Die Spur ist zerstört. Zum Glück gibt es Fotos und Filme, die zeigen, wie der Papst 1983 im grün-blauen Bertone durch San Salvo geschaukelt wurde. Aber die blecherne Spur des Papstbesuchs wurde zugespachtelt: Auf dem Dach, quer von B-Säule zu B-Säule, hatten die Italiener eine Stange montiert, an der der Pontifex sich festhalten konnte.
Die Stange (Reliquienjäger, aufgepasst!) ist verschollen, und die Bohrlöcher rechts und links – die hat Ende der 2000er-Jahre der Restaurator geschlossen, obwohl er die Vorgeschichte kannte.
Bohrlöcher im Dach vor der Restaurierung
Dieses Foto aus der Zeit der Restaurierung zeigt die Bohrlöcher für die päpstliche Haltestange.
Bild: privat
Er hat es sicher nur gut gemeint: Es geschah in den Niederlanden, denen Petrus oft Regen schenkt, und wer Regenwasser in seiner Karosserie haben möchte, der bohre das erste Loch. Also vergebet dem Sünder.

In diesem Bertone-Bus besuchte der Papst zwei Autozulieferer

Gebaut wurde der Visitors Bus 1974 oder 1975. Wann genau ein Papst sich ankündigte, für welchen die Stange installiert wurde – noch Paul VI. (1963–1978) oder schon Johannes Paul II. (1978–2005) –, das weiß der Himmel.
Bertone Visitors Bus frontal von schräg oben fotografiert, alle sechs Türen geöffnet
Der Fiat 850T Bertone Visitors Bus ist nun in Bremen. Er hat sechs Türen (die Beifahrertür geht nicht weiter auf) und sechs Sitze. Mehr Glas auf so wenig Grundfläche bietet nur ein Aquarium.
Bild: Roman Rätzke/AUTO BILD
Wir aber wissen aus historischen Aufnahmen und Aufzeichnungen: Am 13. März 1983, dem Tag des heiligen Josef, besuchte Johannes Paul II. die Werke der Automobilzulieferer Magneti Marelli und SIV in San Salvo an der Adriaküste, auf der Höhe von Rom. Und dort legte er eine ordentliche Strecke in dem Wägelchen zurück, die linke Hand meist an der Stange, die rechte immer wieder zum Gruß erhoben.
historisches Foto: Papstbesuch bei Magneti Marelli, Johannes Paul II. winkt aus dem Bertone-Bus heraus
1983: Der Heilige Vater besucht Autozulieferer Magneti Marelli, der unter anderem Zündanlagen, Zündspulen und Lichtmaschinen herstellt. Fiat lux, es werde Licht!
Bild: fiat-850.nl
Die Sonne schien, und vor dem Werk wartete eine riesige Menschenmenge auf den Pontifex – manche berichteten von 50.000, manche von mehr als 100.000 Besuchern aus allen Teilen der Abruzzen.

Johannes Paul II. predigte über Gastarbeiter in Deutschland

In der Heiligen Messe grüßte der Papst die abwesenden italienischen Gastarbeiter, "die dieses Land aus beruflichen Gründen verlassen mussten" – und zumeist nach Deutschland gingen.
Bertone Visitors Bus schräg von hinten.
Der Papst ist immer noch dabei – wenn auch bloß als Pappkamerad.
Bild: Roman Rätzke/AUTO BILD
Schon ging's weiter zur Glasfabrik des Autoscheibenherstellers SIV – "Papst Wojtyła wollte mit den Arbeitern in ihrer eigenen Kantine zu Mittag essen", schrieb ein Reporter. Allerdings bekam der Heilige Vater dort keine Spaghetti vorgesetzt. Externe Restaurants servierten Risotto mit Lachs und Champagner sowie Kalbskeule Napoleon-Art. Dazu standen Trebbiano und Cerasuolo d'Abruzzo, Jahrgang 1981, bereit.

Dieses Papamobil ist nicht gepanzert

Bewacht wurde Johannes Paul II. (bürgerlicher Name: Karol Wojtyła) zwar von Heerscharen stämmiger Personenschützer – aber von keinerlei Panzerung. Wie er so aus dem offenen Dach des Bertone Visitors Bus winkte, hätte jeder Extremist leicht auf ihn schießen können.
Cockpit des Bertone Visitors Bus. Im Hintergrund vorm Auto Papst Johannes Paul II. als Aufsteller aus Pappe
Cockpit des Mini-Papamobils. Was da hinten aussieht wie ein Handschuhfachöffner, ist der Knopf für die Scheibenwaschanlage.
Bild: Roman Rätzke/AUTO BILD
Dabei hatte doch knapp zwei Jahre vorher ein Gewalttäter mehrmals auf ihn geschossen und ihn schwer verletzt. 2006 kam ein Untersuchungsausschuss des italienischen Parlaments zu dem Ergebnis, dass Leonid Breschnew, Diktator der Sowjetunion, das Attentat bei seiner Geheimdiensteinheit GRU in Auftrag gegeben habe. Auch der bulgarische Geheimdienst und die Stasi der DDR haben demnach mit Hintermännern daran mitgewirkt.

