Gäbe es einen Wikipedia-Artikel zum Stichwort "Naturtalent", dann könnte man ganz oben ein Foto von Ercole Spada einbauen. Denn stellen Sie sich mal vor: Mit 22 Jahren, 1960, fing er bei der Carrozzeria Zagato an – und das erste Auto, das der entwarf und das in Serie ging, war der Aston Martin DB4 GT Zagato!
Aston Martin DB4 GT Zagato stehend schräg von vorn auf Schnee
Der Aston Martin DB4 GT Zagato von 1960: Jahrhundert-Entwurf des 22 Jahre jungen Ercole Spada. Ein fast minimalistisches Design, nur die Motorhaube ist fast Art déco.
Bild: Frank B. Meyer / AUTO BILD
Ein Design, das in die Geschichte einging. In der Abstimmung einer internationalen Fachjury für AUTO BILD KLASSIK über die schönsten Autos aller Zeiten landete der DB4 GT Zagato auf Platz 13!

Wie Ercole Spada zu Zagato kam

Dabei hatte er den Job nur bekommen, weil er auf die Fragen "Können Sie Autos in Lebensgröße zeichnen?" und "Haben Sie einen Führerschein?" beide Male mit "Ja" antwortete. Und beim ersten Mal war es gelogen, wie er später zugab.
Zugegeben, sein Zagato-Aston basierte auf dem normalen Aston Martin DB4 GT, die schönen Proportionen waren also im Großen und Ganzen schon vorgegeben. Aber die extrem dünne Alu-Karosserie, die Spada zeichnete, war dazu noch hochmodern: ohne viel Chrom, ohne Stoßstangen, ohne Heckflossen.
Aston Martin DB4 GT Zagato stehend schräg von der Seite auf Schnee
Beim Schönheitswettbewerb The I.C.E. in St. Moritz (Schweiz) konnte man 2025 den Aston Martin DB4 GT Zagato bewundern.
Bild: Frank B. Meyer / AUTO BILD
"Die ursprüngliche britische Eleganz wird durch Zagato extrem zugespitzt", lobte Walter Röhrl. "Breites Haifischmaul, sehr konturierte Motorhaube, die beiden Dachhöcker und das kurze, gedrungene Heck ergeben einfach ein brutales Gesamtbild."

Designer herausragender Autos

Selbst Jahrzehnte später noch entwarf Ercole Spada immer wieder fortschrittliche Formen: den radikalen Alfa Romeo Junior Z zum Beispiel und – zusammen mit Claus Luthe – die beliebten BMW E32 (Siebener) und E34 (Fünfer). Er formte aber auch Autos, die weniger nachgefragt und auf den ersten Blick unscheinbar sind – mehr dazu weiter unten.
Am 3. August 2025 ist Ercole Spada im Alter von 88 Jahren verstorben. AUTO BILD zeigt seine herausragenden Serienautos!
"Ich habe erst später entdeckt, dass ich Designer bin", sagte Spada in hohem Alter. "Als ich bei Zagato anfing, war mir gar nicht klar, dass ich ein echter Profi bin. Plötzlich verstand ich, dass es nicht ausreicht, schöne Linien zu zeichnen, um ein schönes Auto zu entwerfen. Man muss das Auto, das Chassis und die Konstruktion berücksichtigen und innerhalb dieses Rahmens das Beste herausholen."

