Avant RS2 von Audi und Porsche: Funfacts über den 315-PS-Kombi
Warum der Avant RS2 kein Audi ist

315 PS und 262 km/h: Der Avant RS2, Kind von Audi und Porsche, war 1994 der schnellste Serienkombi der Welt. Zehn irre Details über den Donnerbolzen!
Bild: Christian Bittmann
Am Avant RS2 steht nicht "Audi"
Auf der Preisliste steht nicht Audi, sondern nur "Avant RS2". Darüber die vier Ringe, darunter der Porsche-Schriftzug. Genauso auf der Plakette im Kühlergrill: oben links im roten Feld vier Ringe, unten auf der silbernen Spange "Porsche".

Wo, bitte, steht hier "Audi"? Richtig: nirgends.
Bild: Klaus Kuhnigk / AUTO BILD
Hintergrund war offenbar ein Streit zwischen den zwei Partnern: "Beide Marken wünschen sich Präsenz am Auto. Erst Ende Mai 1993 steht fest, dass die Porsche-Felgen Nabendeckel mit Audi-Ringen tragen", schreibt Constantin Bergander in seinem Buch "Audi RS".
Weiter: "Besonders über die Gestaltung des gemeinsamen Logos sind sich die Beteiligten lange nicht einig." Porsche-Designer Roland Heiler, der die optischen Änderungen vom Audi 80 Avant zum RS2 gestaltete, "bekommt den Auftrag, das S2-Emblem um einen Streifen zu ergänzen und einen Porsche-Schriftzug zu integrieren."
Der RS2 trat in die Fußstapfen des Mercedes 500 E
Kenner wissen: Die erste Serie des Mercedes 500 E (W 124) wurde nicht nur mit Porsches Hilfe entwickelt, sondern auch bei Porsche gebaut. Montiert wurde der 500 E von Hand. Lastwagen spedierten die Rohkarosserien vom Mercedes-Werk in Sindelfingen zu Porsche nach Zuffenhausen in den "Rössle-Bau" (wo zuvor der legendäre Porsche 959 entstanden war), denn dort war viel freie Kapazität zum Umbau des Blechs. Zum Lackieren fuhr man sie wieder zu Mercedes, von dort erneut nach Zuffenhausen, wo sie Mechanik und Interieur erhielten. Und dann ging es wieder nach Sindelfingen – zur Endabnahme.
Als Mercedes nach der zweiten Modellpflege den E 500 wieder bei sich zu Hause montieren konnte, wurden bei Porsche Kapazitäten frei – personell und im Rössle-Bau. Und da Porsche in Geldnot war, kam das Projekt der Firma unter Wendelin Wiedeking gerade recht.

Bild: Roman Raetzke / AUTO BILD
Im Rössle-Bau kamen Teile von Audi (lackierte Karosserien, Rücksitzbank, Armaturenträger, die meisten Aggregate u. a.) zusammen mit Porsche-Teilen (siehe unten) und Teilen von Zulieferern, zum Beispiel dem Kombiinstrument und den Recaro-Sitzen.
Es gab den RS2 auch als Limousine
In den Handel kam nur der Kombi namens Avant. Insgeheim entstanden aber auch ein paar RS2 mit Stufenheck: je nach Quelle zwei, drei, vier oder fünf. Das Sekretariat Audi Region Süd schrieb einem Enthusiasten mal, es gäbe vier: "Zwei davon sollen in die Arabischen Emirate auf Sonderanfertigung geliefert worden sein. Die Anfertigung, die im Audi-Museum steht, gehört einem Werksingenieur, und von der Nummer vier haben wir leider keine Informationen. Die zwei für Saudi-Arabien sollen sich aber von der in Ingolstadt stark unterschieden haben."

