Citroën DS: Umbau zum Filmauto
Die deutsche Flug-DS von Fantômas

Louis de Funès weiß es nicht, aber Sie weihen wir ein: Ein deutscher Meisterfälscher hat die fliegende Film-DS nachgebaut! – Doch!
Bild: Automuseum Prototyp
Hach, das Frankreich der 1960er-Jahre: Da musste alles neuartig und verwegen sein. Schaurige Komödien, alberne Gruselfilme: Avantgarde! Film-Schurke Fantômas, der die Optik von Harry Potters Widersacher Lord Voldemort vorwegnahm: Avantgarde! Und welches andere Auto sollte dieser französische Unhold wohl fahren als eine DS von Citroën? Avantgarde!
Verwegener als James Bond: Fantomas im Citroën DS
Während die Filmkollegen aus Großbritannien und den USA ihrem Helden James Bond nur Autos mit allerlei Kinkerlitzchen unter den Agentenhintern schoben, legten Drehbuchautor Jean Halain und Regisseur André Hunebelle eine große Schippe drauf: Für den Film "Fantomas gegen Interpol" (1965, deutscher Titel ohne Akzent auf dem o) setzten sie Fantômas in eine DS von Citroën, die fliegen kann.

Filmszene aus "Fantomas bedroht die Welt": Auf der Startbahn beschleunigt die DS des Schurken mit der Kraft der zwei Düsen.
Bild: Gaumont
Dass die DS schwebt, wird ja immer wieder betont (auch bei uns). Die DS als liegendes Auto – auch das kennt man, wenn der Druck aus der Hydropneumatik entwichen ist. Aber als fliegendes Auto?
Die berühmte Szene: erst Verfolgungsjagd am Boden …
Diesen Effekt hoben sich die Autoren für das Finale des Films auf. Louis de Funès als hektisch-komischer Polizist Paul Juve und Jean Marais als Journalist Fandor verfolgen in dieser Szene in einem grünen Austin Mini Moke den Schurken Fantômas. Der flüchtet angemessen in der Gangsterlimousine: einer DS.

Kommissar Juve (Louis de Funès, links) ist des Diebstahls überführt: Er stahl im Film dem Helden Fandor (Jean Marais, rechts) die Show.
Bild: dpa/picture-alliance
Die halsbrecherische Verfolgungsjagd führt zunächst einen Vulkan hinab (gefilmt wurde am Vesuv). Dann biegen die Autos auf eine Flugzeug-Startbahn ein. Die quietschenden Reifen auf den Staubpisten, ein Flugplatz ohne Zaun oder Stacheldraht – alles von der Kunstfreiheit gedeckt.

Wir verraten Ihnen ein Geheimnis: Der Mann unter der Fantomas-Maske ist derselbe Schauspieler, der auch den Journalisten Fandor spielt.
Das darf aber niemand wissen. Deshalb müssen wir Sie jetzt töten, HAR! HAR!
Bild: Gaumont
… dann in der Luft mit fliegendem Auto
Fantômas gibt Gas und bedient drei Schieberegler am Armaturenbrett. Unter den Schwellern der weißen DS klappen Tragflächen aus, Verlängerungen fahren aus, die hintere Stoßstange klappt herunter und macht Platz für zwei Düsentriebwerke. Aus dem Kofferraumdeckel wird ein Leitwerk emporgeschoben, dann zünden die Düsen – zisch, hebt die DS ab und fliegt davon. "Incroyable", ruft Kommissar Juve, "unglaublich!"

Wir verraten Ihnen ein Geheimnis: Die fliegende DS im Film ist nur ein Modell.
Das darf aber niemand wissen. Deshalb müssen wir Sie jetzt ... ach, müssen wir ja sowieso.
Bild: Gaumont
Juve und Fandor kapern ein Flugzeug und setzen die Verfolgung fort. Die Fallschirm-Szene danach ist nicht minder spektakulär.
Klingt nach James Bond? Ja, und das ist kein Zufall: Zwischen den 007-Filmen und "Fantomas gegen Interpol" gibt es spannende Wechselwirkungen. Mehr dazu erzählen wir weiter unten.
Idee aus Deutschland: eine Flug-DS als Nachbau
Die fliegende DS jedenfalls geht in die Filmgeschichte ein. Das, wie man sagt, "ikonische" Serienauto wird nun auch zu einem ikonischen Filmauto. Es ist für die 60er praktisch das, was für die 80er die DeLorean-Zeitmaschine ist.
Kein Wunder, dass Jahre später in Deutschland jemand den finsteren Plan schmiedete, das Filmauto nachzubauen. Es war Georg Thiel aus Geesthacht bei Hamburg. 1996 stand sein frisch restaurierter Citroën ID 19 zum ersten Mal auf der Techno-Classica – und "unter Zuhilfenahme berauschender Getränke", wie er sagt, ereilte ihn die Idee, mal eine Fantomas-DS für die Techno-Classica zu bauen.
Erst 2003 entschied sich das Messe-Orga-Team des DS-Clubs, die Idee nun endlich in die Tat umzusetzen. Mit einer Fantômas-DS!

