Volvo 960

Volvo 960 Volvo 960

Volvo 960

— 20.09.2008

Der milde Sechziger

Der 960 war Volvos Chefwagen, ein sanfter Cruiser mit Sechszylinder, solide genug für eine Ewigkeit. Heute ist er so unterbewertet wie nie. Dabei nimmt er es ohne Weiteres mit gleich alten S-Klassen auf.

Nein, Sie müssen dieses Auto nicht hübsch finden. Wenn er könnte, der Volvo 960, würde er sich gegen solche Eitelkeiten wehren. Der Typ gehört zu den letzten Autos, die scheinbar nicht jeder kaufen sollte, sondern nur Menschen, die ihn begriffen haben. Er fuhr durch eine Zeit, in der sich Volvo-Besitzer ohne Hochschulstudium irgendwie unbefugt fühlten. Das hier ist der letzte Volvo mit klassischer DNA. Er ist der letzte, der aussieht, als hätte ihn kein Designer entworfen, sondern ein Bildhauer. Zufällig stimmt das, wie die Biografie von Volvo-Chefgestalter Jan Wilsgaard zeigt. Und, noch wichtiger: Der 9er ist der letzte Volvo mit Hinterradantrieb.

Gutes Auto für gute Menschen

Zugreifen! Für viele Fans ist der 960 einer der letzten wahren Volvos.

Womöglich ist der 960 der beste Volvo aller Zeiten. Und das, obwohl ihn die Schweden nicht mehr wie frühere Topmodelle in Kalmar bauten, dem Musterwerk des frohen Schaffens in Kleingruppen. Aber Qualität und Image machten ihn weiterhin zum genialen Grenzgänger: ein Großwagen mit Gutmenschen-Bonus. Unter den Käufern war der ehemalige Hamburger Bürgermeister Ole von Beust, obwohl er mit seinem CDU-Parteibuch in der Minderheit gewesen sein dürfte. Ein großer Volvo, der war beim SPD-Unterbezirk und vor der Waldorfschule selbst mit dickem Sechszylinder, mit 204 PS und ohne fünfte Tür okay.

Da rieselt nichts

Ausdauer: Der Motor ist ein Monument schwedischer Ingenieursarbeit.

Obwohl deutsche Käufer meistens ja doch zum Kombi griffen. An der Haltbarkeit sollte es nicht scheitern. Selbst strapazierte 960er rosten nicht, sie knistern nicht im Karosserie-Gebälk und verblüffen mit straffen Ledersesseln. Nur bei Exemplaren, die draußen parken, werden die Türtafeln wellig, bevor 300.000 Kilometer auf dem Tacho stehen. Ärgerlich, meinen die Fans in den Volvo-Internet-Foren. Sie haben nicht viele andere Sorgen mit ihren 960ern. Sicher, viele haben Gastanks im höhlenartigen Kofferraum versenkt, denn so ein 960 ist trinkfest. Elf Liter verbraucht er immer, um die 16 sind es bei Vollgas.

Luftkissen-Fahrzeug

Das ist nicht zeitgemäß, anders als das Säuseln des Reihensechsers, bei dessen Entwicklung Porsche half, und die feinen Manieren der Vierstufenautomatik von Aisin, wie sie fast baugleich auch im Lexus LS 400 arbeitete. Auch seine beiden Airbags (ab 1994) passen in die Zeit, sein kleiner Wendekreis (9,7 Meter) und sogar sein softes Fahrwerk: Weil es dem schwedischen Chefwagen einen Hauch von amerikanischer Gelassenheit gibt. Die hilft 960-Liebhabern beim langen Warten: Wer den letzten wahren Volvo liebt, fährt einsam. Die Szene muss erst noch begreifen, dass er das Zeug zum großen Klassiker hat.