Bild: privat
Das RS-Buch von Constantin Bergander wird genauer: "Porsche baut in Weissach eine S2 Limousine um. Sie erhält Prototyp-Bauteile und den RS2-Antrieb. Das Fahrzeug geht zu Audi, danach verliert sich die Spur. Audi selbst modifiziert auf die gleiche Art mindestens eine, höchstwahrscheinlich zwei S2-Limousinen. Eines dieser Fahrzeuge, ein schwarzes, mittlerweile patiniertes Modell mit mehr als 100.000 Kilometern Laufleistung, befindet sich im Bestand von Audi Tradition. Der Verbleib der anderen Fahrzeuge lässt sich mangels Dokumentation nicht nachvollziehen."
Und: "Zwei weitere RS2 Limousinen werden für Kunden in Saudi-Arabien angefertigt. Weder Audi noch Porsche sind dafür verantwortlich, sondern ein unbekannter Fahrzeugbetrieb."
Auch ein RS2-Coupé war geplant
In der Konzeptionsphase stand auch ein RS2 mit der Karosserie des Audi Coupé zur Debatte, berichtet Buchautor Bergander. "Audi möchte eine Serie von 999 Exemplaren zu einem Preis von weniger als 100.000 DM auflegen. Die Idee: Das Auto soll sich zum Coupé S2 verhalten wie einst der Sport quattro zum quattro – und damit die schlanke Karosserieform unterstreichen."
Das allerdings konnte Porsche nicht recht sein; denn so ein Auto wäre eine Konkurrenz zum Porsche 968. "Der Dienstleister besteht auf ein großes Auto als Basis – und setzt sich schließlich durch."
An der Entwicklung des RS2 war ein Tuner beteiligt
Die Firma Konrad Schmidt Motorsport GmbH aus Cadolzburg, heute SMS engineering, unterstützte Audi und Porsche, schreibt Buchautor Constantin Bergander. Audi hatte demnach schon früher die Firma Schmidt beauftragt, einen sportlichen Allrad-Audi zu entwickeln. Schmidts Antwort: ein Audi 20V Turbo quattro Coupé. Audi selbst änderte noch Optik und Bremsen und brachte das Auto als Audi Coupé S2 auf den Markt, so Bergander.
"Ohne Auftrag von außen", schreibt Bergander weiter, tüftelte der Betrieb auch am Motor. "In Cadolzburg entstehen leistungsgesteigerte Versionen des Fünfzylinders. Die Revo genannten Ausbaustufen leisten in verschiedenen Autos 286 bis 303 PS. Wenig überraschend: Dem Leistungsfan Piëch gefallen die starken Motoren. So beauftragt er SMS, einen noch stärkeren S2 aufzubauen."
SMS baute ein Coupé auf und lieferte es an Audi. "Auf Grundlage dieses Autos reift in Ingolstadt die konkrete Idee für ein eigenes Fahrzeug mit größerer Karosserie." So kam es wohl zum RS2.
Das Basisauto war schon uralt
1986 brachte Audi den 80er – Baureihe B3, aerodynamisch wie ein Stück Seife, verzinkt wie eine Blechwanne. 1991 kündigte Audi die nächste Generation an: den B4. Kunden und Motorjournalisten sahen ein Auto mit fast der gleichen Frontpartie, fast den gleichen Türen, fast dem gleichen Dach, fast dem gleichen Innenraum wie beim B3. Und sagten: "Facelift". Audi-Konstrukteure waren beleidigt, schließlich hatten sie für den Audi 80 B4 den hinteren Teil der Bodengruppe komplett neu konstruiert, mit einer Verbundlenkerachse, längerem Radstand und liegendem Tank. So konnten sie endlich auch einen Kombi bauen.
Na ja, die Grenzen zwischen Facelift und neuem Modell sind manchmal fließend, es gibt kein Bundesfaceliftgesetz, das die Definition abschließend regelt.
Jedenfalls stand selbst der B4 schon vor der Ablösung, der erste A4 war schon in der Entwicklung, als 1992 Audi-Chef und Porsche-Anteilseigner Ferdinand Piëch entschied: Wir machen aus dem Audi 80 B4 Avant einen Donnerbolzen, der Deutschlands Autobahnen beben lässt. 1993 stand der RS2 auf der IAA, am 19. März 1994, einem Samstag, kam er in den Handel. Acht Jahre nach dem Audi 80 B3 und nur acht Monate vorm ersten Audi A4.
So viele Porsche-Teile stecken im RS2
Porsche-Projektmanager Michael Hölscher und sein Team überarbeiteten Achsen, Fahrwerk, Antrieb und Optik des Audi 80. Die Bremse adaptierten die Ingenieure vom Porsche 968. "Weil den eingeplanten 215er Reifen jenseits von Tempo 250 die nötige Traglast fehlt, müssen spezielle Radträger Platz für 245er Dunlop-Pneus schaffen", so Buchautor Bergander.
Aus dem Porsche-Regal stammen die Bremsen (vom 968), Räder, Außenspiegel und Blinker (alles vom 911 der Baureihe 964).