Johannes Paul II.

Der Hoffnungsträger

Er war der erste nicht italienische Papst seit über 455 Jahren: Johannes Paul II., geboren 1920 als Karol Józef Wojtyła in Wadowice bei Krakau.
1978 zum Papst gewählt, brachte der Pole einen neuen Stil ins Amt: Er suchte einerseits den Dialog mit Protestanten und anderen Religionen, andererseits die Konfrontation mit kommunistischen Staaten. Im Gegensatz zu seinen strengen, medienscheuen Vorgängern inszenierte er sich, küsste zum Beispiel nach jedem Flug den Boden, besuchte 127 Länder und reiste dabei 1,2 Millionen Kilometer. Als erster Papst besuchte er eine Synagoge und eine Moschee, er machte Witze und fuhr heimlich Ski.
Der türkische Rechtsextremist Mehmet Ali Agca verübte 1981 ein Attentat auf Johannes Paul II. – dieser besuchte ihn später und vergab ihm. Nach dem Attentat wurde der Papst oft in gepanzerten Papamobilen gefahren.
Als erstes Kirchenoberhaupt stellte Johannes Paul II. sich auch offen gegen die Mafia. Für Glaubenskriege, Inquisition und Judenverfolgungen erkannte er die Schuld der katholischen Kirche an, und er rehabilitierte Galileo Galilei. In seinen Schriften plädierte er dafür, den menschlichen Körper und Sexualität nicht als schmutzig abzulehnen, sondern wertzuschätzen.
Aber: Empfängnisverhütung lehnte auch Johannes Paul II. ab, auch – mitten in der AIDS-Krise! – Kondome. Bei Themen wie Kirchenämter für Frauen, Abtreibung und Homosexualität war er ähnlich kompromisslos wie seine Vorgänger. Er starb 2005.
Nun aber, 1983 in San Salvo: Friede, Freude, Lachsrisotto. Vor seiner Predigt "badete" der Papst in der dicht gedrängten Menge, ungeschützt saß er auf der Bühne – und am Fließband von Magneti Marelli stapfte auf einmal Franco Giorgetta, ein Arbeiter im Blaumann, auf ihn zu, sprach ihn an und umarmte ihn. Ein Albtraum für Personenschützer, aber Giorgetta wollte nur reden. Alles ging gut.

Wie der Bertone nach Deutschland kam

Und was wurde aus dem Wagen? Seine Spur verliert sich, bis er spätestens 2003 in den Niederlanden wieder auftauchte, inzwischen himmelblau lackiert. Nicht original, aber fast symbolisch für seinen Passagier, das nach christlicher Vorstellung dem Himmel näher war als jeder andere lebende Mensch. Bei seiner Restaurierung in Sassenheim zwischen Den Haag und Amsterdam wurde der Wagen grün und blau restauriert – so, wie er einst gewesen war.
Drehzahlmesser
Drehzahlmesser von Veglia Borletti – als der Papst Magneti Marelli besuchte, war das noch die Konkurrenz. Später schluckte Veglia Borletti Magneti Marelli.
Bild: Roman Rätzke/AUTO BILD
Eines Tages klingelte das Telefon von Jann Kleemeyer aus Bremen. Dran war ein niederländischer Autohändler: "Ich hab was für dich." Kleemeyer sammelt kleine Fiat mit Sonderkarosserien, man kennt sich in der Szene. Der Händler hätte wohl einen Kunden in der Schweiz gehabt, aber der Export wäre schwierig gewesen, da die Papiere verschollen waren. Jann Kleemeyer: "Was für eine skurrile Kiste, da weiß man nicht, wo vorn und wo hinten ist. Hat mich voll angepikt. Ich mag Autos, die nicht an jeder Ecke stehen. Fahrerisch ist er nicht spannend, aber jeder reagiert darauf."
Klimaanlage über den vorderen Kopfstützen, dahinter offenes Glasdach
Dem Himmel so nah: Klimaanlage von Frigette (aus Oklahoma City) oben am Bügel, herausnehmbares Plexiglasdach, das früher wohl oft undicht war.
Bild: Roman Rätzke/AUTO BILD