Im Automuseum Prototyp in Hamburg musste der Wagen nicht unter Beweis stellen, ob er fliegen kann – die Ausstellungshalle ist als Startbahn zu kurz.
Bild: Automuseum Prototyp
Nur acht Wochen Zeit für die Fantômas-DS
"Acht Wochen vor der Techno-Classica 2003 rief der Clubvorstand an: Was ist denn nun mit dem Fantômas-Auto?", erzählt Thiel. "Da habe mir erst mal ganz genau die Filmaufnahmen angeguckt. Aber das konnte ich so nicht nachbauen – denn die Anbauten mussten rückrüstbar sein. Ich habe ja keine DS dafür übrig, sondern wollte meinen Oldtimer dafür nehmen."
Georg Thiels Oldtimer ist nicht exakt das gleiche Modell wie 1965 die DS in "Fantomas gegen Interpol", später hergestellt (Baujahr 1967) und eine ID 19, also technisch einfacher als die DS; aber der Nachbau orientierte sich, damit er rückrüstbar war, ohnehin eher großzügig am Filmauto.
Tragflächen aus Holz und Styropor
Erst mal musste Thiel (damals 49) überlegen, wie er es macht, und den Umbau planen – "das hat von allem am längsten gedauert". Als schwierig hat er das aber nicht empfunden: "Als Karosseriebauer kennt man keine Schwierigkeiten, nur Lösungen."
Dann baute Georg Thiel die Tragflächen, ca. 2,70 Meter lang und 30 bis 40 Zentimeter breit. Dafür nahm er zwei lange Bretter und beklebte sie mit Styropor. Das brachte er dann mit einem Winkelschleifer in Tragflächen-Form. Ähnlich bereitete er das Leitwerk auf der Kofferraumklappe vor.

Bild: Georg Thiel
Beim Laminieren mit glasfaserverstärktem Kunststoff (GFK) halfen ihm der befreundete Profi Dirk Lievenbrück und ein weiterer Helfer. "Wir haben das in meiner Garage gemacht – so eine Schweinerei, man kann sich nicht vorstellen, wie das aussah."

Bild: Georg Thiel
Die großen Teile gab Thiel dem Autolackierbetrieb Rilke in Wentorf: "Das brauche ich bitte in Wagenfarbe. Lass dir was einfallen." DS-Fan Rilke ging an die Arbeit und berechnete dafür dem DS-Club keinen Cent – er bekam nur die Materialkosten und einen Präsentkorb. Vom Ergebnis ist Thiel noch heute begeistert: "Der hat das so top gemacht, mit so einem Finish, unschlagbar."

Bild: Georg Thiel
Jet-Turbinen aus Ölfässern
Das Leitwerk befestigte Thiel an einem alten Ersatz-Kofferraumdeckel. Den schnitt er unten aus, um die "Düsentriebwerke" einzupassen: "Das waren Ölfässer, darin sind Lüfterräder vom Citroën Xantia."

Bild: Georg Thiel
Um die Tragflächen fest, aber abbaubar am Boden seines Citroën ID 19 anzubringen, fertigte er spezielle Klammern an. Und weil auf einem Clubstand nicht ohne Ende Platz ist, legte er die Tragflächen dicht an die Hinterräder an.
Acht Wochen nach dem Anruf vom Club stand die Fantômas-DS fertig auf der Techno-Classica.
Die fliegende Fantômas-DS geht auf Tournee
Der Beginn einer ganzen Reihe von Auftritten: "In Essen lud uns der Leiter des Conservatoire Citroën ein, das Flug-Auto in Frankreich zu zeigen. So fuhren wir nach Valenciennes und standen ein ganzes Wochenende mit Fantômas-Masken am Wagen." Auch beim Citroën-Welttreffen ICCCR in Interlaken in der Schweiz 2004 landete Thiels Filmauto.