Bild: Fred Roschki / AUTO BILD
Der Motor ist ein Audi-Fünfzylinder; die Porsche-Ingenieure bauten einen größeren Turbolader und Ladeluftkühler an, bearbeiteten den Zylinderkopf und veränderten Saugrohr, Abgaskrümmer, Hosenrohr, Katalysatoren und die Auspuffanlage. Sie verstärkten die Kurbelwellenlager und verbesserten die Ölversorgung. Dem ersten Gang spendierten sie ein verstärktes Zahnradpaar.
Ein Anhänger würde die Leistung drosseln
Die einzige Stelle, an der Porsche die Karosserie des Audi 80 Avant verstärkte, war der vordere Querträger, weil der den bis zu 410 Newtonmeter Drehmoment wohl nicht standgehalten hätte. Mehr wurde nicht genehmigt. "So steigt zwar die Leistung des Motors, nicht aber die Anhängelast des Autos", schreibt Constantin Bergander. "Sobald ein Anhänger an der Kupplung hängt, drosselt das Steuergerät die Motorkraft automatisch auf 230 PS, um zusätzliche Belastungen zu vermeiden."
Walter Röhrl widersprach sich selbst
Zur Präsentation des Avant RS2 zog Porsche Rallye-Legende Walter Röhrl hinzu. In einem offiziellen Pressetext wird ihm ein Text in den Mund gelegt, in dem er das spontane Ansprechverhalten des Motors lobte, "vor allem aus dem unteren Drehzahlbereich heraus". Da wundert sich der Testfahrer, denn er spürt deutlich ein Turboloch. Gut 25 Jahre später schrieb Röhrl dann auch über das Auto: "Erst kommt nichts, dann der Hammer, wie beim Porsche Turbo von 1977." Na bitte.
Die rote Heckblende hat eine Bedeutung
In den 80er- und 90er-Jahren waren Heckblenden beliebt – günstige Tuning-Teile, die zum Beispiel die Käseecken-Optik der Heckleuchten am Mercedes W 124 milderten. Viele Auto-Fans fanden deshalb die rote Blende am Avant RS2 nicht gerade hochwertig.

Rennwagen mit Kombi-Heck – die Blende war bei Porsche ein Allrad-Symbol.
Bild: Christian Bittmann
Der Hintergrund aber war: Bei Porsche stand eine durchgehende Leuchtenblende für die Allradantrieb-Modelle des 911 (964). Aus interner Sicht also folgerichtig, dem Audi mit Quattro-Antrieb auch so ein Teil zu verpassen.
Technische Daten Avant RS2
- Motor Fünfzylinder-Reihenmotor, vorn längs, elektronische Mehrstelleneinspritzung, Turbolader, Ladeluftkühlung; zylinderselektive Klopfregelung, zwei Klopfsensoren
- Hubraum 2226 ccm, Bohrung x Hub 81,0 x 86,4 mm
- Leistung 315 PS (232 kW) bei 6500/min
- max. Drehmoment 410 Nm bei 3000/min
- Antrieb Sechsgang-Schaltgetriebe, permanenter Allradantrieb
- Fahrwerk Sportfahrwerk, MacPherson-Federbeine vorn mit Dreiecksquerlenkern unten, Querstabilisator; Doppellenker-Hinterachse, Stablenker, Stabilisator
- Bremsen v./h. Scheibenbremsen innenbelüftet mit Vierkolben-Bremszangen
- Wendekreis links/rechts 11,2 m
- Leergewicht 1595 kg
- Zuladung 2100 kg
- Kofferraumvolumen 370-1200 Liter
- Reifen 245/40 ZR 17
- Beschleunigung 0-100 km/h 5,4 s
- Höchstgeschwindigkeit 262 km/h
- Verbrauch (Drittelmix) 10,4 Liter Super Plus/100 km
- Tankinhalt 64 Liter
- Neupreis (1994) 98.900 Mark
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