln. Bodengruppe, Fahrwerk, Wasserkühlung, Design, Synergien, alles neu. Die vordere Haube, Kotflügel, Türen, Scheinwerfer-Einheiten und das Chassis bis zur A-Säule sind bei Boxster und 996 identisch, der Anteil gleicher Baugruppen liegt bei 38 Prozent. Der Tradition des Spar-Porsche folgend hat der Boxster nur drei Instrumente, aber die sind größer und hübscher als die mühsam zusammengepresste Uhren-Orgel im 911. Das Innenraum-Styling mit all seinen glatt polierten Schaltern, Hebeln, Griffen und der sich ewig wiederholenden Ovalform ist typisch 90er: vom Bio-Design beeinflusst und billig in der Anmutung. Die Macht der Controller ist dem Boxster anzusehen. Sie ist auch fühlbar, doch ein gleich alter 996 fühlt sich kaum kostbarer an. Wer das nicht als Mangel verbucht, sondern als historische Fußnote, kann mit einem Ur-Boxster glücklich werden. Ruhig mal genau hinschauen: Wie sauber und klar der Typ 986 gezeichnet ist, da gibt es keinen Strich zu viel, keine bemühten Lichtkanten, keine protzige Ornamentik! Er hat den Radstand eines Käfers, ist so kompakt und leicht wie ein alter Elfer. Und: Herrlich, wie leichtfüßig und schnell ein Boxster um die Ecken zackt. Gerade der wassergekühlte Boxer der Frühzeit hat seinen ganz speziellen Reiz: Nur 2,5 Liter Hubraum, verteilt auf sechs Zylinder, dazu verstellbare Einlassnockenwellen, das steht für ungehemmte, markentypische Drehfreude.

Klassiker: Ungeliebte und unterschätzte Porsche

Die Haptik des Innenraums zeugt vom strammen Sparwillen des Herstellers, aber das elektrische Dach gehört immer zur Serienausstattung.

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Die 204 PS der frühen Jahre reichen, weil ein Youngtimer mit 240 km/h Spitze nun wirklich keinen Anlass zum Meckern gibt. Mit 2,7 Liter Hubraum und 220 PS oder als scharfer Boxster S mit 252 PS aus 3,2 Liter Hubraum (ab Modelljahr 2000) fühlt sich der Nice-Price-Porsche viel mehr nach Elfer an. Dass ihn kein Rennsport-Aroma umweht, liegt am Hersteller. Wettbewerbe blieben für den Elfer reserviert. Und einen Turbo-Boxster gab es auch nie: Er wäre der großen Verwandtschaft wohl gnadenlos um die Ohren gefahren. Sogar die geschmähte Tiptronic trägt der erste Boxster mit Würde. Mitleidig schauenden Zeitgenossen kann sein Fahrer erklären, dass inzwischen immer mehr 911 mit Automatik unterwegs sind, Panamera sowieso. Andere Ausstattungsdetails sind schwerer verdaulich: Ozeanjade, Libelltürkismetallic oder Trendstoff Graffitigrau heißen einige der schlimmsten Sünden, die einem auf dem Boxster-Gebrauchtmarkt begegnen können. Aber damals fanden wir auch Julia Roberts im Nino-Cerruti-Stretchkleid sehr sexy. Spätestens wenn die ersten Ur-Boxster auf schmale Serienräder und Spiegeleier-Leuchten rückgerüstet werden, wissen wir, dass auch dieses Jahrzehnt modisch rehabilitiert ist. Wer schlau ist, kauft schon heute ein. Ein offener Porsche für 12.000 Euro: Luft ist kein Luxus mehr!

Gebrauchtwagensuche: Porsche Boxster

Technische Daten

Spätestens wenn die ersten Ur-Boxster auf schmale Serienräder und Spiegeleier-Leuchten rückgerüstet werden, sind die 90er modisch rehabilitiert.

©M. Gloger

Porsche Boxster Motor: Sechszylinder-Boxer, Mitte längs • zwei obenliegende Nockenwellen über Duplexkette angetrieben, verstellbare Einlassnockenwellen, 4 Ventile pro Zylinder, elektronische Einspritzung Bosch Motronic • Hubraum 2480 ccm • Leistung 150 kW (204 PS) bei 6000/min • max. Drehmoment 245 Nm bei 4500/min • Antrieb/Fahrwerk: Fünfgang-Schaltgetriebe (auf Wunsch Tiptronic-Fünfstufenautomatik) • Hinterradantrieb • Einzelradaufhängung an MacPherson-Federbeinen u. Querlenkern vorn, an Quer- und Längslenkern hinten • Räder/Reifen 6 J x 16 mit 205/55 ZR 16 vorn, 7 J x 16 mit 225/50 ZR 16 hinten • Maße: Radstand 2415 mm • Länge/Breite/Höhe 4315/1780/ 1290 mm • Leergewicht 1250 kg • Fahrleistungen/Verbrauch: 0–100 km/h in 6,9 s • Spitze 240 km/h • Verbrauch 9,7 l Super pro 100 km • Neupreis: 76.500 Mark (1996).

