Ford Fiesta GFJ: Brot-und-Butter-Oldtimer mit wenig Kilometern
Die Liebe zum Kassengestell

Ein Ford Fiesta aus dem Jahr 1994 mit nur 26.000 Kilometern zeigt, warum selbst Brot-und-Butter-Oldtimer echte Schätze sein können.
Bild: Großpietsch
- Dominik Großpietsch
"Mei' Mutter tät sich im Grab rumdreh', wenn sie des seh' würd!" Ich stutze kurz. Gerade sind die Verkäuferin, ihr Mann und ich an einem schönen September-Samstag dabei, einen Ford Fiesta von 1994 aus der Garage zu schieben. Ihre Worte in breitem Fränkisch überraschen mich. Schließlich ist der kleine Wagen mit der Pflaume auf der Haube eine skurrile Zeitkapsel.
"Warum? Wir retten hier gerade ein schönes Auto?!", lautet meine Gegenfrage, als der Staub von der Motorhaube beginnt, meine Finger zu umhüllen.

Schon im Prospekt war das Rot ein Hingucker. Von diesem Exemplar ist sogar noch die Neuwagenrechnung vorhanden.
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Denn in der Garage hat dieser Vertreter der von 1989 bis 1996 gebauten dritten Fiesta-Generation den Großteil seines Autolebens verbracht – ganz anders als seine vielen Brüder und Schwestern, die schon vor Jahren erbarmungslos runtergeritten wurden.
Der Fiesta GFJ hat bis heute ein Imageproblem
Der Reflex vieler wird ein kurzes "Ab auf den Schrott!" sein. Ich habe die Stimmen der Oldtimer-Enthusiasten im Kopf, die mit solchen Fahrzeugen mal so gar nichts anfangen können. Schlimmer noch: Manche unter ihnen würden auch eine noch so schöne S-Klasse ohne vier elektrische Fensterheber wohl noch nicht einmal geschenkt mit der Kneifzange anpacken. Muss das sein?

Aufgeräumt: Das Cockpit mit dem Sportlenkrad und den beiden Airbags ist alles andere als überladen.
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Das denke ich mir auch, während der Fiesta dann endlich aus der Garage des schmucken Hauses im unterfränkischen Landkreis Main-Spessart rollt. Anspringen wollte er nämlich auch mit ein bisschen Strom-Nachhilfe aus dem Booster nicht. Mein Plan, den Wagen fix vor die Garage zu fahren und ihn ein paar Tage später mit Kurzzeitkennzeichen zu holen, ist endgültig durchkreuzt, als wir merken, dass die Einfahrt zu kurz ist. Das Heck ragt auf die Straße.
Die 26.317 Kilometer sind tatsächlich echt
Netterweise faltet sich der Mann der Verkäuferin für einen weiteren Startversuch ins Auto. Das Einfahrtstor ist nämlich kaum breiter als der Fiesta. Die großen Türen des Dreitürers gehen so nicht gerade weit auf. Die Ernüchterung folgt nach kurzem Jaulen: wieder nichts.
Doch die Rettung naht: Ein Mann aus der Nachbarschaft kommt mit seinem Hund vorbeispaziert. "Braucht ihr eine Schiebehilfe?", fragt er mit einem Grinsen im Gesicht. Ob er Starthilfespray oder Bremsenreiniger zu Hause habe, entgegne ich mit einem kleinen Funken Hoffnung. Er bejaht, während der Mann der Verkäuferin nach einem passenden Schraubendreher sucht, um den Luftfilterkasten zu öffnen.

Eine Handwäsche verhilft dem seit 2022 abgemeldeten Fiesta schnell zu altem und neuen Glanz.
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An sich muss er aufpassen, nicht in die zugedeckte Grube zu treten, über der gerade noch der kleine Kölner stand. Was für ein Aufwand. Mir schießt durch den Kopf, ob es überhaupt eine gute Idee war, mir den dunkelroten Fiesta inmitten eines völlig unvernünftigen Will-haben-Anflugs unter den Nagel zu reißen. Doch er hat zu diesem Zeitpunkt erst 26.317 Kilometer auf dem fünfstelligen Tacho.
Heute halten auch Rentner nicht mehr so lange an Autos fest
Und zwar ohne eine imaginäre 1 oder 2 davor, denn die Mutter der Verkäuferin ist die bisher einzige Besitzerin. Wo gibt's denn so was heute noch? Die Antwort: In der Garage in oder an einem Kleinstadthaus. Doch selbst in diesen Städtchen ist der Trend angekommen, auch in gehobenem Alter irgendwann noch mal den fahrbaren Untersatz zu wechseln.

