Ford Transit 1.7: Das (Alp-)traumauto
Bosporus-Taxi und Bankräubertraum – die Geschichte des Ford Transit

Der Ford Transit war das Vehikel der Massen: günstig, geräumig, garantiert zuverlässig. Meist wurde er benutzt, nur selten geliebt. Und nur wenige haben überlebt. Dieser schon …
Bild: Sven Krieger
Das mit der Waschmaschine auf dem Autodach ist auch so ein Mythos. Hat das jemals ein Mensch gesehen, geschweige denn fotografiert? Vermutlich nicht. Die Kiste ist ja auch viel zu schwer, um sie da hochzuwuchten. Aber in den Innenraum passen zwei davon – und die ganze Familie, die Klamotten, der Proviant. Ja, so ein Ford Transit war schon in den 70ern ein Raumwunder, als er anfing, als "Bosporus-Taxi" Karriere zu machen.
Dabei beginnt die Geschichte eigentlich am 9. August 1965. Da rollt der erste "echte" Transit im Nutzfahrzeugwerk Langley in der britischen Grafschaft Berkshire vom Band. Der erste "echte", weil Ford davor schon den FK 1000 und 1250, später Taunus Transit hatte, einen zwischen 1953 und 1965 im Werk Köln-Niehl gebauten VW-T1-Konkurrenten. Aber 1965 folgte der Typ, der dem VW Transporter voraus war in Platz und Technik. Der Transit MK1.

Bitte einsteigen! "Busfahrer" May klappt den Mittelsitz vor, damit es die Fondgäste einfacher haben.
Bild: Sven Krieger
Eigentlich müssten wir das Teil "Redcap" nennen, Rotkäppchen. So lautete der Codename eines Projektes, das die amerikanische Mutter den Töchtern in England und Deutschland diktiert hatte. Damit nichts schiefgeht, hatten die amerikanischen Design-Studios sogar ein dreidimensionales Ton-Modell geschaffen, das Ford per Schiff nach Großbritannien transportieren ließ. Anfang 1963 hatte man also Optik und Konzept geklärt, die Engländer haben sie mit Entwicklung und Erprobung beauftragt. Und mit dem Bau.
Geburtsstunde des Transit MK1
An jenem Montag, 9. August 1965, in KW 32 also, da erblickte der Transit das Licht der Welt. Später kam die offiziell MK1 genannte erste Variante der neuen Transporter-Klasse auch aus Southampton und Genk in Belgien.
Fahrzeugdaten | Ford Transit 1.7 (1967) |
|---|---|
Motor | V4-Benziner |
Hubraum | 1688 cm3 |
Leistung | 48 kW (65 PS) bei 4800/min |
max. Drehmoment | 129 Nm bei 2400/min |
Spitze | 100 km/h |
Antrieb | Viergang manuell, Hinterrad |
L/B/H | 4425/1960/2040 mm |
Verbrauch | 10 l/100 km |
Gewicht | 1290 kg |
Nutzlast | 860 kg |
Neupreis (1967) | 8100 Mark + 100 DM (Schiebetür), 455 DM (Schwenktür, Trittstufe) |
Wetten, dass sie bei VW relativ sparsam aus der Wäsche geguckt haben, als der Transit die königliche Nordseeinsel verlassen und am 4. Dezember 1966 deutsches Festland befahren hat? Ein Kurzhauber mit Motor vorn, der wasser- und nicht luftgekühlt war wie der VW. Weil sie ihn nicht ins Heck gezwängt haben wie im T1, haben sie zusätzlich mehr Laderaum geschaffen, der außerdem viel einfacher zu befüllen war. Weil vorn so viel Platz war, passte (mit verlängerter Front) sogar der Dreiliter-V6 rein. 1972 war der "Metropolitan Police" die Leistung sogar eine Erwähnung wert: "Ford Transit werden bei 95 Prozent der Banküberfälle eingesetzt. Mit der Leistung eines Autos und Platz für 1,75 Tonnen Beute erweist sich der Transit als perfektes Fluchtfahrzeug."