Historie

1992: In Weissach beginnt unter dem Typencode 986 die Entwicklung eines Showcars. 1993: Im Januar stellt Porsche auf der Detroit Auto Show die Prototypen-Studie eines offenen Zweisitzers vor. Der Name: "Boxster". Die Zeit der Frontmotortypen 968 und 928 neigt sich dem Ende zu. 1996: Das neue Einsteigermodell (Typ 986) wird vorgestellt, der 2,5-Liter-Motor leistet 204 PS. Design und Wasserkühlung des Boxster sind ein erster Ausblick auf die Zukunft des Elfers. 1999: Der Boxster S (3,2 Liter, 252 PS) erscheint, das Basismodell verfügt jetzt über 2,7 Liter Hubraum und 220 PS. 2002: Facelift für den 986, Bug und Heck werden gestrafft. 2004: Der neue Boxster (Typ 987) kommt auf den Markt. 2005: Das geschlossene Schwestermodell heißt Cayman (Typ C7). 2009: Boxster und Cayman werden auf Wunsch mit dem Siebengang- Porsche-Doppelkupplungsgetriebe (PDK) ausgerüstet. Als puristische Variante des Boxster wird der Boxster Spyder (3,4 Liter Hubraum, 320 PS) vorgestellt. 2012: Die dritte Boxster-Generation (Typ 987) geht in Produktion. Radstand und Leistung sind gewachsen. 2013: Die Mittelmotor-Familie ist (vorerst) komplett, der neue Cayman ist da.

Plus/Minus

Sooo viel Porsche für so wenig Geld! Tolle Form, zackiges Fahrverhalten, großer Name: Bei gepflegten Boxster aller Leistungsstärken überwiegt eindeutig das Positive. Auf der Soll-Seite stehen die mitunter billige Materialanmutung im Innenraum, anfällige Kurbelwellen-Simmerringe sowie Schäden an Kolben, Zylinder-Laufflächen und Zylinderköpfen, was auch für die 996-Triebwerke gilt – die erste Wasserboxer-Generation teilt sich ihre Macken modellübergreifend. Größere und meist offensichtlichere Gefahr droht von nachlässigen Vorbesitzern, die Pflege und Wartung verschleppt haben. Vorsicht vor solchen Billig-Angeboten! Ausreißer nach oben und unten gibt’s, seriöse Boxster-Offerten beginnen in der Preisregion um 12.000 Euro. Modische 90er-Jahre-Originale in Schreifarben, mit Spiegelei-Scheinwerfern und komfortbetonter Tiptronic sind heute Schnäppchen, die noch keiner auf dem Zettel hat, in Zukunft aber zeitgeistige Raritäten.

Ersatzteile

Es gibt noch alles, ganz gleich ob neu oder gebraucht, vom Hersteller oder aus dem Zubehör. Für jene, die vorsorgen wollen, sind das goldene Zeiten. Weil in der Masse der Fahrzeuge aber irgendwann nur das Original zählen wird, könnte es deshalb sinnvoll sein, heute schon einige Teile wegzulegen. Etwa neuwertige Scheinwerfer mit gelben Blinkern, einen Satz makelloser Aluräder der ersten Jahre sowie Schalter, Knöpfe oder eine gute Innenausstattung in der jetzt noch erhältlichen Sonderfarbe.

Marktlage

Boxster kaufen? Der ideale Zeitpunkt ist nah. Rund 165.000 Typ 986 sind bis 2004 entstanden, noch kann man frei wählen: nach Farbe, Kilometerstand, Preis, Ausstattung, Postleitzahl. Die Preisuntergrenze liegt in Regionen, von denen wir in zehn Jahren schwärmen werden. Los geht’s!

Empfehlung

Der Kauf eines schlechten Autos ergibt nur dann Sinn, wenn günstig Ersatzteile benötigt werden. Also den besten Boxster fürs Budget kaufen und immer gut pflegen – viel billiger wird der Porsche-Spaß nicht mehr. Eine Karriere als Sammlerstück werden am ehesten Sondermodelle à la "50 Jahre 550 Spyder" machen; sollten Boxster tatsächlich mal knapp werden, werden sie am gesuchtesten sein.

Autor: Jan-Henrik Muche

Fotos: M. Gloger

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