Kein großer Aufwand: Da auf den Sitzen zuvor Schonbezüge waren, ist auch die Innenraumreinigung fix erledigt.
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Hier nicht – Gott sei Dank. "Sie hat immer gut auf ihr Auto aufgepasst", erzählt die Tochter der 2023 gestorbenen Erstbesitzerin, deren Haus nun ausgeräumt wird und verkauft werden soll. Sie holt die Bordmappe hervor, in der sich neben einigen TÜV-Berichten, dem Serviceheft und Werkstattrechnungen auch noch die Neuwagenbestellung inklusive eines Inzahlungnahme-Durchschlags befindet.
Durchschnittlich nicht mal 1000 Kilometer pro Jahr auf der Straße
Am 20. Juli 1994 bestellte die damals 59-Jährige das sechs Tage später angemeldete Auto beim schon lange nicht mehr existenten Ford-Autohaus Helmuth Roth im Würzburger Stadtteil Heidingsfeld. Für 18.500 Deutsche Mark fanden sich damals das Fünfganggetriebe, das Kassettenradio sowie der Beifahrerairbag als bemerkenswerte Ausstattungsmerkmale auf der Liste. Danach ist tatsächlich so gut wie Schluss. Dass der Fiesta nicht einmal einen Zigarettenanzünder zu bieten hat, wird mir erst später auffallen.

Auch der Spontankauf eines Kleinwagens kann glücklich machen.
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In diesem Moment bin ich absolut fasziniert, denn die unglaubliche Jahresfahrleistung von nicht einmal ganz 940 Kilometern bis zur Abmeldung Ende 2022 ist – spätestens jetzt – nachweisbar. Meistens sei das Auto nur ein Mal pro Woche 14 Kilometer zum Einkaufen bewegt worden, erzählt die Tochter. Ihre Mutter hätte es eigentlich irgendwann nicht mehr gebraucht, doch nie hergeben wollen, wirft da der Mann ein.
Ein gut erhaltener Fiesta kann auch heute noch ein Schnäppchen sein
Für nicht gerade wenige Altautoliebhaber ist das unerklärlich. Ein Fiesta mit Basismotor und kaum Sonderausstattung hat irgendwie tatsächlich keinen Sammlerwert, wie meine Nachfrage bei den Branchenspezialisten von Classic Data ergibt. Ein Anruf in der Bochumer Zentrale der erfahrenen Marktbeobachter führt ans Licht: Im Zustand 2 ist ein solcher Fiesta der Baureihe GFJ gerade einmal 2700 Euro wert, der Wiederbeschaffungswert beträgt 3100 Euro. Mit der Note 1 wird es zumindest etwas besser. Dann liegen die Werte bei 4200 in Sachen Marktwert respektive 5000 Euro in Sachen Wiederbeschaffung.

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Doch in diesem Moment spielt das alles gar keine Rolle. Der Nachbar kommt nämlich mit dem Bremsenreiniger zurück. Wir schrauben den Deckel des Luftfilterkastens ab, sprühen eine kleine Menge Richtung Einspritzung – der Fiesta läuft!
HU und H-Abnahme erfolgen im ersten Anlauf
Letztendlich stellen wir ihn in der Hofeinfahrt ab. Ich bedanke mich für die Hilfe, zahle, nehme die Unterlagen mit und fahre nach Hause. Etwas später rufe ich die freie Werkstatt am Rande des kleinen Städtchens an, die im Juli 2021 für die bislang letzte Inspektion zuständig war – bei 26.262 Kilometern. Denn der Wagen braucht nicht nur eine neue Hauptuntersuchung, sondern nach der Standzeit auch eine Durchsicht und bestenfalls auch H-Kennzeichen.
Und so bringe ich den roten Kleinwagen etwas später ins Gewerbegebiet am Stadtrand, wo der Fiesta tags darauf ohne Mühe auch die H-Abnahme besteht. Hernach folgt noch eine neue Inspektion, bevor ich den Wagen abhole.
Der Fiesta GFJ macht auf der Straße viel Spaß
Schon auf den ersten Metern wird klar: Dieses Kassengestell hält, was es verspricht. Schließlich lautet die Ausstattungslinie auch "Fun". Dass der sich bei dem brachialen 50-PS-Motörchen im fünften Gang mehr als nur etwas in Grenzen hält, ist halt so.
Weil man sich davon auch wirklich nicht die Laune verderben lassen muss, spendiere ich dem frischgebackenen Brot-und-Butter-Oldtimer erst einmal eine ausgiebige Wäsche samt einer Innenreinigung. Nach der erstrahlt der laut Verkaufsprospekt "attraktive" Fiesta Fun erst recht in seinem ganzen Glanz.

