VW Käfer 1200 L: Oldtimer-Garagenfund

VW Käfer 1200 L VW Käfer 1200 L

VW Käfer 1200 L: Oldtimer-Garagenfund

— 02.07.2010

Der Dornröschen-Käfer

Einmaliger Garagenfund in Hamburg: 34 Jahre stand ein VW Käfer 1200 L in der Garage. Sein Besitzer hatte den Wagen nur als Platzhalter gekauft – um den Stellplatz nicht zu verlieren.

Nur kurz benutzt und technisch einwandrei: Nach 34 Jahren wurde jetzt ein orangefarbener Käfer aus der ewigen Ruhe wachgeküsst. Seit 1974 schlummerte der VW 1200 L in einer der rund 180 Garagen. Ein Neuwagen, 228 Kilometer auf dem Tacho. Er stand und stand und stand, während um ihn herum gelebt, geliebt und gefeiert wurde. Hans-Ulrich Groffmann (82), sein Eigentümer, starb vor zwei Jahren. Ein Umzugsunternehmer erwarb den alten Neuwagen und will ihn jetzt beim Hamburger Klassiker-Händler "Garage 11" verkaufen – für 24.900 Euro. Inhaber Jens Seltrecht ist überzeugt – so einen Käfer gibt es kein zweites Mal: "Diesen einmaligen Zustand bekommt man auch durch eine aufwendige Restaurierung nicht hin."

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Sämtliche Papiere sind bestens erhalten, inklusive Diagnose-Lochkarten für die Werkstatt und ein Original-Serviceheft.

In der Tat, der Käfer ist makellos: Im Lack findet sich kein Kratzer, die Reifen sind nicht abgefahren, im Handschuhfach liegt, sauber gefaltet, eine rosa und lila bedruckte Karstadt-Plastiktüte. Sämtliche Papiere sind bestens erhalten, inklusive Diagnose-Lochkarten für die Werkstatt und ein Original-Serviceheft mit Händlerstempel. Die Fensterkurbeln sind schwergängig wie bei einem Neuwagen, auf den Fensterdichtungen klebt noch Talkum. Der ganze Wagen sieht aus wie am 25. März 1974. An diesem Montag läuft der leuchtorange (Farbe Nummer 205) Wagen mit der Fahrgestellnummer 1142617444 im Brüsseler VW-Werk vom Band, wird vier Tage später in die Raffay-Filiale im Hamburger Mittelweg gebracht. Dort steht der Wagen bis zum 3. Mai 1974, dann fährt ein Verkäufer mit dem 34 PS starken Bestseller über die Bundesstraße 434 quer durch Hamburg bis an den Stadtrand nach Bramfeld.

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Hans-Ulrich Groffmann kaufte den Käfer als Platzhalter, um seine Garage nicht zu verlieren.

Im Werfelring sucht sich der VW-Mann einen Parkplatz, klingelt an einem Reihenhaus mit der Nummer 70 G, der Wohnung von Hans-Ulrich Groffmann. Der 48-Jährige lebt dort seit 1962 mit Frau und zwei Kindern. Ein Auto hatte die Familie bisher nicht. Sie wollte nie eins. Die Garage ist voller Fahrräder, und das ist ein Problem. "Garagen mussten mit Autos belegt sein, um diese von der Straße zu bekommen", erinnert sich Hans-Dieter Groffmann, der Sohn. Doch sein Vater will kein Auto, es folgt ein heftiger, langer Briefwechsel zwischen Eigentümergemeinschaft und dem streitbaren Revisor, der beim Mineralölkonzern BP arbeitet. Es soll alles seine Ordnung haben in der heute rund 50 Jahre alten Siedlung, damals noch ein wenig mehr als heute. Also kauft sich Groffmann beim Händler Raffay einen gerade vorrätigen Käfer. Als Platzhalter, um seine Garage nicht zu verlieren. Kurzentschlossen fährt er zum VW-Händler und unterschreibt einen Kaufvertrag. Preis inklusive Extras wie beheizbarer Heckscheibe, Kraftstoffvorratsanzeige, Beifahrerhaltegriff mit Kleiderhaken, abblendbarem Innenspiegel, Zwölf-Volt-Anlage, Beifahrersonnenblende und abschließbarem Tankdeckel: 6125 Mark.

