Ford-Coupés von 1968 im Test
Coupé international: Drei Ford-Modelle aus dem Jahr 1968 im Test

Dreimal Coupés von Ford und dreimal ganz verschieden: Wir fahren geschlossene Zweitürer des Jahrgangs 1968 aus Deutschland, Italien und Amerika.
Bild: Marcus Gloger / AUTO BILD
- Axel Catton
Für die meisten von uns bringt das Jahr 1968 ganz besondere Vorstellungen mit sich, auch für jene, die damals noch nicht geboren waren. 1968, das heißt weltweite Studentenproteste, Besetzung der Sorbonne, Attentate auf Martin Luther King, Robert Kennedy und Rudi Dutschke, erste Große Koalition, Bundeskanzler Kiesinger, aber auch Hippies, Miniröcke und freie Liebe.
Zum Ende der 1960er-Jahre wollte auch die Mittelschicht beim Autokauf mehr als nur "Transport". Neben Limousinen und praktischen Kombinationskraftwagen für Gewerbetreibende wurden nun auch Coupés und Cabriolets beinahe jeder Marke angeboten. Wer eine Familie hatte und dennoch Coupé fahren wollte, wurde nicht nur bei Porsche, Mercedes oder BMW fündig, sondern etwa auch bei Ford.
Der Konzern hatte geradezu ein Überangebot an Coupés im Portfolio: in Deutschland den 15M (P6) und den Capri, in Nordamerika den Mustang und, wenn man einen Rennwagen als Coupé bezeichnen möchte, den GT40 – plus die Autos, die Sie hier sehen. Seltsam aber: Die große britische Ford-Tochter hatte 1964 ihr Coupé, den Consul Capri, ohne Nachfolger eingestellt. AUTO BILD KLASSIK hat sich also je ein Coupé aus Italien, den USA und Deutschland ausgesucht.
Bella Italia
Eins davon ist nur teilweise von Ford: In Italien ließen sich betuchte Käufer die bürgerliche Kölner Technik in italienische Kleider hüllen – bei der Karosseriefirma OSI. Die kurzlebige Officine Stampaggi Industriali S.p.A. (wörtlich übersetzt Industrie-Presswerke AG), kurz OSI, wurde 1960 in Turin vom Ghia-Besitzer Luigi Segre gegründet und ist nicht zu verwechseln mit der Isetta-Erfinderin Iso aus Mailand. Anfänglich spezialisierten sie sich auf Produktion und Montage von Spezialversionen bestehender Anbieter, bis 1966 mit dem OSI 20M TS das erste von OSI selbst entworfene Automobil auf den Markt kam.
Das elegant, ja fast schon filigran gezeichnete OSI-Coupé im Trio gehört Ralf Ackermann, dem wir auch die Foto-Location Gut Nazareth in Düren (NRW) zu verdanken haben. Der OSI musste mit dem Radstand des Ford P7 von 2,71 m auskommen, war aber mit 1,80 m vier Zentimeter breiter und mit 1,34 m ganze 14 Zentimeter niedriger als der Kölner.

Auf den ersten Blick verdecken die eleganten Formen des Osi mit ihren spielerischen Elementen die Kölner Basis.
Bild: Marcus Gloger / AUTO BILD
Bei unserem Fotoshoot stehen nun der orangene 17M und die silberne Signorina einträchtig nebeneinander. Die dünnen Dachsäulen und der lichte Innenraum lassen den OSI wie aus einer anderen, ja eben einer italienischen Welt erscheinen. Der sehr viel flachere Dachverlauf erlaubt im verbleibenden Drittel der C-Säule einen Grill für den Luftauslass, der das Design von der Seite etwas auflockert. In ihrem Innenraum ist die ursprünglich in Paris ausgelieferte Italienerin auch die sportlichste von allen dreien. Ein echtes Holzarmaturenbrett (wenngleich aus eher wenig luxuriös wirkendem Planholz), nicht weniger als sechs Rundinstrumente, ein geschüsseltes Dreispeichenlenkrad aus Holz und geriffelte Pedale lassen den OSI wie einen echten Sportwagen aussehen.
Wobei aussehen hier wörtlich zu nehmen ist, denn unter der Haube wartet auf uns auch nur der 108 PS starke 2,3-Liter-V6 aus dem P7, während das Leergewicht des mit Stahlkarosserie versehenen OSI mit 1150 Kilo sogar noch gut 55 Kilo höher liegt als beim Kölner. Dass dadurch nur 175 km/h Spitze drin waren, versagte dem OSI zeit seines kurzen Lebens auch die Bewunderung der Sportfahrer, auf die sein sportliches Äußeres hoffen ließ. 1968 endete mit dem 20M TS die Fahrzeugproduktion bei OSI.