Bild: Georg Thiel
Nach einer Händlerausstellung in Nordrhein-Westfalen waren die Tragflächen jahrelang verschollen, berichtet Georg Thiel; erst nach dem Tod des Händlers, sagt er, fand dessen Witwe die 2,70 Meter langen Teile wieder. 2019 stand der geflügelte Citroën noch mal auf der Techno-Classica in Essen, zuletzt 2025 im Automuseum Prototyp in Hamburg.
Wie "Fantômas" James Bond beeinflusste
Was hat "Fantomas gegen Interpol" mit James Bond zu tun? Der humorige Gruselkrimi ist nicht nur beeinflusst von James-Bond-Filmen, er prägte seinerseits auch spätere James-Bond-Teile: Die Idee mit dem fliegenden Auto griffen die Autoren von "Der Mann mit dem goldenen Colt" (1974) auf.
Auch 007 bekam ein Flug-Auto
Ähnlich wie bei Fantômas sauste hier ein AMC Matador Brougham Coupe über die Piste und hob ab – und ähnlich wie bei Fantômas war das Flugauto, das wir auf dem Boden sehen, ein echtes Auto, und das, was abhebt, ein Modell. Special-Effects-Legende John Stears ließ dafür ein ferngesteuertes Modellauto/-flugzeug mit ca. 1,40 Meter Spannweite bauen.

Bild: dpa/picture alliance
Zweitens: Der Szenenbildner Max Douy, der für das Setdesign von "Fantomas gegen Interpol" verantwortlich war, gestaltete später auch das Set des 007-Films "Moonraker – Streng geheim" (1979).
Drittens: In allen drei Episoden wurden die Kampfszenen von Claude Carliez choreografiert, einem Meisterfechter und unvergleichlichen Stuntman, einem Spezialisten für Schwertkämpfe und Kampfkunst im französischen Kino. Darüber hinaus choreografierte Carliez später die Kampfszenen in den James-Bond-Filmen "Moonraker" und "Im Angesicht des Todes" (1985).
Selbst wer Filme mit Louis de Funès insgesamt albern findet, muss zugeben: Hinter den Kulissen haben viele Vollprofis gearbeitet.
58 Jahre später: Flug-DS reloaded
Ein spaßiges Ausstellungsthema hatte sich das Nationale Automobilmuseum von Frankreich in Mulhouse für 2023 ausgedacht: die Autos aus den Filmen mit Louis de Funès. Klar, dass auch die fliegende DS aus "Fantomas gegen Interpol" eine Rolle spielte. Das originale Filmauto war nicht mehr aufzutreiben, als Ersatz stand nicht etwa Georg Thiels Nachbau im Elsass, sondern eine serienmäßige DS.
Aber: DS Automobiles, die Luxusmarke von Citroën, wurde gebeten, "eine moderne Interpretation der fliegenden DS von Fantomas" zu gestalten, sagte Designchef Thierry Metroz. Sein Designer Geoffrey Rossillon zeichnete eine Skizze – hier das Ergebnis.

Bild: DS Automobiles
Falls "Fantomas gegen Interpol" jemals neu verfilmt wird, hier ein Wunsch von AUTO BILD: Fantômas könnte mit diesem modernen schwarzen Entwurf vorfahren – dann die Hülle wie eine Maske vom Wagen ziehen, und darunter kommt die historische DS zum Vorschein.
Kommentar
So ein Filmauto nachzubauen, ist vielleicht erst mal nur ein Jux. Aber wenn die Kopie erst mal fertig ist, wenn auf den ersten Messen und Treffen sich Menschentrauben darum gebildet haben, wenn Väter ihren Kindern erklären, warum sie das Filmauto so toll finden, dann dämmert selbst Miesepetern: So ein Filmauto verbreitet nicht nur Fröhlichkeit, was allein ja schon ein guter Zweck wäre – es führt auch dazu, dass Wissen über automobiles Kulturgut und Wissen über Filmkultur an die nächsten Generationen weitergegeben wird. Und selbst so harmloses Wissen ist immer noch besser als Unwissenheit.
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