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Weiter geht's auf der Landstraße, denn das "Fahrvergnügen in vielen Variationen", wie Ford es damals im Prospekt von Juni 1994 bewarb, muss nun erst einmal ausgiebiger getestet werden. Natürlich hätte dieser Spruch vielmehr zu einem der stärkeren Modelle gepasst. Doch damals waren auch die kleinen Autos wie der Basis-Fiesta, dessen Einstiegsmotor über 19 Sekunden von 0 auf 100 km/h laut Werksangabe braucht, mehr als nur ausreichend.
Entschleunigung pur im Oldtimer-Fiesta
Heute im Alltagsstress fast undenkbar, doch diese absolute Entschleunigung ist Fahrspaß genug. Je mehr man sich auf den bis 1996 gebauten Fiesta der dritten Generation einlässt, desto mehr Spaß macht er.
Doch das war wahrlich nicht immer so: In einem Gebrauchtwagentest Anfang 2002, der die Modelle von 1989 bis 2002 behandelte, schrieb AUTO BILD, dass der Fiesta trotz seiner langen Bauzeit Reife vermissen lasse. Dieser tritt tatsächlich den Gegenbeweis an: Bis auf kleinere Blessuren zeigt sich der Lack im Topzustand, auch der Innenraum ist keinesfalls verschlissen. Rost sucht man selbst an den Schwellern, den Radläufen oder rund um den Tankdeckel vergebens. Wohl auch, weil dieses Exemplar mehr in der Garage als unter der Laterne nachgereift ist.
Und so hätten die gut erhaltenen Modelle doch viel mehr Liebe verdient, als ihnen entgegengebracht wird. Die Fiesta-Generation Nummer eins ist schon längst Kult, weil sie den Vorstoß von Ford ins kompakte Kleinwagensegment symbolisiert. Einen solchen hatte die Erstbesitzerin des roten Fun-Fiestas tatsächlich für heute undenkbare 1500 Mark in Zahlung gegeben. Der ab 1983 gebaute Nachfolger zieht derweil nach. Doch die GFJ-Generation ist mehr oder minder verschwunden.
Kaum ernste Anfragen für den Fiesta GFJ
Und wenn nicht, bringt sie kaum Interesse mit sich. Das bemerke ich, als ich den Wenig-Kilometer-GFJ inseriere – zum Winter hin ist der Garagen- und Hallenplatz dann doch immer ein bisschen umkämpft. Und sollte sich ein waschechter Fiesta-Enthusiast finden, könne man ihm ja auch mit dem Verkauf einen Gefallen tun, denke ich mir. Das ernüchternde Ergebnis: 56 Menschen haben den Wagen auf einer großen Internet-Verkaufsplattform geparkt, doch kaum einer meldet sich. Und wenn, wird schon in den ersten Nachrichten gefeilscht, als handle es sich hier um ein 100.000 Euro teures italienisches Designerstück aus dem Hause Ferrari.
Doch darauf habe ich wirklich gar keine Lust. Und so beantrage ich bei meiner Versicherung eine elektronische Versicherungsbestätigung, kurz eVB, für ein 07er-Kennzeichen, um den Ersthand-Status nicht zu gefährden. Im Alltag, den er oft nur kurz mitbekommen hat, wird sich der Kleine jetzt ohnehin nicht mehr abmühen müssen.
Vielmehr erwarten ihn die Sonderaufgaben als Spaßmacher für die besonderen Stunden, zum Beispiel auf Oldtimertreffen. Allein der Gedanke daran, sich mit diesem 90er-Jahre-Neuwagen unter die Chromstoßstangen-Verehrer zu mischen, ist eigentlich schon Grund genug, diesem Kassengestell ganz viel Liebe zu schenken.
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