Ercole Spadas wichtigster Entwurf überhaupt

Wohl deshalb wurde sein übernächstes Auto (nach dem rundum rundlichen Alfa Romeo Giulietta Sprint Zagato) sein einflussreichstes – nicht wegen der Schönheit, sondern wegen der Aerodynamik: In den 50er-Jahren glaubte man in Italien noch, ein lang auslaufendes Heck wäre besonders strömungsgünstig. Bei Fahrversuchen um 1960 kam Spada aber darauf, wie viel schneller ein Auto wird, wenn man ihm ein Heck mit harter Abrisskante verpasst. Mit so einer coda tronca (abgeschnittenem Schwanz) brachte er den kleinen Alfa Romeo Giulietta Sprint Zagato mit nur 1,3 Liter Hubraum auf Tempo 220!
historisches Schwarzweißfoto, Alfa Romeo Giulietta Zagato Coda Tronca von hinten
Her mit der Axt, weg mit dem Fließheck: Um 1960 entdeckte Spada bei Fahrversuchen, dass die Giulietta mit Abrissheck viel schneller war als mit langem Heck.
Bild: Alfa Romeo
Da kam Spada wahrscheinlich zugute, dass er kein Künstler war, sondern als Absolvent des Technischen Instituts Feltrinelli in Mailand vor allem ein Techniker.
Dass ein hohes Heck, hinter dem der Luftstrom abreißt, bei einem Auto den Luftwiderstand verringert, hatte vor ihm zwar schon 1938 der Ingenieur Wunibald Kamm bewiesen – aber wer wusste das schon in Italien? Heute nennt man coda tronca auch "Kamm-Heck", weil Spada und Kamm das gleiche Prinzip entdeckten.
Alfa Romeo Giulietta Zagato Coda Tronca schräg von hinten
Die historische Bedeutung des Alfa Romeo Giulietta Sprint Zagato mit Kamm-Heck (Coda Tronca) hat sich noch nicht herumgesprochen – so ist Ercole Spadas Schöpfung von 1961 immer noch unterbewertet.
Bild: Alfa Romeo
Jedenfalls baute Zagato 30 Stück des Alfa Romeo Giulietta SZ Coda Tronca – mit flacherer Karosserie, Plexiglas-Hauben über den Scheinwerfern und Scheibenbremsen vorn. Fast alle wurden in Rennen eingesetzt.
Von da an war für Ercole Spada klar, wie ein Auto hinten enden muss – wir sehen es mustergültig auch 28 Jahre später wieder beim BMW E34 (siehe weiter unten).

Der skurrile Lancia Flavia Sport

Sein vielleicht umstrittenstes Design mutete Ercole Spada 1962 der Auto-Welt zu: den Lancia Flavia Sport. Spada hatte Lancia-Mehrheitseigner Carlo Pesenti getroffen, der ein Herz für Exotisches hatte.
Lancia Flavia Sport Zagato stehen von schräg vorn
Schon von schräg vorn ist der Lancia Flavia Sport von Zagato schräg, ohne Stoßstangen, mit Knick im Grill und diesen ungewohnten Fensterlinien. Was aber ...
Bild: Christian Bittmann / AUTO BILD
"Ich will ein Auto, nach dem man sich den Kopf verdreht", hieß sein Briefing. Das hat geklappt. "Abenteuerlich abschreckend" fand 1962 ein deutsches Automagazin das Design.
Hinteres Seitenfenster des Lancia Flavia Sport Zagato
... alle aus der Kurve holt, sind die ins Dach gebogenen hinteren Seitenscheiben.
Bild: Christian Bittmann / AUTO BILD
Herrlich skurril ist es jedenfalls: Seitenfenster, die ins Dach gezogen sind. Mit seitlichen Sonnenblenden. Eine konkave Heckscheibe, die sich elektrisch vom Fahrersitz aus zum Lüften öffnen lässt. Und ein Kühlergrill, der nach Goldenem Schnitt abgekantet ist. Nicht mal 750 Erstkäufer bis 1967 begeisterten sich dafür.

Alfa Romeo Giulia TZ und TZ 2

Heute höchst begehrt sind die Giulia-Varianten Alfa Romeo Giulia TZ ("Tubolare Zagato" nach dem Gitterrohrrahmen unter der leichten Alu-Haut) von 1963 – und die Giulia TZ 2, der Rennwagen mit Kunststoffkarosserie, von dem 1964 bis 1967 nur zwölf Stück gebaut wurden.
Historisches Schwarzweißfoto: Alfa Romeo Giulia Coupé TZ von schräg hinten
Rennwagen mit Straßenzulassung: Alfa Romeo Giulia TZ von 1963. T steht für tubolare, den Rohrrahmen der Karosserie, Z für Zagato. 112 Stück wurden gebaut.
Bild: Alfa Romeo
Designer Ikeo Maeda kommentierte den TZ 2: "Ein spartanisches Design, das alles weglässt, was nichts mit Leistung zu tun hat. Pur ist hier wohl ein besseres Wort als schön."
Studiofoto: Alfa Romeo Giulia Coupé TZ2 von schräg vorn
Der Nachfolger Alfa Romeo Giulia TZ 2 von 1964 ist stärker, leichter und zuverlässiger. Dennoch baute Alfa nur zwölf Stück, weil sie ganz auf die Giulia GTA setzten.
Bild: Alfa Romeo
Der nächste Lancia von Spada, das Coupé Flaminia Super Sport (Facelift des Flaminia Sport, 1964), sah sehr viel gefälliger aus als seine Flavia-Kreation. Das gilt auch für den Lancia Fulvia Sport von 1965 – der komischerweise kein Abrissheck bekam.
Lancia Fulvia Sport Zagato stehend schräg von vorn
Lancia Fulvia Sport von 1965: eins der wenigen Designs von Ercole Spada ohne Abrissheck.
Bild: RM Auctions