Riesiges Abteil! Dieser Transit war mal Schulbus. Mit Autsch-Gefahr.
Bild: Sven Krieger
Wirklich? Unser Transit aus dem PS.Speicher Einbeck war mal ein Schulbus mit 1,5-Liter-Benziner und 60 PS, der 1967 an ein französisches Internat geliefert wurde. Flüchten willst du damit als Bankräuber nur, wenn die Polizei mit dem Fahrrad hinterherfährt. Nach einem Motorbrand und jahrelanger Standzeit hat ihn der Schul-Hausmeister auf 1,7-Liter-V4-Benziner mit 65 PS umgebaut, Choke nachgerüstet und einen anderen Vergaser. Einigen wir uns darauf: Der Motor läuft schön rund, und für bis zu neun Passagiere in unserem Ex-Schulbus ist es eine runde Sache, dass es die vorhandenen PS nicht übertreiben mit der Entfaltung ihrer Kräfte. Alles schön entspannt hier, ganz gemächlich zieht der Transit von dannen, wird über die Hinterräder angetrieben und ist herrlich schaukelig.
Ein Verwandlungskünstler auf Rädern
Dabei war so ein Transit immer auch ein bisschen ein Verwandlungskünstler. Es gab ihn, so wie hier, mit neun Plätzen, mit zwölf und bis zu 15. Es gab ihn mit zwei Radständen (bis 5,32 Meter lang!) und in Variationen, die der Ford-Verkäufer erst mal auswendig lernen musste: Kasten, Kombi, Hochpritsche, Bus, Großraumkasten, Tiefpritsche, Panoramabus, Doppelkabine. 20 verschiedene Varianten, dazu allein beim Kastenwagen 18 Türkombinationen! Er war halt immer eine halbe Nummer größer und eine ganze praktischer als ein VW Bus jener Zeit. Und locker so zuverlässig.

Doppelflügel-Hecktür mit Fenster für den Kombi. Es hätte auch Schiebetüren und Schwenktüren mit und ohne Fenster gegeben sowie Heckklappe.
Bild: Sven Krieger
Wobei wir wieder bei unserem Zeitdokument in Schwarz-Weiß irgendwann aus den 70ern wären. "Bosporus-Taxi", welch schöne Wortschöpfung. Aber es war ja auch so, der Transit war für viele das Vehikel für die Reise in die alte Heimat. Dass es ein Ford war, lag schon fast auf der Hand. Als im Herbst 1961 in Bad Godesberg das Deutsch-Türkische Anwerbeabkommen unterzeichnet wurde, hatte Ford als erstes Unternehmen in Deutschland schon türkische Arbeitskräfte gezielt angeworben. Am 27. September 1961 kamen die Männer mit dem Zug von Istanbul über Sofia, Belgrad und München am Bahnhof Köln-Deutz an und wurden direkt zu den Ford-Werken nach Köln-Niehl gebracht.
Der Rest ist Geschichte. Aus Gastarbeitern wurden Nachbarn, aus Nachbarn Freunde. Sie waren da, als Deutschland Vollbeschäftigung hatte, haben mitgeholfen, die Industrie anzukurbeln, sind mitverantwortlich für den wirtschaftlichen Aufschwung.

Jeweils drei in bis zu drei Reihen. Dieser Bus transportiert neun Menschen. Bis zu 15 wären möglich.
Bild: Sven Krieger
Aber ob irgendwer von ihnen bei seiner sommerlichen Reise zum Bosporus eine ganze Waschmaschine aufs Dach gehievt hat? Vielleicht ist es doch nur eine Legende. Hat wohl nie einer gesehen, geschweige denn fotografiert. Aber dass der Transit damals als Lastenmobil benutzt wurde, ist verbrieft. Er war riesig, günstig, zuverlässig, ein Held der Arbeit. Leider wurden solche Arbeitsautos benutzt, nicht geliebt. Sonst gäbe es heute mehr von ihnen.
Fazit
Warum denkt eigentlich jeder beim Transporter der 60er und 70er an einen VW T1 oder T2 und (fast) keiner an einen Ford Transit? Dieses Arbeitstier ist eine halbe Nummer größer und eine ganze praktischer, es ist gebraucht viel günstiger und fährt auch besser dank des wassergekühlten Motors vorn. Am Preis kann es nicht liegen: Unter 15.000 Euro kostet das Transit-Ticket. Mit H-Kennzeichen und ohne Rost.
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