Dieser Mercedes 190 E war selbst für eine Kleinserie zu extrem! Noch vor dem legendären und sündhaft teuren Mercedes 190 E 2.5-16 Evolution II zeigte Mercedes-Spezialist Brabus mit dem 3.6S Lightweight, was in dem ab Werk biederen W 201 steckt. Jetzt wird das Einzelstück verkauft!
Einzelstück Brabus 3.6S Lightweight bei eBay
Angeboten wird der einzigartige Brabus 3.6S Lightweight vom britischen Händler "Fast Classics", der neben dem 190er auch gesuchte Klassiker und Youngtimer wie BMW 3.0 CSL, Ferrari Dino 246/GT und Porsche 968 Clubsport im Bestand hat. Mit umgerechnet etwa 116.000 Euro (99.995 Pfund) ist der Brabus alles andere als ein Schnäppchen aber immer noch deutlich günstiger als einer der 502 gebauten 190 Evo II, den er in Sachen Fahrleistungen locker in den Schatten stellt. Allerdings handelt es sich bei dem Brabus 3.6S in der auffälligen Farbe "Signalrot" (Farbcode MB 568) nicht um das Originalfahrzeug aus dem Baujahr 1989, sondern um einen Nachbau, der direkt bei Brabus durchgeführt und penibel dokumentiert wurde. Jetzt fragen Sie sich bestimmt, warum ein Replika über 100.000 Euro kosten soll? Ganz einfach, das Original existiert heute nicht mehr und der hier angebotene 190er ist eine von Brabus perfekt aufgebaute Kopie des Originals. Das ist die Geschichte des Brabus 3.6S Lightweight!
BRABUS 3.6S LIGHTWEIGHT
Im Vergleich zum 190 Evo II fällt der Heckflügel beim Brabus 3.6S deutlich kleiner aus.

Ein Kevlar-Schalensitz wiegt exakt 3326 Gramm

Ende der 80er-Jahre wollte Brabus auf Kundenwunsch zeigen, was in dem vergleichsweise biederen 190er steckt. Das war ungefähr zu der Zeit, als Mercedes den 190 E 2.5-16 Evo I auf den Markt brachte und noch vor dem 1990 präsentierten Evo II. Das Ziel war es einen radikalen 190 E mit ordentlich Leistung auf die Räder zu stellen. Optisch ist der Brabus trotz Lack in Signalrot, neuen Schürzen und einem kleine Flügel nicht ganz so auffällig, wie der wild bespoilerte 190 Evo II, der aussieht, als habe man dem DTM-Rennwagen lediglich die Beklebung entfernt. Doch im Innenraum sieht es anders aus. Während der 190 Evo II mit den Seriensitzen und dem gewöhnlichen Lenkrad Taxi-Charme versprüht, macht der Lightweight seinem Namen alle Ehre. Alles, was nicht zwingend notwendig war, flog raus. Zuerst einmal schmiss Brabus die gesamte Rückbank raus und installierte einen Käfig inklusive Querverstrebungen und Befestigungspunkte für die Hosenträgergurte. Auch die Klimaanlage wurde als überflüssig betrachtet, doch das Highlight sind definitiv die Recaro Spa Kevlar-Schalensitze. Die serienmäßigen und wenig sportlichen Sitze des 190er wurden gegen die hochwangigen und extra leichten Sitze getauscht, die dem 190er Tourenwagen-Flair verleihen und nur 3326 Gramm pro Sitz wiegen. Weitere Änderungen betreffen das Brabus Typ II Lenkrad und eine angepasste Tacho-Skala bis 300 km/h.
BRABUS 3.6S LIGHTWEIGHT
Die Recaro Spa Kevlar-Schalensitze sind nicht nur eine Augenweide, sie sparen auch richtig Gewicht.