Klein, radikal, ein Vorbild: Alfa Romeo Junior Z

Der nächste große Hit in Spadas Schaffen war 1969 der Alfa Romeo Junior Zagato. Eins der radikalsten, neuartigsten Auto-Designs aller Zeiten: Ercole Spada hüllte die Technik der Giulia in eine schnörkellose Form, statt eines Metall-Kühlergrills gab er dem kleinen Sportwagen eine Maske aus transparentem Kunststoff, und statt des Alfa-typischen scudetto zeigt die Zagato-Front nur dessen Umrisse an – das scudetto ist ein Loch!
Alfa Romeo Junior Zagato stehend schräg von vorn
Das Alfa-Herz am Kühler als gerahmtes Loch, tiefliegende Scheinwerfer hinter Plexiglas-Abdeckungen – solche Details hatte die Welt noch nicht gesehen.
Bild: Georg Lukas / AUTO BILD
Die Doppelscheinwerfer hinter einer gemeinsamen Abdeckung waren 1969 der letzte Schrei. Eigentlich wollte Spada Rechteckscheinwerfer. Die bekam er aber nicht. Stattdessen platzierte er Doppelscheinwerfer weit hinter die vordere Blechkante und deckte die Front mit Plexiglasscheiben ab.
Ein Vorbild für andere Autos dieser Klasse (zum Beispiel den VW Scirocco) war die große Heckklappe. 1969 bis 1975 montierte Zagato in Rho bei Mailand das vier Meter kurze Auto. Es war klein, agil und heiß – praktisch der Honda CRX der frühen 70er.

Die stillen Jahre bei Ford und Audi

1969 verließ Spada nach fast zehn Jahren die Carrozzeria Zagato: Der Ford-Konzern hatte die Carrozzeria Ghia in Turin übernommen, und er übernahm 1970 die Leitung.
Nach den vielen Serienautos und Studien, die Spada bis dahin in die Öffentlichkeit gebracht hatte, wurde es nun ruhig um ihn.
Ein Engagement bei Audi brachte ihn nach Deutschland – dort blieb er aber nur kurz, 1976 wechselte Ercole Spada zu BMW.

Spadas Einfluss bei BMW 7er und 5er

"Die Jahre dort waren wunderbar", sagte er später. "Ich habe die Freiheit genossen, die die Arbeit in einem großen Studio ermöglicht." In dieser Zeit war die Kaffeepause bei BMW im Arbeitsvertrag festgeschrieben.
Front eines 1:1-Modells des BMW E32 in der Design-Entwicklung
Schnappschuss aus der Design-Entwicklung des BMW 7er E32: Auch Breitbandscheinwerfer kamen infrage.
Bild: Archiv Albrecht Graf v. Goertz
"Unruhe gab es nie", erinnerte sich Ercole Spada, "und niemand plagte sich bei der Arbeit."
BMW Siebener E32 stehend schräg von vorn
Der schlanke 7er von 1986, hier noch mit der schmalen Niere des Urmodells, wurde auch "deutscher Jaguar" genannt.
Bild: Roman Rätzke / AUTO BILD
In München war Ercole Spada neben Hans Kerschbaum ein wichtiger Teil des Teams um Claus Luthe, das die zweite Generation des Siebeners (BMW E32) gestaltete, den mit den L-förmigen Heckleuchten. Der erschien 1986 – geschlagene 17 Jahre nach Spadas letztem Serienauto, dem Alfa Junior Z.
BMW Fünfer E34 fahrend von der Seite, leicht von hinten
Typisch Spada ist auch beim BMW 5er von 1988, dem E34, das akzentuierte Abrissheck. Die Eleganz des 7er wiederholt sich im Fünfer.
Bild: Theo Klein / AUTO BILD
Anfang 1988 kam der Fünfer der Baureihe E34 auf den Markt. Schon 1982, schrieb Spada später, hätte er die ursprünglichen Entwürfe für den E34 im Maßstab 1:5 gezeichnet. Ihm schwebte, als er zum Griffel griff, eine "dynamische Form" für eine Kundschaft vor, "die nicht nur ein repräsentatives Auto wünscht, sondern auch Spaß am Fahren hat".
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So modern war die Fiat-Tipo-Familie