So fährt sich der Visitors Bus

Fahrerisch nicht spannend? Probieren wir's aus! Blechern fällt die Fahrertür ins Schloss. Zu bedienen gibt es schon mal extrem wenig: Zündschloss, Blinker, Licht, Scheibenwischer. Der Choke kauert unten zwischen den Vordersitzen. Zwischen den Lehnen versteckt sich das Autovox-Radio "Melody" mit Kassettenschacht und Mikrofon für den Reiseleiter. Tacho bis 200 km/h in einem Van mit 33 PS – Gottvertrauen hatten sie.
Bertone Visitors Bus fahrend von der Beifahrerseite
Das funktionelle Design, wohl von Marcello Gandini, betont den Bügel an den B-Säulen. Fast quadratische Fenster. Bertone baute fünf bis zehn Visitors-Busse auf Basis des Fiat 850T, alle in Grün und Blau.
Bild: Roman Rätzke/AUTO BILD
Weit hinten springt der wassergekühlte Vierzylinder an. Kupplung? Nein, die "Idromatic" kuppelt automatisch, und das in warmem Zustand ganz geschmeidig. Man muss nur die vier Gänge finden, was ein wenig Gewöhnung erfordert.
Blick über Trennwand und Sitze aufs Cockpit des Bertone Visitors Bus
Hinter den Vordersitzen ist eine Trennwand, wie alles dick mit Schaumstoff und Kunstleder abgepolstert. Und: ein Aschenbecher.
Bild: Roman Rätzke/AUTO BILD
Ohne Hast rollt der Minibus los, dann geht auch die Lenkung gar nicht mehr so schwer. Vergnügt sprotzt der Auspuff, und Fahrer und Insassen genießen eine Rundumsicht, die selbst für Oldtimer-Verhältnisse sensationell ist.
Motor des Bertone Visitors Bus
Reihenvierzylinder hinten längs, seitliche Nockenwelle, Steuerkette, Fallstromvergaser, 843 ccm Hubraum, 24 kW (33 PS) bei 4800/min, ca. 56 Nm bei 3200/min, Viergang-Schaltgetriebe, automatische Kupplung. Mit dieser Fiat-Technik schafft der 950 kg leichte Bertone gerade so Tempo 100.
Bild: Roman Rätzke/AUTO BILD
Während wir auf dem Gelände von Scania Bremen, unserer Fotolocation, auf dem Hof hin und her gurken, kommen Mitarbeiter aus Werkstatt und Büro und winken uns fröhlich zu. Jann Kleemeyer kennt diesen Effekt.

Kunstleder trifft Gummi

Spannender als fahren ist es, durchs Auto zu krabbeln und alles anzufassen. Wohl nie zuvor und nie seitdem wurde in einem Auto auf so wenig Länge so viel Kunstleder untergebracht. Sitze, Türverkleidungen, Dachsäulen, Motorabdeckung: alles mit dickem braunem Kunstleder ausgeschlagen und weich mit Schaumstoff hinterfüttert, bis hin sogar zur Vorderseite der Wand hinter den vorderen Sitzlehnen. Nur: Ausgerechnet da, wo Fahrer und Beifahrer sich garantiert die Köpfe stoßen, vorn unterm Dach, da fehlt jedes Polster.
Vier Rücksitze (je zwei nebeneinander), schräg von oben
Sitze in der zweiten Reihe mit breiten, in der dritten mit schlanken, höheren, steileren Rückenlehnen.
Bild: Roman Rätzke/AUTO BILD
Kurios auch, wie der edle Innenraum unten nicht mit Teppich, sondern mit schwarzen Gummimatten endet. Na ja, die Leute rauchten damals viel, und für die zweite Sitzreihe gibt es nur einen Aschenbecher (ganz hinten zwei). Aus dem offenen Fenster zu aschen, wäre unhöflich gewesen – und unbequem, da die Scheiben sich nur etwa zur Hälfte herunterkurbeln lassen.
Alu-Rad des Bertone Visitors Bus
Tiefbettfelgen von Cromodora, 16 Löcher, Bertone-Logo. Besitzer Jann Kleemeyer schwärmt: "Die Felgen sehen aus wie Zahn­räder. Endstandgeil!"
Bild: Roman Rätze/AUTO BILD
Der Papst rauchte? Nein, das wissen wir nicht. Wir meinen den ursprünglichen Verwendungszweck des – der Name verrät es – Visitors Bus: Am Anfang war das Auto, und das Auto war bei Bertone, und der Bertone war im Grunde ein Fiat 850 Familiare.
AUTO BILD Gebrauchtwagenmarkt
Fiat Pininfarina Pininfarina Spider Volumex
39.500
Fiat Pininfarina Pininfarina Spider Volumex
89.000 km
99 KW (135 PS)
05/1985
Zum Angebot
Fiat 124 Spider
15.800
Fiat 124 Spider
103.000 km
76 KW (103 PS)
12/1984
Zum Angebot
Fiat Ritmo Cabrio 1.5 S 85cv
5.900
Fiat Ritmo Cabrio 1.5 S 85cv
170.000 km
62 KW (84 PS)
09/1984
Zum Angebot
Fiat 124 Spider Leder+Sfoffverdeck+H-Kennz.
15.000
Fiat 124 Spider Leder+Sfoffverdeck+H-Kennz.
87.586 km
77 KW (105 PS)
07/1984
Zum Angebot
Fiat X 1/9 X 1/9  " RALLY "  H-Kennzeichen
13.800
Fiat X 1/9 X 1/9 " RALLY " H-Kennzeichen
83.000 km
63 KW (86 PS)
07/1984
Zum Angebot
Fiat 124 Spider DS Pininfarina * Leder
15.900
Fiat 124 Spider DS Pininfarina * Leder
165.000 km
77 KW (105 PS)
07/1984
Zum Angebot
Fiat Uno 55
4.555
Fiat Uno 55
63.000 km
40 KW (54 PS)
06/1984
Zum Angebot
Fiat Spider Europa Pininfarina
24.800
Fiat Spider Europa Pininfarina
57.038 km
99 KW (135 PS)
05/1984
Zum Angebot
Benzin (WLTP), 8 l/100km (komb.)*
Fiat 124 Spider 124 CS
16.500
Fiat 124 Spider 124 CS
106.000 km
81 KW (110 PS)
09/1983
Zum Angebot
Fiat Spider Europa RESERVIERT 124 DS Eurospider
9.250
Fiat Spider Europa RESERVIERT 124 DS Eurospider
196.000 km
77 KW (105 PS)
09/1983
Zum Angebot
Benzin (WLTP), 8 l/100km (komb.)*
Alle Fiat gebraucht