Brabus 3.6S schafft 270 km/h

Die 300 km/h sind dabei gar nicht allzu übertrieben, denn der 3.6S Lightweight soll 270 km/h schaffen – rund 20 km/h mehr als der jüngere Evo II. Grund dafür ist der Motor: Anstelle eines serienmäßigen Vierzylinders steckt unter der roten Haube ein aufgebohrter Reihensechszylinder. Auf Basis des M 103 genannten Blocks aus dem W 124 schufen die Brabus-Ingenieure einen echten Dampfhammer. Dabei handelt es sich um Saugmotor-Tuning par excellence – nichts mit Chiptuning oder dergleichen. Alle Modifikationen hier aufzuzählen, würde den Rahmen sprengen, weshalb wir uns auf die wichtigsten Veränderungen konzentrieren. Der Hub wuchs von 80,25 auf 90 Millimeter und die Zylinderbohrung wurde von 88,5 auf 92 Millimeter vergrößert. Das Ergebnis sind 3590 ccm Hubraum. Alles in allem blieb kaum ein Teil unangetastet: Kurbelwelle, Kolben, Pleuel (feingewuchtet), Ventile und mehr wurden getauscht, die Steuerzeiten angepasst. Das Ergebnis sind 272 PS und 365 Nm maximales Drehmoment bei 4800 U/min. Nur zum Vergleich, der serienmäßige Dreiliter aus dem 124er leistete 180 PS und 255 Nm.
Trotz des größeren und schwereren Motors konnte Brabus das Gewicht durch die zahlreichen Leichtbau-Maßnahmen im Innenraum auf 1340 Kilo drücken, womit der 3.6S in etwa so viel auf die Waage bringt wie ein serienmäßiger 190er mit Vierzylinder. Das Leistungsgewicht lag 1989 mit 4,9/PS genauso auf Porsche-Niveau wie die Fahrleistungen: 0-100 km/h in 6,3 Sekunden und ein Topspeed von 270 km/h. Auch in Tests konnte der Lightweight überzeugen, doch am Ende wurde das Projekt als zu radikal verworfen. Was genau mit dem Original geschah, ist heute nicht mehr sicher zu sagen, vermutlich wurde der 190er ganz oder teilweise zurückgebaut.
Hier könnte die Geschichte des Brabus 3.6S Lightweight enden, doch es gibt ein versöhnliches Ende. Schließlich bietet "Fast Classics" aktuell eben dieses Fahrzeug zum Kauf an. Wie scon erwähnt, ist dieser 3.6S ein Nachbau, allerdings ein verdammt guter, was daran liegt, das er direkt von Brabus, teilweise von den gleichen Mitarbeitern, die 1989 das Original entwickelten, gebaut wurde. Hinter der bis ins letzte Detail perfekten Replik des Lightweight steckt Sven Gramm, seines Zeichens Direktor Kommunikation und Werbung bei Brabus und selbst großer Mercedes-Fan!
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2008, also fast 20 Jahre nach dem das Original präsentiert wurde, kam Gramm die Idee, den Lightweight als Replika neu aufzubauen. Dank entsprechender Kontakte und einem gut gepflegten Archiv, gelang das Vorhaben. Auf Basis eines 190 E 2.6 aus Erstbesitz fertige das Brabus-Team den 3.6S innerhalb von nur zehn Monaten perfekt nach. Dazu wurde das Spenderfahrzeug bis auf die Rohkarosse gestrippt und anschließend minutiös Schritt für Schritt neu aufgebaut. Der entscheidende Vorteil war natürlich, dass Gramm dank des Brabus-Archivs Zugriff auf die Dokumentation des 1989er Originals hatte und so dass jedes Detail wie der in Wagenfarbe galavnisierte Kühlergrill, die in dien Heckspoiler integrierten Leitungen für den Kühler des Hinterachsdifferenzials oder auch die drei Zusatz-Instrumente im Innenraum eins zu eins nachgearbeitet werden konnte.
BRABUS 3.6S LIGHTWEIGHT
Im Innenraum macht der Lightweight seinem Namen alle Ehre. Klima? Gibt es nicht! Rückbank? Fehlanzeige!


Der 190er steht seit 2018 zum Verkauf

Der fertige Brabus 3.6S Lightweight wurde von Gramm regelmäßig – auch bei Topspeed – gefahren und auch einigen Kollegen zu Tests zur Verfügung gestellt. 2016 entschied er, den Lightweight zu verkaufen. Der rote 190er ging an einen britischen Sammler, der das Einzelstück am 1. Juli 2017 erstmals in Großbritannien zuließ. Doch schon im Jahr 2018 wurde der Lightweight erneut zum Verkauf angeboten. Damals sollte er 132.000 Pfund oder umgerechnet 154.000 Euro kosten. Drei Jahre später sucht der Händler noch immer einen neuen Besitzer für das Einzelstück, das nur 10.440 Kilometer auf dem Tacho hat. Der Preis wurde auf rund 116.000 Euro (99.995 Pfund) reduziert – viel Geld für einen 190er, aber immer noch deutlich weniger als für einen 190 Evo II aufgerufen wird und der ist immerhin weniger selten, weniger radikal und auch noch langsamer. Der Brabus 3.6S Lightweight dürfte, abgesehen vom selbstgebauten 190er mit 6,0-Liter-V12, der extremste W 201 auf dem Markt sein!