Eleganter Innenraum: Im Vergleich zum Kölner Vertreter wirkt der OSI 20M TS eindeutig italienisch.
Bild: Marcus Gloger / AUTO BILD
In den USA angeboten wurde der OSI nicht, denn das Geld, das er dort hätte kosten müssen, hätten wohl nur wenige Kunden für ein 2,3-Liter-Auto ausgegeben. Er hätte dort nicht den Ansprüchen an ein richtiges "Personal Luxury Coupé" genügen können, wie es seit 1955 der Ford Thunderbird getan hatte. Der zu unserer Ford-Bildungs-Veranstaltung hinzugezogene T-Bird gilt zwar nach amerikanischer Lesart als 1969er Modell, doch begann das Modelljahr ja bereits im Sommer 1968, also haben wir ihn als Spät-68er durchgehen lassen.
Natürlich gab es, wie gesagt, auch den Mustang, doch dieser wandte sich wie der Capri weniger an Familien und mehr an junge Sportwagenkäufer.
The American Way
Als OSI, T-Bird und P7 nebeneinanderstehen, wird wieder einmal klar, dass in Amerika eben alles größer ist, auch die sogenannten sportlichen Coupés. Um in den USA Ansprüchen an Dynamik zu genügen, reichte eine rassige Form mit zwei Türen völlig aus, dazu gab es den unvermeidlichen Achtzylinder, hier als Siebenliter mit beachtlichen 365 SAE-PS, der das über zwei Tonnen schwere Coupé auf beeindruckende 205 km/h beschleunigen sollte. Erstaunlicherweise war also der dickste, schwerste und mit 5,25 Metern längste Zweitürer auch der schnellste. Diese Generation des Thunderbird war sogar so groß geraten, dass es auch eine viertürige Version mit hinten angeschlagenen "Selbstmördertüren" gab, was die Idee des Zwei-Tonnen-Sportcoupés nur noch absurder machte.

Der "T-Bird" in Midnight Aqua gilt zwar als 1969er Modelljahr, wurde aber 1968 gebaut. Und verfügt über sechs Sitze.
Bild: Marcus Gloger / AUTO BILD
Innen bemüht sich der T-Bird, alle mit Amerikanern verbundenen Vorurteile geflissentlich zu erfüllen. Das in schwarzem Leder ausgeschlagene Interieur bietet nicht weniger als sechs Personen Platz, die Mittelarmlehne ist so groß wie ein Koffer, das Armaturenbrett, das aussieht wie eine Jukebox, umfasst wenige echte Instrumente und ist ansonsten nur Spielerei, dafür gehörten aber natürlich eine Dreistufenautomatik und auch eine Klimaanlage schon vor 56 Jahren zur Ausstattung. Hinten gibt es wie beim 1964 eingeführten Vorgänger sehr bequeme, abgerundete Sitze, daneben C-Säulen fast so breit wie Manhattan.
Als ich die Fahrertür zumachen will, fällt ein Teil der Innenverkleidung herein. „Das muss ich noch wieder festmachen“, gibt Besitzer Hendrik Groß mit einem Lächeln zu. Der V8 brabbelt betörend, die Beschleunigung wirkt gegenüber den anderen beiden erhaben. Das mag in Wirklichkeit gar nicht stimmen und nur ein Resultat des enormen Größenunterschiedes und der damit verbundenen Erwartungen sein. Binnen Sekunden stellt sich eine wunderbare Gelassenheit ein, das tiefe V8-Grummeln gemischt mit der enorm servounterstützten Lenkung und der butterweichen Automatik – es mag nicht sehr sportlich oder coupéhaft sein, aber dieses Fahrgefühl ist wunderbar.