Nach dem Käferkauf kehrt Frieden ein im Mikrokosmos Werfelring. Groffmann hat jetzt ein Auto, niemand regt sich mehr über Fahrräder in seiner Garage mit dem damals himmelblauen Tor auf, das aussieht wie alle 59 anderen auch. "Es gab damals sogar Ärger, wenn jemand dieses nicht im vorgeschriebenen RAL-Farbton gestrichen hatte", sagt ein Mann, der seinen Namen nicht nennen will. Wer Dunkelstatt Hellblau wählt, ist ein Rebell, Holzimitat gilt als Revolution. Hans-Ulrich Groffmann passt nicht in diese backsteingewordene Reißbrett-Idylle aus Häuserriegeln, Garagenreihen und Gemeinschafts-Grünflächen. Er ist in ganz Europa unterwegs, prüft Tankstellen. Sein Haus ist als einziges in der Reihe von Efeu umrankt, noch heute sind Wurzelspuren im Mauerwerk. "Er war eine Art Eremit", sagt Nachbarin Irmgard Frank, die immer für 2,50 Euro Mähgeld pro Haus die zusammenhängende Rasenfläche vor den Terrassen kürzt. "Als hier alle gemauerte Begrenzungen wollten, wollte Herr Groffmann lieber bei Eternit-Wänden bleiben", sagt sie über ihren Nachbarn.

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An Bord des Käfers kam es zu massiven Ehestreitigkeiten, weil Groffmann bei Rot fuhr, wenn nichts los war.

Sein eigener Kopf ist wohl auch der Grund dafür, dass Groffmanns Käfer nur 228 Kilometer hinter sich hat. Als das Auto einmal angeschafft ist, will Gattin Dorothea es auch benutzen – und die Einkäufe für die Familie nicht mehr kilometerweit mit dem Fahrrad befördern. Also fährt die Familie samstags zum Einkaufen auf den Wochenmarkt. Pünktlich um sieben Uhr morgens startet Kriegsheimkehrer Groffmann den Heckmotor – und es kommt zum nächsten Käferkrach. Sohn Hans-Dieter Groffmann, damals zwölf, erinnert sich an "massive Ehestreitigkeiten. Wenn nichts los war, fuhr mein Vater einfach bei Rot." Sein Vater hatte seit 1945 nicht mehr am Steuer gesessen, kannte kaum Verkehrsregeln. Ein Bruder ist Fahrlehrer, bietet Hilfe an, doch Groffmann sagt stur: "Mach ich nicht." Also meldet der Volkswirt den Käfer am 12. Januar 1976 ab und stellt ihn für 34 Jahre in die Garage. Die TÜV-Plakette gilt bis Mai 1976.

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Irgendwann lassen sich die Groffmanns scheiden, Hans-Ulrich lebt allein in dem 70 Quadratmeter großen Reihenhaus. Anwohner wissen heute kaum etwas über den einsamen Mann mit dem orangefarbenen Auto. Ulrich Bauche sitzt auf einem Dreibeinschemel, pflanzt Stiefmütterchen. Von dem Garagenstreit hat er nichts mitbekommen – obwohl er seit 1962 hier lebt. "Man kennt eigentlich nur die Leute aus der eigenen Hausreihe", sagt der 82 Jahre alte promovierte Kulturwissenschaftler, während zwei Mädchen mit Geigenkästen auf den Rücken an ihm vorbeiradeln. Vor den Garagenreihen steht ein Schild: "Nur Pkw", ist da zu lesen, auch im Jahr 2010 noch. Man hat das Gefühl, dass hinter den tristen Toren noch ein weiterer Schatz schlummern könnte. Weil in jede Garage nun mal ein Auto gehört. Das war schon immer so hier im Werfelring.

Autor: Claudius Maintz

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