Technische Daten

Volvo 960 3.0i 24V (1991): Sechszylinder, Reihe • zwei oben liegende Nockenwellen • vier Ventile pro Zylinder • Hubraum 2922 ccm • Leistung 150 kW (204 PS) bei 6000/min • max. Drehmoment 267 Nm bei 4300/min • Hinterradantrieb • Vierstufen-Automatikgetriebe • vorn McPherson-Federbeine, hinten Mehrlenker-Achse (Kombi: Starrachse) • Scheibenbremsen vorn/hinten • Länge/Breite/Höhe 4870/1750/1425 mm • Leergewicht 1550 kg • Beschleunigung 0–100 km/h 9,5 s • Spitze 215 km/h • Verbrauch ca. 13 l Super/100 km • Neupreis 69.900 Mark

Historie

1982: Der 760 GLE begründet eine neue Volvo-Oberklasse-Baureihe. Anfangs nur als Limousine, ab 1985 auch als Kombi. 1990: Volvo 960 löst 760 ab. In Deutschland nur mit Drei-Liter-Reihensechszylinder, 204 PS. 1994: Große Modellpflege, weichere Linien, wahlweise 2,5-Liter-Motor mit 170 PS. 1997: 960 heißt S90 (Limousine) oder V90 (Kombi), 3.0i auch mit 180 PS. Sondermodell Ambiente mit Holz/Leder. 1998: Produktionsende nach 189.463 Exemplaren.

Plus/Minus

Echt cool: Die Klimaanlage war von Anfang an Teil der Serienausstattung.

Wichtigstes Argument ist der günstige Preis: Der letzte klassische Volvo ist viel zu billig für seine historische Bedeutung und inneren Qualitäten. Als Reisebegleiter nimmt er es durchaus mit gleich alten S-Klassen auf. Karosserie, Motoren und Getriebe halten bei guter Pflege locker 400.000 Kilometer. Typische Schwächen (neben dem Verbrauch): verzogene Bremsscheiben, lasche Handbrems-Wirkung, Auspuff undicht, Traggelenke verschlissen, Ölverlust, teurer Zahnriemen-Wechsel (ca. 600 Euro), feuchte Scheinwerfer, verformte Türtafeln. Frühe 960er bis Jahrgang 1994 neigen zu spinnenden Automatik-Steuergeräten und vereinzelt zu Rissen im Motorblock zwischen fünftem und sechstem Zylinder.

Marktlage

Sechszylinder-Volvo hatten es auf dem deutschen Markt schwer, das Angebot ist dünn – aber dafür gibt es sie zum Aldi-Tarif: ab 1500 Euro für proppere Limousinen mit mehr als 200.000 Kilometern, aber seriöser Vergangenheit. Es geht noch billiger, aber das sind Exportgrotten mit astronomischer Laufleistung und ohne Scheckheft. Für 5000 bis 6000 Euro dürfen Volvo-Enthusiasten eine Ersthand-Limousine mit Vollausstattung und weniger als 150.000 Kilometer erwarten: Sie machen sich rar – aber es gibt sie.

Ersatzteile

Günstiger als gedacht – sofern es nicht um Austauschmotoren (rund 6000 Euro) und -getriebe (um 2500 Euro) geht. Teile gibt es nicht nur beim Volvo-Händler, sondern auch bei spezialisierten freien Anbietern wie etwa Wagner & Günther oder Skanimport. Ein Endschalldämpfer kostet rund 200 Euro, eine Bremsscheibe circa 60 Euro, ein kompletter Scheinwerfer circa 150 Euro, ein Kotflügel circa 160 Euro.

Empfehlung

Für echte Fans: eine frühe, makellose Limousine, am besten aus Rentnerhand – und dann abwarten, bis sie ein geschätzter Klassiker wird. Für Familien-Menschen, die kein Mercedes T-Modell wollen: einen späten Kombi in mittlerem Zustand, Preis um 4000 Euro – billiger lässt sich so viel Platz, Stil und Langzeit-Qualität nicht kaufen. Für alle, die den 960 toll finden: einen 3.0 mit 204 PS nehmen. Speziell der 2.5er spart kaum, wirkt aber deutlich schlapper.

Autor: Christian Steiger

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