In puncto Räder tritt der US-Vertreter des Trios eher zurückhaltend auf.
Bild: Marcus Gloger / AUTO BILD
Ob der Deutsche da mithalten kann? Für unsere Geschichte hat uns Ford Klassik den eigenen 17M RS zur Verfügung gestellt, eine Sondervariante mit 2,3-Liter-V6- Motor, reichhaltiger Instrumentierung und, wie es die Schweizer "Automobil Revue" etwas herablassend formulierte, „spezieller Außenbemalung“. Dabei wirkt der in Orange mit Vinyldach ausgeführte Zweitürer heute weit weniger laut und auffällig als vielleicht noch vor 56 Jahren. Der dicke schwarze Seitenstreifen harmoniert gut mit dem schwarzen Dach.
Deutsche Wertarbeit
Beim Besteigen lässt das deutscheste Coupé in unserem Trio keinen Zweifel an seiner Kölner Herkunft aufkommen. Das bekannte Armaturenbrett protzt mit einem Tacho, der prestigeträchtig bis 200 km/h reicht; im Drehzahlmesser beginnt der rote Bereich schon bei 5500/min. Das klassische Ford-Dreispeichenlenkrad hat eine Prallplatte und einen damals noch als sportlich geltenden Holzkranz. Auch die vor dem Ganghebel des Viergang-Schaltgetriebes angebrachten drei Zusatzinstrumente deuten auf die sportlichere Ausrichtung des Familien-Fünfsitzers hin. Für den Sport notwendig ist allerdings nur das Ölthermometer, die beiden anderen Plätze belegen Außenthermometer und Uhr.
Die Sitze sind für heutige Verhältnisse ausgesprochen wuchtig gebaut, sie sind bequem, bieten aber für eine sportliche Fahrweise nur sehr wenig Seitenhalt. Auf der identischen Rücksitzbank, die aus der Limousine stammt (das 4,72 Meter lange Coupé verfügt mit 2,71 Metern auch über den gleichen Radstand), können drei Personen Platz nehmen, natürlich wie damals üblich ohne Sicherheitsgurte oder gar Kopfstützen, das kam erst einige Jahre später.
Motorisch war dieser RS großbürgerlich, der in unserem Exemplar eingebaute 2,3-Liter-Sechszylinder leistet 108 PS, was laut Werk den Sprint auf 100 km/h in 11,4 Sekunden und 170 km/h Spitze möglich machen sollte. Wer aber ernsthaft bei den Großen mitspielen wollte, musste schon Capri RS 2600 fahren.

Im Innenraum des 17M RS müssen drei Zusatzinstrumente, ein Lenkrad mit Holzkranz und vier Gänge reichen.
Bild: Marcus Gloger / AUTO BILD
Im Stand wirken alle drei auf ihre eigene kulturell bestimmte Art auf mich. Der orange Deutsche überzeugt mit solider Verarbeitung, schweren Sitzen und viel Platz. Die Italienerin hat einfach ein wunderbar leichtes Design, ist niedrig und ein bisschen mysteriös. Und der Amerikaner hat, was ich sehr liebe: Überzeugungskraft, Selbstbewusstsein, Leistung im Überfluss, zeugt aber eben auch von Zurückhaltung im Sinne eines Sich-nicht-beweisen-müssens.
So war mir schon vor dem Fahren klar, dass der Donnervogel mein Favorit sein würde, denn den Kölner kannte ich ja schon von der Hinfahrt. Der OSI überraschte mich sofort, weil er trotz des gleichen Unterbaus viel sportlicher wirkt als der P7. Vor allem die Auspuffanlage von Abarth sorgt für einen beinahe süchtig machenden Klang, und auch im Antritt wirkt die Turinerin spritziger und macht mehr Spaß. Dass ich als 1,92 Meter großer Mann unter dem niedrigen Dach noch Platz habe, ist ein großes Verdienst der OSI-Ingenieure, die vielleicht doch auch Käufer aus anderen Ländern als der italienischen Heimat im Sinn hatten.
Am Ende bleibt mir nur noch, quasi den deutschen Underdog, unseren orangen 108-PS-RS, nach Köln zu den Ford-Klassik- Leuten zurückzufahren, die ihn mir sehr selbstbewusst vor Ort schon für die Fahrt überlassen hatten. Kurz hinter Düren kann ich direkt auf die Autobahn nach Köln einbiegen, so wie ich hergekommen bin, oder über Land an den Rapsfeldern vorbei eine halbe Stunde länger fahren. Natürlich fahre ich über Land und versetze mich auf einmal in das Gefühl des 17M-RS-Fahrers Ende der 60er-Jahre. Alle vier Scheiben sind unten, der Wind weht durch das Auto, der Sechszylinder tut brav und unaufgeregt seine Arbeit. Auf einmal wird klar: Es ist nicht wichtig, ob es 108 PS sind oder 200, 1100 Kilogramm oder zwei Tonnen – was zählt, ist, dass dich dein Auto auch mit 80 km/h in die Vergangenheit zurückholen kann. Und diese Aufgabe erfüllt jedes unserer Ford-Bewegungsmittel mit Bravour.
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