Ein Service von

Ein Service von AutoScout24
Rechtliche Anmerkungen
* Weitere Informationen zum offiziellen Kraftstoffverbrauch und zu den offiziellen spezifischen CO2-Emissionen und gegebenenfalls zum Stromverbrauch neuer Pkw können dem "Leitfaden über den offiziellen Kraftstoffverbrauch" entnommen werden, der an allen Verkaufsstellen und bei der "Deutschen Automobil Treuhand GmbH" unentgeltlich erhältlich ist www.dat.de.
Autobewertung
ANZEIGE

Wie viel ist mein Auto wert? Kostenlose Autobewertung

Ein Service von

Ein Service von Carwow

Es gab nur fünf bis zehn Bertone-Busse

Ihn ließ Fiat zu Fahrzeugen umbauen, mit denen man hochrangige Gäste chauffieren konnte, hauptsächlich wohl durch das Werk im Turiner Stadtteil Mirafiori (wo heute der elektrische Fiat 500 und der Maserati Gran Turismo produziert werden). Fünf bis zehn Visitors-Busse baute Bertone, je nach Quelle, 1974 oder 1975, alle gleich.
Schwarzweißfoto vom Fiat 850T
Die Basis: Den Kleintransporter Fiat 850T (seit 1964) gab es als siebensitzige Pkw­-Version "Familiare" (Foto). 1976: Facelift zum 900T.
Bild: Fiat
Ein historisches Foto zeigt Rohkarosserien bei der Carrozzeria Saturn in Cavallermaggiore, eine Stunde südlich von Turin. Offenbar arbeitete sie für Bertone als Subunternehmer. Saturn stellte bis 1987 auch die Karosserien für die amerikanische Retro-Marke Stutz her.
Redakteur am Steuer des Bertone
Flaches Lenkrad, keine Servolenkung: Beim Rangieren steht AUTO BILD-Reporter Frank B. Meyer fast auf den Pedalen.
Bild: Roman Rätzke/AUTO BILD
Welche illustren Gäste Giovanni Agnelli noch in den Bussen chauffieren ließ, steht wahrscheinlich in alten, verstaubten Akten. Gut möglich, dass auf demselben Sitz, der den Heiligen Vater trug, auch mal ein kommunistischer Kader aus dem Lada-Werk in Toljatti (Sowjetunion) saß. Es könnte der Beginn einer Geschichte wie in "Don Camillo und Peppone" sein.

Fazit

Der Bertone Visitors Bus ist schon an sich extrem selten, die Papst-Anekdote macht dieses Exemplar noch spezieller. Die wegrestaurierten Bohrlöcher vom Papstbesuch sollten uns aber eine Lehre sein: Zerstöret nicht die Spuren der Geschichte! Amen.