In Bayern lernte Spada Deutsch und sprach es recht gut. Als Siebener und Fünfer erschienen, war Spada aber schon wieder weg: daheim in Italien. Das I.De.A. Institute (Institute of Development in Automotive Engineering) in Turin stellte ihn ein. Dort präsentierte Spada bald seine nächsten Serienautos: den Fiat Tipo und seine Schwestermodelle Fiat Tempra und Lancia Dedra.
Wer nun – nach so schönen Autos wie dem Aston Martin und dem BMW Siebener – mit den Augen rollt, tut Spada und der Tipo-Familie Unrecht. Nicht nur, weil die Stückzahlen dieser Autos alles übertrafen, was Ercole Spada jemals gezeichnet hatte. Sondern auch, weil die Lastenhefte extrem anspruchsvoll waren: Fiat hatte I.De.A. 1978 beauftragt, neuartige Produktions- und Montagemethoden und ein Versuchsfahrzeug zu entwickeln. Es sollte mindestens 20 Prozent leichter sein als vergleichbare Modelle, auch dank neuer Materialien. Erstes Ergebnis war die Studie Fiat VVS mit einer Space-Frame-Karosserie (lange vor dem Audi A8).
Fiat Tipo Fünftürer stehend schräg von vorn
Die rationale Zweckform des Fiat Tipo von 1988 steht im krassen Gegensatz zur heutigen Auto-Mode. Er hatte enorme Glasflächen und den größten Innenraum seiner Klasse.
Bild: Fiat
Das erste Modell, das diese Techniken in die Serie brachte, war der Fiat Tipo, der noch dazu so breit war wie ein Mittelklassewagen. Das Basismodell wog 1030 Kilogramm – mehr allerdings als der Vorgänger Fiat Ritmo. Die Bleche waren aber verzinkt, die Heckklappe aus Kunststoff. Das Werk in Cassino konnte bis zu 1000 Stück pro Tag fertigen.
Und dennoch kam der Fiat Tipo schon im selben Jahr auf den Markt wie der BMW E34.
Das Design des Tipo war betont geradlinig. Ercole Spada gestaltete auch mehrere Schwestermodelle auf der Tipo-Plattform, die beim Nachfolger Fiat Bravo/Brava beibehalten wurde: Alfa Romeo 155 und Lancia Delta II.

Jahre voller Abwechslung für Spada

Auch Nissan ging auf I.De.A. zu, und so entstand unter Ercole Spadas Aufsicht sein erstes japanisches Modell: der Nissan Terrano II (erschienen 1993).
Auch der Lancia Kappa (erschienen 1994) ging auf Spadas Kappe – nur die Limousine, das sei zu seiner Ehrenrettung betont.
Lancia Kappa Limousine stehend von schräg oben
Glatte, gewölbte Seitenflächen wie bei der Lancia Kappa Limousine 1994 sind typisch für Ercole Spadas Design.
Bild: Lancia
Mit Mitte 50, 1993, ging Ercole Spada noch einmal zurück zu Zagato. Dort blieb er aber nur zwei Jahre – mit Paolo Spada, seinem Sohn, gründete er die Designfirma Spadaconcept.
Das letzte Großserienauto, an dem Spada mitgearbeitet haben soll, ist der Alfa Romeo 166, der im Centro Stile unter der Leitung von Walter de’Silva entstand.
Alfa Romeo 166 fahrend von vorn
Der Alfa Romeo 166 trieb den Trend zu kleinen Scheinwerfern auf die Spitze. Bei Alfa waren ausgekehlte Flanken gerade in Mode. Gesamtverantwortlich für das Design war Walter de'Silva; Ercole Spada wird ein erheblicher Anteil am Design des 1966 zugeschrieben.
Bild: Alfa Romeo

So tickte Ercole Spada

Skizzen fertige Ercole Spada bis zuletzt auf braunem Rollenpapier an. Obwohl es nicht mehr so leicht zu bekommen ist wie damals, als er Zagatos erster Designer wurde: "Es erlaubt mir, bestimmte Elemente in Weiß hervorzuheben und mehr Tiefe reinzubringen", erklärte er.
Ercole Spada auf einer Auto-Veranstaltung
Der Schweizer Kollege von "zwischengas.com" schreibt, Ercole Spada sei "ein Mann der klaren Worte und auch der klaren Taten" gewesen.
Bild: Zagato
Dass Ercole Spada nie so viel Aufmerksamkeit auf sich zog wie Giorgio Giugiaro oder Marcello Gandini, führen die britischen Kollegen der Redaktion "Classic & Sportscars" darauf zurück, dass Spada selbst lieber im Hintergrund blieb. Ein Faktor dürfte auch sein, dass Ercole Spada fast 20 Jahre lang kein Auto, für das er selbst verantwortlich war, öffentlich präsentierte – erst gingen keine in Serie, dann war er immer wieder schon beim nächsten Arbeitgeber.
Spada hinterlässt große Fußspuren in der Automobilgeschichte. Sein Sohn Paolo führt die Firma Spadaconcept weiter.