Drohen extrascharfe Regeln für die Vergabe von H-Kennzeichen bei jungen Autos? Eine geheim gehaltene Novelle der Arbeitsanweisung zur Vergabe von H-Gutachten für Prüfingenieure und amtlich anerkannte Sachverständige soll bisherige Prinzipien, beispielsweise für getunte Oldtimer, umstoßen: "Bei der Beurteilung des Fahrzeugzustandes ist das Alter, die Häufigkeit, der Einsatzzweck und die Originalität zu berücksichtigen", steht dort an prominenter Stelle.
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Besonders strenge Maßstäbe bei beliebten Oldtimern

Der vertrauliche Entwurf wurde von einer Arbeitsgruppe formuliert, in der auch die großen deutschen Prüforganisationen vertreten sind. Er befindet sich derzeit im Bundesverkehrsministerium zur Prüfung – und er liegt AUTO BILD KLASSIK vor. Die darin enthaltenen Kriterien "Alter" und "Häufigkeit" ermöglichen Prüfern dem Wortlaut nach künftig erstmals, bei jungen oder populären Klassikern wie Mazda MX-5, Mercedes W 123 und W 201 besonders strenge Maßstäbe an den Zustand anzulegen – und selbst bei bleichen Hutablagen oder Farbnuancen im Lack ein positives Gutachten zu verweigern, auch wenn die Fahrzeuge die kritischen "Verbrauchtwagenjahre" ansonsten weitgehend unbeschadet überstanden haben und schon in Sammlerhand sind.
Mercedes 230 E (W123)
Weitverbreitete Modelle wie der Mercedes W 123 wären betroffen.

Beide Kriterien sind zwar an anderer Stelle auch in der aktuell gültigen Arbeitsanweisung genannt. Ihre Anwendung ist aber präziser formuliert und geht nur in die entgegengesetzte Richtung: "Je älter oder seltener das Fahrzeug ist, umso eher können Zugeständnisse bezüglich des optischen Zustandes erwogen werden."

Seltene Klassiker "besonders erhaltenswert"

Extra strenge Beurteilungen verbreiteter Klassiker sind bislang ausgeschlossen, nur mildere Beurteilungen echter Raritäten erlaubt. Stellungnahmen von Mitgliedern des Gremiums offenbaren eine ambivalente Sicht auf die beabsichtigte Neuregelung – und einige Unklarheiten im Hinblick auf ihre Anwendung: "Dass jemand ein Massenauto als billigen, verlebten Gebrauchtwagen kauft und dann mit H-Kennzeichen in die Umweltzone fährt, das wollen wir doch alle nicht", sagt Carsten Bräuer, der als DEKRA-Vertreter an dem Papier mitgearbeitet hat. Er betont, wie wichtig es dagegen sei, seltene Modelle wie Daewoo Espero oder MVS Venturi zu erhalten: "Die sind schon aufgrund ihrer Einzigartigkeit erhaltungswürdig, dann tritt der Erhaltungszustand – in sehr engen Grenzen – in den Hintergrund."
Venturi  300 Atlantique
Seltene Modelle wie der DWS Venturi 300 Atlantique seien "besonders zu erhalten".

Markus Tappert, der für den TÜV Süd ebenfalls an der Arbeitsanweisung mitgearbeitet hat, versteht den Satz dagegen gar nicht als Aufruf, ehemalige Massenautos kritischer zu behandeln, sondern als Fortsetzung der schon heute gültigen Privilegierten-Regelung mit anderen Worten. "Er verdeutlicht, dass Lkw oder Rennsportfahrzeuge andere Gebrauchsspuren aufweisen und dass bei seltenen Fahrzeugen die Originalität im Zweifel eine stärkere Patina rechtfertigt."

"Gepflegtem VW Golf 2 das H-Kennzeichen nicht verweigern!"

Frank Wrobel vom Kraftfahrt-Bundesamt, der dem "Arbeitskreis Erfahrungsaustausch" vorsitzt und ihn moderiert, sagt gar ausdrücklich: "Es darf nicht stattfinden, dass jemand einem Golf 2 das H-Kennzeichen verweigert, weil es ein Golf 2 ist, und er deshalb besonders kritisch ist." Dass die Verfasser selbst uneins über die Folgen der geänderten Arbeitsanweisung sind, ist kein gutes Zeichen – auch wenn sie keine Rechtskraft hat, im Unterschied zur übergeordneten "Richtlinie für die Begutachtung von Oldtimern nach § 23 StVZO", in der etwa das Mindestalter von 30 Jahren verbindlich festgelegt ist.
Citroen XM
Seit zwei Jahren sind die ersten Citroën XM im H-Kennzeichen-Alter. Viele sind erhalten.

Dort sind auch die Originalität und der "gute Pflege- und Erhaltungszustand" für "kraftfahrzeugtechnisches Kulturgut" festgeschrieben. Doch als Schulungs- und Beurteilungsunterlage für rund 10.000 Prüfer entfaltet gerade die Arbeitsanweisung in der Praxis für Zehntausende Oldie-Besitzer entscheidende Wirkung; die Neufassung würde wohl zu erheblichem Frust und Streit gerade bei jüngeren Neueinsteigern in die Szene führen.